Lausanner Spieler jubeln im Cupfinal von 1981.
Lausanner Spieler jubeln nach einem Tor im Cupfinal 1981 gegen den FC Zürich. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Vom Kämpfer zum Model

In den 1980ern war der Fussballer ein Kämpfer, ein Jahrzehnt später ein sportlicher Popstar und heute ein Model. Die Wandlung des Männerbilds sieht man nirgends besser als auf dem Fussballplatz.

Mämä Sykora

Mämä Sykora

Mämä Sykora ist Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf».

Das Männerbild hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Im Fussballstadion ist dies besonders gut ersichtlich. Die Spieler der verschiedenen Jahrzehnte sind Prototypen für das männliche Rollenverständnis jener Zeit. Ob Abenteurer in den 1930ern oder Kämpfernatur 50 Jahre später, Fussballer sind auch immer Repräsentanten einer Gesellschaft.

Der Kämpfer: 1980er-Jahre

Man war beinhart, zeigte unbändigen Willen und vor allem keine Schwäche. Nie. «Wenn es dir im Training irgendwo wehtat, hast du dich sicher nicht getraut, das zu sagen», erzählt Charly In- Albon. Der Walliser gewann mit GC fünf Meistertitel und war geschätzt und gefürchtet für seinen bedingungslosen Einsatz. «Vielleicht gingst du zum Pfleger, der es dem Trainer beibringen wollte und dann zusammengeschissen wurde.» Was zählte, waren Biss und Kampf. «Im Training wurden wir geschlaucht», so In-Albon. 45 Minuten laufen, nach 10 Minuten sei man übersäuert gewesen und den Rest nur noch eine Willenssache. «Wir wollten ja harte Typen sein, dieses Image hatten wir.» Zusammen mit Roger Wehrli, Andy Egli oder Heinz Lüdi war In-Albon Teil der «Abbruch GmbH», wie Paul Wolfisbergs Nati-Verteidigung der 1980er-Jahre genannt wurde. Kompromisslos und mit allen damals erlaubten Mitteln erklärte sie jeden Gegner zum Freiwild. Notorisch erfolglos blieb die Nati dennoch – oder gerade deshalb.
Aber der Fussball war damals auch um uns herum kein schöner – von Ausnahmekönnern wie Maradona oder Platini einmal abgesehen. Die für den grossen Durchschnitt stilbildenden Kicker kamen aus Deutschland – und gaben auch ihre Gastspiele in der Schweiz. Karl-Heinz Rummenigge beendete seine Karriere bei Servette, Europameister Hanspeter Briegel – die «Walz aus der Pfalz» – gar beim FC Glarus. Vor allem aber prägten deutsche Trainer wie Friedel Rausch, Jürgen Sundermann oder Hennes Weisweiler eine ganze Generation von Schweizer Fussballern. Der Drill dominierte, alles unter einem glatten Beinbruch galt nicht als Ausrede für fehlenden Einsatz. Die Übernamen der Helden von damals sprechen Bände: «Die Eiche» Heinz Lüdi, «Giftzahn» Roger Wehrli – und natürlich «Eisenfuss» Charly In-Albon. Der Schnauz, dieses ausgestorben geglaubte Männlichkeitssymbol, erlebte ein Comeback; selbstverständlich zierte er auch In-Albons Oberlippe. Die Haare kurz, die Kleidung praktisch. «Moden gab es nicht», so der 40-fache Nationalspieler. Das erste Tattoo sah er an seinem GC-Mitspieler Wynton Rufer: «Wir haben den angeschaut, als komme er von einem anderen Planeten.» Über die heutige Generation, bei der ein unbemalter Körper eine Ausnahme ist, urteilt In-Albon so: «Die sind doch alle vermimöselet.» Zu Eisenfuss’ Zeiten hätten sie es wahrlich schwer gehabt.
Illustration eines Fussballspielers.
Illustration: Laura Herter

Der Popstar: 1990er-Jahre

Pascal Castillo trägt blonde Mèches in den stark gegelten Haaren und eine Goldkette. Giuseppe Mazzarelli präsentiert seine Dauerwelle. Und Marc Hodels Scheitel sitzt perfekt. Dass in den 1990ern neue Modeströme auch die Fussballwelt erreichten, ist in den Panini- Alben von damals unverkennbar. «Ich hatte eine Take-That-Frisur, dazu zwei Ohrringe», erinnert sich Hodel, der für den FCZ und GC. Inspiration sei in jener Zeit nicht von den Fussball-Weltstars gekommen. Schliesslich habe man seine Vorbilder mangels TV-Präsenz kaum je spielen sehen. Nur ausgesuchte Matches wurden hierzulande übertragen, die internationalen Stars konnte man fast nur an Welt- und Europameisterschaften in Aktion sehen. Deutlich prägender seien die Grössen aus Film und Pop gewesen: Leonardo DiCaprio oder eben die Boybands. Doch der Fussball holte in dieser Dekade rasant auf und erreichte immer weitere Bevölkerungsschichten. Wer auffallen wollte, musste mehr bieten, als nur mit der Mode zu gehen.
Die Wege zu mehr Individualität waren mannigfaltig: Roberto Baggio trug Pferdeschwanz, Henrik Larsson Rastas, Taribo West färbte seine Haare grün, Eric Cantona stellte stets den Kragen hoch. Man sah Irokesenschnitte und platinblonde Haare, auch die Kleidung wurde extravaganter. Der Fussballer wurde zur Marke, und David Beckham die erfolgreichste. «Auch in meinen Teams gab es welche, die ebenso extrovertiert hätten sein können», meint Hodel. «Bloss: Es gab keine Plattform.» Er erinnert sich aber daran, dass einige Teamkollegen vor den Fernsehspielen mehr Zeit vor dem Spiegel verbrachten als mit Aufwärmen. Das – «und vielleicht nach dem Spiel das Kaufleuten» – sei aber die einzige Bühne gewesen. Als «unmännlich» sei das Auftreten der neuen Generation von den Arrivierten nie verschrien worden. «Sie fanden höchstens, dass es blöd aussehe», so der 13-fache Nationalspieler. Auch sei es damals ein riesiger Unterschied gewesen, ob man in Aarau, Sion oder Zürich gespielt habe: In den grösseren Städten folgten die Fussballer viel schneller den Modetrends, während sie anderswo noch verpönt waren. Wert legte man hauptsächlich auf Frisur und Kleidung. Der Körperkult von heute sei damals noch in weiter Ferne gewesen. Und das aus gutem Grund: «So fit waren wir ja damals dann doch nicht. Als ich einmal auf Paul Gascoigne traf, trug der auffällige wasserstoffblonde Haare – aber auch ein Bäuchlein».
Illustration eines Fussballspielers.
Illustration: Laura Herter

Das Model: ab den 2000er-Jahren

Als in Basel 2013 ein Beautycenter eröffnet, ist auch das ganze Team des FC Basel vor Ort. Yann Sommer erzählt freimütig von seinen Besuchen bei der Kosmetikerin und gibt Tipps für Anti-Aging-Cremes. Trainer Murat Yakin hingegen hat nur einmal ein Peeling ausprobiert – er bekam Ausschlag. Deutlicher können Generationenunterschiede nicht auffallen. Mode und Styling haben die Garderoben erobert. Pascal Schürpf, heute Stürmer in Luzern, hat damit kein Problem: «Ich finde es eher spannend, dass es so viele Spieler gibt, die sich intensiv mit Mode und Styling beschäftigen.» Schliesslich sei es deren Privatleben, und solange die Leistung stimme, sei daran nichts auszusetzen. «Sprüche in der Kabine gibt es deswegen jedenfalls keine.»
In der Schweiz symbolisiert wohl keiner den «neuen» Fussballer besser als Nationalgoalie Yann Sommer. Er redet über Mode und Parfums, streamt eine Kochshow und ist das Gesicht von Nivea. In einer Werbekampagne heisst es: «Echte Männer haben den Mut, auch zu ihrer sensiblen Seite zu stehen – und diese zu pflegen.» Dass Fussballer sich in Bereiche vorwagen, die noch wenige Jahre zuvor als «typisch weiblich» abgetan wurden, ist nicht die einzige Veränderung. Wenn Alex Frei an der Heim-EM 2008 bei seiner verlertzungsbedingte Auswechslung in Tränen ausbricht oder Cristiano Ronaldo in einem Interview zu weinen beginnt, bricht keine Welle von Spott über sie herein. Die sensible Seite soll nun offener gezeigt werden. Zumindest, wenn sie ins Bild passt. Der Körper ist das Kapital der Fussballer. Sie achten peinlichst auf ihre Ernährung und ihre Erscheinung. Bisweilen treibt das seltsame Blüten: Real-Madrid-Star Marco Asensio verpasste einst eine Champions-League-Partie, weil sich nach der Rasur der Beinhaare Pickel gebildet hatten. Man kann sich nur vorstellen, wie ein Trainer der alten Schule wie Felix Magath darauf reagiert hätte. Auch Pascal Schürpf räumt ein: «Früher brauchte man sicher eine gröbere Verletzung, bis man zu einem Physio vorgelassen wurde.» Die heutigen Profis kennen ihren Körper besser und interessieren sich auch dafür, weil sie wissen, dass sie ohne die nötige Fitness keine Chance haben. Dank Social Media haben sie nun eine einfache Möglichkeit, sich ihren Fans zu präsentieren – gerne auch mit glatt rasiertem Oberkörper oder rosa T-Shirt.
Illustration eines Fussballspielers.
Illustration: Laura Herter
Lesen Sie im ersten Teil, wie der Abenteurer zum Schwiegersohn gezähmt wurde und warum er dann trotzdem rebellierte. Zumindest ein bisschen.

Der erschöpf­te Mann

Blick in die Ausstellung.
16.10.2020 10.01.2021 Landesmuseum Zürich
Seit Jahrhun­der­ten pendeln Ideale der Männlich­keit zwischen unverletz­li­cher Stärke und offen gezeigter Schwäche. Die vierte Schau der beiden Gastku­ra­to­ren Stefan Zweifel und Juri Steiner im Landes­mu­se­um unternimmt einen Streifzug durch die europäi­sche Kultur­ge­schich­te des Mannes. Seine Spuren finden sich durch die Jahrhun­der­te in Kunst, Geschich­te, Literatur oder Kino.

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