Wer das Todesurteil des Königs unterzeichnet hatte, musste auch im eidgenössischen Exil auf der Hut sein. Illustration von Marco Heer.

Englische «Königs­mör­der» im eidgenös­si­schen Exil

Als im Mai 1660 Karl II. aus dem Hause Stuart den englischen Thron bestieg, musste eine Gruppe englischer Männer notfallmässig ihr Hab und Gut zusammenpacken und von der britischen Insel nach Kontinentaleuropa fliehen. Die Männer, allen voran Edmund Ludlow, John Lisle und William Cawley, waren politische Persönlichkeiten, welche das Exil über den Tod wählten. Ihr Ziel auf dem Kontinent: die Eidgenossenschaft.

Maximilian Spitz

Maximilian Spitz

Maximilian Spitz ist Doktorand in Intellectual History an der Universität Oxford.

Mitte der 1640er-Jahre tobte in England ein blutiger Bürgerkrieg, in welchem sich das Parlament gegen König Karl I. aus dem Hause Stuart auflehnte. Die Parlamentarier, auch genannt Roundheads, standen den Royalisten, genannt Cavaliers, auf etlichen Schlachtfeldern gegenüber. Die Ursachen für den Konflikt waren vielseitig, doch spielten unrechtmässige Steuern, königliche Willkür gegenüber dem Parlament sowie die mangelnde Distanzierung des Königs zum Katholizismus seiner Gattin eine Rolle. Der Konflikt kulminierte 1649, als nach dem Sieg der Parlamentarier König Karl I. unter Arrest gestellt und nach einem Gerichtsprozess durch das Parlament zum Tode auf dem Schafott verurteilt wurde. Auf die Monarchie folgte die englische Republik. Als sich diese immer mehr in eine Militärdiktatur mit monarchischen Zügen entwickelte, sehnten sich viele Engländer wieder nach der rechtmässigen Monarchie der Stuarts zurück. 1660 zerfiel die wacklige Republik endgültig; Karl II. übernahm nach elf Jahren Exil die Krone seines einst hingerichteten Vaters.

Die Zeit der englischen Republik im Überblick

Die politischen Spannungen zwischen dem Parlament und König Karl I. kulminieren zu ersten offenen Kämpfen.
König Karl I. wird von einem parlamentarischen Sondergericht wegen Hochverrats verurteilt und öffentlich hingerichtet. Die englische Republik wird ausgerufen.
Karl II., Sohn des enthaupteten Königs, wird zum König von Schottland gekrönt. Einige Mo-nate später besiegt die von Oberbefehlshaber Oliver Cromwell geführte New Model Army die königlichen Truppen in der Schlacht bei Worcester endgültig. England, Schottland und Irland stehen nun unter militärischer Kontrolle des republikanischen Regimes. Karl II. flieht nach Frankreich.
Das durch Cromwell ernannte Parlament wird aufgelöst und er übernimmt nahezu uneinge-schränkte Macht. Sein Lordprotektorat ist stark militaristisch und puritanisch geprägt. So wer-den Feste wie Weihnachten und Ostern abgeschafft und Kontrollen in alltäglichen Bereichen des Lebens wie Kleidung und Fluchen eingeführt.
Oliver Cromwell erliegt einer Lungenentzündung. Auf dem Sterbebett ernennt er seinen Sohn Richard zum Nachfolger. Der Republik fehlt fortan eine stabile Führung.
1660 – Ende der englischen Republik, Krönung Karls II. Nach Jahren politischer Instabilität wird die Monarchie wiederhergestellt. Karl II. kehrt aus dem Exil zurück und besteigt den Thron. 1661 wird Oliver Cromwell posthum des Hochverrats verurteilt, sein Leichnam wird exhumiert, aufgehängt, enthauptet und sein Kopf in der West-minster Hall ausgestellt.
Was für die Monarchisten eine Erleichterung war, sollte zum Problem der Republikaner werden. Zwar erliess der neue König vorerst eine Generalamnestie für die ehemaligen Gegner seines Vaters, doch einigen Namen waren davon ausgeschlossen. Darunter auch die Namen Ludlow, Lisle und Cawley – allesamt eifrigste Republikaner, welche massgeblich für das Todesurteil des ersten Karls verantwortlich waren und noch immer nach Republikanismus strebten. Ihnen sollte die Kapitalstrafe gelten.

Migrati­ons­ziel Eidgenossenschaft

Um ihre Köpfe zu behalten, entschlossen sich die sogenannten Regicides, also die Königsmörder, zu fliehen. Für ihr eigenes Wohl hatten die Flüchtlinge einige Kriterien für den passenden Ort des Exils. Natürlich sollte es keine mit Karl verbündete Monarchie, sondern besser eine Republik sein. Sie standen selbst dem radikalen Puritanismus nahe, weshalb sie einen Ort suchten, in welchem der Protestantismus vorherrschend war. Und zu guter Letzt sollte der Ort genug Sicherheit vor Agenten und Attentätern der Krone garantieren. So floh Edmund Ludlow durch Frankreich in die protestantische Stadtrepublik Genf. Dank seines guten Netzwerks zu Hugenotten, welche einst selbst aus Frankreich in die Stadt Calvins fliehen mussten, fand Ludlow dort Unterschlupf. Bald darauf trafen auch Ludlows Kollegen Lisle und Cawley in Genf ein.

Doch lange konnten die Exilanten nicht in Genf verbleiben. Im Jahre 1662 wurden einige in England verbliebene Regicides hingerichtet und drei sich in den Niederlanden aufhaltende Exilanten an England überstellt. Aus Sorge, ebenfalls ausgeliefert zu werden, ersuchten Ludlow und seine Kameraden den Genfer Rat um ein Protektionsschreiben, das ihnen Schutzstatus garantieren sollte. Jedoch stellte sich dem eine Minderheit im Rat entgegen, weshalb sich die Engländer an eine andere nahegelegene Stadtrepublik wandten: Bern.
59 Parlamentsabgeordnete unterzeichneten Ende 1648 das Todesurteil des Königs. Die Regici-des fürchteten die Rache der Königstreuen.
59 Parlamentsabgeordnete unterzeichneten Ende 1648 das Todesurteil des Königs. Die Regicides fürchteten die Rache der Königstreuen. Wikimedia
Die Berner Kontaktperson war Johann Heinrich Hummel, Münsterpfarrer und Dekan. Dieser hatte eine tiefe Verbundenheit mit England: Er studierte vor dem Bürgerkrieg selbst in Oxford und Cambridge. Während der englischen Republik war er zudem an diplomatischen Treffen zwischen englischen Gesandten und eidgenössischen Politikern beteiligt. Auch zum Schultheissen Anton von Graffenried sowie anderen Teilen der bernischen Elite hatten die englischen Flüchtlinge Kontakt. Aufgrund dieses Netzwerks wurde ihnen schliesslich Asyl gewährt. Jedoch nicht als geflohene Königsmörder – was den Bogen jeglicher englisch-eidgenössischer Beziehung überspannt hätte –, sondern als protestantische Glaubensflüchtlinge. Die Männer waren «von des Glaubens wegen, uß Ihrem Land vertribener Enggelländer», wie es das historische bernische Ratsprotokoll ausdrückt.

Aufhalten durften sich die Engländer im bernischen Territorium, welches sich damals auch über die ganze Waadt erstreckte. Zuerst liessen sich die Herren in Lausanne nieder, wo sie vonseiten der Obrigkeit sogar ihre eigenen Sitzplätze in der Kirche St. François zugeteilt bekamen. Nach und nach folgten weiter Exilanten und gesellten sich zu Ludlow, Lisle und Cawley, welche inzwischen unter anderen Namen im Waadtland umherzogen, bis sie sich schliesslich in Vevey niederliessen. Mitte 1663 wurden sie von Algernon Sidney besucht, einem weiteren Republikaner und Exilanten, welcher sich auf dem Kontinent herumtrieb und sich später in die Niederlande begab. Im selben Jahr eröffnete Ludlow eine kleine Druckerei in Yverdon, wo er eine aus dem Englischen ins Französische übersetzte Propagandaschrift zur republikanischen Bewegung und den hingerichteten Regicides drucken liess. Dass die Eidgenossen selbst ein Volk seien, welches sich einst gegen die Tyrannei wehrte und die Freiheit erkämpfte, das erfuhr Ludlow durch die Sage von Wilhelm Tell, welche er gar in seinen Memorien niederschrieb. Jedoch, so empfanden es die Regicides, waren sie weniger fromm in ihrer Religion: Die Eidgnossen feierten das Abendmahl bei ihren Gottesdiensten, was die puritanischen Engländer ablehnten und deshalb ausliessen.
Edmund Ludlow erwähnte in seinem Werk «Voyce from the Watch Tower» auch Wilhelm Tell.
Edmund Ludlow erwähnte in seinem Werk «Voyce from the Watch Tower» auch Wilhelm Tell.
Edmund Ludlow erwähnte in seinem Werk «Voyce from the Watch Tower» auch Wilhelm Tell. Wikimedia / Bodleian Library, MS. Eng. hist. c. 487

Lauernde Gefahren

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen waren die englischen Herren auf eidgenössischem Boden nicht ganz ausser Gefahr. Spione trieben sich herum. Spione des Königs oder – vermutlich noch gefährlicher – Spione der rachsüchtigen Witwe Karls I. Lisle fürchtete, dass seine Assoziation mit Ludlow die beiden als geflohene Königsmörder enttarnen könnte. Deshalb verliess Lisle Vevey und kehrte nach Lausanne zurück. Eine Entscheidung, die sich als fataler Fehler herausstellen sollte.

Donnerstag, 11. August 1664, morgens: John Lisle spaziert durch die Strassen der Stadt Lausanne auf dem Weg zur protestantischen Kirche St. François. Als er durch das Tor in den Vorhof schreitet, fällt ein Schuss. Mehrere Männer haben ihn schon eine Weile verfolgt; einer davon hat aus seinem Umhang ein Gewehr gezogen und dem wehrlosen Exilanten in den Rücken geschossen. Die Männer reiten davon, angeblich «vive le roi!» rufend. Der Attentäter: Sir James Cotter. Der Auftraggeber: König Karl II.
Ludlow, Cawley und weitere Exilanten blieben verschont – auf sie hatten es die Attentäter an diesem Tag nicht abgesehen. Dennoch lebten sie keineswegs ein unbeschwertes Leben. Ludlow führte aus Sicherheitsgründen eine Variante des Mädchennamens seiner Mutter, wechselte öfters Wohnadresse und war dazu bereit, jederzeit erneut zu fliehen. In seinen Memoiren schrieb der Engländer sogar, dass es einige Male zu Konfrontationen mit Cotters Schlägertruppen kam und dass ein lokaler Apotheker, Monsieur Enno, ihn habe vergiften wollen. Darüber hinaus ersuchten Agenten der Krone die Überstellung Ludlows durch die Berner Behörden, was diese jedoch aus Ehrengründen konsequent ablehnten.

Als gegen Mitte der 1660er-Jahre die Niederlande in einen Krieg mit England eintraten, wurde Ludlow ersucht, seinem Bekannten Algernon Sidney zu folgen und sich in die Niederlande zu begeben. Dort planten republikanische Kräfte einen von niederländischen Truppen unterstützten Umsturz der englischen Krone. Ludlow, aber auch Cawley, blieben jedoch im Waadtland – aus Misstrauen gegenüber den Niederländern. Der Umsturzplan wurde schliesslich nicht in Tat umgesetzt.

Die letzten Jahre

1667 verstarb Cawley in Vevey im Alter von 64 Jahren. Nur wenig ist aus dieser Zeit dokumentiert. Klar ist, dass Ludlow vorerst nicht daran dachte, nach England zurückzukehren. Anders als Algernon Sidney, welcher 1677 in seine Heimat zurückkehrte, jedoch 1683 hingerichtet wurde. Der offizielle Grund war eine angebliche Beteiligung an einer Verschwörung sowie eine anti-monarchische Schrift, welche bei einer Hausdurchsuchung gefunden wurde. Doch der Tod Sidneys war ebenso ein Beispiel dafür, welcher Gefahr die alten Republikaner noch immer ausgesetzt waren. Als 1684 verschiedene Exilanten versuchten, Ludlow von der Führung einer westenglischen Revolte zu überzeugen, lehnte dieser ab und erklärte, seinen Dienst in England vollendet zu haben.

Doch innerhalb kurzer Zeit änderte Edmund Ludlow seine Meinung. Nachdem Karl II. 1685 starb und dessen Nachfolger Jakob I. durch die «Glorreiche Revolution» von 1688/99 abgesetzt wurde, entschied sich Ludlow zur Rückreise. Schwermütig verabschiedete er sich von seinen Bekannten in Vevey und erklärte, er werde England bei der Rückeroberung Irlands unterstützen. Doch der grosse Empfang in London blieb aus. Zwar war Ludlow mit einigen wenigen Republikanern wiedervereint, doch schnell einmal wurde ein neuer Haftbefehl gegen ihn erlassen. Der neue König Wilhelm III. regierte als konstitutioneller Monarch und lehnte den Republikanismus grundsätzlich ab. Einen «Königsmörder» wie Ludlow konnte er nicht tolerieren. So kam es, dass Ludlow nach einem kurzen Aufenthalt erneut fliehen musste und in Vevey seine letzten Jahre verbrachte. Am 26. November 1692 starb Ludlow im Alter von 75 oder 76 Jahren.

Was blieb von diesen republikanischen Exilanten? Vor allem Edmund Ludlow wurde einige Jahre nach seinem Tod in England gross rezipiert. Über Umwege gelangte ein Manuskript Ludlows, welches dessen Leben und viele politische Ereignisse dokumentierte, nach England, wo es 1698/99 als Ludlows «Memoiren» herausgegeben wurde. Das dreibändige Werk sollte der neuen Generation von englischen Republikanern dienen. Doch die edierten Memoiren hatten wenig mit Ludlows Original zu tun: Es wurde heftig gekürzt und die stark religiöse Sprache wurde säkularisiert. Ein zeitgenössischer Leser erklärte, die Herausgeber hätten den Memoiren den sprachlichen «Überfluss jenes schwärmerischen Schweizer Kleides abgeschnitten». Ein Teil des originalen Manuskripts liegt heute noch in den Bibliotheken Oxfords.

Und in der Schweiz? Nebst den Dokumenten in verschiedenen Archiven erinnert in der Kirche Saint-Martin in Vevey eine Grabplatte mit Inschrift an Ludlow:
"Hier liegt Edmund Ludlow [...] Verteidiger der Freiheit des Vaterlandes und schärfster Kämpfer gegen willkürliche Macht."
«Hic Iacet Edmond Ludlow [...] patria libertatis defensor, et potestatis arbitrariae oppugnator acerrius.» (Hier liegt Edmund Ludlow […] Verteidiger der Freiheit des Vaterlandes und schärfster Kämpfer gegen willkürliche Macht.) Wikimedia

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