Rauhe Sitten: Vor 90 Jahren ging es im Bundeshaus ans Eingemachte.
Rauhe Sitten: Vor 90 Jahren ging es im Bundeshaus ans Eingemachte. Illustration von Marco Heer.

Schläge­rei im Bundeshaus

An einem heissen Junitag im Jahr 1930 geraten sich zwei Nationalräte in die Haare. Nach einem hitzigen Wortwechsel werden die Politiker handgreiflich.

Andrej Abplanalp

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

Am Morgen des 25. Juni 1930 flogen in Bern die Fäuste. Das ist grundsätzlich keine Sensation, ein Rencontre gibt es aus diversen Gründen immer irgendwo. Wenn der Schauplatz jedoch das Bundeshaus ist und die Kontrahenten zwei Nationalräte, dann riecht es doch ein wenig nach Sensation. Begonnen hatte alles mit einer harmlosen Debatte: Der Bundesrat berichtete über die zehnte Völkerbundsversammlung, an der unter anderem darüber diskutiert worden war, wie das Betäubungsmittel-Abkommen noch besser umgesetzt werden konnte. Die Schweiz hatte diese Vereinbarung, die eine scharfe Kontrolle und Überwachung der Rauschmittelproduktion festgelegt hatte, 1925 in Genf unterschrieben. Drogen sind schlecht, das ist unbestritten. Auch in der Politik. Nächstes Traktandum. Halt! Nicht so schnell. War da nicht noch etwas? Der Basler Kommunist Franz Welti schüttete ein wenig Öl ins Ratsfeuerchen, das an diesem heissen Junitag nur noch schwach vor sich hinflackerte.
Walther Bringolf im Nationalrat, 1959.
Walther Bringolf im Nationalrat, 1959. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Porträt von Ruggero Dollfus.
Porträt von Ruggero Dollfus. Wikimedia

Lügner, Tier, Feigling!

Die Bürgerlichen, meinte Franz Welti, seien Heuchler, schliesslich würden sie mit ihrem kapitalistischen System gut am Handel mit Rauschgift verdienen. Hoppla! Das liess Ruggero Dollfus nicht auf sich sitzen. Der Tessiner war nicht nur bürgerlich, sondern auch Banker, also doppelt von Weltis Angriff betroffen. Er konterte: Das Gegenteil sei der Fall, die Drogenhändler seien kommunistisch und würden aus der Sowjetunion gesteuert. Der Kopf des «Roten» Walther Bringolf wurde bei dieser Aussage noch ein wenig röter. Der Schaffhauser Kommunist bezeichnete Dollfus als Lügner. Das war zu viel für Ruggero Dollfus, der sich mit einer schallenden Ohrfeige revanchierte. Der Lärmpegel im Saal stieg an. Vergeblich versuchte Nationalratspräsident Ernest Paul Graber die Situation zu deeskalieren. Bundesrat Giuseppe Motta, dem eigentlich das Wort erteilt worden war, setzte sich resigniert wieder hin. Der folgende Dialog aus dem Protokoll dieser denkwürdigen Sitzung könnte auch aus einem Theaterstück stammen... Dollfus: Er hat eine Ohrfeige erhalten. Die hat er verdient, dieses Tier. Lärm im Saal. Dollfus: Herr Präsident, meine Herren. Ich habe dem Abgeordneten Bringolf eine Ohrfeige verpasst, weil er mich einen Lügner genannt hat. Ich lasse mich nicht als Lügner bezeichnen. Der Abgeordnete Bringolf hat erhalten, was er verdient. Graber versucht, zu beschwichtigen, ist aber erfolglos. Walther Bringolf verlangt das Wort. Bringolf: Ich verlange auch das Wort, wenn Herr Dollfus das Wort zu einer persönlichen Bemerkung erhalten hat. Rufe im Saal: Use, use! Graber: Es gibt nichts zu erklären. Bringolf: Herr Dollfus hat das Recht gehabt, eine Erklärung abzugeben. Ich muss sagen, dass die Worte, die er hier bekanntgegeben hat, eine Unwahrheit enthalten. Graber: Es wird keine Debatte über dieses Thema geben. Man kann keine Erklärung über ein Thema machen, das nicht zur Diskussion steht. Jemand ruft, Dollfus hätte sich auch erklären können. Graber: Herr Dollfus hat sich geirrt. Bringolf: Herr Dollfus wendete sich gegen mich und zog die Hand hoch, ohne dass ich damit gerechnet hatte, weil ich glaubte, einem gut erzogenen Bürger gegenüberzustehen, und er schlug mich. Das ist nicht schlimm. Aber der Feigling retirierte sich dann hinter andere Leute, als ich zum Gegenschlag ausholen und ihm auch eine «herunterputzen» wollte. Das ist eine Feigheit. Dann schwingt er sich noch auf zu einer Erklärung unter dem Schutze seiner Kollegen, die mich davon abhielten, ihm die Sache zurückzugeben. Und so ein Mensch ist Oberst in der eidgenössischen Armee – in meinen Augen ein Feigling!
Protokoll der denkwürdigen Nationalrats-Sitzung.
Protokoll der denkwürdigen Nationalrats-Sitzung. Schweizerisches Bundesarchiv
Ernest Paul Graber
Nationalratspräsident Ernest Paul Graber versuchte immer wieder, eine totale Eskalation zu verhindern. Sozialarchiv Zürich

Revanche in der Abkühlungspause

Schliesslich gelang es dem Nationalratspräsidenten, eine fünfminütige Pause durchzusetzen. Viel zur Abkühlung der Gemüter konnte der Unterbruch allerdings nicht beigetragen. Zurück im Saal ging der Streit weiter. Offensichtlich hatte nun auch Ruggero Dollfus eine Ohrfeige kassiert, denn Walther Bringolf meinte: «Er hat's zurückerhalten.» Und wie sich das für ein Parlament gehört, musste nun auch die Schuldfrage ausgiebig diskutiert werden. Wer hat zuerst provoziert? Wen trifft die grössere Schuld? Wer hat was genau gesagt? Der arme Ernest Paul Graber und der noch ärmere Protokollant hofften, dass es irgendwann endlich vorbei war und man sich wieder den normalen Ratsgeschäften zuwenden konnte. Und das war es dann auch. Für die Medien war das Rencontre ein gefundenes Fressen. Fast jede Zeitung berichtete darüber. Die NZZ berichtet über den «grössten Skandal, der sich wohl je im Nationalrat abgespielt hat». Und der Nebelspalter kreiert gleich ein neues Politspiel daraus. Das Brin-Golf-Spiel, eine «Abart des Golfspiels». Gespielt werde, bis Blut fliesst. Diese Spiel hatten übrigens zwei Nationalräte gut 80 Jahre früher bereits eingeführt. Nach einer verbalen Auseinandersetzung kam es zum Duell, das mit einem verletzten Politiker endete. Doch das ist eine andere Geschichte...  

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