Stewi-Werbung aus den 1950er-Jahren.
Stewi-Werbung aus den 1950er-Jahren. Stewi

Stewi — Wäsche aufhängen mit Stil

1947 erfand der Winterthurer Walter Steiner den Stewi. Was als zusammenklappbare Wäschespinne begann, wurde zum Designklassiker und zum jahrzehntelangen Bestandteil des Schweizer Landschaftsbildes.

Thomas Weibel

Thomas Weibel

Thomas Weibel ist Journalist und emeritierter Professor für Media Engineering.

Die Beschreibung im dreiseitigen Patentantrag Nummer 255080 vom 30. Juli 1947 ist reichlich technisch: «Die Erfindung betrifft eine Wäscheaufhängevorrichtung. Erfindungsgemäss besitzt diese Vorrichtung Tragstäbe, die an einer auf einer zentralen Stange verschiebbaren Hülse angelenkt und mittels Streben mit einer zweiten, auf der zentralen Stange nicht verschiebbaren Hülse gelenkig verbunden sind, das Ganze derart, dass die Tragstäbe und die Streben ähnlich wie bei einem Schirmgestell auseinander- und gegen die zentrale Stange hin geklappt werden können.» Der Erfinder: Walter Steiner, wohnhaft in Winterthur. Nichts lässt erahnen, dass aus Steiners «Wäscheaufhängevorrichtung» eine schweizerische Industrie-Ikone werden soll.
Patent für den Stewi von Walter Steiner aus dem Jahr 1952.
Patent für den Stewi von Walter Steiner aus dem Jahr 1952. Europäisches Patentamt
Walter Steiner wird 1921 als Sohn des Winterthurer Gärtnerehepaars Friedrich und Maria Steiner geboren. Noch im Elternhaus an der Einfangstrasse in Winterthur beginnt der 26-jährige gelernte Metallbauer seine neuartige klapp- und rotierbare Wäschespinne zu bauen. Ganz neu ist die Idee nicht. Schon 1923 haben Frederick Fairbourn und William Stevenson in England ein ähnliches Gestell patentiert. Steiners Erfolg tut das keinen Abbruch. Seine ersten Konstruktionen haben Arme aus Holz und dünne Hanfseile zum Aufhängen der Wäsche. Noch 1947, im Jahr seines Patentantrags, gründet Steiner seine Einzelfirma «Stewi» (aus «Steiner» und «Winterthur») und beginnt mit der Produktion. Das Wort wird zum sogenannten Deonym: Das Wort «Wäschespinne» gibt es in der Schweiz nicht; einen «Stewi» dagegen, Inbegriff eines Wäscheschirms, kennt jedes Kind.
Selbst auf dem Campingplatz durfte der Stewi nicht fehlen...
Selbst auf dem Campingplatz durfte der Stewi nicht fehlen... Wikimedia
Steiner erfindet am laufenden Band. Unter seinem Namen finden sich Patentanträge für einen aufklappbaren Sonnenschirm, einen Multifunktions-Flaschen- und Dosenöffner namens «PartyJack» (der sich in der Schweiz über 900'000-mal verkaufen wird), Rollladen, Kehrichtkübel, Schulpulte – und natürlich alle erdenklichen Arten von Aufhängevorrichtungen für Wäsche. Sein grösster Erfolg aber bleibt der Stewi. Fünf Jahre nach der Erfindung wird eine grössere Werkstatt an der Oberseenerstrasse in Winterthur Seen nötig. 1954 wird das Modell «DeLuxe» an der Basler Mustermesse ausgezeichnet, 1958 stellt Steiner seinen Stewi im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Brüssel vor. Zunehmend verkauft sich der Stewi über die Landesgrenzen hinaus. Er sei ein Frauenversteher, soll Steiner einmal gesagt haben, und seine Vision sei es, «der Hausfrau die Arbeit so einfach wie möglich zu machen». Der «Stewi» zählt bald zum Schweizer Landschaftsbild und wird leichter und einfacher in der Handhabung – statt Holz werden seit 1958 Aluminium und Kunststoff verbaut, das Hanf- weicht einem modernen Kunststoffseil. 1972 zieht Stewi in die neu gebaute Fabrikationsstätte an der Rudolf-Diesel-Strasse in Winterthur um. Erst 1987 wird Steiners Einzelgesellschaft Stewi zur Aktiengesellschaft.
So wurde der Stewi in den 1960er-Jahren vermarktet.
So wurde der Stewi in den 1960er-Jahren vermarktet. Stewi

Eigenwil­li­ge Werbemassnahmen

Seinen Erfolg verdankt Steiner nicht nur seinem Streben nach Perfektion, sondern auch seinem Sinn für Werbung. Sein «Stewi» ist ein Blickfang, und so beschliesst Steiner, Haushalten an exponierten Wohnlagen – mit einem gut einsehbaren Garten, an viel befahrenen Kreuzungen, entlang von Bahnlinien – kostenlos einen abzugeben. Trocknende Wäsche an diesem futuristischen Faltgestell mit den kühn emporgestreckten Armen, das weckt Begehrlichkeiten bei Vorbeifahrenden und in der Nachbarschaft. Der Stewi wird zum Grosserfolg, immer mehr Einfamilienhausgärten ziert jenes charakteristische Loch, dank dessen Aluminiumhülse sich der Stewi aufstellen und auffalten lässt. Nicht selten wird Erfinder Steiner daher auch als Vater des «Guerilla-Marketings» bezeichnet, wie die Branche aussergewöhnliche Vermarktungsaktionen nennt, die mit wenig Geld grosse Wirkung erzielen.
Als einen Patron alter Schule, der seine zeitweilig über 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allesamt mit Namen kannte, beschreibt die Stewi AG ihren einstigen Gründer. Am 14. April 2009 stirbt Walter Steiner im Alter von 88 Jahren in Winterthur. Vorerst führt die Erbengemeinschaft die Geschäfte mit Sohn Walter Andreas als CEO weiter. Doch in den Wäscheküchen hält der Tumbler Einzug, das Geschäft wird härter, und Stewi gerät ins Wanken. Stewi-ähnliche Wäschespinnen werden in Deutschland, den Niederlanden, England, Australien und Asien produziert. Bei Stewi wird kaum mehr investiert, der Umsatz nimmt von Jahr zu Jahr ab. Als der Industrielle Stephan Ebnöther 2016 die Firma besichtigt, so erzählt er der Limmattaler Zeitung, läuft die gesamte Informatik noch auf MS-DOS, dem Microsoft-Betriebssystem der 1980er- und 90er-Jahre.
Der Stewi-Erfinder Walter Steiner war ein Patron alter Schule und kannte seine Mitarbeitenden alle mit Namen.
Der Stewi-Erfinder Walter Steiner war ein Patron alter Schule und kannte seine Mitarbeitenden alle mit Namen. obs/Stewi International
2017 übernehmen Stephan Ebnöther und Lorenz Fäh die Stewi AG; Steiners jüngster Sohn Rolf tritt in die Firma ein und bringt Maschinenpark, Informatik und Firmengebäude auf Vordermann. An die lange Firmengeschichte erinnern bald nur noch die Registrierkasse aus den 70er-Jahren und die alte Stechuhr mit den Zeitkarten der Mitarbeitenden. 2023 ziehen sich Ebnöther und Fäh aus dem Geschäft zurück, und die Firma steht einmal mehr vor dem Aus: Stewi findet keine Investoren, die bereit sind, das Geschäft zu übernehmen, und so soll das Unternehmen per Ende Jahr liquidiert werden ‒ «Stewi plant das Ende», titelt die Winterthurer Zeitung. Dann aber wird die Stewi-Gruppe überraschend doch noch an die Reichardt AG aus dem liechtensteinischen Ruggell verkauft und hat ihren Sitz heute im zürcherischen Saland.
Geblieben ist die Erinnerung an einen charismatischen Firmengründer – und das Modell «Stewi Oak» für Nostalgiker, wie anno dazumal aus Schweizer Eichenholz, zum Preis von 1600 Franken.
TV-Beitrag vom 23. Juli 2020 über den legendären Stewi. SRF

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