Wegkreuz zwischen Aargau und Zürich.
Auf dem Land wurden aus dem Glaubenskrieg viele kleinere Glaubensstreitereien. Katrin Brunner

Reforma­ti­on auf dem Land

Während Zwingli in Zürich den Glauben medienwirksam reformierte, führten die veränderten Lebensumstände im 16. Jahrhundert auf dem Land zu kleineren und grösseren Reibereien.

Katrin Brunner

Katrin Brunner

Katrin Brunner ist selbstständige Journalistin mit Schwerpunkt Geschichte und Chronistin von Niederweningen.

Der Unmut über die in den Augen der Landbevölkerung unverständlichen Praktiken der katholischen Kirche gärte schon länger. Die Abgabe des «Zehnten», des zehnten Teils der Ernte, schürte den Ärger zum einen durch die Abgabe an ein weit entferntes Domkapitel oder an einen Obervogt und zum anderen, weil dessen Höhe unabhängig vom Ertrag war. Die Ernten zwischen 1450 und 1550 reichten knapp für die Bevölkerung. Die Jahre waren, mit feuchten Sommern, heftigen Gewittern und Hagelstürmen, klimatechnisch eine Katastrophe. Unverständlich also weshalb der Zehnten nicht in der eigenen Pfarrgemeinde blieb. Da kam Huldrych Zwinglis Aufstand in Sachen Reformation des Glaubens gerade richtig. Die Abgabe des Zehnten aber blieb.
Reformator Zwingli auf einer Druckgrafik aus dem 16. Jahrhundert.
Reformator Zwingli auf einer Druckgrafik aus dem 16. Jahrhundert. Schweizerisches Nationalmuseum
Die sich schnell veränderten Umstände in den Grenzgebieten der (neu) reformierten und (alt) katholischen Kantone waren nicht konfliktfrei. So stiessen beispielsweise die Weisung von 1524, alle Wallfahrten auf Zürcher Staatsgebiet zu verbieten, oder dass keine Messen mehr gelesen wurden, auf Unverständnis. Manche Herberge und zahlreiche Wirtshäuser verloren so einen grossen Teil ihrer Einnahmen. Ein Sodom und Gomorra befürchteten diejenigen, die der alten Lehre nachtrauerten. Priester missachteten vermehrt ihr Gelübte des Zölibates. Dieses Konstrukt, welches bereits 500 Jahre zuvor eingeführt worden war, und sich niemand geringeren als den unverheirateten Jesus Christus zum Vorbild nahm, wurde oft durch ein Konkubinat umgangen.
Die Zerstörung von Sodom und Gomorra, gemalt von John Martin, 1852.
Die Zerstörung von Sodom und Gomorra, gemalt von John Martin, 1852. Wikimedia

Verlieb­ter Priester und wankel­mü­ti­ge Gemeinden

In dieser Zeit erregte im Grenzgebiet zwischen Ehrendingen und Niederweningen, der vom Konstanzer Domkapitel eingesetzte Kaplan Hans Lugger öffentliches Ärgernis. Seit 1526 im zürcherischen Niederweningen, dessen Pfarrei eigentlich auch Ober- und Unterehrendingen einschloss, das Lesen der Messe verboten war, setzte die Grafschaft Baden Hans Lugger ein. Geärgert hatten sich die Ehrendinger über den Umstand, dass der neue Seelsorger in wilder Ehe mit seiner Magd lebte. So luden die Verantwortlichen im Mai 1526 die Beteiligten, aber auch Vertreter beider Religionen zur Disputation nach Baden. Im August desselben Jahres gab die Kirchgemeinde Ehrendingen dann doch ihren Segen zum weiteren Verbleib des verliebten Priesters. Dies unter der Bedingung, dass er seine Magd heiratete oder wegschickte. Ob Lugger kompromissbereit war und wie er sich entschied, ist nicht bekannt. Er blieb jedoch nur noch für kurze Zeit katholischer Priester im Grenzgebiet. Keine Kompromisse gab es auf Zürcher Boden. Dort wurde nur noch der reformierte Glauben geduldet. Eine schwierige Situation für die Landgemeinden, lebten in diesen oft Menschen beider Konfessionen. Nicht unüblich wechselten Gemeinden deshalb auch mal die Konfession. Dabei spielte wohl weniger der Glaube als vielmehr die Hoffnung auf wirtschaftliche Vorteile eine Rolle. Sehr zum Unmut der sich zum «neuen» Glauben bekennenden Grenzgemeinden blieb jedoch die Abgabe des Zehnten Bestandteil der neuen Ordnung.
Abgabe des Zehnten im Mittelalter.
Abgabe des Zehnten im Mittelalter. Wikimedia
Speziell ist die Geschichte der beiden katholischen Aargauer Gemeinden Schneisingen und Siglistorf. Männer aus diesen Orten unterstützten die Zürcher sogar im Zweiten Kappelerkrieg 1531 gegen ihre katholischen Glaubensgenossen. Gebracht hatte es den beiden Gemeinden nichts ausser einigen Toten. Da die erhofften wirtschaftlichen Vorteile ausblieben, wechselten Schneisingen und Siglistorf wieder ins Lager der Katholiken. Dies verärgerte den Müller der Murzlenmühle in Niederweningen derart, dass er sich weigerte, das Getreide der «Katholen» zu mahlen. Diese rächten sich damit, dass sie seine, sich auf Aargauer Boden, befindenden Äcker sabotierten. Zudem musste sich der Müller und andere Zürcher in Acht nehmen, wenn sie die umliegenden Strassen benutzten. Es konnte schon mal vorkommen, dass ein Stein geflogen kam.
Abbildung des Zweiten Kappelerkriegs in der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548.
Abbildung des Zweiten Kappelerkriegs in der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548. Schweizerisches Nationalmuseum

Kampf und jede Seele

Die Murzlenmühle stand auch ein Jahrhundert später wieder im Mittelpunkt der Dorfgespräche. Ein katholischer Knecht der Mühle, die auf reformiertem Boden stand, sollte 1651 Vater eines unehelichen Kindes der reformierten Regula Bucher sein. Hans Fischer, so hiess der Knecht, stammte aus dem in der katholischen Grafschaft Baden gelegenen Rümikon und stritt jegliche Vaterschaft ab. Regula blieb aber dabei, dass Hans der Vater sei und «schickte» ihm seinen Sohn. Der Knecht verweigerte die Annahme des «Pakets». Die Eherichter im reformierten Zürich appellierten an Regula, ihre Geschwister und an ihren Vater das Kind doch in Niederweningen zu lassen. Vom unwilligen Kindsvater sei sowieso nichts zu erwarten. Sie stellten der alleinerziehenden Mutter eine Unterstützung durch die Almosenpflege in Aussicht. Auf keinen Fall sollte das Kind in der katholischen Nachbarschaft aufwachsen. Mit einer Anerkennung durch den Vater wäre das Kind für den reformierten Glauben verloren gewesen. Am 1. Juli 1651 wurde der Bub auf Geheiss der Behörden in Niederweningen getauft. Damit hatten die Reformierten einen «Sieg» erreicht.
Die Kirche in Niederweningen hatte lange nur auf drei Seiten eine Uhr. Wurde da etwa den Katholiken das Zeitgefühl genommen?
Die Kirche in Niederweningen hatte lange nur auf drei Seiten eine Uhr. Wurde da etwa den Katholiken das Zeitgefühl genommen? Archiv P. Furrer
1671 wurde in Niederweningen auf dem Fundament der alten romanischen Kirche die heute noch das Ortsbild prägende reformierte Kirche gebaut. Damals blieb nur der Chäsbiss-Turm bestehen. Dieser hatte eine Uhr an jeder Seite. Es zeigte sich jedoch, dass die Bausubstanz den Gegebenheiten nicht mehr genügte. Der heutige Turm entstand vor knapp 200 Jahren. Pikanterweise nur an drei Seiten mit einer Kirchturmuhr. Nur die im Westen auf ihren Feldern arbeitenden Aargauer konnten die Zeit nicht ablesen. Ob als kleine Gemeinheit der reformierten Gemeinde an ihre katholischen Nachbarn gedacht, verschweigt die Geschichte. Erst 1918 erhielt auch die vierte Seite des Turms eine Uhr.

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