Bahnhof Rorschach auf einem Stich von 1856.
Nach seiner Zeit am Bodensee wurden Teile der Rorschacher Bahnhofshalle 1861 nach Glarus transportiert und dort weiterverwendet. Stich von 1856. SBB Historic

Bahnhof-Recycling

In den Anfängen der Eisenbahn wurde das neue Transportmittel kritisch beäugt. Dies zeigte sich auch in günstigen Bahnhof-Provisorien, welche erst nach und nach durch repräsentative Bauten ersetzt wurden und ein Bahnhof-Recycling nach sich zogen.

Katrin Brunner

Katrin Brunner

Katrin Brunner ist selbstständige Journalistin mit Schwerpunkt Geschichte und Chronistin von Niederweningen.

Am 15. Juni 1844 fuhr eine Eisenbahn von Strassbourg kommend nach Basel. An und für sich keine grosse Sache. Aber es war die erste ihrer Art und eine Sensation auf Schweizer Boden – auch wenn es «nur» zwei Kilometer in der Schweiz waren. Der Basler Bahnhof, wenn man zu dieser Zeit überhaupt von einem Bahnhof sprechen kann, war ein Provisorium. Mehr nicht. Und damit war er nicht alleine... Innert kurzer Zeit wurden im ganzen Land zahlreiche Eisenbahnstrecken projektiert und gebaut. Die einzelnen Haltestellen boten Reisenden und den zu transportierenden Gütern teilweise nur primitiven Schutz vor Wind und Wetter. Güterschuppen trennte man oft mit einfachen Warteräumen und Toiletten vom Lagerraum ab. Der Verzicht auf solide Stationsgebäude war in der aktuellen Situation für die jungen Bahngesellschaften eine Kostenfrage.
Der Basler Centralbahnhof um 1860.
Der Basler Centralbahnhof um 1860. Schweizerisches Nationalmuseum
Mit der Fertigstellung der Verbindung zwischen der Ostschweiz und der Stadt Winterthur 1855, dem Bau des Wipkinger Tunnels und der damit zusammenhängenden Anbindung an Zürich wurde jedoch ein grösseres Bahnhofsgebäude in Winterthur notwendig. Obwohl die Nordostbahn Ferdinand Stadler mit der entsprechenden Planung eines neuen Bahnhofs beauftragt hatte, blieb es vorerst beim Provisorium. Dieses, nach den Plänen des deutschen Architekten August von Beckh gebaute hübsche Fachwerkgebäude mit eingeschossigem Mittelteil und zwei zweistöckigen Flügeln, war schon bald zu klein für den prosperierenden Verkehrsknotenpunkt. Denn, der Siegeszug des neuen Transportmittels hielt an, und so wurde repräsentativer geplant und gebaut.
Alter Bahnhof von Winterthur, der später in Zürich als Kornhauswirtschaft genutzt wurde.
Der alte Bahnhof von Winterthur wurde später in Zürich als «Kornwirtschaft» weitergeführt. Baugeschichtliches Archiv
Bahnhof von Winterthur, um 1870.
Nachdem der alte Bahnhof «abgeschoben» worden war, erhielt Winterthur 1860 einen neuen Bahnhof. Wikimedia
Winterthur erhielt 1860 einen Bahnhof, der einer Stadt würdiger erschien, als das kleine Fachwerkhaus. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend, dachte man über seine weitere Verwendung nach. Diese war bald gefunden, und das ganze Gebäude wurde durch die Nordostbahn an die Stadt Zürich verkauft und in die Limmatstadt transportiert. Dort entstand daraus die Kornhauswirtschaft. Wo früher Züge einfuhren, wurde nun unter anderem Bier und Ähnliches getrunken. Erst als das Haus der Landesausstellung im Weg stand, wurde es 1883 abgerissen.
Schweizerische Landesausstellung von 1883 in Zürich.
Der alte Winterthurer Bahnhof musste in den 1880er-Jahren für die Landesausstellung in Zürich endgültig weichen. ETH Bibliothek Zürich
Die Versetzung ganzer Bahnhöfe oder zumindest Teile davon war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht aussergewöhnlich. So wurden im Mai 1861 Teile der Rorschacher Bahnhofshalle nach Glarus transportiert. Auch dieser Bahnhof wurde aber mit der Zeit zu klein und als 1902 der Bau zum neuen Bahnhof begann, fragte man sich: Wohin mit dem alten Gebäude? Die Kosten für eine mögliche Versetzung erscheinen für die damalige Zeit astronomisch. Rund 26‘000 Franken – ohne Transportkosten wurden veranschlagt. Eine Machbarkeitsstudie zeigte, dass in Chur und in St. Gallen der Platz fehlte, eine Rückkehr nach Rorschach noch teurer käme und in Sargans vorgängig Land gekauft werden müsste. Schlussendlich bewarb sich Landquart, um der wachsenden Zahl von Angestellten der Rhätischen Bahn mit Wohnungen, welche im alten Bahnhofsgebäude geplant waren, ein Zuhause zu bieten. Aus Kostengründen lehnte die Direktion der Vereinigten Schweizerbahnen im Februar 1902 die Versetzung und weitere Verwendung des Gebäudes schliesslich ab. Rorschach, Winterthur oder Glarus sind gute Beispiele für das Bahnhof-Recycling, welches im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schweiz betrieben worden war. Auch heute werden in der Schweiz noch Bahnhofsgebäude verschoben. Beispielsweise im Sommer 2022 in Lugano, wo ein 600 Tonnen schweres Haus um 40 Meter verschoben wurde. Allerdings sind die Gründe heute andere als in der Anfangszeit der Eisenbahn. Aktuelle Gebäudeverschiebungen werden meist aus denkmalpflegerischen Motiven gemacht.
Verschiebung eines Bahnhofgebäudes in Lugano, August 2020 (auf Italienisch). RSI

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