Am 30. Juni 1936 appellierte Haile Selassie an den Völkerbund, Äthiopien gegen die italienischen Invasoren zu schützen.
Am 30. Juni 1936 appellierte Haile Selassie an den Völkerbund, Äthiopien gegen die italienischen Invasoren zu schützen. Wikimedia / Bibliothèque de Genève

Haile Selassie vor dem Völkerbund

Nach dem Überfall des faschistischen Italiens auf Abessinien 1935 bat der abgesetzte äthiopische Kaiser Haile Selassie den Völkerbund in Genf um Unterstützung. Vergebens. Die Schweiz betrachtete ihn als «lästigen Gast» und verwehrte ihm das Asyl.

Murielle Schlup

Murielle Schlup

Freischaffende Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin

Nach dem Ersten Weltkrieg schlossen sich am 10. Januar 1920 42 Nationen zum Völkerbund (League of Nations) mit Sitz in Genf zusammen. Die Gründung dieses ersten überstaatlichen Weltparlaments war 1919 von den Siegermächten beschlossen und als integraler Bestandteil im Vertrag von Versailles verankert worden. Die solidarisch gedachte Organisation sollte bei internationalen Konflikten vermitteln und dauerhaften Frieden in der Welt sichern. Die Satzung enthielt die Verpflichtung, dass die Mitgliedstaaten jedem angegriffenen Mitglied sofort und direkt militärische Hilfe zukommen lassen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte in Europa neben Frankreich, Italien und Grossbritannien auch die Schweiz. Deutschlands Beitritt erfolgte erst 1926.

Gründungs­mit­glied Äthiopien

Auch Äthiopien, das 1923 dem Völkerbund beitrat, wird zu den Gründungsmitgliedern gezählt. Die Initiative für den Beitritt ging auf Ras (Herzog) Tafari Makonnen zurück, einem 1916 zum äthiopischen Kronprinzen erklärten Neffen der amtierenden Kaiserin Zauditu. Während sich diese von der Tagespolitik fernhielt, war Makonnen als bevollmächtigter Regent für die Landesverwaltung eingesetzt. Gleichzeitig agierte er auch aussenpolitisch mit viel Geschick und Weitsicht. Insbesondere trieb er die Anlehnung an die Westmächte voran, stand doch das seit 3000 Jahre unabhängige Kaiserreich Äthiopien im beginnenden 20. Jahrhundert inmitten des «Wettlaufs um Afrika» immer isolierter da. Spätestens seit der Machtergreifung des italienischen Diktators Benito Mussolini 1922 war Äthiopien in Alarmbereitschaft. Die Unabhängigkeit zu wahren und gegen eine drohende Kolonialisierung zu kämpfen, war das Ziel, dem sich Makonnen – 1928 zum Negus (König) aufgestiegen und 1930 zum Neguse Negest (König der Könige) gekrönt – verschrieben hatte.
Der «König der Könige», Kaiser Haile Selassie I., am Tag seiner Krönung 1930. Sein Krönungsname bedeutet auf Amharisch «Macht der Dreifaltigkeit».
Der «König der Könige», Kaiser Haile Selassie I., am Tag seiner Krönung 1930. Sein Krönungsname bedeutet auf Amharisch «Macht der Dreifaltigkeit». gallica / Bibliothèque nationale de France
Der Krönung in Addis Abeba wohnten hochrangige Gäste und Staatsvertreter aus ganz Europa bei, die der neue äthiopische Machthaber ganz bewusst um sich scharte. Mit deren Anwesenheit demonstrierte er in aller Welt nicht nur sein Ansehen, das er auch ausserhalb Afrikas genoss, sondern manifestierte auch Äthiopiens Stellung als unabhängiges, gegenüber den anderen Völkerbundnationen gleichberechtigtes Land. Die internationale Presse berichtete ausführlich über das Ereignis. Und so war Äthiopien 1930 machtpolitisch auf der Weltkarte präsent wie nie zuvor.
TV-Dokumentation der Kaiserkrönung von Haile Selassie im November 1930. YouTube
Nicht beeindrucken von all dem liess sich allerdings Benito Mussolini. Aus seiner Sicht war das ostafrikanische Land bestens geeignet zur Verwirklichung seiner weiteren imperialistischen Ambitionen. Denn zum einen war Äthiopien – neben dem unter Schutz und Einfluss der Vereinigten Staaten stehenden Liberia – das einzige nicht kolonialisierte und daher «freie» Land Afrikas. Zum anderen verfügte Italien, das mit seiner Kolonie Eritrea (seit 1890) und Teilen von Somaliland den ostafrikanischen Küstenstreifen besetzt hielt, über eine ideal gelegene Aufmarschbasis.
Träumte von einem Wiederaufleben des «Imperium Romanum»: Mussolini in einer Aufnahme zwischen 1937 und 1940.
Träumte von einem Wiederaufleben des «Imperium Romanum»: Mussolini in einer Aufnahme zwischen 1937 und 1940. Wikimedia
Im Völkerbund sah Mussolini kein grosses Hindernis. Nach einigen Erfolgen beim Schlichten kleiner Konflikte zeigte das Gremium seine Schwäche erstmals, als Japan 1931 erfolgreich die chinesische Mandschurei besetzte. Dass der Völkerbund versagte, sobald Grossmächte involviert waren, zeigte sich erneut Anfang Oktober 1935: Als italienische Truppen in Äthiopien eindrangen, verurteilte der Völkerbund den Einmarsch zwar öffentlich als «Aggression», sprach aber nur wenige wirkungslose Sanktionen aus und sah ansonsten macht- und teilnahmslos zu.
Der aus langer Hand vorbereitete und absehbare faschistische Angriffskrieg auf Äthiopien erregte weltweite Empörung, auch in weiten Teilen der Schweiz. Anstatt sofortigen Beistand für Äthiopien seitens des Völkerbunds erhielt Haile Selassie drei Monate nach dem Beginn der italienischen Invasion Äthiopiens vom Time Magazine die Auszeichnung zum «Man oft the Year».
«Time Magazine», 6.1.1936, Volume XXVII, Nr. 1, Titelseite.
Haile Selassie wurde im Januar 1936 vom Time Magazine zum «Man oft the Year» erkoren. Wikimedia
Das an Soldaten und Ausrüstung weit unterlegene Äthiopien leistete vehement Widerstand gegen den brutalen faschistischen Eroberungsfeldzug. Der sogenannte «Abessinienkrieg», auch bekannt als der Zweite Italienisch-Äthiopische Krieg, war vom massivsten Luftwaffeneinsatz geprägt, den die Welt bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte. Die flächendeckenden Giftgaseinsätze und zahlreichen Verstösse gegen die Haager Landkriegsordnung kosteten mehr äthiopischen Zivilpersonen als Soldaten das Leben.
Am 5. Mai 1936 marschierten italienische Truppen in Addis Abeba ein. Mussolini erklärte am 9. Mai in Rom die erfolgreiche Annexion Äthiopien als Teil des Kolonialgebiets Ostafrika. Der italienische König Viktor Emanuel III. wurde Kaiser von Äthiopien und Rodolfo Graziani, Befehlshaber der Südarmee in Äthiopien, äthiopischer Vizekönig. Doch Tatsache ist: Italien kontrollierte zu keinem Zeitpunkt das ganze Land, der äthiopische Widerstand hielt stetig an und die punktuellen brutalen Kämpfe, die Massaker an ganzen Dorfgemeinschaften sowie die gezielten Hinrichtungen von Zivilisten gingen weiter.
Einmarsch italienischer Truppen 1936 in Addis Abeba. YouTube / British Pathé

Von der Schweiz verschmäht

Der abgesetzte Kaiser Haile Selassie war bereits am 2. Mai mit einer kleinen Entourage über den Suezkanal geflohen – zunächst nach Jerusalem und von dort weiter nach London. Die umstrittene Entscheidung des Kaisers, sein Land zu verlassen, ging seinem nächsten, von Grossbritannien aus geplantem Schritt voraus: Vor dem Völkerbund in Genf wollte er an das Gewissen der Nationen appellieren und um Unterstützung gegen die italienischen Aggressoren bitten. Als die Bundesverwaltung von diesen Plänen Wind bekam, machten sich sofort Ängste breit, dass ein Aufenthalt des Kaisers in der Schweiz die Beziehungen zu Italien und zum Völkerbund belasten könnten. Sorgenvoll suchte man beim Schweizer Gesandten in London, Charles Paravicini, Rat für den adäquaten Umgang mit dem gestürzten Monarchen im britischen Exil, wobei er offen als «lästiger Gast» (hôte encombrant) bezeichnet wurde, dessen Einreise man am liebsten verhindert hätte.
Der geplante Auftritt des Kaisers kam insbesondere Bundesrat und Aussenminister Giuseppe Motta, einem offenen Bewunderer Mussolinis, höchst ungelegen – zu gross war die Angst man könnte es sich mit dem «Duce» verscherzen: «Der Bundesrat hat dem Negus nahegelegt, von einer Niederlassung in der Schweiz solange abzusehen, als der italienisch-abessinische Konflikt nicht endgültig beendet ist, denn die Einräumung eines dauernden Gastrechts an ein fremdes Staatsoberhaupt, das sich selbst im Kriege mit einem unserer Nachbarstaaten betrachtet, müsste zu Unzukömmlichkeiten führen», steht in einem amtlichen Communiqué vom 24. Juni 1936.
Lässt den abgesetzten äthiopischen Kaiser vor der Türe stehen: Der italienfreundliche Bundesrat Giuseppe Motta, der Mussolini im Rücken stehen hat. Karikatur von Gregor Rabinovitch in der Zürcher Tageszeitung Volksrecht.
Lässt den abgesetzten äthiopischen Kaiser vor der Türe stehen: Der italienfreundliche Bundesrat Giuseppe Motta, der Mussolini im Rücken stehen hat. Karikatur von Gregor Rabinovitch in der Zürcher Tageszeitung Volksrecht. Schweizerisches Bundesarchiv
Die Angst, sich wegen Haile Selassie mit dem faschistischen Nachbar Italien in die Haare zu geraten, wird auch in weiteren Bundesverwaltungsakten offenkundig. Da sich die Einreise des Kaisers jedoch kaum mehr verhindern liess, verkündete man ihm, dass seine längere Anwesenheit in der Schweiz unerwünscht sei und er nach seinem Auftritt umgehend auszureisen habe. Der Kaiser, der seit dem Beitritt Äthiopiens in den Völkerbund 1923 eine Villa in Vevey besass, durfte sich also nicht ins Waadtland zurückziehen.

Haile Selassie spricht vor dem Völkerbund

Haile Selassie trat am 30. Juni 1936 im Genfer Palais des Nations auf die Tribüne vor der Generalversammlung des Völkerbunds, der inzwischen auf 52 Mitgliednationen angewachsen war. Kaum nahm er das Wort auf, begannen ihn italienische Journalisten auszubuhen, auszupfeifen und mit Ausrufen wie «Affe» und «Mörder» zu beleidigen. Nachdem die Provokateure abgeführt worden sind, begann der Kaiser nach einer Einführung auf Französisch seine Rede in amharischer Sprache mit Worten: «Ich, Kaiser Haile Selassie I., bin heute hier, um die meinem Volk geschuldete Gerechtigkeit und den versprochenen Beistand einzufordern.»
Haile Selassies legendärer Auftritt am 30. Juni 1936 vor dem Völkerbund in Genf. YouTube
Haile Selassie prangerte die gewaltsame italienische Invasion seines Landes an und stellte den Grundgedanken der internationalen Gemeinschaft infrage: «Die Appelle, die meine Delegierten in Genf an den Völkerbund richteten, blieben ohne Antwort […]. Aus diesem Grund entschloss ich mich, selbst zu kommen und für das an meinem Volk begangene Verbrechen zu zeugen […] und Europa vor dem Schicksal zu warnen, das ihm bevorsteht, wenn es sich vor der vollendeten Tatsache beugt.» Er rief die Nationen dazu auf, ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen gegenüber Äthiopien einzuhalten. Dabei warf er zwei Fragen auf: «Was wollen Sie für Äthiopien tun? Die Grossmächte, die den kleinen Staaten die Garantie der kollektiven Sicherheit versprachen, die eines Tages vielleicht das Schicksal Äthiopiens teilen werden, frage ich: Welche Massnahmen gedenken Sie zu ergreifen?»

Der Völker­bund versagt

Die Antworten auf die beiden von Haile Selassie aufgeworfenen Fragen waren simpel: Nichts und Keine. Der Völkerbund verurteilte zwar den Angriff auf Äthiopien, doch der Appell an das Gewissen der anwesenden Staatsmänner verhallte wirkungslos. Die wenigen harmlosen Sanktionen gegen Italien blieben erfolglos und wurden schon bald ganz aufgehoben – auch von der Schweiz. Sie gehörte zu den ersten Ländern, welche die italienische Annexion Äthiopiens de jure anerkannten. Die meisten Mitgliedstaaten taten es ihr – stillschweigend oder ausdrücklich – gleich. Die faschistischen Journalisten, die den kaiserlichen Auftritt in der Völkerbundversammlung störten, wurden – unter diplomatischem Druck Italiens – aus kurzer Haft entlassen und konnten ungestraft nach Italien ausreisen.
Doch Selassies Auftritt hinterliess in der Öffentlichkeit einen starken Eindruck. Seine eindringlichen Worte gingen «viral», wie man heute sagen würde. Im In- und Ausland berichteten die Medien über den ersten afrikanischen Staatsmann, der vor dem Völkerbund eine Rede gehalten hatte.
Haile Selassie Auftritt interessierte die Medien. Das Bild zeigt den abgesetzten äthiopischen Kaiser vor Journalisten in Genf, im Hintergrund ist der neu gebaute Völkerbundpalast (Palais des Nations) zu sehen. Titelseite von L’Illustration vom 4. Juli 1936.
Haile Selassie Auftritt interessierte die Medien. Das Bild zeigt den abgesetzten äthiopischen Kaiser vor Journalisten in Genf, im Hintergrund ist der neu gebaute Völkerbundpalast (Palais des Nations) zu sehen. Titelseite von L’Illustration vom 4. Juli 1936. Schweizerisches Bundesarchiv
Auch auf den Strassen Genfs wurden seine Worte verbreitet: Im Juli 1936 liess die Ligue suisse des droits de l’Homme in Genf zahlreiche Plakate aushängen, die eine Zusammenfassung der Rede Haile Selassies enthielten. In der Bundesverwaltung war man über die Aktion wenig erfreut, kam aber zum Entschluss, die Plakate hängen zu lassen, war man doch gleichzeitig auch erleichtert darüber, dass der «lästige Gast» mit seiner Entourage tatsächlich wieder in Richtung Grossbritannien abgereist ist.
Nachdem Japan und Deutschland dem Völkerbund bereits 1933 den Rücken zugekehrt hatten, waren es mit Italien inzwischen bereits drei Grossmächte, die das «friedenssichernde» Gremium verlassen hatten. Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war das Versagen des Völkerbunds auf ganzer Linie offenbart.

Die Befreiung Äthiopiens

Trotz der enormen Brutalität der faschistischen Kriegsführung konnten sich die italienischen Invasoren in Äthiopien nicht lange halten. Äthiopien war das erste Land, das während des Zweiten Weltkriegs von der Besetzung einer Achsenmacht befreit worden ist. Die Rückeroberung durch britische Truppen – unter Mitwirkung des äthiopischen Kaisers vor Ort – begann im Januar 1941 mit dem Ostafrikafeldzug und gipfelte in der Einnahme Addis Abebas am 5. April 1941. Am 5. Mai, auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Einmarsch der Faschisten in Addis Abeba, kehrte Kaiser Haile Selassie symbolträchtig in Äthiopiens Hauptstadt zurück.
Die Kapitulation der italienischen Truppen erfolgte jedoch erst am 27. November 1941, nach der verlorenen Schlacht von Gondar.
Am 5. Mai 1941, dem fünften Jahrestag der italienischen Invasion, kehrte Kaiser Haile Selassie zurück nach Äthiopien. YouTube / British Movietone
Der international gewürdigte Einsatz des Kaisers für sein angegriffenes Land, sein mutiges Anprangern von Faschismus, Kolonialismus und Rassismus vor dem Völkerbund und seine – in früheren Regierungsjahren teilweise durchaus erfolgreichen – Reform- und Modernisierungsbestrebungen in Äthiopien brachten ihm in der Nachkriegszeit viel Ansehen und Sympathie rund um den Globus ein.
 
Auch in der Schweiz war Haile Selassie nun wieder willkommen: Nachdem dem einst «lästigen Gast» vor knapp 20 Jahren noch die (Landes-)Türe vor der Nase zugeschlagen worden war, fand er sich im November 1954 vor ausgerollten roten Teppichen wieder, als er auf Initiative und Einladung des Bundesrats einen viertätigen Staatsbesuch in der Schweiz absolvierte, für den in Sachen Pomp, Perfektion und Po­li­ti­cal Cor­rect­ness kein Aufwand gescheut wurde. 
Ankunft von Haile Selassie 1954 in Basel.
Ankunft von Haile Selassie 1954 in Basel. e-pics
Und der Völkerbund? Der wurde 1946 aufgelöst. An seine Stelle trat durch das Inkraft­treten der UN-Charta am 24. Oktober 1945 die Organisation der Vereinten Nationen (UNO), deren Hauptsitz zunächst in London war und 1951 nach New York verlegt wurde. Seit 1966 ist der zwischen 1929 und 1938 als Sitz für den Völkerbund gebaute Gebäudekomplex Palais des Nations im Genfer Ariana-Park der europäische Hauptsitz der Vereinten Nationen und weltweit der zweitwichtigste Sitz der UN nach dem Hauptquartier in New York.
Der Palais des Nations in Genf wurde zwischen 1929 und 1938 gebaut. Seit 1966 ist der europäische Hauptsitz der UNO.
Der Palais des Nations in Genf wurde zwischen 1929 und 1938 gebaut. Seit 1966 ist er der europäische Hauptsitz der UNO. e-pics

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