Die erste Autobahn. Illustration von Marco Heer.
Die erste Autobahn der Schweiz führte von Luzern nach Ennethorw. Illustration von Marco Heer.

Die erste Autobahn der Schweiz

Im Sommer 1955 wurde in Luzern die erste Autobahn der Schweiz eröffnet. Sie war das erste Puzzlestück des heute rund 2254 Kilometer langen Nationalstrassennetzes.

Alexander Rechsteiner

Alexander Rechsteiner

Hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert und arbeitet bei der Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.

«Region Bern-Solothurn, zwischen der Verzweigung Härkingen und Oensingen, in beiden Richtungen Stau wegen Verkehrsüberlastung». Diese Verkehrsmeldung können Autofahrende, die auf der A1 regelmässig durch die Nordwestschweiz unterwegs sind, mittlerweile auswendig. Auch wenn sie immer häufiger überlastet ist: Die Autobahn ist neben dem Eisenbahnnetz die Aorta der Schweiz. Mehr als 125'000 Fahrzeuge passieren die meistbefahrene Stelle des Schweizer Autobahnnetzes – die A1 bei Wallisellen – pro Tag. Flurnamen wie Brüttisellen, Limmattal oder Blegi sind vielen nur wegen der gleichnamigen Autobahnverzweigungen ein Begriff. Ein Alltag ohne Autobahn wäre für die Schweizer Wirtschaft undenkbar. Umso erstaunlicher ist es, dass sich ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung noch an ein Land ohne Autobahnen erinnern kann. Denn viele der wichtigen Abschnitte der Autobahn wie der Gotthard-Strassentunnel, der Nordring in Zürich oder die Verbindung zwischen Olten und Luzern wurden erst in den 1980er-Jahren fertiggestellt. Die Geschichte der Schweizer Autobahn beginnt vor rund 70 Jahren in Luzern: Am 11. Juni 1955 wird im Süden der Stadt, ungefähr dort wo die Brauerei Eichhof heute noch steht, die erste Autobahn der Schweiz eröffnet. Damals hat der Bund noch keine Kompetenzen im Strassenbau, unterstützt die Kosten für das Bauwerk von 7 Millionen Franken aber zu 60 Prozent. Die historische Bedeutung des rund 4,1 km langen Abschnittes zwischen Luzern und Ennethorw ist der Presse bewusst. So heisst es in der Sonderbeilage des Vaterlands vom 11. Juni 1955:

Diese bahnbre­chen­de Tat bedeutet einen Wendepunkt im schwei­ze­ri­schen Strassen­bau, und es kann der Eröffnungs­tag […] gleich der damaligen Eröffnung der ersten Eisenbahn­li­nie Zürich-Baden als Ereignis von histori­scher Tragweite bezeich­net werden.

Vaterland vom 11. Juni 1955
Die Autobahn Luzern-Ennethorw an ihrem Südende, um 1955.
Die Autobahn Luzern-Ennethorw an ihrem Südende, um 1955. Staatsarchiv Luzern, A 665/134.5.2
Das Gebiet zwischen Luzern und Ennethorw um 1950.
Das Gebiet zwischen Luzern und Ennethorw um 1959.
Das Gebiet zwischen Luzern und Ennethorw vor (1950) und nach (1959) dem Bau der Autobahn. Der Verlauf der Strasse deckt sich mit dem Verlauf der heutigen A2, wobei heute etwa die Hälfte der Strecke unterirdisch durch den Tunnel «Schlund» verläuft. swisstopo / swisstopo
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw. Überführung der Grisigenstrasse in Ennethorw, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw. Überführung der Grisigenstrasse in Ennethorw, um 1954. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.7
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Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954. Staatsarchiv Luzern, A 665/134.5.7
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Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw. Erstellen der Rohplanie durch anlegen von Schroppen und nachheriges absenken mit Staubsand, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw. Erstellen der Rohplanie durch anlegen von Schroppen und nachheriges absenken mit Staubsand, um 1954. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.1
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Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.34
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Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw. Überführung der Grisigenstrasse in Ennethorw, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw. Überführung der Grisigenstrasse in Ennethorw, um 1954. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.10
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Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.9
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Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.8
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Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954.
Bau der Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1954. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.2
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Ob wir die historische Strasse auch heute noch als Autobahn bezeichnen würden ist zumindest fragwürdig. Wie heutige Autobahnen war die Strasse vierspurig und wurde durch keine Kreuzungen unterbrochen. Andererseits war sie nicht nur kurvenreich – angeblich wollte man sich somit von den schnurgeraden Autobahnen der Nationalsozialisten distanzieren – und hatte weder Pannenstreifen oder Leitplanken, noch galt eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Dafür gab es einen Fussgängerstreifen und die Strasse durfte auch mit Velos befahren werden. Obwohl es schon damals Bedenken gab wegen der Verbauung der Landschaft, überwogen die Euphorie und der Glaube an den Fortschritt. So schrieb die Zeitung Vaterland: «Das als übergrosstuerisch und naturverschandelnd bezeichnete Projekt bietet sich in seiner Ausführung dem Beschauer heute schon mit einer solchen naturverbundenen Selbstverständlichkeit dar, als hätte es von jeher bestanden. Die den technischen Anforderungen absolut entsprechende und dennoch harmonische Linienführung hat die betroffene Landschaft nicht nur nicht verschandelt, sondern geradezu bereichert.»
Reger Verkehr auf der Autobahn bei Horw, um 1955.
Reger Verkehr auf der Autobahn bei Horw, um 1955. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/184.1
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Die Autobahn Luzern-Ennethorw, Blick nach Süden, um 1955.
Die Autobahn Luzern-Ennethorw, Blick nach Süden, um 1955. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/184.3
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Einweihung der Autobahn Luzern-Ennethorw am 11. Juni 1955.
Einweihung der Autobahn Luzern-Ennethorw am 11. Juni 1955. Staatsarchiv Luzern, FDC 54/183.35
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Regierungsrat Winiker zerschneidet das Band anlässlich der Eröffnung der Autobahn Luzern-Ennethorw am 11. Juni 1955.
Regierungsrat Winiker zerschneidet das Band anlässlich der Eröffnung der Autobahn Luzern-Ennethorw am 11. Juni 1955. Staatsarchiv Luzern, A 665/134.5.1
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Die Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1955.
Die Autobahn Luzern-Ennethorw, um 1955. Staatsarchiv Luzern, A 665/134.5.3
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Erster Abschnitt des Nationalstrassennetzes

Obwohl das erste Stück Autobahn nur vier Kilometer lang war und zunächst vor allem die lokale Bevölkerung davon profitierte, war man sich bereits bewusst, dass dies erst ein kleines Puzzleteil eines gesamtschweizerischen Nationalstrassennetzes war, das dereinst Hamburg mit Genua verbinden sollte. Heute ist dieser historische Strassenabschnitt Teil der Autobahn A2 und diese wiederum ist als E35 tatsächlich Teil des europäischen Netzes von Amsterdam nach Rom. Mit der Verabschiedung des Nationalstrassengesetzes 1960 erhielt der Bund die Verantwortung für den Bau der Autobahnen. Die Ambitionen waren hoch: Bis zum Jahr 1980 sollten 1800 Kilometer Strassen quer durch die Schweiz gebaut sein.
Karte der Nationalstrassenplanung von 1958.
Karte der Nationalstrassenplanung von 1958. Schweizerisches Bundesarchiv
Das erste Stück des Nationalstrassennetzes verlief unweit von der ersten Autobahn, nämlich von Hergiswil bis zur Luzerner Kantonsgrenze. Es wurde 1962 eröffnet. Im gleichen Jahr folgte der erste Abschnitt der heutigen A1 zwischen dem Genfer- und dem Bodensee: die Grauholzautobahn bei Bern. Auch bei dieser Eröffnung zerstreuten die Verantwortlichen allfällige Ängste vor Zerstörung der Umwelt und der Landschaft. Der damalige Bundesrat Hans-Peter Tschudi betonte in seiner Ansprache zur Eröffnung: «Es handelt sich um ein hervorragendes Werk der modernen Technik. Die Autobahn fügt sich ausgezeichnet in diese schöne bernische Landschaften ein. Das Werk des Menschen beeinträchtigt das Bild der Heimat nicht».
Radiobericht von der Eröffnung der Grauholz-Autobahn im Mai 1962. SRF
Im Laufe der 1960er-Jahre wurde an verschiedenen Orten am Nationalstrassennetz gebaut. Immer neue Teilstücke konnten feierlich eröffnet werden. Doch eine Autobahn zu bauen, heisst nicht, nur Asphalt zu verlegen, sondern es müssen Viadukte, Brücken und Tunnels gebaut werden. Der Bau dieser Infrastrukturen ist oft teuer und kompliziert, wie in den Unterlagen, die heute im Bundesarchiv gelagert sind, steht. 1964 erhielt auch die Romandie ihre erste Autobahn. Pünktlich auf die Expo 64 konnte die Strecke zwischen Genf und Lausanne eingeweiht werden.
Einweihung der Autobahn Lausanne-Genf am 1. Mai 1964. Schweizerisches Bundesarchiv

Immer mit Vollgas

Die Autobahnen entlasteten die Gemeinden und Orte erheblich. Was die Schnellstrassen aber nicht verhindern konnten, sind schwere Verkehrsunfälle. Im Gegenteil: Zwischen 1960 und 1970 stieg die Zahl der Verkehrstoten von jährlich 1100 auf 1700 an. Zu den hohen Unfallzahlen trug sicher die Tatsache bei, dass auf der Autobahn einerseits zu Beginn noch keine Leitplanken auf dem Mittelstreifen vorhanden waren und andererseits nur Richtgeschwindigkeiten anstatt Geschwindigkeitsbegrenzungen galten. Bereits 1963, also kurz nach der Eröffnung des Autobahnstücks zwischen Luzern und Hergiswil, bat der Kantonsingenieur des Kantons Nidwalden das Bundesamt für Strassen zu prüfen, ob auf der A2 eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 km/h eingeführt werden könnte. Grund für die Anfrage war ein schwerer Unfall, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Das Anliegen wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, dass der Bundesrat generell keine Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn wolle. Erst zehn Jahre später führte man versuchsweise eine Limite von 100 km/h ein, um sie kurz darauf auf 130 km/h zu erhöhen. Seit 1985 gilt die Limite von 120 km/h. Bei den Verkehrstoten kam nach 1970 die Wende: Die Zahl der im Strassenverkehr tödlich verunfallten Personen sank stetig, 2019 starben noch 250 Menschen bei Verkehrsunfällen.
Was sagen die Schweizerinnen und Schweizer zu den Tempolimiten. Beitrag der Rundschau vom 15.08.1989. SRF

Das erste Mal…

Es gibt immer ein erstes Mal. In dieser Serie werden historische Schweizer Premieren beleuchtet. Die Themen sind vielfältig: vom ersten Zebrastreifen bis zur allerersten Volksinitiative. Die Beiträge sind in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Bundesarchiv entstanden.

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