Erster Saal der Ausstellung «Exotic?».
Erster Saal der Ausstellung «Exotic?». © Lionel Henriod

Kaffee und Chinoi­se­ri­en, Baumwolle und Geranien

Eine Ausstellung, ein Buch und ein Forschungsprojekt gehen der Frage nach, wie das «Exotische» in die Schweiz kam – und wie die Schweiz selber exotisch wurde.

Hibou Pèlerin

Hibou Pèlerin

Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor – in Zeiten von Museumsschliessungen und Reisewarnungen darf es auch mal ein neu erschienenes Buch sein.

Beim Stichwort «Exotik» fallen uns auf Anhieb wohl vor allem tropische Früchte und scharfe Gewürze ein, vielleicht Reiseerinnerungen in ferne Länder. Etwas allgemeiner gesagt nehmen wir als «exotisch», was uns zwar fremd, aber gerade deswegen attraktiv erscheint. Das Wort selber kommt aus dem Griechischen und bedeutet schlicht «von aussen». Somit ist «Exotik» geografisch wie kulturell abhängig vom eigenen Standort. Was dies nun für die Schweiz bedeutet, dem geht die Ausstellung «Exotic Switzerland?» im Palais de Rumine in Lausanne nach. Die Frage fasst das zugrundeliegende Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds zusammen. Noémie Etienne und ihr Team haben Schweizer Sammlungen und Museen, darunter das Landesmuseum, besucht sowie Bibliotheken und Archive systematisch durchforstet und nach diversen Spuren des Exotischen vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert gesucht. Der Zeitraum entspricht in etwa der Epoche der Aufklärung. Sie war geprägt von einer wachsenden wissenschaftlichen Neugierde, die sich auch auf die Entdeckung und zum Teil Eroberung zuvor fremder Weltgegenden richtete. Objekte und Dokumente von den Reisen dorthin wurden aber nicht nur als Untersuchungsgegenstände, sondern auch als prestigeträchtige Trophäen mitgebracht. Im ersten Saal ist ein übergrosser bunter Teller aus diesen Beständen angerichtet. Serviert werden Beispiele vom ausgestopften Wildtier bis zum chinesischen Seidenmantel, von der afrikanischen Maske bis zu Gesteinsproben. Schweizer Abenteurer, Entdecker, Kaufleute, Diplomaten und Gelehrte hatten sie einst im Gepäck.
Georg Franz Müller, Ein Persianer, Ein Japanner, Ein orientalischer Tarter, in Georg Franz Müller, Reisebuch des Elsässer Weltreisenden Georg Franz Müller, zwischen 1669 und 1682.
Georg Franz Müller, Ein Persianer, Ein Japanner, Ein orientalischer Tarter, in Georg Franz Müller, Reisebuch des Elsässer Weltreisenden Georg Franz Müller, zwischen 1669 und 1682. Stiftsbibliothek St. Gallen
Ein paar zeitgenössische Exponate fallen aus dem Rahmen. Etwa Willy Guhls Eternit-Gartenhocker, oder eine «Lausanne»-Toblerone. Rasch kapiert man den Dreh: Die Objekte sollen zeigen, dass auch die Schweiz selber ganz schön «exotisch» sein kann. Nur fällt uns das mangels Distanz meist nicht auf. Ein Reisender aus einer anderen Kultur könnte vielleicht annehmen, ein Schokoladeriegel in Form einer essbaren Bergkette habe kultische Bedeutung. Wir wissen natürlich, dass es sich beim Hocker wie bei der Toblerone «nur» um gestalterische Versuche handelt, etwas «Besonderes» zu kreieren. Allerdings tragen sie einiges zur viel beschworenen «Swissness» bei. Somit handelt es sich um Bausteine für das Image der «besonderen», für andere «exotischen» Schweiz. Wie «exotisch» geprägt das Land in noch ganz anderer Hinsicht ist, demonstriert die Audioinstallation, mit der wir begrüsst werden. In 28 Sprachen, die in der Schweiz gesprochen werden, bekommen wir Fragen gestellt: «Was bleibt uns von unseren Reisen?», «Bin ich exotisch?», «Wen beherrschen wir?». Fragen, die uns verschiedene Aspekte des Exotischen näherbringen sollen. Allmählich dämmert uns, dass das Exotische letztlich eine Konstruktion ist, die mit dem Import wie dem Export von Gegenständen und Ideen zu tun hat. Beide haben hierzulande eine lange Geschichte. Deswegen gibt’s zur Orientierung eine Chronologie. Sie hält wichtige Stationen auf dem Weg zur Herausbildung der spezifisch schweizerischen Identität fest, bei der die Abgrenzung von anderen zentral war. Am Anfang dieses Langzeitprozesses stand die die «bewaffnete Neutralität», die der damaligen Eidgenossenschaft mit dem «Westfälischen Frieden» 1648 aufgezwungen wurde. In der Folge waren Schweizer zwar regelmässig bei den diversen Forschungsreisen europäischer Mächte dabei, bald darauf auch bei den kolonialen Eroberungen. Allerdings, wie verordnet, als «neutrale» Akteure. Das sollte sich bald als strategischer Vorteil erweisen.
François Aimé Louis Dumoulin, Combats et Jeux des Nèg’, 1788.
François Aimé Louis Dumoulin, «Combats et Jeux des Nèg’», 1788. Musée historique de Vevey – Ville de Vevey
Das Herz der Ausstellung im Hauptsaal zeigt frühe Beispiele dieser Eroberungs-Aktivitäten. Das waren zunächst detaillierte Karten, wie etwa jene des Berners Francis Louis Michel. Er dokumentierte 1701/02 die vom Berner Apotheker Christoph von Graffenried im Auftrag der britischen Krone gegründete Kolonie New Bern in North Carolina. Sein Augenmerk galt insbesondere den verwertbaren Ressourcen. Auch von Graffenried selber hielt das koloniale Leben in Neu-Bern, das schliesslich von den ansässigen Tuscarora-Indianern zurückerobert wurde, in Zeichnungen fest. Dem Berner dienten die eher ungelenken Darstellungen vor allem zur Rechtfertigung seines Scheiterns. Für die Nachwelt sind es jedoch höchst aufschlussreiche Dokumente. Denn sie zeigen, wie selbstverständlich die kolonialen Übergriffe zum damaligen europäischen Weltbild gehörten. Sie zeigen aber auch, wie das «Exotische» gerade durch Reiseberichte und Bilder allmählich vor den Augen der Daheimgebliebenen entstand. In einer Zeit, in der solche Berichte die einzigen Nachrichtenquellen waren, ist deren Bedeutung kaum zu überschätzen. Sie fanden allmählich ihren Weg in künstlerische und populäre Darstellungen. Zum faszinierendsten Teil der ohnehin spannenden Ausstellung zählen daher die Gemälde, etwa die Darstellung eines Sultans durch den Genfer Jean-Etienne Liotard, die zur Verfestigung des importierten Bildguts und damit auch eines exotischen Blicks beitrugen.
Jean-Étienne Liotard (1702–1789), Darstellung eines Sultans mit rotem Fez, Pluderhosen und geblümtem gelbem Rock und Mantel
Jean-Étienne Liotard (1702–1789), Darstellung eines Sultans mit rotem Fez, Pluderhosen und geblümtem gelbem Rock und Mantel, hergestellt in der Porzellanmanufaktur Kilchberg-Schooren, um 1770. Schweizerisches Nationalmuseum
Figurengruppe mit Türkin, Kürassier und Kroate, der einen abgeschlagenen Kopf hält. Herstellung in der Porzellanmanufaktur Kilchberg-Schooren, um 1770.
Figurengruppe mit Türkin, Kürassier und Kroate, der einen abgeschlagenen Kopf hält, hergestellt in der Porzellanmanufaktur Kilchberg-Schooren, um 1770. Schweizerisches Nationalmuseum
Gerade die besondere politische Situation – es gab keinen starken Zentralstaat – schuf für Schweizer Unternehmer und Financiers gute Bedingungen, um sich an sogenannten Dreiecksgeschäften zu beteiligen. Zu ihnen gehörte auch der Sklavenhandel, der für die hierzulande erstarkende Baumwollindustrie eine Rolle spielte. Visuelle Spuren hinterliess er vor allem in den Darstellungen von Schwarzen. Zu den eindrücklichsten Stücken gehört neben der Figur eines Schwarzen, der tief gebeugt eine teure goldene Kaminuhr schleppt, die um 1775 entstandenen Figurinen der Kilchberger Porzellanfabrik Schooren. Eine von ihnen zeigt einen Sklavenverkauf. In verharmlosend niedlicher Manier wird ein dunkelhäutiger Sklave an einer Kette mit Halseisen, Fuss- und Handschellen dem Käufer vorgeführt wie Vieh. Menschenhandel wurde zum bürgerlichen Salondekor. Die Historikerin Meredith Martin legt in ihrem höchst aufschlussreichen Katalogbeitrag dar, wie gesellschaftlich akzeptiert dieser war, obwohl gleichzeitig die Ideen der Aufklärung von Gleichheit und Brüderlichkeit durch die Salons zirkulierten. Der Rokoko-Nippes war Teil einer rassistischen Bildpolitik, die lange Schatten warf. Ebenso spannend ist der Blick auf die weitere Verwendung der in die Schweiz mitgebrachten Exotica, wie etwa asiatischen Lackarbeiten. Letztere wurden in hiesige Möbel integriert und gaben diesen einen exotischen «Touch». Zugleich eignete sich das heimische Handwerk die importierten neuen Techniken an.
Antoine-Pierre Mongin (1761–1827), Papiertapete «Petite Helvétie» aus dem Haus zum Sternen in Zürich, hergestellt in der Manufaktur Zuber Jean & Cie, Rixheim.
Antoine-Pierre Mongin (1761–1827), Papiertapete «Petite Helvétie» aus dem Haus zum Sternen in Zürich, hergestellt in der Manufaktur Zuber Jean & Cie, Rixheim. Schweizerisches Nationalmuseum
Wie die Schweiz schliesslich selber für andere Länder zunehmend «exotisch» wurde, zeigt der letzte Teil der Ausstellung. Beginnend mit Albrecht von Haller, Johann Jacob Scheuchzer und Jean-Jacques Rousseau entstand sukzessive ein Bild der Schweiz und vor allem der Alpen, das der Tourismus seit dem 19. Jahrhundert bis heute vermarktet. Plötzlich wurden «Wildnis» und «Ursprünglichkeit», die man sonst den Eingeborenen in fernen Gefilden zuschrieb, auch in abgelegenen Bergtälern und bei deren Bewohnerinnen und Bewohnern entdeckt. Das zog die Reisenden aus den europäischen Zentren an.
Pierre-Louis De la Rive, Le Mont-Blanc vu de Sallanches au coucher du soleil, 1802.
Pierre-Louis De la Rive, «Le Mont-Blanc vu de Sallanches au coucher du soleil», 1802. Musées d'art et d'histoire, Ville de Genève
Ein wenig mag man bedauern, dass der aufschlussreiche Ping-Pong der Exotismen nicht bis in die Gegenwart weitergesponnen wird. Mit einer in die Ausstellung integrierten Bibliothek, die neueste Forschungen zum Thema versammelt, wird aber deutlich gemacht, dass die Diskussion über die Gegenstände und den Gegenstand des Exotischen gerade erst beginnt und «Exotic Switzerland?» insofern Neuland betritt. Einige Interventionen zeitgenössischer Kunstschaffender weisen ebenfalls in diese Richtung. So hat der Zürcher Künstler Uriel Orlow einen Drehständer mit Ansichtspostkarten vor dem Eingang zum Museum platziert. Alle zeigen sie Schweizer Idyllen mit Geranien. Die Ironie des Ganzen: Geranien stammen ursprünglich aus Afrika. Die Schweizer Dörfer verdanken also ihren Dekor, der sie für den fremden Blick «exotisch» macht, dem erfolgreichen Pflanzenimport aus einem Kontinent, dessen Einwohner man lieber nicht so gerne über die Grenze lässt. So schärft «Exotic Switzerland?» auch den Blick für die Ambivalenz des Exotischen. Begehrenswerte Exotik und bedrohliche Fremde liegen oft sehr nah beieinander.
Installation des Zürcher Künstlers Uriel Orlow: Drehständer mit Ansichtspostkarten, die Schweizer Idyllen mit Geranien zeigen.
Installation des Zürcher Künstlers Uriel Orlow: Drehständer mit Ansichtspostkarten, die Schweizer Idyllen mit Geranien zeigen. © Michel Krafft

Exotic?

24.09.2020 28.02.2021 / Palais de Rumine Lausanne
Unabhängig von den Öffnungszeiten ist der virtuelle 3-D-Ausstellungsrundgang empfehlenswert. Der Sammelband «Exotic Switzerland?», der zugleich als Katalog dient, ist im Diaphanes Verlag, Zürich/Berlin, erschienen.

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