Porträt von Georges Oltramare, 1931.
Georges Oltramare oder der Wandel vom kulturellen Schriftsteller zum rechtsradikalen Journalisten. notrehistoire.ch / Bibliothèque de Genève

Rechter Kultur­schaf­fen­der

Wie der Genfer Autor und Schauspieler Georges Oltramare (1896–1960) immer mehr in die rechte politische Ecke rutschte und von dort aus Stimmung machte.

David Alliot

David Alliot

David Alliot ist Autor und freier Journalist in Paris.

Georges Oltramare stammte aus einer alteingesessenen Genfer Familie italienischer Herkunft, die sich bereits im 16. Jahrhundert in Genf niedergelassen hatte. Er verschreibt sich schon sehr früh einer Karriere als Journalist. Er veröffentlicht zunächst Beiträge im Journal de Genève und schreibt später für die La Suisse, bevor er mit der Gründung des klar antisemitisch ausgerichteten Blattes Le Pilori noch mehr politisch Stellung bezieht. Dort hetzt er gegen angebliche «Geschäftemacher» und ruft dazu auf, in der Schweiz eine faschistische Partei nach Mussolinis Vorbild zu gründen. 1925 heiratet Oltramare Marcelle-Juliette Pictet de Rochemont, eine Nachfahrin des bekannten Genfer Staatsmannes und Diplomaten Charles Pictet de Rochemont, der unter anderem als Delegierter 1815 am Wiener Kongress teilgenommen hatte. Das öffnet ihm die Türen zur feinen Genfer Gesellschaft.
Der Autor von Unterhaltungsromanen und Theaterstücken ist in den späten 1920er-Jahren in einigen Filmrollen zu sehen, bevor er Anfang der 1930er-Jahre die politische Arena betritt. 1930 gründet er den Ordre politique national, der 1932 in der faschismusfreundlichen Union nationale aufgeht. 1933 wird er in den Genfer Grossrat gewählt. In diesen Jahren knüpft er Beziehungen zu führenden Vertretern verschiedener faschistischer Bewegungen jener Zeit, etwa zu Léon Degrelle in Belgien oder Ante Pavelić. Seit 1936 trifft Oltramare den Duce regelmässig und wird von ihm 1937 sogar offiziell in Rom empfangen. In den folgenden Jahren radikalisiert er sich weiter und nähert sich zunehmend nationalsozialistischen Kreisen an, mit denen er ab 1940 offen kollaboriert.
L'escalier de service, Theaterstück von Georges Oltramare, 1929. YouTube
Zum Zeitpunkt der Kriegserklärung im September 1939 agitiert seine Zeitung für die deutsch-französische Annäherung und bekommt die Schweizer Zensur zu spüren. Oltramare flieht im Mai 1940 nach Berlin und lässt sich dann im Gefolge der deutschen Besatzer in Paris nieder. Auf Bitte des deutschen Botschafters Otto Abetz leitet er die Redaktion von La France au Travail, der «grossen Tageszeitung im Dienst des französischen Volkes». Das Blatt begreift sich als «antikapitalistisch, antiparlamentarisch und antisemitisch» und richtet sich ursprünglich an die Leserschaft der kommunistischen Tageszeitung L’Humanité.

Unter dem Pseudonym Charles Dieudonné verfasst Oltramare polemische Artikel und bietet auch anderen Anhängern der nationalsozialistischen «neuen Ordnung» eine Plattform, darunter dem Arzt und Rassenideologen George Montadon. Im Juli 1941 verlässt er die Zeitung und arbeitet fortan für Radio Paris, einen von der deutschen Besatzungsmacht kontrollierten Sender, der von der BBC propagandistisch verspottet wird («Radio Paris ment …»). Dort moderiert er politische Sendungen wie Un neutre vous parle, in denen er Kommunisten, Gaullisten und Freimaurer angreift, sowie offen antisemitische Formate wie Les Juifs contre la France.
Porträt von Georges Oltramare, 1923.
Porträt von Georges Oltramare, 1923. notrehistoire.ch / Bibliothèque de Genève
Oltramare wird Mitglied der antisemitischen Association des journalistes antijuifs und bleibt mit Otto Abetz verbunden. Am 1. April 1944 organisiert er ein Bankett, das später als «Banquet des condamnés à mort» bezeichnet wird – ein Treffen überzeugter Kollaborateure kurz vor der Befreiung Frankreichs. Während der Besatzungszeit pflegt er Kontakte zu verschiedenen französischen Künstlern, darunter Louis-Ferdinand Céline, Robert Le Vigan und der Maler Gen Paul. Gemäss einzelnen Quellen setzt er sich 1944 für den verhafteten Max Jacob ein, die Hilfe für den jüdisch stämmigen Schriftsteller bleibt jedoch erfolglos. Jacob stirbt im gleichen Jahr im Internierungslager von Drancy.

Verurtei­lung in der Schweiz

Im August 1944 verlässt Oltramare Frankreich und flieht nach Sigmaringen, wo sich zahlreiche Kollaborateure sammeln. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wird er von amerikanischen Truppen verhaftet und am 21. April 1945 in die Schweiz überstellt. Dort wird er wegen Angriffen auf die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft, Verbrechen gegen den Staat sowie wegen bezahlter Tätigkeit für die deutsche Regierung angeklagt.
Bis Oktober 1947 befindet er sich in Haft, wird vorübergehend entlassen und taucht anschliessend unter falschem Namen unter, bevor er erneut verhaftet wird. Das Bundesgericht verurteilt ihn schliesslich zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe; unter Anrechnung der Untersuchungshaft kommt er 1949 frei.
Georges Oltramare verlässt 1947 den Gerichtssaal in Lausanne.
Georges Oltramare verlässt 1947 den Gerichtssaal in Lausanne. Keystone / STR
Am 13. Januar 1950 wird Oltramare in Frankreich in Abwesenheit wegen seiner Propagandatätigkeit für die Besatzungsmacht zum Tode verurteilt. Die 1950er-Jahre verbringt er zunächst im frankistischen Spanien, später in Ägypten. Nach einer Amnestie lässt er sich wieder in Paris nieder. 1960 stirbt Georges Oltramare.
Er hinterlässt die Erinnerungsbücher Réglons nos comptes (1949) und Les Souvenirs nous vengent (1956) sowie das Pamphlet La Peur de se mouiller, in dem er die Schweizer Neutralitätspolitik scharf kritisiert und seinen Zeitgenossen Feigheit vorwirft.

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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