
Dem Gebirge abgerungen: Festungskarten der Schweiz
Zwischen 1888 und 1952 fertigte die Landestopografie geheime, grossmassstäbige Karten der schweizerischen Festungsgebiete an. Unter grossen Entbehrungen entstanden, sind sie bis heute faszinierende Zeugnisse einer vergangenen Bergwelt.
Das Festungskartenwerk unterscheidet sich in vielen Gesichtspunkten von seinen eingangs erwähnten Verwandten. Es deckt nicht das gesamte Land ab, sondern erfasst nur ausgewählte Gebiete, der Kartenmassstab ist mit 1:10’000 deutlich grösser als bei der zeitgleich verwendeten Siegfriedkarte, und die Öffentlichkeit hatte während mehr als einem Jahrhundert keinen Zugang zu den Festungskarten. Sie unterlagen der Geheimhaltung und wurden erst 2009 entklassifiziert.
Wozu dienten die Festungskarten?


Blatt «Wassen» der Festungskarte des Gotthardgebiets, 1892 (links) und 1921 (rechts). Meist wurden zunächst die strategisch besonders wichtigen Täler erfasst, bevor sich die Vermessungsarbeit ins Hochgebirge verlagerte. swisstopo Kartensammlung, LT FK GOT 4, 1892 / swisstopo Kartensammlung, LT FK GOT 4, 1921
Zu Schiesskarten weiterverarbeitet
Ein Kraftakt im Gebirge
Das Zeitfenster, in dem Vermessungsarbeiten im Hochgebirge überhaupt möglich waren, war wegen Schneefall und Kälte sehr klein. Oft konnten die Topografen erst Ende Juni die Arbeit aufnehmen, bis der im Herbst einsetzende Schneefall den Anstrengungen ein frühes Ende setzte. In diesen Monaten übernachteten die Ingenieure und ihre Gehilfen in Alphütten oder Zelten, schliefen auf Strohsäcken und lebten laut dem Cheftopografen der Landestopografie Ernst Leupin generell «viel teurer und schlechter» als ihre Berufskollegen.
Messbilder als bahnbrechende Neuerung
Erweiterung im Schlepptau der Weltkriege
Erst der Zweite Weltkrieg löste einen zweiten, umfassenden Erweiterungsprozess der Festungskarten aus. Zu den bereits seit Jahrzehnten kartierten Festungsgebieten im Gotthard, bei Saint-Maurice und am Monte Ceneri kamen nun acht weitere hinzu. Sie lagen allesamt an der Landesgrenze und sollten die dortigen Grenzbefestigungen mit dem nötigen Raumwissen versorgen. Die immense Ausweitung der Flächendeckung der Festungskarten nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war nur dank Luftbildern und bereits vorhandenen Grundbuch-Übersichtsplänen möglich. Letztere wiesen ebenfalls grosse Massstäbe (1:5000 oder 1:10’000) auf und konnten zügig zu Festungskarten umgearbeitet werden.
Wettlauf zwischen Geschütz und Karte
Ende und Nachwirken
Für artilleristische Anwendungen wurden die Festungskarten in den 1950er-Jahren verzichtbar. Bis heute bleiben die grossmassstäbigen Karten aber eine wertvolle Informationsquelle zur Vergangenheit unserer Berggebiete. Gletscher- und Waldflächen, Bachläufe, Verbindungswege und zahlreiche weitere Raumdaten sind in den Festungskarten mit grösster Sorgfalt festgehalten und laden so zum Forschen und Entdecken ein.
Die Erstausgaben der Gotthardblätter der Festungskarte sind auf Wikimedia Commons in hoher Auflösung frei verfügbar.


