
Die Gewerkschaften und die «Überfremdung»
In den 1960er-Jahren wachsen Bevölkerung und Wirtschaft in der Schweiz so stark wie nie zuvor – auch durch die vielen ausländischen Arbeitskräfte, ohne die der beispiellose Wirtschaftsboom nicht möglich wäre. Gleichzeitig breitet sich die Angst vor «Überfremdung» aus. Mit der Forderung nach einer Begrenzung der Zuwanderung greift der Schweizerische Gewerkschaftsbund diese Stimmung auf und prägt die politische Debatte nachhaltig.
Das «erträgliche» und das «zumutbare» Mass
Schuld an der Situation tragen Wirtschaftsvertreter, so Gewerkschafter Wüthrich, die «mit ihrem unbändigen Drang nach Expansion, Arm in Arm mit den Zulassungsbehörden von Bund und Kantonen, das Überfremdungsproblem verursacht haben». Dass sich ausgerechnet über die Schweiz, in der sonst alles langsam und zähflüssig vor sich gehe, ein «praktisch ungehemmter Einwanderungsstrom» ergiesse, kann auch Waldemar Jucker, ebenfalls Mitglied der SP und des SGB, nicht verstehen. Die Behörden hätten doch Eingriffsmittel besessen.


Italienische Arbeiter und eine italienische Familie warten auf ihre Abreise, um Weihnachten 1966 in ihrer Heimat zu feiern. Schweizerisches Nationalmuseum / Schweizerisches Nationalmuseum
«Die Schweiz den Schweizern»
Beschwichtigende Worte findet man in den frühen Sechzigerjahren am ehesten in bürgerlich-liberalen Kreisen. «Würde das Überfremdungsgespenst überhaupt umgehen», fragt die Basler National-Zeitung 1962 – in einigen Landesteilen sei es ohnehin kaum anzutreffen – «wenn es nicht immer wieder aufgescheucht würde?» Auch die NZZ ruft zur «Wahrung der Proportionen» auf, als die politische Debatte im Zuge des Abkommens 1964 zu eskalieren droht. Nicht nur könne man sich «keine Fremdarbeiterpolitik leisten, die von der Entwicklung im Ausland keine Notiz nimmt», auch im Hinblick auf «ihr humanitäres Erbe und auf menschliche Erwägungen» sei die Schweiz gezwungen, die Stellung der italienischen Arbeiter zu verbessern.
Denn man braucht sie weiter, um einen bisher nie gekannten Wohlstand in der Schweiz geniessen zu können. Immer mehr Familien aus der Arbeiterschaft steigen während des Wirtschaftsbooms in die Mittelschicht auf. Über die ausländischen Menschen und die zunehmende Bevölkerungsdichte in der Schweiz ärgern sich zwar viele, aber auf die neu gewonnenen finanziellen Möglichkeiten verzichten will kaum jemand. Die National-Zeitung fordert mehr Ehrlichkeit. Wer «sein Velo gegen ein Moped eingetauscht hat, wer im Auto am Fussgängerstreifen anhalten muss, um die ausländischen Arbeiter über die Strasse zu lassen, wer mit einem Erstklassbillet im Bahnhof auf heftig diskutierende – und Platz versperrende – Italienergruppen stösst», solle bitte nicht vergessen, wem die Durchschnittsbevölkerung den enormen wirtschaftlichen Aufschwung verdanke, schreibt sie 1962 in der Einleitung zur Artikelreihe «Ohne Italiener kein Wohlstand».
Als Reaktion auf den Unmut in der Bevölkerung und eine 1964 eingereichte, später zurückgezogene erste «Überfremdungsinitiative» führt der Bundesrat Kontingentierungen ein. Weiterhin argumentiert man auf Seite der Befürworter der Zuwanderung fast ausschliesslich wirtschaftlich. Als Bereicherung für die Gesellschaft werden die Zugewanderten von den wenigsten gesehen. Einer von ihnen ist der Präsident der Basler Handelskammer. Hans Franz Sarasin möchte die Niederlassungsbewilligungen erleichtern und Ausländerinnen und Ausländer in wirtschaftlicher Hinsicht den Schweizern gleichstellen. 1962 fordert er ein «liberaleres Statut für ausländische Arbeitskräfte» und formuliert in einem Artikel das «Ziel: Einbürgerung». Mit einer «weisen», sprich schnellen Einbürgerungspolitik, seien Ausländer um die Jahrhundertwende zu einem «nicht mehr wegzudenkenden Element unserer Bevölkerung» geworden, schreibt er, und erinnert an die zahlreichen Baufirmen, die von Italienern gegründet und geführt sind. In der «grossen Assimilierungskraft» der Schweiz sieht der Jurist ein Qualitätsmerkmal.


