Bundespräsident Arnold Koller (rechts) begrüsst Lothar de Maizière, Ministerpräsident der DDR.
Bundespräsident Arnold Koller (rechts) begrüsst Lothar de Maizière, Ministerpräsident der DDR. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Der Erste sollte der Letzte sein

Jahrzehntelang bemühte sich das kommunistische Regime in Ostdeutschland um engere Kontakte zur Schweiz. Drei Wochen nachdem erstmals ein DDR-Ministerpräsident in Bern weilte, hörte der Staat auf zu existieren.

Thomas Bürgisser

Thomas Bürgisser

Thomas Bürgisser ist Historiker bei der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis).

Die Presse ist im Beatrice von Wattenwyl-Haus versammelt, der hohe Gast wird mit Blitzlichtgewitter empfangen. Im Eingangsbereich des im Herzen der Berner Altstadt gelegenen Patrizierhauses, das der Bundesrat für repräsentative Empfänge nutzt, fangen Kameras und Fotoapparate den Handshake des Ministerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mit dem Aussenminister der Schweizerischen Eidgenossenschaft ein. Auch zwei weitere Bundesräte und der Bundespräsident machen dem Besucher aus Berlin-Pankow die Aufwartung. Nach den Arbeitsgesprächen in der Bundesstadt trifft der Regierungschef der DDR am Nachmittag im Zürcher Kongresshaus mit den Spitzen von Finanz und Wirtschaft zusammen, um neue Investitionsmöglichkeiten in Ostdeutschland auszuloten. Das Bild vom 10. September 1990 hält den historischen Moment fest, von dem die Parteioberen des DDR-Regimes jahrzehntelang sehnsüchtig geträumt haben. So könnte man meinen...
DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (links) und der Schweizer Aussenminister René Felber 1990 in Bern.
DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (links) und der Schweizer Aussenminister René Felber 1990 in Bern. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Die DDR war seit ihrer Gründung 1949 ein Paria der Weltpolitik gewesen. Wegen der sogenannten Hallsteindoktrin der Bundesrepublik Deutschland (BRD) – gemäss welcher die westdeutsche Regierung den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland geltend machte und jede Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit der DDR als «unfreundlichen Akt» qualifizierte – unterhielt das kommunistische Parteiregime lange Zeit nur zu den Ostblockstaaten engere Kontakte. Der Westen sowie viele blockfreie Staaten verzichteten aus Rücksicht auf die Bonner Empfindlichkeiten auf offizielle politische, wirtschaftliche oder kulturelle Kontakte zu Ostdeutschland, geschweige denn auf eine formelle Anerkennung der DDR. Dies galt selbstredend auch für die neutrale Schweiz, die keinesfalls ihren mächtigen Nachbarn und bedeutendsten Handelspartner durch irgendwelche Fehltritte gegenüber den ungeliebten ostdeutschen Kommunisten irritieren wollte. Im Gegenzug versuchten die DDR-Behörden umso eindringlicher «immer wieder mit allen Mitteln, einer de facto Anerkennung ihres Staates durch die Schweiz näher zu kommen», wie das Eidgenössische Politische Departement (ab 1979 EDA) in den 1960er Jahren festhielt (dodis.ch/31183): «Auf Seiten der DDR liegt ein wirtschaftliches, vor allem aber ein eminent politisches Interesse an der Aufnahme offizieller Kontakte mit der Schweiz vor.» (dodis.ch/32468)
Die DDR, hier Ostberlin im Jahr 1966, war politisch lange ziemlich isoliert. Kontakt bestand nur mit anderen Ostblockstaaten.
Die DDR, hier Ostberlin im Jahr 1966, war politisch lange ziemlich isoliert. Kontakt bestand nur mit anderen Ostblockstaaten. Wikimedia
Als sich zu Beginn der 1970er-Jahre eine gewisse Annäherung zwischen den beiden deutschen Staaten abzeichnete, rang sich der Bundesrat im Juli 1972 nach langen Verhandlungen zur gegenseitigen Einrichtung von Handelsmissionen in Zürich respektive Ost-Berlin durch. Mit dieser «minimalen Regelung» hoffte Bern auch, sich künftig besser um die rund 3000 in der DDR lebenden Schweizerinnen und Schweizer kümmern sowie Verhandlungen über eine Abgeltung der im Zuge der Verstaatlichung enteigneten schweizerischen Vermögenswerte antreten zu können (dodis.ch/34362). Als kurz darauf mit dem Grundlagenvertrag die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten normalisiert wurden, war die Schweiz mit ihrer Anerkennung der DDR noch am 20. Dezember 1972 – just einen Tag vor Unterzeichnung des deutsch-deutschen Vertragswerks – unter den ersten westlichen Ländern (dodis.ch/34372). Die Geste blieb eine Episode. So schloss die Schweiz 1975 als letzter westeuropäischer Industriestaat ein Handels- und Wirtschaftsabkommen mit der DDR ab (dodis.ch/49969).
Auch die politischen Beziehungen zum Regime in Pankow entwickelten sich harzig. Umso mehr frohlockte die Führung des Arbeiter- und Bauernstaats über eine Einladung an Aussenminister Oskar Fischer (dodis.ch/49329). Dessen erster Besuch in Bern erfolgte schliesslich im November 1980 (dodis.ch/60489); ein weiteres Mal weilte Fischer im April 1989 zu Gesprächen beim Vorsteher des EDA, Bundesrat René Felber. Das Verhältnis blieb lange durch die bei den DDR-Behörden pendenten Ausreisegesuche zwecks binationaler Eheschliessungen und Familienzusammenführungen belastet. Die bereits 1973 aufgegleisten Entschädigungsverhandlungen über nationalisiertes schweizerisches Eigentum kamen bis 1990 nie zum Abschluss.
TV-Beitrag zum Treffen mit dem DDR-Minister in Bern. SRF
Vor diesem Hintergrund hätte der Besuch von DDR-Regierungschef Lothar de Maizière am 10. September 1990 ein krönender Triumph der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sein können. Allein war die SED zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr an der Macht. Mit dem überraschenden Fall der Berliner Mauer in der Nacht auf den 9. November 1989 war das alte Regime hinweggefegt worden. Wie anderswo im Ostblock läutete eine friedliche Revolution die Wende zur Demokratie ein. De Maizière war als Spitzenkandidat der Christlich-Demokratischen Union (CDU) nach der ersten freien Parlamentswahlen am 12. April 1990 von der Volkskammer als Regierungschef vereidigt worden. 199 Tage lang regierte der erste demokratisch gewählte und gleichzeitig der letzte Ministerpräsident der DDR. Das erklärte Ziel seiner Regierung war die Auflösung der DDR und die Vereinigung mit der BRD. «Bitte, denken Sie immer daran», sagte de Maizière seinem Kabinett in der ersten Sitzung, «unsere Hauptaufgabe, die uns der Wähler gegeben hat, ist, uns selbst abzuschaffen.» 23 Tage, bevor er sein Werk vollendet hatte, besuchte er die Schweiz.
Video des Mauerfalls von 1989. YouTube
Die Gespräche Lothar de Maizières mit Bundesrat René Felber standen klar unter dem Eindruck des Umbruchs in Osteuropa. «Man hat heute die gesamteuropäische Geschichte wiedergefunden», sagte de Maizière, «Prag, Budapest und Berlin sind ‹zurückgekehrt›». Die unmittelbar bevorstehende Vereinigung der deutschen Staaten sah er «als Chance für die Deutschen, endlich die Trümmer eines falschen Systems auszuräumen». Allerdings liege die DDR, wie er im Gespräch einräumte, «nicht nur wirtschaftlich-politisch als Ruine da, sondern auch kulturell-mental». Die «geistigen Deformierungen» nach vier Jahrzehnten SED-Herrschaft über Ostdeutschland seien gewaltig, der «technologische Rückstand ist erheblich». Felber betonte seinerseits die Wichtigkeit einer regionalen Zusammenarbeit zwischen den Kantonen und den fünf neuen Bundesländern im Osten Deutschlands – die zwischenstaatlichen Beziehungen liefen ja künftig über Bonn. (dodis.ch/55552)
Lothar de Maizière am 10. September 1990 in Bern.
Lothar de Maizière am 10. September 1990 in Bern. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Wenn ein scheidender US-Präsident in seinen letzten Amtstagen als «Lame Duck» bezeichnet wird, so war Ministerpräsident de Maizière drei Wochen vor der Auflösung der DDR wohl die lahmste aller Enten. Sein Empfang in Bern konnte nicht mehr sein als eine Sympathiebekundung für die Bevölkerung der DDR und ihre erste demokratisch gewählte Regierung. «Wir sind uns alle bewusst, dass der historisch einmalige Vorgang des freiwilligen Aufgehens eines Landes in seinem Nachbarn zwar die langersehnte Freiheit ohne Bevormundung von oben in jedem Lebensbereich bringt, dass die Menschen in der DDR dafür aber einen hohen ökonomischen Preis zu zahlen haben», betonte Bundespräsident Arnold Koller in seinem Toast auf den Gast anlässlich des Mittagessens. «Für den schwierigen Weg, der noch vor Ihnen liegt, wünsche ich Ihnen und Ihren Mitbürgern Kraft und Geduld und die Gewissheit, dass es sich letztendlich lohnt.» (dodis.ch/56550)

Gemein­sa­me Recherche

Der vorliegende Text ist das Produkt einer Zusammenarbeit zwischen dem Schweizerischen Nationalmuseum und der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis). Das SNM recherchiert im Archiv der Agentur Actualités Suisses de Lausanne (ASL) Bilder zur schweizerischen Aussenpolitik und Dodis kontextualisiert diese Fotografien anhand des amtlichen Quellenmaterials. Die Akten zum Jahr 1990 wurden im Januar 2021 auf der Internetdatenbank Dodis publiziert. Die im Text zitierten Dokumente sind online verfügbar: dodis.ch/C2111.

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