Die Arbeit auf dem Lande (Ausschnitt)
Augusto Giacometti (Entwurf)/Werkstatt Ludwig Jäger (Ausführung), Die Arbeit auf dem Lande (Ausschnitt). © Vitromusée Romont (Foto: Yves Eigenmann, Fribourg)

Mehr Licht in die Garderobe des Ständeratssaals

1931 sollte Augusto Giacomettis Glasgemälde «Die Arbeit auf dem Lande» die Garderobe des Ständeratssaals zeitgemäss schmücken. Doch kaum realisiert, führten unterschiedliche Auffassungen bezüglich moderner Glasmalerei und Lichtverhältnisse dazu, dass das Werk im Depot des Kunstmuseums Bern verschwand.

Michael Egli

Michael Egli

Co-Leiter des Projekts «Augusto Giacometti. Catalogue raisonné der Gemälde, Wandbilder und Glasgemälde», Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA), Zürich

Hans Wilhelm Auer (1847–1906), der am Eidgenössischen Polytechnikum bei Gottfried Semper (1803–1879) Architektur studiert hatte, plante mit dem Bau des Parlamentsgebäudes ein «Nationaldenkmal» zu schaffen. Getreu dieses Leitgedankens setzte er Baumaterialien aus allen Landesteilen ein. Künstlerinnen und Künstler verschiedener Regionen gestalteten den 1902 eingeweihten Bau nach Auers Massgaben des «nationalen Kunstsinns» aus. Der Berner Christian Baumgartner (1855–1942) wurde mit dem Entwurf der Glasfenster in den beiden Garderoben des Ständeratssaals betraut. Am 30. Januar 1930 fasste die Eidgenössische Kunstkommission in ihrer Sitzung den Beschluss, die bestehenden Fenster der Vestibüle durch «künstlerisch bessere Fenster» zu ersetzten. Sie beauftragte Augusto Giacometti (1877–1947) und Burkhard Mangold (1873–1950) mit dem Entwurf einer neuen Verglasung. Die Künstler hatten freie Themenwahl.
Augusto Giacometti in den 1930er-Jahren. Porträtaufnahme von Ernst Linck.
Augusto Giacometti in den 1930er-Jahren. Porträtaufnahme von Ernst Linck. Schweizerisches Kunstarchiv, SIK-ISEA, Zürich, HNA 237.1, Mappe 1
Garderobe des Ständerates im Parlamentsgebäude in Bern nach der Renovation 2006–2008
Die Garderobe des Ständerates im Parlamentsgebäude in Bern nach der Renovation 2006–2008. Im Hintergrund das Glasgemälde von Christian Baumgartner aus dem Jahr 1902. Alexander Gempeler, Bern

Augusto Giacomet­ti – ein Erneuerer der Glasmalerei

Mit Augusto Giacometti setzte das verantwortliche Gremium auf einen herausragenden Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Als Cousin zweiten Grades von Giovanni Giacometti (1868–1933), dem Vater von Alberto (1901–1966), Diego (1902–1985) und Bruno (1907–2012), gehörte er der berühmten Bergeller Künstlerfamilie an. Ausstellungen in Berlin, Brüssel, Florenz, Mailand, Paris und Wien hatten Giacometti ab den 1910er-Jahren zu internationalen Erfolgen verholfen. Seine Werke, die zwischen abstrahierter Figuration und Ungegenständlichkeit changieren, brachten ihm posthum den Ruf eines «Pioniers der abstrakten Malerei» ein.
Augusto Giacometti, Eine Besteigung des Piz Duan, 1912, Öl auf Leinwand, 84.5 x 84 cm.
Augusto Giacometti, Eine Besteigung des Piz Duan, 1912, Öl auf Leinwand, 84.5 x 84 cm. Kunsthaus Zürich, 1958
Augusto Giacometti gilt als Erneuerer der Glasmalerei, mit der er sich neben Hans Stocker (1896–1983) und Otto Staiger (1894–1967) im Kontext der Moderne innovativ auseinandersetzte. Giacomettis Entwürfe für die Chorfenster in der Kirche St. Martin von Chur, die nicht realisiert wurden, hätten zu den frühesten abstrakten Glasgemälden in der Schweiz gezählt. In seiner Beschäftigung mit der mittelalterlichen Glasmalerei – dies belegen beispielsweise Notizen und Skizzen zu den Werken in Chartres, Florenz und Köln – fand Giacometti zu einer eigenen Formensprache. Anders als Vertreter der vorangegangenen Generation hatte er in seinen Glasgemälden nicht grosse Glasflächen hell bemalt, sondern in Anlehnung an die mittelalterliche Technik Glasstücke unterschiedlicher Grösse und Farbe in ein dichtes Gefüge von Bleiruten eingebunden. Das Netz der Bleiruten sowie die auf das Glas aufgebrachte Patina, das sogenannte Schwarzlot, lassen im Kontrast die Farbe der Gläser intensiv leuchten. Neben der gesteigerten Farbintensität hat die eingesetzte Technik zugleich eine Reduktion des einfallenden Tageslichts zur Folge. Dem Auftrag für das Bundeshaus waren zahlreiche bedeutende Glasgemälde vorausgegangen, so beispielsweise für das Langhaus in St. Martin in Chur (1919), für St. Nikolaus in Küblis (1921), für die Stadtkirche in Winterthur (1923), für das Stadthaus Zürich (1924) und für St. Jakob in Davos (1928).
Augusto Giacometti, Entwurf für drei Fenster im Chor der Kirche St. Martin in Chur, 1920
Augusto Giacometti, Entwurf für drei Fenster im Chor der Kirche St. Martin in Chur, 1920, Pastell, 54,5 x 94 cm, Bündner Kunstmuseum Chur, Inv. CON_03067, Dauerleihgabe der Stiftung Werner Coninx. SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Der kurze Verbleib des Glasge­mäl­des im Vestibül des Ständeratssaals

Giacometti und Mangold legten im Oktober 1930 ihre massstabgetreuen Entwürfe für die beiden Fenster vor. Während Mangolds Entwurf «Das Schweizerhaus» zwölf verschiedene Berufsstände in gesonderten Bildfeldern präsentierte, fokussierte Giacomettis Eingabe auf eine grossformatige Darstellung eines Bauernpaares mit dem Titel «Die Arbeit auf dem Lande». Im Frühjahr 1931 beauftragten die Eidgenössische Kunstkommission sowie die Direktion der Eidgenössischen Bauten nach Begutachtung der Entwürfe die beiden Künstler mit der Anfertigung der Kartons in Ausführungsgrösse. Die Glasmaler Emil Gerster (1876–1937) und Ludwig Jäger (1877–1949) setzten die Fenster nach den Kartons von Mangold und von Giacometti um. Unmittelbar nach Fertigstellung wurden die beiden Glasgemälde in der «XVIII. Exposition nationale des Beaux-Arts» in Genf präsentiert. Die Revue SBB CFF würdigte die Genfer Ausstellung in einem Beitrag und setzte Giacomettis Entwurf auf das Titelblatt.
Titelseite der Revue SBB CFF, 5 (1931), Heft 8.
Titelseite der Revue SBB CFF, 5 (1931), Heft 8. e-periodica.ch
Im November 1931 wurden Giacomettis Fenster in der westlichen und jenes von Mangold in der östlichen Garderobe des Ständeratssaals verbaut. Aber bereits wenige Wochen später regte sich Widerstand gegen Giacomettis Glasgemälde. Die Kunstkommission befand am 21. Dezember 1931, Augusto Giacometti müsse zusammen mit dem Direktor der eidgenössischen Bauten die Situation vor Ort beurteilen. Die Kunstkommission kritisierte die schlechte Lesbarkeit des Bildes sowie die durch die Verglasung erfolgte Verdunkelung des Garderobenraumes. Eine befriedigende Lösung war nicht möglich, und das Eidgenössische Departement des Innern deponierte das Glasfenster im Neubau des Kunstmuseums Bern. Dort sollte das Werk während Jahrzehnten verbleiben. 1991 wurde das restaurierte Fenster abermals im Vestibül des Ständeratssaals eingesetzt – doch auch diese Platzierung war nur von kurzer Dauer. Anlässlich der Sanierung des Parlamentsgebäudes (2006-2008) wurden die ursprünglichen Fenster von Christian Baumgartner aus dem Jahr 1902 wieder in den Garderoben des Ständerates eingebaut. Die Fenster von Augusto Giacometti und von Burkhard Mangold wurden als Dauerleihgaben dem Vitromusée in Romont anvertraut.
Augusto Giacometti (Entwurf)/Werkstatt Ludwig Jäger (Ausführung), Die Arbeit auf dem Lande (zwei Flügel des Glasfensters), 1930–1931.
Augusto Giacometti (Entwurf)/Werkstatt Ludwig Jäger (Ausführung), Die Arbeit auf dem Lande (zwei Flügel des Glasfensters), 1930–1931, Farbgläser, Schwarzlotmalerei, Bleiruten, jeder Fensterflügel mit Holzrahmen 224 x 80 cm, Vitrocentre Romont, Inv. fK3828, Depositum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern. © Vitromusée Romont (Foto: Yves Eigenmann, Fribourg)

Projekt Augusto Giacomet­ti (1877 – 1947)

Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) erarbeitet seit 2019 einen Catalogue raisonné der Gemälde, Wandbilder und Glasmalereien von Augusto Giacometti. Dem Projektteam gehören Denise Frey, Tabea Schindler, Beat Stutzer und Michael Egli an. Die Denkmalpflege Graubünden, die Kantonale Denkmalpflege Zürich sowie das Vitrocentre Romont begleiten als Kooperationspartner die wissenschaftliche Forschung. Das Vorhaben wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) sowie von weiteren öffentlichen und privaten Geldgebern finanziell unterstützt. Der Katalog wird 2023 in Buchform und im Internet Open Access publiziert werden. Mehr zum Projekt
Die beiden Fensterflügel zeigen einen Bauer und eine Bäuerin in strenger Frontalität. In den die Bildfelder rahmenden Ornamentstreifen ist eine weitere Adaption mittelalterlicher Glasmalerei zu erkennen. Von der Lünette oberhalb der beiden Fensterflügel ist lediglich das mittlere Bildfeld erhalten. Das überlieferte Fragment zeigt in der Mitte Giacomettis Elternhaus in Stampa, links das stattliche Patrizierhaus Ciäsa Granda. Ein gelb leuchtendes Band, das als Strasse zu deuten ist, durchzieht diagonal das Bildfeld. Ursprünglich zeigte das Fenster weitere Teile der Siedlung entlang des Flusses Maira. Giacomettis Werk ist bis zum 3. April 2022 in der Ausstellung «Farben im Licht» im Landesmuseum Zürich zu sehen.
Augusto Giacometti (Entwurf)/Werkstatt Ludwig Jäger (Ausführung), Die Arbeit auf dem Lande (Lünette, Fragment), 1930–1931.
Giacomettis Elternhaus in Stampa, abgebildet im mittleren Bildfeld der Lünette. © Vitromusée Romont (Foto: Yves Eigenmann, Fribourg)

Farben im Licht. Glasma­le­rei vom 13. bis 21. Jahrhundert

16.07.2021 03.04.2022 / Landesmuseum Zürich
Glasmalereien: Ihre vielfältigen Motive und strahlende Leuchtkraft faszinieren seit Jahrhunderten. Das Schweizerische Nationalmuseum besitzt eine der weltweit grössten Glasgemäldesammlungen. Die Ausstellung in der Ruhmeshalle zeigt die Kunst der Glasmalerei in der Schweiz in all ihren farbenreichen Facetten von ihrem Ursprung im Mittelalter über die Renaissance bis zu den modernen Glasgemälden der Gegenwart. Fotos und altes Werkzeug aus dem Glasmaleratelier Halter in Bern geben Einblick in die aufwändige Technik dieser seit rund 800 Jahren fast unveränderten Handwerkskunst.
Blick in die Ausstellung "Farben im Licht"
Giacomettis Werk in der Ausstellung «Farben im Licht» in der Ruhmeshalle des Landesmuseums. Schweizerisches Nationalmuseum

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