Am Suez-Kanal entzündete sich 1956 beinahe ein globaler Krieg.
Am Suez-Kanal entzündete sich 1956 beinahe ein globaler Krieg. Wikimedia

Die Schweiz in der Suez-Krise

1956 stand die Welt am Rande eines neuen Weltkriegs. Und Mitten drin die Schweiz als Vermittlerin. Allerdings mit einem schweren Stand.

Daniel Rickenbacher

Daniel Rickenbacher

Daniel Rickenbacher ist Historiker und Dozent an der Universität Basel.

Diesen Oktober jährt sich die Suez-Krise von 1956 zum 65. Mal. Die Krise ist heute weitgehend vergessen. Zu Unrecht, denn die Schweiz war auf vielfältige Weise in diese Krise involviert und sie hinterliess einen tiefen Eindruck auf Politik und Bevölkerung. Das Problem beginnt vielleicht schon beim Namen. Was ist eigentlich mit Suez-Krise gemeint? Sprechen wir nur vom kurzen neuntägigen Krieg, der Ende Oktober im Nahen Osten ausbrach oder sind damit die grösseren Ereignisse im Vorfeld und Nachgang des Krieges gemeint? In der Wahrnehmung der Zeitgenossen begann die eigentliche Krise Ende Juli 1956, als der ägyptische Staatsführer Gamal Abdel Nasser in Alexandria vor einer begeisterten Menschenmenge die Verstaatlichung des Suez-Kanals verkündigte. Die Massnahme war eine Retourkutsche für den amerikanischen Entschluss, Kredite für den Bau des Assuan-Staudamms nicht zu finanzieren. Die Gruppe um Gamal Abdel Nasser, die sogenannten Freien Offiziere, hatten sich vier Jahre zuvor an die Macht geputscht. Zunächst unterstützten die Amerikaner den jungen Nasser enthusiastisch und sahen in ihm einen Modernisierer im Stile Atatürks und einen Garanten gegen den Kommunismus und die Fanatiker der Muslimbruderschaft. Doch Nasser näherte sich bald dem Ostblock an und verprellte damit die Amerikaner.
Gamal Abdel Nasser (links) auf einem Foto von 1955.
Gamal Abdel Nasser (links) auf einem Foto von 1955. Wikimedia
Der Suez-Kanal, aufgenommen um 1880.
Der Suez-Kanal, aufgenommen um 1880. Schweizerisches Nationalmuseum
Briten und Franzosen protestierten und beschuldigten die Ägypter, mit der Nationalisierung des Suez-Kanals das Völkerrecht gebrochen zu haben. Nasser verweigerte diplomatische Verhandlungen und zeigte sich gegenüber Vorschlägen zur Internationalisierung des Kanals, die er als Verletzung der ägyptischen Souveränität sah, ablehnend. Die Schweizer waren über die Krise tief besorgt. Bundesrat Max Petitpierre, der dem Departement für auswärtige Angelegenheiten (damals EPD) vorstand, verglich die Nationalisierung mit Hitlers Besetzung des Rheinlandes 1936 und befürchtete den Zusammenschluss der Dritten Welt und des kommunistischen Blocks unter dem Banner des gemeinsamen Hasses auf dem Westen. Er spielte deshalb mit dem Gedanken, selbst eine Friedenskonferenz zu organisieren, um die Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen.
Max Petitpierre nach seiner Wahl zum Bundesrat, 1944.
Max Petitpierre nach seiner Wahl zum Bundesrat, 1944. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Parallel zum diplomatischen Hin und Her bereiteten Briten und Franzosen im Geheimen eine militärische Antwort auf die Verstaatlichung vor. Die Israelis stiessen bald zur Allianz dazu. Alle drei Länder hatten ihr eigenes «Beef» mit dem ägyptischen Staatsführer. Frankreich störte sich an Ägyptens Unterstützung für die algerische Unabhängigkeitsbewegung, Grossbritannien an Nassers Agitation gegen seine Verbündeten im Irak und in Jordanien und die Israelis schliesslich wollten das Einsickern von Guerillakämpfern aus dem ägyptisch kontrollierten Gazastreifen unterbinden. Am 29. Oktober eröffnete Israel die Kampfhandlungen mit einem Angriff auf ägyptische Truppen im Gaza-Streifen. Frankreich und England folgten zwei Tage später. Nasser zog seine Truppen hinter den Suez-Kanal zurück und rettete sie damit vor dem sicheren Ruin.
Ein Tagesschaubeitrag von 2006 erinnert an die Suez-Krise SRF
Vor Kriegsausbruch hatten Briten und die Franzosen Schweiz angefragt, ihre Interessen in Ägypten zu vertreten – ein klassisches Schutzmachtmandat, wie es die Schweiz schon vielfach übernommen hatte. Doch diesmal sollte es anders kommen.  Petitpierre setzte den erfahrenen Diplomaten Max König dafür ein. Aufgrund der Luftangriffe mussten König und sein elfköpfiges Team im äussersten Süden des Landes in der Wüste landen. Erst nach einer längeren Schiffs- und Bahnreise, die sie auch zur Besichtigung der Attraktionen nutzten, gelangten sie schliesslich in die Hauptstadt Kairo.
Ruhe vor dem Sturm: Das Team von Max König entspannt sich auf der Schiffsreise nach Kairo.
Ruhe vor dem Sturm: Das Team von Max König entspannt sich auf der Schiffsreise nach Kairo. Archiv für Zeitgeschichte, ETH Zürich
In der Schweiz stieg angesichts der Geschehnisse am Nil und der zeitgleichen sowjetischen Niederschlagung des Ungarnaufstandes die Furcht vor einem Dritten Weltkrieg. Die Sowjets drohten, militärisch auf Seiten Ägyptens einzugreifen. Auch die USA hatten sich entgegen den Erwartungen nicht auf die Seite ihrer traditionellen Verbündeten geschlagen und drängten auf einen sofortigen Abzug. Petitpierres Idee einer internationalen Friedenskonferenz wurde erneut lanciert, stiess aber auf Ablehnung. Nach Vermittlung der UNO unterzeichneten die Kriegsparteien am 6. November einen Waffenstillstand. Schliesslich konnte die Schweiz doch noch einen Beitrag zur Befriedung leisten. Sie organisierte den Transport der UNO-Friedenstruppen durch die Swissair und übernahm die Kosten.
UNO-Friedenstruppen in der Sinai-Region, 1956.
UNO-Friedenstruppen in der Sinai-Region, 1956. Wikimedia
Porträt von Diplomat Max König.
Porträt von Diplomat Max König. Schweizerisches Bundesarchiv
Ägypten hatte nach Kriegsausbruch eine Repressionswelle gegen Franzosen, Briten und Juden in die Wege geleitetet. Zehntausende standen unter Hausarrest, hunderte wurden in Lager interniert und ihr Eigentum beschlagnahmt. Plötzlich war Max König für sie verantwortlich. Wiederholte Interventionen bei den ägyptischen Behörden führten zu kleinen Verbesserungen. Doch König fühlte sich hilflos angesichts der ägyptischen Politik, die auf eine Beraubung und Vertreibung der Minderheiten hinauslief. Er stand zwischen Bern, das die guten ägyptisch-schweizerischen Beziehungen aufrechterhalten und auch die Schweizer Gemeinde in Ägypten schützen wollte, und den Schutzbedürftigen in Ägypten, die seine Hilfe einforderten. Schliesslich kam es zum Eklat. Königs Vorwürfe an die Ägypter, «barbarisch» zu handeln, wurden öffentlich und er musste das Land verlassen.
Die Suez-Krise hatte auch Auswirkungen auf die Schweizer Bevölkerung. SRF
Der «Sieg» machte Nasser über Nacht zum Helden der Dritten Welt und befeuerte seine Ambitionen. Der NZZ-Nahostkorrespondent Hans Tütsch warnte kurz nach der Krise, «Abdel Nasser (gehe) bewusst und offen auf die Schaffung eines Grossreiches aus». Tatsächlich sollte Nassers aggressive und aktionistische Aussenpolitik die Schweiz noch vielfach beschäftigen. Die Grossmachtsträume endeten 1967 mit der krachenden Niederlage Ägyptens im Sechs-Tage-Krieg gegen Israel.  Nasser selbst bezahlte einen hohen Preis für seine Ambitionen und der Stress liess ihn vorzeitig altern. Schon während der Suez-Krise schätzte der Schweizer Gesandte in Ägypten Nasser zehn Jahre älter ein als er wirklich war. Der ägyptische Staatsführer starb schliesslich 1970 mit 52 Jahren.

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