Brief von Charles-Albert Cingria.
Brief von Charles-Albert Cingria. Bibliothèque nationale de France

Der Abenteu­rer unter den Schriftstellern

Wie Charles-Albert Cingria (1883–1954) als Schriftsteller die Grenzen der Gattungen verwebt und trotz unglücklichen Lebenswendungen zum Erfolg findet.

Alain Corbellari

Alain Corbellari

Professor für französische und mittelalterliche Literatur, Universität Lausanne und Neuenburg.

«Es ist nicht Charles-Albert, der diese Worte an Sie richtet, vielmehr eine durch Misserfolge gekränkte Gestalt, ein durchnässtes Gespenst, ein Wesen, gealtert durch Angst.» So beginnt der Brief, den Charles-Albert Cingria im Jahr 1907 an seinen Freund, den Genfer Poeten Henry Spiess, schrieb. Der 34-jährige Cingria war gerade dem Tod durch Ertrinken in einer Überschwemmung entkommen, die seinen Zug im Norden Algeriens entgleisen liess.
Portrait von Charles-Albert Cingria, um 1900.
Portrait von Charles-Albert Cingria, um 1900. Bibliothèque de Genève
Charles-Albert Cingria um 1911.
Charles-Albert Cingria um 1911. Fonds Charles-Albert Cingria, CLSR-UNIL
Dank seiner dalmatinischen Herkunft und des Vermögens, das seine Vorfahren in Konstantinopel erwirtschaftet hatten, konnte der junge Dandy Charles-Albert unbekümmert die Mittelmeerländer bereisen. Er bezeichnete sich selbst als «Italo-Franco-Levantiner». Sein Bruder Alexandre, Maler und Restaurator religiöser Kunstwerke, machte ihn mit dem Lausanner Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz bekannt, und gemeinsam verwirklichten sie zwei wichtige redaktionelle Projekte der Westschweiz: die Essaysammlung Les Pénates d’argile und die Zeitschrift La Voile latine. Trotz erster Schreiberfahrungen stand Cingria einer literarischen Karriere eher gleichgültig gegenüber. Als er den Brief an Henry Spiess verfasste, ahnte er noch nicht, dass seine Freunde aufgrund seines grossen Talents ohne sein Wissen – und ohne auf seine Rückkehr zu warten – seinen Text in La Voile latine veröffentlichen würden. Es war der erste von Cingrias Textbeiträgen, die in kein Genre passten. Er verwob die Erzählung mit der Kolumne, die Vergangenheit mit der Gegenwart und schuf so eine unverwechselbare Mischung, die seinen literarischen Höhenflug besiegeln würde.
Charles-Ferdinand Ramuz, Hélène Cingria und Charles-Albert Cingria, um 1910.
Charles-Ferdinand Ramuz, Hélène Cingria und Charles-Albert Cingria, um 1910. Bibliothèque de Genève
Abgesehen davon war ihm das Glück nicht hold. Nach dem Krieg war das Vermögen aus dem Osten geschmolzen, und so verbrachte der Schriftsteller die zweite Hälfte seines Lebens in bitterer Armut in Paris. Ausser einer winzigen Kammer, einem tragbaren Cembalo und einem Fahrrad besass er nichts mehr. Paris, Musik und Fahrradausflüge: Das fasst das Leben und das Werk von Cingria ganz gut zusammen. Er hatte es nie eilig und wartete gar noch 20 Jahre zu, bis er seinen «Lettre à Henry Spiess» zum Abschluss brachte. Der Auslöser? Ein weiteres aussergewöhnliches Ereignis: Charles-Albert wurde im Jahr 1926 in Begleitung sehr junger Leute an einem Strand in Ostia verhaftet. Nach eigenen Angaben wurden alle Texte, die er bei sich hatte, beschlagnahmt. Doch schon kurz darauf sorgte sein Freund Gonzague de Reynold, ein Bekannter des italienischen Justizministers, für seine Freilassung. Cingria zog drei wichtige Lehren aus dieser Situation: Er würde von nun an seine Homosexualität in seinen Texten verwirklichen, sich mit ganzem Herzen der Veröffentlichung seines Werkes widmen und den Behörden instinktiv nicht mehr vertrauen. Seine starke Bindung zum Katholizismus und seine sehr persönliche Interpretation des Nationalismus blieben jedoch bestehen.
Charles-Albert Cingria am Piano, um 1942.
Charles-Albert Cingria am Piano, um 1942. Fonds Charles-Albert Cingria, CLSR-UNIL
Portrait von Charles-Albert Cingria, gemalt von Amedeo Modigliani (1884 – 1920).
Portrait von Charles-Albert Cingria, gemalt von Amedeo Modigliani (1884 – 1920). Bibliothèque de Genève
Ab diesem Zeitpunkt nahm sein Werk endlich Form an. Er veröffentlichte drei kurze Monografien, die die Geschichte des Mittelalters neu erzählten: La Civilisation de Saint-Gall (1929), Pétrarque (1932) und La reine Berthe (1947). Hinzu kamen die umfangreiche Arbeit zu den Minnesängern, aussergewöhnlich mitreissende Kolumnen sowie kurze verwirrende Erzählungen – Reisen, auf denen man sich in Raum und Zeit verliert. Seine Kunst der Suggestion und des Fragmentarischen sowie eine «einfache Liebe zum Existierenden» machten ihn zu einem der grössten Abenteurer unter den Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Auch nach seinem Tod lebt sein Werk weiter. Er wurde in die Nouvelle Revue Française (NRF) aufgenommen. Persönlichkeiten wie Paulhan, Claudel, Cocteau, Max Jacob, Strawinski (über den er als Verächter der Musik der Romantik scharfsinnigste Kritiken verfasste) waren alle grosse Bewunderer von Cingria. Chessex, Bouvier, Réda, Michon, Novarina, Bergounioux nahmen ihn sich als Vorbild. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der als Versöhner der Stilrichtungen bekannte Autor wohl relevanter denn je.
Charles-Albert Cingria auf einer seiner Velotouren, Zeichnung von Géa Augsbourg, um 1948.
Charles-Albert Cingria auf einer seiner Velotouren, Zeichnung von Géa Augsbourg, um 1948. Fond C.-A. Cingria, Uni Lausanne
Verschiedene Zeitzeugen erinnern sich an den Schriftsteller. Dokumentarfilm von 1975 auf Französisch. RTS

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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