Ansichtskarte vom Bahnhof Kallnach, 1915.
Anfang Januar 1918 wurde das Berner Dorf Kallnach bombardiert. Auf dieser Ansichtskarte von 1915 ist der Bahnhof, in dessen Nähe die Bomben explodierten, zu sehen. memreg.ch

Bomben auf Kallnach

Am 6. Januar 1918 gehen fünf Bomben in der Nähe des Bahnhofs Kallnach nieder. Das Grosse Moos im Berner Seeland wird von den Detonationen erschüttert. Glücklicherweise ist nur ein Sachschaden zu beklagen. Schnell ist klar: bei den Bomben handelt es sich um französische Fabrikate. Wer aber die Bomben abgeworfen hat, bleibt ein Rätsel...

Juri Jaquemet

Juri Jaquemet

Dr. phil., Sammlungskurator für Informations- und Kommunikationstechnologie, Museum für Kommunikation, Bern

Wir befinden uns im vierten Winter des Ersten Weltkrieges. Am Sonntag, 6. Januar 1918, ist es um 6 Uhr 30 in der Früh noch dunkel im bernischen Kallnach. Das Dorf am Rande des Grossen Mooses liegt im dem für das Seeland typischen Nebel – die Böden sind leicht mit Schnee bedeckt. Ein vollbesetzter Zug mit Soldaten der Schweizer Armee hat soeben den Bahnhof in Richtung Aarberg verlassen. Dann zerreissen mehrere Detonationen die Stille. Aus einem Flugzeug wurden Bomben abgeworfen! Der zum Tatort geeilte Regierungsstatthalter aus Aarberg zählt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs drei Bombenkrater von zwei bis drei Metern Durchmesser und zwei kleinere Einschlagstellen.
Der Bahnhof von Kallnach auf einer Fotografie von 1938.
Der Bahnhof von Kallnach auf einer Fotografie von 1938. SBB Historic
Plan der Bombenabwürfe in Kallnach.
Die Bomben gingen unmittelbar östlich des Bahnhofs Kallnach nieder. «Explosivbomben» lassen Gebäudeteile bersten und erhöhen damit die Wirksamkeit der danach abgeworfenen Brandbomben. Schweizerisches Bundesarchiv
Tote oder Verletzte sind nicht zu beklagen. Das Bahnhofspersonal und die Soldaten im erwähnten Zug haben grosses Glück gehabt. Zu den materiellen Schäden notiert der Regierungsstatthalter: «Eine Beschädigung ist wahrnehmbar an der Telegraphenleitung zum Stationsgebäude, wo drei Drahtleitungen zerrissen sind. Auch beim Gebäude des Mechaniker Köhli ist wahrscheinlich infolge des Luftdruckes eine Fensterscheibe zertrümmert worden. Sonst sind keine Beschädigungen wahrnehmbar.» Später wird der Gesamtschaden vom Regierungsrat des Kantons Bern mit 242 Franken 50 beziffert, was heute teuerungsbereinigt etwa 1300 Franken entspricht.
Artikel in der Schweizer Illustrierten von 1918.
Aus der Schweizer Illustrierten stammt die einzig bisher bekannte Fotografie des Vorfalls in Kallnach. Drei Jugendliche stehen in einem der Bombenkrater und halten ein weggesprengtes Stück Erde in der Hand. Schweizer Illustrierte
Offiziere des Fortifikationskommandos Murten sichern noch am 6. Januar die vorhandenen Bombensplitter und senden diese nach Bundesbern. Bald sind auch Journalisten vor Ort.  Das Bieler Tagblatt sowie Der Bund berichten ausführlich aus Kallnach. Da die Sicht schlecht war, konnte niemand das angreifende Flugzeug beobachten. Gehört wurden Fliegergeräusche in Biel, Aarberg und über dem Frienisberg. Dann habe sich der Flieger «über das Moos» entfernt, so das Bieler Tagblatt. Einige Anwohnerinnen und Anwohner vermuteten laut Presseberichten einen gezielten Angriff auf den besagten Zug mit Soldaten, auf die bereits in der Früh beleuchtete Karbidfabrik oder auf das nahe Elektrizitätswerk. Bereits am 8. Januar ist klar, dass es sich bei den Bomben um französische Fabrikate handelt. Die Gazette de Lausanne berichtet: «Plusieurs des fragments recueillis sur place portaient l’inscription SFA (services français d’aviation)». Die Fragmente sind typengleich mit den im Vorjahr sichergestellten Bombensplittern von den Bombardierungen in Pruntrut (April 1917), Muttenz und Menziken (Dezember 1917). Auch sind hier nur Sachschäden zu beklagen.
Beschädigtes Haus in Pruntrut nach der Bombardierung im April 1917.
Beschädigtes Haus in Pruntrut nach der Bombardierung im April 1917. ETH Bibliothek Zürich
Wie in den anderen Fällen auch, folgt ein diplomatisches Hin und Her zwischen Paris und Bern. Am 11. Januar bringt der französische Minister des Auswärtigen dem Schweizer Botschafter in Paris «das lebhafte Bedauern der französischen Regierung» zum Ausdruck – so die Zeitung Der Bund. Der französische Botschafter Jean-Baptiste-Paul Beau spricht mit der gleichen Absicht beim Bundespräsidenten vor. Die Franzosen versprechen eine gestrenge Untersuchung des Vorfalls und eine Schadensersatzzahlung. Der lange Artikel im Bieler Tagblatt am Tag nach der Bombardierung schliesst mit der Feststellung «Es scheint sich hernach um einen völlig verirrten Flieger zu handeln, der gerade über Kallnach das Gewicht seiner Maschine etwas erleichtern wollte. Das ist jedenfalls nach unserer Ansicht die zutreffendste Version». Diese Feststellung scheint plausibel. In der Nacht des Bombardierung Kallnachs werden etwa Freiburg im Breisgau und der Raum Breisach von den Franzosen bombardiert. Hat sich eine dieser für den Angriff abkommandierten Maschinen verflogen? Will der Pilot keine Landung mit Bomben an Bord riskieren? Fehlt die Erfahrung? Abschüsse und Unfälle haben vielen langgedienten Piloten das Leben gekostet.
Die französische Armee benutzte im Ersten Weltkrieg Voisin-Flugzeuge. YouTube
Sicher ist: damalige Bomber-Flugzeuge sind noch primitive Fluggeräte. Navigiert wird in erster Linie auf Sicht und die Flieger sind noch nicht mit üppigen Anzeigen ausgestattet. Der Navigation im offenen Cockpit dient ein Kartenbrett, ein Kompass, ein Fahrtenmesser (Geschwindigkeit) und eine Uhr. Für Nachtangriffe bei Mondschein setzt die französische Armee nach 1916 beispielsweise Bomber des Typs Voisin III oder Voisin V ein. Diese langsamen Doppeldecker sind gegen Ende des Krieges bei Tageinsätzen ein leichtes Opfer für gegnerische Jagdflieger geworden. Ein Voisin-Bomber hat eine Flughöhe von maximal 3500 Metern und fliegt mit 100-120 km/h. Er kann sich um die drei Stunden in der Luft halten. In Luftlinie liegt Kallnach etwa 35 Kilometer von der französischen Grenze im Jura entfernt – was im Falle eines Voisin-Bombers einer Flugzeit von nur 17-20 Minuten entspricht.
Blick ins Cockpit eines Voisin-Flugzeugs. Das Bild stammt aus dem Jahr 1916.
Blick ins Cockpit eines Voisin-Flugzeugs. Das Bild stammt aus dem Jahr 1916. Wikimedia
Mit den Entschuldigungen von französischer Seite ist der Fall Kallnach jedoch längst nicht abgeschlossen. Noch im Januar 1918 finden sich in der Westschweizer Presse Meldungen, welche das Deutsche Kaiserreich hinter dem Bombenabwurf vermuten. Das Feuille d’avis de Lausanne hält am 14. Januar eine Art deutscher Vergeltungsangriff auf die Karbidfabrik in Kallnach für möglich. Angeblich habe die Fabrik bis Ende 1917 die deutsche Kriegspartei mit Munition beliefert und beliefere ab Januar 1918 nun Frankreich. Wie Akten aus dem Bundesarchiv Bern zeigen, beschwert sich in der Folge die «Kaiserliche Deutsche Gesandtschaft» in Bern beim «Schweizerischen Politischen Departement» über die welsche Presse und weist darauf hin, dass sich ja der französische Botschafter bereits für den Vorfall entschuldigt habe. Wie heute bekannt ist, müssen Schweizer Zeitungsartikel aus der Zeit des Ersten Weltkriegs jedoch sehr skeptisch betrachtet werden. In den Kriegsjahren sind die beiden grossen Landesteile durch die gegenläufige Parteinahme für die Kriegsparteien getrennt. In der französischsprachigen Schweiz gelten die Sympathien Frankreich, in der Deutschschweiz dem Kaiserreich. Dieser «Graben» wird zu einem festen Bestandteil des Politvokabulars. Dabei fördern beide Kriegsparteien diesen innerschweizerischen Konflikt nach Kräften. Ausländische Gruppierungen gründen in der Schweiz über 30 Presseagenturen und einzelne Zeitungen werden heimlich ganz übernommen. Damit tobt auf Schweizer Boden zumindest ein heftiger Krieg der Worte und der Propaganda.
Protestnote der kaiserlich-deutschen Gesandtschaft an das Politische Departement, Januar 1918.
Protestnote der kaiserlich-deutschen Gesandtschaft an das Politische Departement, Januar 1918. Schweizerisches Bundesarchiv
Das Thema «Bomben von Kallnach» verschwindet trotz der Aufregung noch im Januar aus der Presse. Abseits der öffentlichen Wahrnehmung wird der Fall aber noch nicht ad acta gelegt. Wie das dicke Dossier zum Fall Kallnach zeigt, erhalten Bund und Armee am 5. März 1918 erneut diplomatische Post aus Frankreich. Nun liegen die Ermittlungsergebnisse vor. Die französische Luftwaffe kommt in den mit Tabellen, Flugstatistiken etc. angereicherten Berichten zum klaren Schluss, dass die Bomben nicht von einem französischen Flugzeug abgeworfen wurden. Vielmehr sei zu vermuten, dass ein deutsches Flugzeug mit erbeuteten französischen Bomben für den Angriff verantwortlich sei – «une perfide manoeuvre pour exciter l’opinion suisse contre la France». Kurz: Die deutsche Seite habe mit dem Angriff versucht, die guten Beziehungen der Schweiz zu Frankreich zu sabotieren. Bedenkt man die diversen Propaganda-Operationen des deutschen Kaiserreiches auf Schweizer Boden, so ist die französische Verschwörungsthese zumindest nicht komplett absurd. Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg traut der französischen Beweisführung jedoch nicht. In einem als «Secret» gekennzeichneten Schreiben ans Eidgenössische Politische Departement werden diverse Daten (zum Beispiel Wind und Wetterverhältnisse) aus den französischen Berichten angezweifelt. «Il nous semble que si les Français veulent absolument nous convaincre que ses bombes ont été lancées par un avion allemand, hypothèse très peu probable, ils doivent nous fournir des preuves beaucoup plus concluantes… »
Porträt von Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg, gemacht zwischen 1914 und 1918.
Porträt von Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg, gemacht zwischen 1914 und 1918. Schweizerisches Bundesarchiv
Ganz geklärt hat sich der Vorfall nicht. Ein paar Monate nach Kriegsende, im Mai 1919, erscheint der «Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung über seine Geschäftsführung im Jahre 1918». Dort wird zum Fall Kallnach festgehalten: «Da aber die Nationalität der fehlbaren Flieger nicht mit Sicherheit ermittelt werden konnte, so war es uns nicht möglich, von den kriegführenden Staaten Schadenersatz zu verlangen.» Die bereits erwähnten 242 Franken 50 im Schadensfall Kallnach übernimmt schlussendlich das Politische Departement. Der griechische Dichter Aischylos hat es schon in der Antike festgestellt: «Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges». Die Mikrogeschichte aus Kallnach erweist dem Ausspruch alle Ehre! Allenfalls liessen sich weitere Hinweise in französischen oder deutschen Archiven finden. Heute ist der Vorfall von 1918 in Kallnach weitgehend vergessen. Ob die kollektive Erinnerung 67 Jahre später noch nachwirkte, sei dahingestellt. In der Zivilschutzübung «Dachs» exerziert das Dorf 1985 jedenfalls einen Katastropheneinsatz nach einem Bombenangriff durch. Das Bieler Tagblatt vermeldet, der Einsatz sei «mustergültig» verlaufen.

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