Benoît Magimel als 14-jähriger Ludwig XIV. im Film «Le roi danse» (2000). YouTube

Der tanzende Sonnenkönig

Der französische König Ludwig XIV. inszenierte seine absolute Macht auch gerne tanzend: Ein Jahr vor seiner glorreichen Krönung verkörperte er – als Sonnengott Apollon kostümiert – die aufgehende Sonne im Zentrum des Planetensystems.

Murielle Schlup

Murielle Schlup

Freischaffende Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin

«L’État, c’est moi», so lauten die geflügelten, wenn auch nicht gesicherten Worte, die König Ludwig XIV. (1638-1715) im April 1655 vor dem Parlament verkündet haben soll und die zum Leitsatz des monarchischen Absolutismus avancierten. Ob gesagt oder nicht: Ludwig XIV. lebte und verkörperte die zentralistische Machtverschmelzung auf allen Ebenen wie kaum ein anderer vor und nach ihm. Einzig auf die Person des uneingeschränkten Herrschers zugeschnitten war auch die gesamte französische Hofkultur – ein barockes Gesamtkunstwerk, das sämtliche Künste miteinbezog. Besonders der Tanz nahm seit der Verheiratung Katharina von Medici nach Frankreich im Jahr 1533 einen zentralen Stellenwert ein. Ihm widmeten sich auf der Bühne des Hoftheaters die männlichen Adligen, während sich an den zahlreichen Bällen beide Geschlechter im Barocktanz (oder Belle danse) übten.
Das mehrstündige «Ballet comique de la reine» von 1581.
Ein Meilenstein in der Ballettgeschichte und das älteste Ballett, dessen Partitur erhalten geblieben ist: Das mehrstündige «Ballet comique de la reine» von 1581. Mit Katharina von Medici kamen die italienischen Hoftänze nach Frankreich, aus denen sich das Ballett entwickelte. Wikimedia
Das Talent für den Tanz, Inbegriff der Beherrschung von Körper und Geist, war ein wichtiger Trumpf für eine erfolgreiche Karriere am Hof. Dort galt es, stets den perfekten Höfling zu «mimen», um die Gunst des Königs zu gewinnen – und zu behalten. Gleichsam wie der Krieg habe daher auch der Tanz in Paris seine Helden hervorgebracht, unter denen «einige von grosser Kondition» gewesen sein sollen, erinnert sich der Historiker und Abt Michel de Marolles in seinen Memoiren.

Allegorie des siegrei­chen Königtums

Ludwig XIV. wurde die Tanzleidenschaft quasi in die Wiege gelegt: Zur Feier seiner Geburt kam das «Ballett de la Felicité» auf Schloss Saint-Germain zur Aufführung. In seiner Erziehung nahm der Tanz einen wichtigen Platz ein. Täglich soll er, angeleitet von den besten Tanzmeistern, fleissig an seinem Stil und Ausdruck geübt haben. Seit 1651 trat er im Hoftheater auf. Auf der dortigen Bühne bewies er mit 14 Jahren, dass er den Balletttanz nicht nur beherrschte, sondern als politisches Instrument auch überaus geschickt zu nutzen vermochte. In den ersten Wochen des Jahres 1653 kämpften die königlichen Truppen die oppositionelle «Fronde» nieder – die seit 1648 wütenden bewaffneten Aufstände gegen den französischen Hof und die Regierung. Letztere setzte sich – anstelle des noch minderjährigen Königs – aus der Königmutter Anna von Österreich und, de facto regierend, dem bei Adel und Volk gleichermassen verhassten Premierminister Kardinal Mazarin zusammen.
Kampfhandlungen entlang der Mauern der Bastille während der «Fronde». Gemälde eines anonymen Künstlers, Schloss Versailles.
Kampfhandlungen entlang der Mauern der Bastille während der «Fronde». Gemälde eines anonymen Künstlers, Schloss Versailles. Wikimedia
Zur Feier des Triumphs gab Ludwig XIV. ein opulentes Ballettspektakel in Auftrag, das als Allegorie der Wiederherstellung von Recht und Ordnung zu verstehen ist, als Unterwerfung des Adels unter das siegreiche Königtum. Das «Ballet royal de la nuit» war zugleich eine Kampfansage an Umstürzler jeglicher Gesinnung und spielte eine zentrale Rolle auf dem Weg der Festigung der absoluten Macht des Königs. Sein aufsehenerregender Auftritt in diesem Ballett steht am Anfang einer raffinierten Propagandamaschinerie und greift seiner Krönung (1654) und der Verkündung seiner Alleinherrschaft (1661) vor. Die Uraufführung des «Ballet royal de la nuit» fand am 23. Februar 1653 im königlichen Stadthaus Petit-Bourbon in Paris statt. Es war noch kein Handlungsballett, wie man es erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kannte, sondern bestand aus aneinandergereihten Episoden mit allegorischen, mythologischen, exotischen und ritterlichen Elementen. Da das Ballett damals noch keine eigeneständige Kunstgattung war, trafen Musik, Tanz, Schauspiel, Gesang und Rezitation als Gemeinschaftswerk der darstellenden Künste aufeinander. Alles vereinend war die zentrale Aussage der Inszenierung: Mit dem Tod Ludwigs XIII., dem Vater des Königs, ist die Nacht über Frankreich hereingebrochen. Die Dunkelheit zog das (in der «Fronde» gipfelnde) Unheil nach sich, das Ludwig XIV. erfolgreich besiegte und dadurch die Nation aus den Zeiten der Unsicherheit heraus und zurück ans Licht führte – dies dank seiner göttlich legitimierten Herrschaft, die Frankreich eine glorreiche Zukunft verheisst.
Der 14-jährige Ludwig XIV. in seiner tänzerischen Paraderolle als Apollon im «Ballet royal de la nuit».
Die perfekte Selbstinszenierung: Das Gesicht des jungen Königs ist als Porträt in dieser Kostümstudie gut erkennbar. Ob Ludwig XIV. – entgegen damaliger Gepflogenheit – auch auf der Bühne keine Maske trug, ist nicht überliefert, aber aufgrund der erwünschten Botschaft des Auftritts gut denkbar. Bibliothèque nationale de France

Triumpha­ler Auftritt als Sonnengott

Der König verkörperte sechs verschiedene Rollen im «Ballet royal de la nuit»: eine Stunde, ein Spiel, einen Betrunkenen, einen Neugierigen, ein Wütender und – in der fulminanten Schlussszene – die aufgehende Sonne. In letzterer trat er als Apollon auf, den mythologischen Gott der Künste und der Sonne. Sein Auftritt folgte auf die Szene mit dem Morgenstern, gespielt von «Monsieur», dem jüngeren Bruder des Königs, und der Morgenröte Aurora, die in ihrem Wagen den Tau und die zwölf Stunden des Tages mitführte. Sie verliess die Bühne mit folgenden Worten: «Le Soleil qui me suit c'est le jeune LOUIS» («Die Sonne, die mir folgt, ist der junge LOUIS)».
Ausschnitt aus dem Film «Le roi danse» (2000). YouTube
Mittels aufwendiger Spezialeffekte und mechanischer Bühnentechnik des Architekten und Bühnenbildners Giacomo Torelli mit dem Beinamen «Grand Sorcier» («grosser Hexenmeister») wurde der König mit einer Art Hebebühne in die Szene gehievt. Mit Strahlendiadem und aufwendigem Federputz betrat er die Bühne. Sein prunkvolles Kostüm voller Juwelenapplikationen und Goldstickereien nahm über und über das Motiv der Sonne auf. Der König glitzerte und funkelte im Schein tausender Kerzen. Auf spitzen Absatzschuhen und mit kleinen, tänzelnden Schritten durchquerte er voller Eleganz und Würde den Raum. Seine offenen Arme mit den anmutig abgespreizten Händen unterstützten den scheinbar schwebenden, von allem Irdischen abgehobenen Balanceakt als lebenspendendes Zentralgestirn inmitten des Planetensystems. Ludwig XIV. war begleitet von – gezielt ausgewählten – Höflingen und professionellen Tänzern, Sängern und Akrobaten. Diese stellten unter anderem verschiedenen Tugenden dar – darunter die Ehre, die Gnade, die Mässigung, die Überlegenheit und den Ruhm. Sie kreisten wie Planeten in ihren festen Bahnen um die Sonne – und symbolisierten damit, wie abhängig der Adel vom unfehlbaren, allem überlegen und alles dirigierenden Herrscher war.
Cover und Innenseite einer Partiturausgabe von 1690.
Cover und Innenseite einer Partiturausgabe von 1690. Bibliothèque nationale de France

Die Geburt des Sonnenkönigs

Unter den begeisterten Zuschauenden waren Kardinal Mazarin, der auch Pate des Königs war, und die Königinmutter Anna von Österreich, die sich in ihrer Auffassung bestätigt gesehen haben musste, dass ihr Sohn durch seine unverhoffte Geburt zu einem grossen Schicksal berufen war: Nach drei Fehlgeburten in jungen Jahren und nach zweiundzwanzig Jahren kinderloser Ehe – das Ehepaar lebte zerstritten und daher grösstenteils getrennt – wurde Anna mit 37 Jahren völlig unerwartet schwanger und brachte neun Monate später mit dem lang ersehnten Thronfolger ihr erstes gesundes Kind zur Welt.
Anna von Österreich in einem Gemälde mit ihren beiden «wundersam» zur Welt gekommenen Söhnen
Anna von Österreich in einem Gemälde mit ihren beiden «wundersam» zur Welt gekommenen Söhnen, dem Dauphin Ludwig und, hinter diesem, dem jüngeren Philippe, am Hof «Monsieur» genannt. Die glückliche Mutter betet zur heiligen Dreifaltigkeit, unterstützt vom heiligen Benedikt und dessen Schwester Scholastica. Wikimedia
Das «Ballet royal de la nuit» war ein immenser Erfolg und wurde noch sechsmal wiederholt. Die ikonische Rolle des Sonnengotts war für Ludwig XIV., der von da an seinen bekannten Übernamen «Sonnenkönig» trug, wie eine zweite Geburt. Die Sonne wurde fortan zu seinem Lieblingsemblem. Ludwig XIV. war nicht nur aktiver Tänzer und Liebhaber des Hofballetts, sondern auch sein grösster Förderer. 1661 rief er die «Académie Royale de la Danse» ins Leben und machte seinen wichtigsten Lehrer, den Tänzer und Choreographen Pierre Beauchamp, zum ersten Ballettmeister. Auf ihn gehen etwa die bis heute essenziellen fünf Positionen des Balletts zurück. Zusammen mit der 1669 ebenfalls vom König gegründeten «Académie Royale de Musique» entwickelte sich die Tanzakademie später zu den international bedeutenden Institutionen der Pariser Oper. Der zunehmend von Ballettprofis ausgeführte Tanz trennte sich damit noch während der Herrschaft Ludwigs XIV. vom höfischen Zeremoniell – was dem König entgegen kam: Er konnte mit der Professionalisierung bald nicht mehr mithalten. In Molières und Jean-Baptiste Lullys Ballettkomödie «Les Amants magnifiques» verabschiedete er sich 1670 als Tänzer von der Bühne.
Ludwig XIV. im Porträt von Hyacinthe Rigaud, 1701.
Fernab von der Ballettbühne, aber in der graziösen Haltung eines Tänzers in der vierten Position: Ludwig XIV. im Porträt von Hyaciynthe Rigaud, 1701. Wikimedia

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