Logo der Schweizer Bewerbung für die Fussball-WM 1998.
Die Schweizer Träume einer WM im eigenen Land verblassten schon Jahre vor dem Anlass... zVg

WM-Träume aus Stahlrohr

Die kleine Schweiz dachte gross: 1998 wollte sie die Fussball-WM ausrichten. Es begann mit Plänen für Riesenstadien und endete mit Provisorien auf Dorfplätzen – und einer grossen Blamage.

Mämä Sykora

Mämä Sykora

Mämä Sykora ist Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf».

Alles nahm seinen Anfang mit einer harmlosen Schmeichelei. An der Fussball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko trifft der damalige FIFA-Präsident João Havelange auf Heinrich Röthlisberger, Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV), und sagt, wie toll es doch wäre, die WM in der Schweiz, der Heimat des Weltverbandes auszutragen. Damit setzt er Röthlisberger einen Floh ins Ohr, der dazu führen sollte, dass sich die Schweiz vor aller Welt zum Gespött machte. Röthlisberger ist nämlich sofort Feuer und Flamme. Nach ersten Abklärungen verkündet er: «Havelange hat mir versichert, dass wir den Zuschlag erhalten, wenn wir die WM 1998 wollen.» Und der Blick titelt: «Freilos für die Schweiz!». Ganz vergessen geht, dass der Fussball massiv gewachsen ist, seit die WM 1954 zuletzt hierzulande durchgeführt wurde. Damals trugen die 16 Teilnehmer 26 Spiele in 6 Stadien aus, die so vollgestopft werden konnten, dass selbst im Cornaredo in Lugano 36'000 Leute Platz fanden. 1998 sollen es doppelt so viele Teilnehmer sein, es braucht zehn grosse Stadien mit ausschliesslich Sitzplätzen. Die veraltete Infrastruktur hierzulande reicht weder von der Kapazität noch bezüglich Sicherheit auch nur annährend.
Die Schweizer Fussballstadien der WM 1954. YouTube
SFV-Präsident Röthlisberger lässt sich nicht beirren. Er holt potenzielle Sponsoren an Bord, weibelt bei der Politik und verkündet in der Zeitung Sport: «Je mehr man sich mit dem Projekt befasst, desto weniger wird es utopisch.» Allerorts wird an Plänen für neue Stadien gewerkelt. Der St.-Jakob-Park in Basel etwa soll für 200 Millionen Franken neu gebaut werden und 50'000 Sitzplätze aufweisen, das Berner Wankdorf zum zweiten Grossstadion ausgebaut werden. Weil die Zeit drängt, sucht man nach kreativen Lösungen. In St. Gallen etwa kann das Espenmoos aus Platzgründen nicht wachsen, also will man kurzerhand einen Neubau im Gründenmoos errichten. Und in Luzern soll das projektierte Waldstadion (30'000 Plätze) mit einer unterirdischen Schiessanlage kombiniert werden, die an Matchtagen als Parkhaus dienen soll – ein Art vorzeitliche Mantelnutzung.
Blick in das Bewerbungsdossier des SFV.
Blick in das Bewerbungsdossier des SFV. zVg
Das Luzerner Waldstadion gab es erst als grobe Skizze,
Das Luzerner Waldstadion gab es erst als grobe Skizze, zVg
Im Juni 1989 tritt das Initiativkomitee unter Heinrich Röthlisberger – als SFV-Präsident war er mittlerweile von Fredy Rumo abgelöst worden – vor die Presse.  Zu berichten gibt es indes kaum Positives: Gegen die geplanten Stadien regt sich allerorts Widerstand, keine Stadt will sich finanziell beteiligen, an den Urnen reiht sich Niederlage an Niederlage. Die Folge: Sämtliche Projekte werden stark redimensioniert, einige Austragungsorte, wie etwa Aarau, ziehen sich gar ganz zurück. Mindestens 120 Millionen Franken erwartet die FIFA vom Verkauf der WM-Tickets; ein Betrag, der ohne grosse Arenen nicht wieder einzuspielen ist.
Zeitplan des Initiativkomitees.
Zeitplan des Initiativkomitees. Schweizerisches Bundesarchiv
Sepp Blatter mit dem WM-Pokal, 1998.
Sepp Blatter mit dem WM-Pokal, 1998. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Als im Sommer 1990 die WM in Italien in modernen, grossen Stadien anläuft, sieht auch Röthlisberger die Sinnlosigkeit des Unterfangens ein. In einem Fax erklärt er der FIFA den Rückzug der Schweizer Kandidatur. Doch SFV-Präsident Rumo, der die WM-Träume stets als Luftschlösser abgetan hatte, bekräftigt, die Schweiz sei sehr wohl immer noch sehr interessiert, die Absage sei ein Alleingang von Röthlisberger gewesen und darum nichtig. Neue Hoffnung schöpft er aus Aussagen von FIFA-Generalsekretär Sepp Blatter. Der meinte nämlich: «Eine Kandidatur soll nicht an der Kapazität der Stadien scheitern.» Nach «Italia 90» und der anstehenden WM in den USA wolle der Weltverband weg vom Gigantismus, nun sollen bei der Vergabe auch ökologische Überlegungen eine Rolle spielen.
Eröffnungszeremonie der WM in Italien 1990. YouTube
In aller Eile macht sich Roger Hauser, der neue Präsident des Initiativkomitees, daran, die Stadionprobleme zu lösen. Und er glaubt, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Im Dossier, das im September 1991 im Zürcher Grand Hotel Dolder feierlich den FIFA-Vertretern überreicht wird, sind die grossen Arenen verschwunden, stattdessen werden für die Spielorte Provisorien präsentiert. Mit Stahlrohrtribünen sollen die viel zu kleinen Stadien temporär auf WM-Grösse wachsen. Mangels Alternativen müssen sogar Baden und Thun als Austragungsort herhalten. Der Sportplatz Lachen, wo sonst 300 Leute die 1.-Liga-Partien des FC Thun verfolgen, soll auf sagenhafte 46'000 Plätze anwachsen. An mehreren Orten sollen provisorische Bahnhöfe aus Holz errichtet werden. Selbst bislang euphorische Befürworter zeigen sich skeptisch, nur die Finanz und Wirtschaft jubelt: «Noch nie waren die Chancen für unser Land, sich weltweit in Szene zu setzen, so gut – nutzen wir sie.»
Selbst im Thuner Stadion Lachen sollen WM-Spiele stattfinden. Das Bild stammt von 1995.
Selbst im Thuner Stadion Lachen sollen WM-Spiele stattfinden. Das Bild stammt von 1995. ETH Bibliothek Zürich
Im Dossier finden sich zwar unzählige Empfehlungsschreiben und Absichtserklärungen, dafür herzlich wenig Konkretes. Mehrfach macht die FIFA das Initiativkomitee auf solche Mängel aufmerksam. Anfang Mai 1992 schickt sie eine Delegation in unser Land, Bundespräsident Flavio Cotti wird vorgeschickt, um die Unterstützung der Politik zu versichern. Wenige Tage darauf folgt der K.o.-Schlag: In Bastia kracht während eines Fussballspiels eine ebensolche Stahlrohrtribüne zusammen, 18 Menschen sterben, über 2000 werden verletzt. Umgehend verbietet die FIFA bis auf Weiteres solche Provisorien. Nun betteln selbst Regierungsvertreter bei Fredy Rumo, er solle die Bewerbung zurückziehen. Vergebens.
Mit Provisorien wollte der SFV die fehlenden Kapazitäten decken. Im Bewerbungsdossier wurden dafür verschiedene Beispiele aufgeführt.
Mit Provisorien wollte der SFV die fehlenden Kapazitäten decken. Im Bewerbungsdossier wurden dafür verschiedene Beispiele aufgeführt. zVg
Ausgerechnet in Zürich wählt das FIFA-Exekutivkomitee im Juli den Gastgeber der WM 1998. Das Rennen macht Frankreich mit 12 Stimmen vor Marokko mit 7. Die Schweiz? Deren Dossier wird aufgrund «technischer Mängel» gar nicht erst zur Wahl zugelassen. Die NZZ urteilt: «Die Schlappe zeugt von einer Fehleinschätzung eigener Chancen mit einem Konzept provisorischen Charakters sowie einem mangelhaft ausgebildeten Sensorium für die Stimmung in massgebenden Funktionärsetagen.» Und der Tages-Anzeiger findet es schlicht «einmalig und sehr peinlich». Traurig über diese Schlappe ist ausser der SFV kaum jemand. Der lernt immerhin, dass so ein Grossanlass im Alleingang nicht zu stemmen ist – und schliesst sich für die Europameisterschaft 2008 mit Österreich zusammen. Auf die angekündigte Abkehr vom Gigantismus wartet man bei der FIFA allerdings weiterhin.

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