Ausländische Arbeitskräfte machten den Wirtschaftsboom der 1960er-Jahre möglich.
Ausländische Arbeitskräfte machten den Wirtschaftsboom der 1960er-Jahre möglich. Schweizerisches Nationalmuseum

Die Gewerk­schaf­ten und die «Überfrem­dung»

In den 1960er-Jahren wachsen Bevölkerung und Wirtschaft in der Schweiz so stark wie nie zuvor – auch durch die vielen ausländischen Arbeitskräfte, ohne die der beispiellose Wirtschaftsboom nicht möglich wäre. Gleichzeitig breitet sich die Angst vor «Überfremdung» aus. Mit der Forderung nach einer Begrenzung der Zuwanderung greift der Schweizerische Gewerkschaftsbund diese Stimmung auf und prägt die politische Debatte nachhaltig.

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz ist Historikerin, Universitätsdozentin und Kuratorin.

«Man hat sogar ein neues Wort geprägt – Überfremdung [inforestieramento]!», schreibt die Gazzetta Ticinese am 22. Februar 1965 irritiert. Im Gegensatz zur italienischen ist der Begriff in der deutschen Schweiz keineswegs neu, doch erlebt er wie die Schweizer Wirtschaft in der Nachkriegszeit eine Hochkonjunktur. Die vom Wirtschaftswachstum angetriebene Zuwanderung hat zusammen mit dem Babyboom zum grössten bisherigen Bevölkerungswachstum in der Schweiz geführt. Mitte der 1960er-Jahre leben ungefähr 5,8 Millionen Menschen im Land. Der Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland entfacht eine Debatte, die in vielem derjenigen im 21. Jahrhundert gleicht. Der grosse Unterschied: Eine Begrenzung wird Anfang der 1960er-Jahre hauptsächlich von der politischen Linken gefordert. 1965 begibt sich eine prominente Dreierdelegation des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) – bestehend aus den SP-Nationalräten Hermann Leuenberger, Präsident des SGB, Ernst Wüthrich, Vorstandsmitglied, und Fritz Grütter, Präsident der SP Schweiz – zu Bundesrat Tschudi und fordert eine Obergrenze von 500'000 ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern in der Schweiz. Die Zahl ist längst überschritten, faktisch würde dies zu einer Ausweisung von Zehntausenden führen.
Bereits 1927 warnte der Schweizer Spiegel vor der Überfremdung.
Bereits 1927 warnte der Schweizer Spiegel vor der Überfremdung. Schweizerisches Nationalmuseum

Das «erträg­li­che» und das «zumutbare» Mass

Auslöser für den Gang der Gewerkschaftsspitze zum Bundesrat ist ein 1964 ratifiziertes Abkommen zwischen der Schweiz und Italien. Der Familiennachzug wird erleichtert, was insbesondere die Situation der italienischen Kinder verbessert, die zuvor oft von den Eltern getrennt oder in der Illegalität in der Schweiz leben mussten. Viele Schweizerinnen und Schweizer sehen sich dadurch einer bedrohlichen «Überfremdung» ausgesetzt. Die Gewerkschaften, die das Abkommen in ihrer Mehrheit unterstützt haben, sind in der Zwickmühle. Ihr Anspruch, Solidarität mit der gesamten Arbeiterschaft zu leben, scheitert an einer Wirklichkeit, in der diese zunehmend aus ausländischen – meist nicht gewerkschaftlich organisierten – Arbeitskräften besteht.

Schuld an der Situation tragen Wirtschaftsvertreter, so Gewerkschafter Wüthrich, die «mit ihrem unbändigen Drang nach Expansion, Arm in Arm mit den Zulassungsbehörden von Bund und Kantonen, das Überfremdungsproblem verursacht haben». Dass sich ausgerechnet über die Schweiz, in der sonst alles langsam und zähflüssig vor sich gehe, ein «praktisch ungehemmter Einwanderungsstrom» ergiesse, kann auch Waldemar Jucker, ebenfalls Mitglied der SP und des SGB, nicht verstehen. Die Behörden hätten doch Eingriffsmittel besessen.
Im Vorfeld der eidgenössischen Abstimmungen im Februar 1965 warb der SGB mit diesem Inserat.
Im Vorfeld der eidgenössischen Abstimmungen im Februar 1965 warb der SGB mit diesem Inserat. e-newspaperarchives
Neu ist die Kritik nicht. Bereits 1956 hat der Gewerkschaftsbund vor dem «beunruhigenden Total von 355'000 ausländischen Arbeitskräften» gewarnt. Beunruhigt ist man längst nicht nur wegen der Konkurrenz, die Schweizerinnen und Schweizern auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt erwächst – es geht um «Überfremdungsangst». Der «Zuzug ausländischer Arbeitskräfte» müsse einer Kontrolle unterstellt werden, schreibt der Schweizerische Gewerkschaftsbund in seinem Programm 1961, «um die politische, kulturelle und sprachliche Eigenart der Schweiz zu erhalten und eine Überfremdung zu verhindern». Subtil scheint dieser Fokus in einem Postulat durch, das Willi Ritschard 1962 im Nationalrat einreicht. Erst betont der spätere SP-Bundesrat allgemein die «Überfremdung unseres Landes», erst danach jene des Arbeitsmarktes, die «auch wirtschaftlich mehr und mehr problematisch wird.» Im Gegensatz zu den Gewerkschaften wehren sich bürgerliche Parteien und Unternehmerkreise gegen eine feste Obergrenze – kaum aber gegen das Narrativ einer «Überfremdung» der Schweiz. Ihr Rezept dagegen ist das Rotationsprinzip: Alleinstehende Menschen sollen je nach Nachfrage befristet für eine Saison zur Arbeit in die Schweiz kommen und im folgenden Jahr von anderen ersetzt werden. So bleibt ihre Integration in die Schweizer Gesellschaft aus und die ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter unter sich.
Italienische Arbeiter und eine italienische Familie warten auf ihre Abreise, um Weihnachten 1966 in ihrer Heimat zu feiern.
Italienische Saisonniers warten auf ihre Abreise, um Weihnachten 1966 in ihrer Heimat zu feiern.
Italienische Arbeiter und eine italienische Familie warten auf ihre Abreise, um Weihnachten 1966 in ihrer Heimat zu feiern. Schweizerisches Nationalmuseum / Schweizerisches Nationalmuseum
Die gesetzliche Verankerung einer Höchstgrenze von 500'000 ausländischen Arbeitskräften in der Schweiz unterstützen zwar nicht alle Gewerkschaftsführer, aber von der These einer «Überfremdung» der Schweiz, die an der Gewerkschaftsbasis teils mit rassistischen Nebentönen diskutiert wird, weicht kaum jemand ab. Das solothurnische Gewerkschaftskartell fordert als Reaktion auf das Abkommen 1964 «in ernster Sorge» von den Behörden, nicht nur «die Einwanderung weiterer ausländischer Arbeitskräfte sofort abzustoppen», sondern auch «die Zahl der in unserem Lande noch verbleibenden Fremdarbeiter möglichst bald auf ein erträgliches Mass zu reduzieren.» Das Gewerkschaftskartell Basel-Stadt erklärt, man könne den Italienern nicht geben, was man selbst nicht habe: genügend Wohnraum. Eine «gerechte Behandlung» der italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter könne nur gewährleistet werden, «wenn deren Zulassung auf ein erträgliches Mass reduziert wird.» Dass die vielen meist aus Italien stammenden Ausländer in der Schweiz nicht mehr «erträglich» sind, wird so oft wiederholt, dass es kaum mehr jemandem in den Sinn kommt, zu fragen, was dies bedeutet. Oreste Fabbri, Sekretär des Gewerkschaftskartells in Basel, SP-Grossrat und selbst Sohn italienischer Einwanderer, versucht zu beschwichtigen. Ein Stopp müsse sein, aber kein Abbau. Wenn etwas mehr als 500'000 im Land blieben, sei das kein Problem, denn die Ausländer seien «in der Hauptsache unter sich» und mischten sich nicht mit der Schweizer Bevölkerung. «Wie sollte da unsere eidgenössische Substanz durch 600'000 oder 700'000 Ausländer bedroht werden?»
Die ausländischen Arbeitskräfte lebten häufig in für sie gebauten Baracken. Schweizerisches Bundesarchiv

«Die Schweiz den Schweizern»

Mitte der 1960er-Jahre organisieren sich neue Akteure, die politisch weit weg stehen, doch ähnlich argumentieren: Zuwanderungsgegner mit einer teils frontistischen, profaschistischen Vergangenheit. Auch sie machen das «Gewinnstreben der Wirtschaft» für das «Überfremdungsproblem» verantwortlich, auch sie betonen, es habe «nichts mit Rassenhass, Überheblichkeit oder Unmenschlichkeit zu tun», wenn sie sich dafür einsetzten, den Ausländeranteil auf ein «uns zumutbares Mass» zu reduzieren. Man wolle schlicht die «Bevorzugung der Ausländer und die Diskriminierung der Schweizer» verhindern, so die Schweizerische Volksbewegung gegen die Überfremdung 1965. Von den «extremen Äusserungen» der Gruppierungen am rechten Rand grenzt sich der Gewerkschaftsbund klar ab, doch hat er selbst so lange fast gleich argumentiert, dass es immer schwieriger wird, ohne Glaubwürdigkeitsverlust eine neue Richtung einzuschlagen.

Beschwichtigende Worte findet man in den frühen Sechzigerjahren am ehesten in bürgerlich-liberalen Kreisen. «Würde das Überfremdungsgespenst überhaupt umgehen», fragt die Basler National-Zeitung 1962 – in einigen Landesteilen sei es ohnehin kaum anzutreffen – «wenn es nicht immer wieder aufgescheucht würde?» Auch die NZZ ruft zur «Wahrung der Proportionen» auf, als die politische Debatte im Zuge des Abkommens 1964 zu eskalieren droht. Nicht nur könne man sich «keine Fremdarbeiterpolitik leisten, die von der Entwicklung im Ausland keine Notiz nimmt», auch im Hinblick auf «ihr humanitäres Erbe und auf menschliche Erwägungen» sei die Schweiz gezwungen, die Stellung der italienischen Arbeiter zu verbessern.

Denn man braucht sie weiter, um einen bisher nie gekannten Wohlstand in der Schweiz geniessen zu können. Immer mehr Familien aus der Arbeiterschaft steigen während des Wirtschaftsbooms in die Mittelschicht auf. Über die ausländischen Menschen und die zunehmende Bevölkerungsdichte in der Schweiz ärgern sich zwar viele, aber auf die neu gewonnenen finanziellen Möglichkeiten verzichten will kaum jemand. Die National-Zeitung fordert mehr Ehrlichkeit. Wer «sein Velo gegen ein Moped eingetauscht hat, wer im Auto am Fussgängerstreifen anhalten muss, um die ausländischen Arbeiter über die Strasse zu lassen, wer mit einem Erstklassbillet im Bahnhof auf heftig diskutierende – und Platz versperrende – Italienergruppen stösst», solle bitte nicht vergessen, wem die Durchschnittsbevölkerung den enormen wirtschaftlichen Aufschwung verdanke, schreibt sie 1962 in der Einleitung zur Artikelreihe «Ohne Italiener kein Wohlstand».
«Ohne Italiener kein Wohlstand»: Die National-Zeitung forderte mehr Ehrlichkeit in der Überfremdungsdebatte.
«Ohne Italiener kein Wohlstand»: Die National-Zeitung forderte mehr Ehrlichkeit in der Überfremdungsdebatte. Schweizerisches Wirtschaftsarchiv
An der bürgerlichen Basis tönt es meist anders. Offen xenophobe Töne werden in der am Reformflügel des Freisinns orientierten Gewerkschaft Landesverband Freier Schweizer Arbeitnehmer (LFSA) geäussert, die 1919 in Abgrenzung zum Schweizerischen Gewerkschaftsbund entstanden ist. Für ihre Ablehnung des Abkommens erhält sie enormen Zuspruch. Aus der «Flut von Zuschriften» kann ihre Zeitschrift, der «Schweizer Arbeitnehmer», nur eine kleine Auswahl publizieren, da der grösste Teil «so scharf gehalten» sei, dass sie «an dieser Stelle nicht abgedruckt werden» könnten. Unproblematisch scheinen der Redaktion Zuschriften, die als «biologische Tatsache» formulieren: «Der Italiener assimiliert sich nicht. Er gehört einem fremden Volksstamm an» ‒ und die Aktionen fordern unter dem Motto «Die Schweiz den Schweizern».

Als Reaktion auf den Unmut in der Bevölkerung und eine 1964 eingereichte, später zurückgezogene erste «Überfremdungsinitiative» führt der Bundesrat Kontingentierungen ein. Weiterhin argumentiert man auf Seite der Befürworter der Zuwanderung fast ausschliesslich wirtschaftlich. Als Bereicherung für die Gesellschaft werden die Zugewanderten von den wenigsten gesehen. Einer von ihnen ist der Präsident der Basler Handelskammer. Hans Franz Sarasin möchte die Niederlassungsbewilligungen erleichtern und Ausländerinnen und Ausländer in wirtschaftlicher Hinsicht den Schweizern gleichstellen. 1962 fordert er ein «liberaleres Statut für ausländische Arbeitskräfte» und formuliert in einem Artikel das «Ziel: Einbürgerung». Mit einer «weisen», sprich schnellen Einbürgerungspolitik, seien Ausländer um die Jahrhundertwende zu einem «nicht mehr wegzudenkenden Element unserer Bevölkerung» geworden, schreibt er, und erinnert an die zahlreichen Baufirmen, die von Italienern gegründet und geführt sind. In der «grossen Assimilierungskraft» der Schweiz sieht der Jurist ein Qualitätsmerkmal.

Der Aufstieg des Rechtspopulismus

Doch Stimmen, die in der Schweiz keine Zuwanderungsgesellschaft, sondern eine ethnisch-homogene sehen wollen, werden immer lauter. Im Dezember 1964 läuft eine Veranstaltung «gegen die Überfremdung» im Zürcher Kaufleuten aus dem Ruder. Die Aussage des Referenten, Italiener seien «nicht krimineller veranlagt» als Schweizer, provoziert Pfuirufe und Pfiffe, und als er mit der Bemerkung zu beschwichtigen versucht, die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte liesse sich drastisch reduzieren, wenn jeder Schweizer pro Woche eine Stunde länger arbeite, kommt es zum Eklat. In einer kurzfristig anberaumten Abstimmung beschliessen die Anwesenden, dem Referenten das Wort zu entziehen. Grossen Applaus erhält hingegen ein Sprecher aus dem Publikum, der den «grössten Landesverrat seit Menschengedenken» im Gang sieht – mit dem Zusatz, dass während des Krieges Landesverräter erschossen worden seien. Die Grenze des Sagbaren hat sich verschoben.
Berichterstattung über eine Kundgebung der Nationalen Aktion zur Überfremdungsinitiative. SRF
Indem die Gewerkschaften betonen, sie allein hätten «seit jeher» den Standpunkt vertreten, die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte im Land müsse eingeschränkt werden, gelingt es ihnen nicht, das Heft wieder selbst in die Hand zu nehmen, wie das Ernst Wüthrich 1965 beabsichtigt. Sie haben mit ihrer Rhetorik im Gegenteil ungewollt mitgeholfen, den Boden zu bereiten für die Mitte der 1960er-Jahre aufkommenden fremdenfeindlichen Bewegungen, an deren Spitze sich mit James Schwarzenbach ein ehemaliger Sympathisant des Faschismus setzt. Seine «Initiative gegen die Überfremdung», die 1970 vors Stimmvolk kommt, spaltet die Arbeiterschaft dauerhaft und führt letztlich zum Aufstieg des Rechtspopulismus in der Schweiz.

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