
Englische «Königsmörder» im eidgenössischen Exil
Als im Mai 1660 Karl II. aus dem Hause Stuart den englischen Thron bestieg, musste eine Gruppe englischer Männer notfallmässig ihr Hab und Gut zusammenpacken und von der britischen Insel nach Kontinentaleuropa fliehen. Die Männer, allen voran Edmund Ludlow, John Lisle und William Cawley, waren politische Persönlichkeiten, welche das Exil über den Tod wählten. Ihr Ziel auf dem Kontinent: die Eidgenossenschaft.
Die Zeit der englischen Republik im Überblick

Ausbruch des englischen Bürgerkriegs
Die politischen Spannungen zwischen dem Parlament und König Karl I. kulminieren zu ersten offenen Kämpfen.

Hinrichtung Karls I., Beginn der englischen Republik
König Karl I. wird von einem parlamentarischen Sondergericht wegen Hochverrats verurteilt und öffentlich hingerichtet. Die englische Republik wird ausgerufen.

Ende des Bürgerkriegs
Karl II., Sohn des enthaupteten Königs, wird zum König von Schottland gekrönt. Einige Monate später besiegt die von Oberbefehlshaber Oliver Cromwell geführte New Model Army die königlichen Truppen in der Schlacht bei Worcester endgültig. England, Schottland und Irland stehen nun unter militärischer Kontrolle des republikanischen Regimes. Karl II. flieht nach Frankreich.

Oliver Cromwell als Lord Protector
Das durch Cromwell ernannte Parlament wird aufgelöst und er übernimmt nahezu uneingeschränkte Macht. Sein Lordprotektorat ist stark militaristisch und puritanisch geprägt. So werden Feste wie Weihnachten und Ostern abgeschafft und Kontrollen in alltäglichen Bereichen des Lebens wie Kleidung und Fluchen eingeführt.

Tod Oliver Cromwells
Oliver Cromwell erliegt einer Lungenentzündung. Auf dem Sterbebett ernennt er seinen Sohn Richard zum Nachfolger. Der Republik fehlt fortan eine stabile Führung.

Ende der englischen Republik, Krönung Karls II.
Nach Jahren politischer Instabilität wird die Monarchie wiederhergestellt. Karl II. kehrt aus dem Exil zurück und besteigt den Thron. 1661 wird Oliver Cromwell posthum des Hochverrats verurteilt, sein Leichnam wird exhumiert, aufgehängt, enthauptet und sein Kopf in der Westminster Hall ausgestellt.
Migrationsziel Eidgenossenschaft
Doch lange konnten die Exilanten nicht in Genf verbleiben. Im Jahre 1662 wurden einige in England verbliebene Regicides hingerichtet und drei sich in den Niederlanden aufhaltende Exilanten an England überstellt. Aus Sorge, ebenfalls ausgeliefert zu werden, ersuchten Ludlow und seine Kameraden den Genfer Rat um ein Protektionsschreiben, das ihnen Schutzstatus garantieren sollte. Jedoch stellte sich dem eine Minderheit im Rat entgegen, weshalb sich die Engländer an eine andere nahegelegene Stadtrepublik wandten: Bern.
Aufhalten durften sich die Engländer im bernischen Territorium, welches sich damals auch über die ganze Waadt erstreckte. Zuerst liessen sich die Herren in Lausanne nieder, wo sie vonseiten der Obrigkeit sogar ihre eigenen Sitzplätze in der Kirche St. François zugeteilt bekamen. Nach und nach folgten weiter Exilanten und gesellten sich zu Ludlow, Lisle und Cawley, welche inzwischen unter anderen Namen im Waadtland umherzogen, bis sie sich schliesslich in Vevey niederliessen. Mitte 1663 wurden sie von Algernon Sidney besucht, einem weiteren Republikaner und Exilanten, welcher sich auf dem Kontinent herumtrieb und sich später in die Niederlande begab. Im selben Jahr eröffnete Ludlow eine kleine Druckerei in Yverdon, wo er eine aus dem Englischen ins Französische übersetzte Propagandaschrift zur republikanischen Bewegung und den hingerichteten Regicides drucken liess. Dass die Eidgenossen selbst ein Volk seien, welches sich einst gegen die Tyrannei wehrte und die Freiheit erkämpfte, das erfuhr Ludlow durch die Sage von Wilhelm Tell, welche er gar in seinen Memorien niederschrieb. Jedoch, so empfanden es die Regicides, waren sie weniger fromm in ihrer Religion: Die Eidgnossen feierten das Abendmahl bei ihren Gottesdiensten, was die puritanischen Engländer ablehnten und deshalb ausliessen.


Lauernde Gefahren
Donnerstag, 11. August 1664, morgens: John Lisle spaziert durch die Strassen der Stadt Lausanne auf dem Weg zur protestantischen Kirche St. François. Als er durch das Tor in den Vorhof schreitet, fällt ein Schuss. Mehrere Männer haben ihn schon eine Weile verfolgt; einer davon hat aus seinem Umhang ein Gewehr gezogen und dem wehrlosen Exilanten in den Rücken geschossen. Die Männer reiten davon, angeblich «vive le roi!» rufend. Der Attentäter: Sir James Cotter. Der Auftraggeber: König Karl II.
Als gegen Mitte der 1660er-Jahre die Niederlande in einen Krieg mit England eintraten, wurde Ludlow ersucht, seinem Bekannten Algernon Sidney zu folgen und sich in die Niederlande zu begeben. Dort planten republikanische Kräfte einen von niederländischen Truppen unterstützten Umsturz der englischen Krone. Ludlow, aber auch Cawley, blieben jedoch im Waadtland – aus Misstrauen gegenüber den Niederländern. Der Umsturzplan wurde schliesslich nicht in Tat umgesetzt.
Die letzten Jahre
Doch innerhalb kurzer Zeit änderte Edmund Ludlow seine Meinung. Nachdem Karl II. 1685 starb und dessen Nachfolger Jakob I. durch die «Glorreiche Revolution» von 1688/99 abgesetzt wurde, entschied sich Ludlow zur Rückreise. Schwermütig verabschiedete er sich von seinen Bekannten in Vevey und erklärte, er werde England bei der Rückeroberung Irlands unterstützen. Doch der grosse Empfang in London blieb aus. Zwar war Ludlow mit einigen wenigen Republikanern wiedervereint, doch schnell einmal wurde ein neuer Haftbefehl gegen ihn erlassen. Der neue König Wilhelm III. regierte als konstitutioneller Monarch und lehnte den Republikanismus grundsätzlich ab. Einen «Königsmörder» wie Ludlow konnte er nicht tolerieren. So kam es, dass Ludlow nach einem kurzen Aufenthalt erneut fliehen musste und in Vevey seine letzten Jahre verbrachte. Am 26. November 1692 starb Ludlow im Alter von 75 oder 76 Jahren.
Was blieb von diesen republikanischen Exilanten? Vor allem Edmund Ludlow wurde einige Jahre nach seinem Tod in England gross rezipiert. Über Umwege gelangte ein Manuskript Ludlows, welches dessen Leben und viele politische Ereignisse dokumentierte, nach England, wo es 1698/99 als Ludlows «Memoiren» herausgegeben wurde. Das dreibändige Werk sollte der neuen Generation von englischen Republikanern dienen. Doch die edierten Memoiren hatten wenig mit Ludlows Original zu tun: Es wurde heftig gekürzt und die stark religiöse Sprache wurde säkularisiert. Ein zeitgenössischer Leser erklärte, die Herausgeber hätten den Memoiren den sprachlichen «Überfluss jenes schwärmerischen Schweizer Kleides abgeschnitten». Ein Teil des originalen Manuskripts liegt heute noch in den Bibliotheken Oxfords.
Und in der Schweiz? Nebst den Dokumenten in verschiedenen Archiven erinnert in der Kirche Saint-Martin in Vevey eine Grabplatte mit Inschrift an Ludlow:


