Alte Heldengeschichten wie jene von Wilhelm Tell schweissten die verschiedenen Gruppierungen der Helvetischen Gesellschaft zusammen.
Alte Heldengeschichten wie jene von Wilhelm Tell schweissten die verschiedenen Gruppierungen der Helvetischen Gesellschaft zusammen. Schweizerisches Nationalmuseum

Trinken für ein Miteinander

Wie eine Chilbi die zerstrittenen und feindseligen Gruppen der alten Eidgenossenschaft wieder an einen Tisch brachten...

Schweizerisches Nationalmuseum

Schweizerisches Nationalmuseum

Das meistbesuchte kulturhistorische Museum der Schweiz.

Eine Gruppe junger Männer aus besten Kreisen beschloss 1762 ihrem bisher lockeren Freundeskreis eine feste Form zu geben. Als «Helvetische Gesellschaft» wollten sie jedes Jahr eine Zusammenkunft im mondänen Badeort Schinznach veranstalten. Ziel dieser Gesellschaft war es, die festgefahrene konfessionelle Zerrissenheit der Eidgenossenschaft zu überwinden und dem gemeineidgenössischen Bewusstsein neuen Auftrieb zu geben. In Schinznach konnten sich Reformierte und Katholiken für einige Tage treffen, ungezwungen Freundschaften pflegen und die Freiheitsliebe zelebrieren. Heute würde man dies als Ort des Dialogs bezeichnen. Was als kleine «philosophische Tagsatzung» begonnen hatte, wuchs sich im Verlauf der nächsten Jahrzehnte zu einer Grossveranstaltung aus. Etwas ironisch bezeichnete ein treues Mitglied die Versammlungen gegen Ende des Jahrhunderts als «Patriotenchilbi». Hier trafen sich nicht nur die Vertreter der aristokratischen Familien, auch die Eliten der aufstrebenden Untertanenstädte fanden sich ein. Hier wurden aber auch Sprachgräben zugeschüttet, denn Französisch sprechende Vertreter waren in Schinznach ebenfalls willkommen.
Tafelaufsatz mit Trinkglas für die Feste der Helvetischen Gesellschaft. Hergestellt von Alexander Trippel, 1780.
Tafelaufsatz mit Trinkglas für die Feste der Helvetischen Gesellschaft. Hergestellt von Alexander Trippel, 1780. Schweizerisches Nationalmuseum
Im Zentrum der Versammlungen stand neben patriotischen Reden das gemeinsame Singen, Essen und Trinken. Die Lieder beschworen den Gemeinsinn und die heroische Geschichte, immer wieder wurden die Becher neu gefüllt. Der «Tellenbecher», ein Werk des Schaffhauser Bildhauers Alexander Trippel, wurde zum Symbol der Beschwörung einer Schweiz, die stolz auf ihre Vergangenheit und  Zuversichtlich in die Zukunft blickte. Ab 1780 fand die Veranstaltung in Olten und später in Aarau statt. Mit der Gründung des Bundesstaates 1848 schein das Ziel der Helvetischen Gesellschaft endgültig erreicht. Sie löste sich wenig später auf. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnerten sich einige junge Männer an den Geist der Bewegung von Schinznach. Wieder waren die inneren Gräben gross und eine langfristige Zukunft des Landes war plötzlich nicht mehr ganz so klar. Die «Neue Helvetische Gesellschaft» besteht bis heute und hat unter anderem entscheidend zur Gründung der Auslandschweizer-Organisation ASO beigetragen oder sich 1920 für den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund stark gemacht.

1 Objekt — 1 Geschichte

In loser Folge werden unter dem Titel «1 Objekt – 1 Geschichte» Objekte aus der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums vorgestellt. Dabei geht es weniger um die technischen Daten der Exponate, sondern vielmehr um ihre Geschichten. Erst durch diese Stories erwachen die Becher, Schwerter oder Fotografien zum Leben und lassen uns erahnen, was frühere Generationen erlebt haben.

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