Verteidigt die Schweizer Banknoten wie ein Löwe – die Schweizerische Nationalbank.
Verteidigt die Schweizer Banknoten wie ein Löwe – die Schweizerische Nationalbank. ETH Bibliothek Zürich

Banknoten für den Notfall

Was tun, wenn Fälscher oder eine feindliche Macht das Land mit Falschgeld überschwemmen? Der Notfallplan der Schweizerischen Nationalbank: Reservenoten.

Thomas Weibel

Thomas Weibel

Thomas Weibel ist Journalist und Professor für Media Engineering an der Fachhochschule Graubünden und der Hochschule der Künste Bern.

Der junge Schweizer Bundesstaat liess sich Zeit. Zwar hatte die Schweiz bereits seit 1851/52 mit dem Franken endlich eine landesweite Währung, aber Banknoten wurden noch immer durch Dutzende lokaler «Zeddelbanken» ausgegeben. Doch 1906 war Schluss: Das neue «Bundesgesetz über die Schweizerische Nationalbank» legte fest, dass ausschliesslich die Nationalbank Noten ausgeben dürfe, und machte damit dem dezentralen System ein Ende. Die bisherigen regionalen und kantonalen Emissionsbanken stellten ihre Notenbankgeschäfte bis 1910 ein.
50-Gulden-Note aus St. Gallen, 19. Jahrhundert.
50-Gulden-Note aus St. Gallen, 19. Jahrhundert. Schweizerisches Nationalmuseum
Die neuen Notenbanker sorgten vor. Denn im Gegensatz zum Münzgeld, das sich nicht gar so leicht fälschen liess, waren die neuen Banknoten im Grunde nichts weiter als bedrucktes Papier, und dieser Umstand zog zu allen Zeiten Fälscher an wie der Mist die Fliegen. Der Plan B der Nationalbank: Sollten die Fälscher – oder noch schlimmer: eine feindliche Nation – das Land mit Blüten von hoher Qualität überschwemmen, wollte die Nationalbank jederzeit in der Lage sein, quasi über Nacht sämtliche im Umlauf befindlichen Geldscheine für ungültig zu erklären und durch nagelneue Noten zu ersetzen. In den Tresoren lagen daher Reservebanknoten bereit, Banknoten, die ausser den Nationalbankiers und den Druckern niemand je zu Gesicht bekommen hatte.
Das von 1919-1922 erbaute Hauptgebäude der Schweizerischen Nationalbank an der Börsenstrasse in Zürich, 1944.
Das von 1919-1922 erbaute Hauptgebäude der Schweizerischen Nationalbank an der Börsenstrasse in Zürich, 1944. Wikimedia
Banknoten für den Fall der Fälle: Auf die Idee war die Nationalbank schon 1914 gekommen. Der damals noch zu 90 Prozent aus Silber bestehende Fünfliber musste zuletzt teuer aus Frankreich importiert werden, was sich angesichts der Turbulenzen in Aussenpolitik und -wirtschaft zunehmend schwierig gestaltete. Im Dezember 1919 sollte der Silberpreis sogar so stark ansteigen, dass der reine Materialwert des Fünffrankenstücks auf einmal Fr. 5.52 betrug, was die Furcht vor einem massenhaften Einschmelzen der im Umlauf befindlichen Fünfliber weckte. Um die silbernen Fünffrankenstücke im Kriegsfall oder während einer schweren Krise also einziehen und einlagern zu können, liess die Nationalbank eine neue, in Brauntönen gehaltene und von einem Mitarbeiter der Druckerei Orell Füssli entworfene 5-Franken-Note drucken, die am 3. August 1914 – nur 36 Tage nach dem Attentat von Sarajevo und 6 Tage nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien – ausgegeben wurde. Dieser Fünfernote sollte ein langes Leben beschieden sein: Sie blieb bis 1980 gültig; formell für wertlos erklärt wurde sie gar erst im Jahr 2000.
Die 5-Franken-Reservenote aus der zweiten Banknotenserie von 1911 (Vorderseite).
Die 5-Franken-Reservenote aus der zweiten Banknotenserie von 1911 (Vorderseite). Wikimedia
Drucke in der Zeit, so hast du in der Not. Von den neun Notenserien der Schweizerischen Nationalbank waren zwei vollständige Banknotensätze als reine Reserveserien konzipiert, Serien also, deren Aussehen geheim blieb und die letztlich gar nie in Umlauf gesetzt wurden: die von den beiden Künstlern Victor Surbek und Hans Erni mitgestaltete vierte Serie aus dem Jahr 1938 und die vom Grafikerpaar Roger und Elisabeth Pfund entworfene siebte von 1984. «Dahinter stand die Überlegung, bei gefährlichen Fälschungen (…) unverzüglich den gesamten Notenumlauf durch eine neue Serie ersetzen zu können. Auf diese Weise sollte das Vertrauen der Bevölkerung in die Zahlungsmittel aufrecht erhalten und jeder Versuch, die Wirtschaft zu destabilisieren, vereitelt werden», schrieb die Nationalbank in ihrer Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum 2007. Einzelne dieser Reservenoten blieben Einzelstücke: Die 500-Frankennote der Serie von 1938 etwa existierte lediglich als Probeabzug.
Chemie als Wissenschaft der Zukunft, entworfen vom Luzerner Künstler Hans Erni: Die 500-Franken-Reservenote aus der vierten Banknotenserie von 1938 (Rückseite des Probeabzugs).
Chemie als Wissenschaft der Zukunft, entworfen vom Luzerner Künstler Hans Erni: Die 500-Franken-Reservenote aus der vierten Banknotenserie von 1938 (Rückseite des Probeabzugs). Wikimedia
Der Plan, das gesamte Papiergeld von einem Tag auf den anderen ersetzen zu können, bestand nicht nur in der Schweiz, sondern auch in zahlreichen anderen Ländern Europas. Doch Reservenoten waren stets eine Notlösung, und eine ausgesprochen teure dazu: Selbst wenn eine heutige Banknote in der Herstellung durchschnittlich nur 40 Rappen kostet, ist die Konzeption eines vollständigen Notensatzes ein enorm kostspieliges Unterfangen. In der Schweiz soll die Reserveserie von 1984 daher die letzte gewesen sein: Die Sicherheitsmerkmale der heutigen Banknoten sind mittlerweile so hoch entwickelt, dass in der Schweiz jährlich pro Million gedruckter Banknoten nur zwei bis drei Fälschungen auftauchen. Einen Plan B, das Drucken von Reservebanknoten, hält die Nationalbank für nicht mehr nötig.

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