Albert Einstein verhalf der Klavierlehrerin Rosa Schmid zu ihrem Recht. Illustration von Marco Heer.
Albert Einstein verhalf der Klavierlehrerin Rosa Schmid zu ihrem Recht. Illustration von Marco Heer.

Einstein und das «Fräulein aus Bümpliz»

Eine Berner Vermieterin bat Albert Einstein um Hilfe, um einen zahlungsunwilligen Mieter zu belangen. Der prominente Wissenschaftler ruhte nicht, bis das «Fräulein aus Bümpliz» zu ihrem Recht kam.

Franziska Rogger

Franziska Rogger

Franziska Rogger ist freischaffende Historikerin.

Eigentlich meint man, alles über Albert Einstein zu wissen. Seine Liebesbriefe wurden ebenso seziert wie seine berühmten wissenschaftlichen Werke analysiert. Selbst Details zu seinen alltäglichen Telefongesprächen wurden 2025 publiziert. Unbekannt aber blieb die anrührende Geschichte, wie und weshalb der «grosse» Einstein mit persönlichem Einsatz einem «kleinen Fräulein» aus Bümpliz konkret zu ihrem Recht verhalf.
Unverkennbar: Albert Einstein, fotografiert 1925 in Argentinien.
Unverkennbar: Albert Einstein, fotografiert 1925 in Argentinien. Wikimedia
Dass Albert Einstein ein wissenschaftliches Genie, ein Womanizer und Pazifist war, ist vielfach beschrieben worden. Bekannt sind seine Bemühungen um Nazi-Opfer. Mit Frauen und seinen Kindern war er eigen. Persönliche Entscheidungen traf er klug und weitsichtig, und mit welcher Akribie und Hartnäckigkeit er im Detail vorgehen konnte, wenn ihm Ungerechtigkeiten zu Ohren kamen, beweist die Affäre um den «Wunderheiler» Leander Tomarkin. Dieser inszenierte sich in Europa und Amerika als berühmter Arzt, origineller Medikamentenerfinder und umtriebiger Organisator internationaler medizinischer Kongresse. Der umtriebige «Doktor Tomarkin» hatte in jungen Jahren bei der Klavierlehrerin «Frl. R. Schmid» in Bümpliz/Bern ein Zimmer gemietet, «vergass» aber, es zu bezahlen. Rosa Schmid war eine wenig begüterte Berner Lebenskünstlerin und führte ein karges, aber eigenständiges Leben.
Leander Tormakin in seinem Labor, aufgenommen 1924.
Leander Tormakin in seinem Labor, aufgenommen 1924. Privatarchiv Tomarkin
Als Rosa Jahre später in der Presse erstaunt zur Kenntnis nahm, dass nun ihr ehemaliger Untermieter mit Königen und wissenschaftlichen Koryphäen verkehrte, wandte sie sich an den weltberühmten, damals in Berlin wohnenden Nobelpreisträger Albert Einstein. Nachdem sie schon erfolglos den Bundesrat und den italienischen Duce, Benito Mussolini, angeschrieben hatte, klagte sie ihm, Tomarkin schulde ihr seit Jahren 500 Franken. Er wisse sich aber «mit geschickten Manövern vom Zahlen zu befreien». Schmid bat Einstein Ende März 1932 unumwunden, doch seinen Einfluss geltend zu machen und Tomarkin zur Begleichung der Schuld zu veranlassen. 
Bettelbriefe flatterten berühmten Leuten wie Albert Einstein tagtäglich aufs Pult. Auf Einstein musste Rosa Schmid den Eindruck einer unbedeutenden Klavierlehrerin aus einer anonymen Agglomeration gemacht haben. Erstaunlicherweise landete der Brief dennoch nicht im Papierkorb. Im Gegenteil. Noch heute wird er im Albert-Einstein-Archiv in Jerusalem aufbewahrt, denn Einstein machte sich überraschenderweise Schmids Problem zu eigen.

Auch eigene Interessen

Das war einerseits seiner Gerechtigkeitsliebe geschuldet, hatte aber andererseits auch mit einem gewissen Eigeninteresse zu tun. Leander Tomarkin versuchte nämlich den weltberühmten Albert Einstein als Förderer, Redner und Mäzen definitiv an Bord seiner medizinischen Stiftung zu holen. Einstein war jedoch vorsichtig geworden und konfrontierte Tomarkin am 20. April 1932 mit der Schmidschen Forderung. Es war für den Physiker auch eine Art Test, denn er befürchtete, wenn sein Name mit einem von Tomarkin geleiteten Unternehmen offiziell in Verbindung stände, könnte das unter Umständen zu Problemen führen.
Obwohl mit dieser Drohung unter Druck gesetzt, bestritt Leander Tomarkin in einem vierseitigen Schreiben umgehend, dass er der Berner Klavierlehrerin etwas schulde. Dreist beklagte er deren Erpressungsmethoden. Hierauf verlangte Einstein am 26. April von Rosa Schmidt «objektive Beweise». Falls sich nämlich Tomarkins finanzielle oder auch nur moralische Schuld erweisen sollte, würde er jede Verbindung zu ihm offiziell abbrechen.
Rosa Schmid (links) mit Paul Klee und dessen Schwester Mathilde, aufgenommen 1934. Sie traf sich regelmässig mit Hans, dem Vater der Klee-Geschwister, zum Jassen.
Rosa Schmid (links) mit Paul Klee und dessen Schwester Mathilde, aufgenommen 1934. Sie traf sich regelmässig mit Hans, dem Vater der Klee-Geschwister, zum Jassen. Privatarchiv Niklaus Schmid-Heimes
Rosa Schmid liess Einstein Schuldanerkennung, Betreibungsbeleg und Verlustschein zukommen. Die Dokumente hatte ein ihr bekannter Tessiner Anwalt besorgt, der in seiner Berner Studentenzeit ebenfalls als Untermieter bei ihr gewohnt hatte. Am 3. Mai 1932 erhielt Albert Einstein von Tomarkins Anwalt die befremdliche Erklärung, die Angelegenheit habe sich gänzlich aufgeklärt. Schmid erhielt die 500 Franken – wenn auch ohne Zins für die zehn Jahre. Zudem hatte sie als Bedingung die Erklärung zu schlucken, beim Streit habe es sich bloss um eine Verwechslung, einen Grundirrtum der Buchhaltung gehandelt. Damit sollte das Ehrgefühl des Dr. L. Tomarkin geschützt werden.

Beziehung zu Tomarkin beendet

Einstein liess sich jedoch nicht beirren und sandte Ende Mai Rosa Schmid das Anwaltsschreiben zur Kommentierung zu. Rosa Schmid erklärte einige Tage später, sie habe das sehnlichst erwartete Geld dringend gebraucht und deshalb dem Kuhhandel zugestimmt. Sie bedaure allerdings, es getan zu haben.
Am 11. Juni 1932 wies Albert Einstein Leander Tomarkin dezidiert an, «dafür zu sorgen», dass sein Name mit seiner Stiftung «nicht mehr in Verbindung gebracht» werde. Der Physiker hatte den Handel Tomarkin-Schmid während zweieinhalb Monaten mit gewissenhafter Hartnäckigkeit und umsichtiger Akribie betrieben. Dass es ihm dabei nicht nur um seinen eigenen guten Ruf und sein Ansehen ging, betonte er mit dem Hinweis, dass er nicht Zustände schaffen wolle, «durch welche auch andere zu Schaden kommen könnten». Und das «Fräulein aus Bümpliz» liess er wissen: «Ich freue mich, dass Sie zu Ihrem Rechte gekommen sind.»
Für Albert Einstein war die «Causa Tomarkin» ab 1932 erledigt. Er wollte nichts mehr mit der Stiftung des Zürchers zu tun haben.
Für Albert Einstein war die «Causa Tomarkin» ab 1932 erledigt. Er wollte nichts mehr mit der Stiftung des Zürchers zu tun haben. Wikimedia
Das Ganze hatte ein betrübliches Nachspiel. Als 1933 Tomarkins Stiftung um Geld, Unterkunft und Laborplätze für verfolgte Wissenschaftler bat, verliess man sich auch auf Einsteins bekannte Hilfsbereitschaft. Doch dieser erklärte am 2. Mai 1933 dezidiert: «Der Brief wegen der Tomarkin-Foundation sieht besser aus als das, was dahintersteckt. Herr Tomarkin selber ist mir daher bekannt, dass ich mich mit Erfolg bemüht habe, eine alte Schuld gegenüber einer Zimmervermieterin in Höhe von 500 Franken zurückzuzahlen; er hatte diese Schuld nämlich anfänglich in raffinierter Weise zu leugnen versucht. Wenn die Sonne so ist, was soll man dann von den Trabanten halten?»
Rosa Schmid an einem Familienfest im September 1957.
Rosa Schmid, hier an einem Familienfest im September 1957, beharrte auf ihrer Miete, was… Privatarchiv Niklaus Schmid-Heimes
Porträt von Leander Tormakin.
… dem selbsternannten Doktor Tomarkin empfindlich schadete und ihn schliesslich als Scharlatan entlarvte. Privatarchiv Tomarkin
Einstein wollte definitiv nichts mehr von Tomarkin wissen. Er schützte seinen guten Ruf, verhalf einer Berner Klavierlehrerin zu ihrem Recht und bestätigte den Satz: «Für Geld interessiert sich Einstein nur, wenn es missbraucht wird zum Nachteil der Menschen.»

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