In Ascona wurde im März 1945 der Grundstein für den späteren Schutz von Karl Wolff gelegt.
In Ascona wurde im März 1945 der Grundstein für den späteren Schutz von Karl Wolff gelegt. Bilder: Wikimedia, e-pics; Montage: SNM

Schweizer Hilfe für einen SS-General

Im März 1945 verhandelte Karl Wolff mit den Alliierten in Ascona über eine Kapitulation der Deutschen in Norditalien. Nach dem Krieg erhielt der SS-General Hilfe aus der Schweiz und den USA, um nicht als Kriegsverbrecher verurteilt zu werden.

Andrej Abplanalp

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

Anfang August 1947 schrieb der Schweizer Pädagoge Max Husmann dem amerikanischen Chefankläger, General Telford Taylor, einen langen Brief nach Nürnberg. Dort liefen seit 1945 die Prozesse gegen die Verantwortlichen des Dritten Reichs. Husmann verlangte vom Amerikaner, auf eine Anklage gegen Karl Wolff zu verzichten: «Wenn wir aber General Wolff und seinen Mitkämpfern das Versprechen einer loyalen Behandlung und einer eventuellen Mitarbeit im neuen Deutschland machten, und wenn Wolff sein Versprechen unter Einsatz seines Lebens hielt, so haben wir alle heute kein Recht, unser Versprechen nicht zu halten mit der Begründung, er sei ein SS.-General und die ganze SS.-Organisation sei als Verbrecher-Institution verurteilt worden.» Max Husmann bezog sich dabei auf die Operation Sunrise, die geheimen Verhandlungen, welche im März 1945 in Ascona über die Bühne gegangen waren und die frühzeitige Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Norditalien am 2. Mai 1945 zur Folge hatten.
Telford Taylor, amerikanischer Chefankläger, im Dezember 1946 an den Nürnberger Prozessen.
Telford Taylor, amerikanischer Chefankläger, im Dezember 1946 an den Nürnberger Prozessen. National Archives

Die Operation Sunrise

Im Frühling 1945 hatten in Ascona geheime Verhandlungen zu einer vorzeitigen Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Norditalien stattgefunden. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn sassen hochrangige Vertreter des Dritten Reichs und der Alliierten an einem Verhandlungstisch. Eingefädelt hatten das Treffen zwischen SS-General Karl Wolff und den alliierten Generälen Lyman Lemnitzer (USA) und Terence Airey (Grossbritannien) die Nachrichtendienste der Schweiz und der USA. Eine zentrale Rolle bei dieser Annäherung spielte Max Husmann. Der Gründer der Internatsschule Montana auf dem Zugerberg stellte den Kontakt der in Italien stationierten SS zu Max Waibel vom Schweizer Nachrichtendienst her. Wie aber kommt ein Schweizer Pädagoge dazu, zwischen dem höchsten SS-Mann Italiens und den Alliierten zu vermitteln?
Von links: Max Waibel, Lyman Lemnitzer und Terence Airey während den Kapitulationsverhandlungen im März 1945 in Ascona.
Von links: Max Waibel, Lyman Lemnitzer und Terence Airey während den Kapitulationsverhandlungen im März 1945 in Ascona. Schweizerisches Bundesarchiv, J1.188#2004/353#5* / Novalis Verlag
Im Herbst 1944 begriff Karl Wolff, dass der Krieg für die Deutschen endgültig verloren war und begann einen persönlichen Ausweg zu suchen. Ihm waren alle SS- und Polizeikräfte, die Gestapo, die gesamte Partisanenbekämpfungsverbände und die Hilfstruppen von Mussolinis faschistischer Republik von Salò unterstellt. Damit stand der SS-General zu stark im Fokus des Reichs, um selbst aktiv zu werden. Über Mittelsmänner wie den italienischen Baron Luigi Parrilli liess er sondieren, ob eine Kontaktaufnahme mit dem amerikanischen Geheimdienst, dem Office of Strategic Services (OSS), möglich war. Dieses hatte sein Hauptquartier seit 1942 in Bern.

Vom Schuldi­rek­tor zum Kapitulationsvermittler

Hier kommt Max Husmann ins Spiel. Parrilli kontaktierte ihn im Februar 1945, da sein Neffe die Schule auf dem Zugerberg besucht hatte. Der Pädagoge wiederum kannte Max Waibel, mit welchem er sich seit einigen Jahren regelmässig austauschte. In seiner Funktion als Nachrichtendienst-Offizier hatte Letzterer einen Draht zu OSS-Chef Allen Dulles. So kam schliesslich die Verbindung zwischen Karl Wolff und den westlichen Alliierten zustande. Doch Husmanns Rolle war damit nicht zu Ende. Im Gegenteil, sie entwickelte sich von einer kleinen Vermittler- zu einer leitenden Verhandlungsrolle. Der Internatsdirektor führte nicht nur das Vorgespräch mit zwei höheren SS-Offizieren in Lugano, er begleitet Wolff auch zu seinem ersten Treffen mit Allen Dulles. Dieses fand am 8. März in Zürich statt. Der Pädagoge nutzte die Reise von der Schweizer Südgrenze nach Zürich, um dem SS-General die Lage zu erklären und ihn auf das Gespräch mit Dulles vorzubereiten. In seinem 1946 verfassten Buch «Operation Sunrise ‒ 1945 Kapitulation in Norditalien» schrieb Max Waibel, dass Husmann auf dieser Fahrt entscheidend auf Karl Wolff eingewirkt habe, was die nachfolgenden Verhandlungen überhaupt erst ermöglichte.
Ohne sie wäre die Operation Sunrise kaum zustande gekommen. Von links: Max Husmann, Max Waibel und Luigi Parrilli, fotografiert auf Waibels Landgut Dorenbach bei Luzern.
Ohne sie wäre die Operation Sunrise kaum zustande gekommen. Von links: Max Husmann, Max Waibel und Luigi Parrilli, fotografiert auf Waibels Landgut Dorenbach bei Luzern. Schweizerisches Bundesarchiv, J1.188#2004/353#5* / Novalis Verlag
Amerikanischer Diplomatenausweis von OSS-Chef Allen Dulles vom November 1942.
Amerikanischer Diplomatenausweis von OSS-Chef Allen Dulles vom November 1942. Schweizerisches Bundesarchiv / E4320B#1990/266#5772*
Die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien wurde schliesslich am 29. April 1945 in Caserta bei Neapel unterzeichnet und trat am 2. Mai in Kraft, sechs Tage vor der offiziellen Kapitulation des Dritten Reichs. Die Operation Sunrise hatte viele Menschenleben gerettet und einen Grossteil der norditalienischen Infrastruktur vor der Zerstörung bewahrt, die Adolf Hitler am 19. März 1945 in seinem «Nero-Befehl» (Taktik der verbrannten Erde) angeordnet hatte.
Filmaufnahme der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien, 29. April 1945. YouTube / War Archives

Die Sunrise-Verbin­dung hielt auch nach dem Krieg

Die deutsche Kapitulation in Norditalienwertete die sonst eher bescheidene Bilanz von Allen Dulles als OSS-Chef auf. Nicht zuletzt wegen dieses für die Westalliierten wichtigen geostrategischen Schritts wurde er 1953 zum Direktor der CIA, der Nachfolgeorganisation des OSS, ernannt.
Aber auch die beteiligten SS-Männer profitierten. Sie wurden von den Amerikanern faktisch vor einer Strafverfolgung geschützt, um ihr Stillschweigen um die Operation Sunrise zu erwirken. Details der Verhandlungen hätten das bereits sehr fragile Verhältnis der westlichen Alliierten zur Sowjetunion stark belastet. Die USA und Grossbritannien hatten im Tessin gegen die alliierte Abmachung, nur eine bedingungslose Gesamtkapitulation zu akzeptieren, verstossen. Ausserdem widersprach die Einigung mit der SS der öffentlich vertretenen Position der Alliierten, wonach die Schutzstaffel eine verbrecherische Organisation sei. Wäre dies bekannt geworden, hätte die Glaubwürdigkeit der westlichen Alliierten arg gelitten. Und trotz all dieser Risiken, auch für die Schweizer, welche als Privatpersonen handelten, hatten sie die Teilkapitulation erwirkt und sich damit einen Vorteil hinsichtlich der Kontrolle des Mittelmeerraums verschafft. Hier zeigten sich die ersten Anzeichen des kommenden Kalten Kriegs.
US-Passierschein für den ehemaligen SS-Offizier Eugen Dollmann, der ebenfalls an der Operation Sunrise beteiligt war.
US-Passierschein für den ehemaligen SS-Offizier Eugen Dollmann, der ebenfalls an der Operation Sunrise beteiligt war. Schweizerisches Bundesarchiv, E4320B#1973/17#1455*
Porträt von Karl Wolff von 1942.
Porträt von Karl Wolff von 1942. Wikimedia
Aufgrund dieser westalliierten Eigeninteressen wurde selbst Karl Wolff, vor seiner Zeit in Italien während Jahren die rechte Hand von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, von der Nachkriegsjustiz kaum belangt. Zwar blieb er bis 1947 von den Alliierten interniert, jedoch nicht als Angeklagter, sondern lediglich als Informant und Zeuge. In dieser Funktion trat er 1946 an den Nürnberger Prozessen gegen das NS-Regime auf und erläuterte die Struktur und Arbeitsweise der SS. Die Vergangenheit holte Wolff erst 1964 ein: Ein deutsches Gericht verurteilte den ehemaligen SS-General zu 15 Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord an 300'000 Jüdinnen und Juden in Treblinka. Dass Wolff bereits 1969 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gefängnis entlassen wurde, passt ins Muster des Umgangs mit Nazi-Verbrechern in der Bundesrepublik Deutschland.
Karl Wolff (rechts) bei einem Besuch mit Heinrich Himmler (Zweiter von rechts) im KZ Mauthausen, April 1941.
Karl Wolff (rechts) bei einem Besuch mit Heinrich Himmler (Zweiter von rechts) im KZ Mauthausen, April 1941. Wikimedia / Deutsches Bundesarchiv
Insgesamt war Karl Wolff knapp zehn Jahre inhaftiert. Vor allem in den 1940er-Jahren konnte er auf die unermüdliche Unterstützung von Max Husmann zählen. Die tragische Situation des Deutschen belaste ihn dauernd, schrieb er Ende August 1947 an Alfred Zehnder, Chef der Politischen Abteilung im Eidgenössischen Politischen Departement. Der Schweizer Pädagoge liess nichts unversucht, um dem ehemaligen Verhandlungspartner zu helfen. So schlug er Bundesrat Karl Kobelt, Vorsteher des Militärdepartements, am 16. September 1947 sogar vor, eine dreiköpfige Kommission zu bilden, «bestehend aus einem Delegierten des Bundesrates, des Militärdepartementes und einem Historiker». Sie sollte das vorhandene Material über die Kapitulation sammeln und «soweit irgend möglich, die Beteiligten persönlich einvernehmen». Kobelt winkte einige Wochen später ab: «Nach einlässlicher Prüfung komme ich zum Schlusse, dass weder eine offizielle noch eine offiziöse Aktion von amtlicher Seite zu Gunsten des ehemaligen Kommandanten der SS-Truppen in Italien von unserer Landesregierung unternommen werden darf.» Er wolle die Verdienste von SS-General Wolff um die Kapitulation in Oberitalien nicht in Frage stellen, aber «die neutrale Stellung unseres Landes verbietet uns, einen derartigen Schritt zu unternehmen».
Mitte Oktober 1947 schickte Bundesrat Karl Kobelt eine höfliche Absage an Max Husmann.
Mitte Oktober 1947 schickte Bundesrat Karl Kobelt eine höfliche Absage an Max Husmann. Schweizerisches Bundesarchiv, E27#1000/721#9540*

Nur morali­sche Pflicht?

In der ersten Zeit nach dem Krieg war Karl Wolff vor allem durch OSS-Chef Allen Dulles wirksam geschützt worden. Doch innerhalb der Alliierten gab es durchaus Gruppen, die den Deutschen anklagen wollten und dies auch mehrmals versuchten. Das war es wohl, was Max Husmann, der Wolff seit 1945 unermüdlich unterstützte, so sehr belastete, dass er bis auf Bundesratsebene vorstiess. Der Schweizer argumentiert in seiner Korrespondenz stets, dass dem Deutschen während der Operation Sunrise Versprechen gegeben worden waren. Max Waibel und er hätten als Schweizer die Garantie gegeben, «dass die Anglosachsen ihr Versprechen halten werden, auch ohne irgendwelchen schriftlichen Vertrag», schrieb er beispielsweise Telford Taylor. Obwohl Husmann nie ausführte, was versprochen worden war, implizierte das «Versprechen einer loyalen Behandlung und einer eventuellen Mitarbeit im neuen Deutschland», welches er Taylor darlegte, dass es sich dabei um den Schutz vor einer Strafverfolgung handeln musste.
Max Waibel und vor allem Max Husmann fühlten sich moralisch an dieses Karl Wolff gegebene Versprechen gebunden. Für sie war es eine «Gewissensfrage», es einzuhalten. Husmann ging sogar so weit, Taylor anzubieten, den ehemaligen SS-General von seiner nationalsozialistischen Gesinnung zu kurieren: «Man sagte mir in Nürnberg, Wolff sei noch heute ein Nazi. Ich zweifle nicht daran, bin aber überzeugt davon, dass ich ihn in kurzem Zusammensein mit ihm gänzlich kurieren könnte.» Ging es hier wirklich nur um die moralische Pflicht, Wort zu halten?
Max Husmann auf einem Porträt aus den 1950er-Jahren.
Max Husmann auf einem Porträt aus den 1950er-Jahren. Keystone / STR
Max Husmann stammte ursprünglich aus Proskurow. 1899 wanderte er mit seiner Familie in die Schweiz ein und liess sich 1919 einbürgern. Auf einer Fiche der Bundesanwaltschaft findet sich die Zuschreibung «Schmutziger Jude, polit. dubios» Man verdächtigte ihn, deutschfreundlich zu sein und verleumdete ihn als jemanden, der «die Schweiz, sein jetziges Heimatland, jederzeit verraten würde, wenn es ihm etwas eintragen würde». Nach der Kapitulation der deutschen Verbände in Norditalien wurde Husmann dann als «Friedensvermittler» gefeiert. Beispielsweise von der Weltwoche, welche am 8. Juni 1945 ausführlich über die Verhandlungen berichtete und dabei die führende Rolle des Pädagogen herausstrich. Die Zeitung betonte, dass es Dr. Husmann gelungen sei, «General Wolff die gefährlichen Illusionen zu nehmen, die ihn wie so viele andere Deutsche in entscheidenden Stellungen glauben liessen, es werde doch noch möglich sein, eine Zusammenarbeit zwischen den Anglosachsen und den Deutschen gegen Russland herbeizuführen». Solche Worte waren mit Sicherheit eine Genugtuung für ihn. Das positive Bild von Max Husmann als humanitären Schweizer Vermittler und loyalen Patrioten hätte jedoch mit einer Verurteilung Wolffs Risse bekommen. Vermutlich lag Husmann, seinen eigenen Ruf bedenkend, viel daran, dass der ehemalige SS-General öffentlich als moralisch einwandfrei handelnder Verhandlungspartner und nicht als verurteilter Kriegsverbrecher wahrgenommen wurde.
Polizeifiche zu Max Husmann, welche den Zeitraum von 1941 bis 1953 abdeckt.
Polizeifiche zu Max Husmann, welche den Zeitraum von 1941 bis 1953 abdeckt. Schweizerisches Bundesarchiv, E4320-01C#1996/203#233*
Im Entnazifizierungsverfahren wurde Karl Wolff 1948 wegen seiner Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation, der SS, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Beim Prozess sagte wiederum Max Husmann für den Angeklagten aus. Nach einer Revision wurde das Verdikt 1949 auf vier Jahre reduziert und Wolff entlassen, da er diese Zeit bereits in Internierungslagern verbracht hatte. Der ehemalige SS-General war ein freier Mann.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs rückten die Kampfhandlungen immer näher an die Schweizer Südgrenze. Besonders spürbar war dies im Ossolagebiet. In ihrem aktuellen Buch «Kampfzone Ossola» beleuchten die Historiker Andrej Abplanalp und Raphael Rues das komplexe Geflecht zwischen italienischen Partisanen, deutschen und faschistischen Besatzern und den zunehmend involvierten Schweizer Behörden in den Jahren 1943 bis 1945. «Kampfzone Ossola» ist beim Hier und Jetzt Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.

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