Eine Radfahrtruppe mit Gepäck bewältigt eine Steigung, 1981.
Eine Radfahrtruppe mit Gepäck bewältigt eine Steigung, 1981. Zentrum digitale Medien der Armee DMA

Schweizer Kultob­jekt auf zwei Rädern

Kaum ein militärischer Gegenstand hat so lange gedient wie das Ordonnanzrad 05. Es widerspiegelt durch seine Geschichte fast ein Jahrhundert Armee- und Alltagsgeschichte. Durch seine militärische und zivile Nutzung und sprichwörtliche Unzerstörbarkeit verkörpert es ein Stück Schweizer Identität.

Thomas Bochet

Thomas Bochet

Thomas Bochet ist Historiker und Ausstellungskurator im Landesmuseum Zürich und Co-Kurator der Ausstellung «Wir und der Krieg».

Als die Radfahrertruppen 2003 nach 112 Jahren aufgelöst werden, verliert die Schweizer Armee ein Identifikationsobjekt sondergleichen. Fahrräder sind zwar weiterhin in militärischem Gebrauch, das neuste Modell wird seit 2012 produziert, aber nicht mehr zu Kampfzwecken. Mit dem Armeerad ist immer noch vorwiegend das erste 1905 eingeführte Militärfahrrad, das Ordonnanzrad 05, gemeint. Es wird bis 1988 produziert und erst 1993 mit einem Folgemodell ersetzt. Wie kommt es nun, dass eine kleine Truppe und ihr Fortbewegungsmittel so sehr zu einem Schweizer Markenzeichen wird?
Der Sonderstatus beginnt schon bei der Bezeichnung. Es ist nicht einfach ein Militärvelo, wie es im Deutschschweizer Volksmund oft genannt wird. Sondern ein Ordonnanzrad, der militärischen Amtssprache geschuldet, oder «Frd» (für Fahrrad) in offizieller militärischer Abkürzung. Und doch gibt es eine wichtige Nuance: Radfahrer fahren bis 2003 mit dem «Rad» und schauen nur verächtlich auf die «Militärvelos» der anderen Truppengattungen, deren Einheiten seit dem Zweiten Weltkrieg auch bis zu 20 Fahrräder in ihrem Korpsmaterial hatten, diese aber «Velo» nannten. In der Romandie und im Tessin gibt es den Kampf gegen das Wort «Velo» so nicht, da wird es «Le vélo d’ordonnance» oder «la bicicletta d’ordonnanza» genannt.
Radfahrer mit Rad auf einer Tyrolienne (Seilrutsche), um 1935, Foto von Karl Egli.
Radfahrer mit Rad auf einer Tyrolienne (Seilrutsche), um 1935, Foto von Karl Egli. Schweizerisches Nationalmuseum
Ein Radfahrer spring auf einer Passstrasse über den Lenker vom Rad, um 1935, Foto Karl Egli.
Ein Radfahrer spring auf einer Passstrasse über den Lenker vom Rad, um 1935, Foto Karl Egli. Schweizerisches Nationalmuseum
«Still leiden und durchhalten» als inoffizielles Motto der Radfahrer am Berg, wenn sie das 22,5 kg schwere Stahlross ohne Gangschaltung samt Gepäck die Pässe hochdrücken mussten, um 1935, Foto Karl Egli.
«Still leiden und durchhalten» als inoffizielles Motto der Radfahrer am Berg, wenn sie das 22,5 kg schwere Stahlross ohne Gangschaltung samt Gepäck die Pässe hochdrücken mussten, um 1935, Foto Karl Egli. Schweizerisches Nationalmuseum
Radfahrer im Einsatz, Winterthur, 1965.
Radfahrer im Einsatz, Winterthur, 1965. Zentrum digitale Medien der Armee DMA

Wer hats erfunden?

Die Schweizer Radfahrer haben den Ruf, zumindest aus Innensicht, eine weltweit einzigartige Kampftruppe gewesen zu sein. Was ist da dran? Die Schweizer Armee ist im Jahr 1891 nicht die Einzige und auch nicht die Erste, welche das Fahrrad einführt. Fast alle grossen europäischen Armeen sowie die USA testen ab den 1880er- und 1890er-Jahren Fahrräder zu militärischen Zwecken, zunächst vor allem für Botendienste. Dies genau zu einer Zeit, als das Fahrrad als Fortbewegungsmittel technisch ausgereift und standardisiert («normiert») wird und ein zusammenhängendes, befestigtes Strassennetz, auch über die grossen Schweizer Alpenpässe entsteht. Das Fahrrad wird damit schnell zur kostengünstigeren und effizienteren Alternative zum Pferd. Gleichzeitig muss das Armeerad robust genug für alle Strassenarten, ein Alleskönner sein.

Zuerst für die Reichen, dann für die Fitten

Bis 1905 müssen die Soldaten sich ihr Fahrrad selbst kaufen. Bauern oder Arbeiter können sich nicht so ein hochmodernes Fortbewegungsmittel leisten. Bis zur Einführung des Ordonnanzrades 05 sind die Militärradfahrer eine Truppe für die reiche Bevölkerung, bestehend aus Söhnen der städtischen Oberschicht mit sportlichem Ehrgeiz. Das Rad konkurrenziert dabei mit der ebenfalls elitären Kavallerie. Mit der Einführung des Ordonnanzrades 05 bezahlt der Staat die Hälfte und der Soldat den Rest über seinen Sold, was zu einer Demokratisierung der Truppe führt. Parallel dazu wird das Fahrrad im zivilen Leben durch die industrielle Massenproduktion dramatisch günstiger und entwickelt sich zum wichtigsten Fortbewegungsmittel der Arbeiterklasse und der Landbevölkerung. Die Selektion ändert sich von «wer hat das Geld?» zu «wer hat die Fitness?».
Im Ersten und Zweiten Weltkrieg werden Radfahrer im Gegensatz zur Schweiz in anderen Ländern in Kampftruppen an der Front eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnen die Armeen ihre Infanterietruppen schrittweise zu mechanisieren und lösen ihre Radfahrer-Kampftruppen auf, während die Schweizer Armee daran festhält. Sie macht das aus einer militärstrategischen Entscheidung im Rahmen der Verteidigungsdoktrin im Kalten Krieg. Die Radfahrertruppen sind logistisch sehr unabhängig und kostengünstig, lautlos und flexibel auch in zerstörter Infrastruktur und somit perfekt geeignet für den asymmetrischen und überraschenden Kampf gegen schwere Verbände.
Schweizer Radfahrer-Patrouille mit Brieftauben, aus Fotoalbum um 1914-1918.
Schweizer Radfahrer-Patrouille mit Brieftauben, aus Fotoalbum um 1914-1918. Schweizerisches Nationalmuseum
Ordonnanzrad 05 der Firma Schwalbe (Produktion 1906 bis 1951) mit Rahmentasche. Das Gesamtgewicht inkl. Zubehör beträgt 22,5 Kilogramm.
Ordonnanzrad 05 der Firma Schwalbe (Produktion 1906 bis 1951) mit Rahmentasche. Das Gesamtgewicht inkl. Zubehör beträgt 22,5 Kilogramm. VBS / Stefan Tschanz

Ein Evergreen

Genau genommen liegt das militärische Alleinstellungsmerkmal der Schweizer Radfahrertruppen vor allem in der Dauer und dem Zeitpunkt ihres Überlebens. Ab den 1980er-Jahren unterhält die Schweiz als letztes modernes Industrieland voll einsatzbereite, reguläre Fahrrad-Kampfverbände. Und kein anderes Land der Welt zieht bis zu Beginn der 1990er-Jahre mit einem «Urmodell» mit nur einem Gang, einer Rahmengeometrie, und Bremssystemen im Kern aus dem Jahr 1905 in Übungsmanöver. Das 22,5 Kilogramm schwere Ordonnanzrad 05 geniesst bis heute den Ruf, unzerstörbar und extrem wartungsarm zu sein. Die sehr hohe Verarbeitungsqualität ist ein weiterer Grund, warum dieses Fahrrad im Speziellen und die Fahrradtruppen im Allgemeinen als typisch schweizerisch gelten. Mehrere Schweizer Hersteller produzieren davon insgesamt über 68'000 Stück. Für die Laien sehen die Räder alle gleich aus, aber Armeerad ist nicht Armeerad: Radfahrerinnen und Radfahrer (und heute die Sammlerinnen und Sammler) haben die Räder nach Marken und Modell unterschieden: Condor, Cosmos, Schwalbe, Zesar, MaFag sind erkennbar an den verschiedenen Kettenkränzen. Die Aufträge sind prestigeträchtig und erlauben es, auch zivile Räder mit dem Armee-Gütesiegel zu bewerben. Die Firma Condor aus Courfaivre (JU) ist dabei der Hauptproduzent, der 1904 die Armee mit ersten Modellen beliefert und das Ordonnanzrad 05 bis 1988 fertigt. Condor produziert den grössten Teil, allein zwischen 1931 und 1981 über 30'000 Stück.
Blick in die Emaillierabteilung der Condor-Velofabrik in Courfaivre (JU), 1943.
Blick in die Emaillierabteilung der Condor-Velofabrik in Courfaivre (JU), 1943. Condor international SA Courfaivre
1993 ersetzt die Armee das Ordonnanzrad 05 mit einem neuen Modell, dem Ordonnanzrad 93, von dem Condor 5500 Stück bis 1995 herstellt, als die Firma den Fahrradbau einstellt. Das äusserst beliebte und robuste, aber technisch «Low Tech»-Modell 05 ist überholt. Auch hier reagiert die Armee auf eine technikgeschichtliche Entwicklung: Den Mountainbike-Boom. Das neue Armeerad ist zwar nur unwesentlich leichter, besitzt aber breite Stollenreifen, eine Mountainbike-Kettenschaltung und hydraulische Mountainbike-Bremsen. Bereits 20 Jahre später trennt sich die Armee aber vom Fahrrad als Kampfinstrument. So wie der Strassenbau das Militärrad auf den Plan rief, so besiegelt er ab den 1960er-Jahren mit dem Autobahnbau schleichend dessen Ende. Der motorisierte zivile Massenverkehr explodiert, militärische Verschiebungen verlagern sich auf Lastwagen und Panzer. Die rasanten militärtechnologischen Entwicklungen und der Mangel an Splitterschutz machen die Truppe im modernen Gefechtsfeld der 2000er-Jahre endgültig überflüssig.
Ordonnanzrad 93 mit 7-Gang Getriebe. Der hintere Träger verfügt über Aufnahmen für Waffen- und Munitionsträger, z.B. Panzerfaust (früher Rak-Rohr) samt Munition.
Ordonnanzrad 93 mit 7-Gang Getriebe. Der hintere Träger verfügt über Aufnahmen für Waffen- und Munitionsträger, z.B. Panzerfaust (früher Rak-Rohr) samt Munition. VBS / Stefan Tschanz

Das Miliz-Symbol

Und doch: Der «Mythos» Schweizer Radfahrer lebt beharrlich weiter. Ehemalige Radfahrer schwelgen in ihren Erinnerungen und erzählen vom aussergewöhnlichen Zusammenhalt der Truppe: «Einmal Radfahrer, immer Radfahrer!», wie auch der letzte Radfahrer-Kommandant das offizielle Ende der Truppengattung besiegelt. Auch der Waffenstolz der Radfahrer ist ausgeprägt: Ab der Truppenordnung 1936 werden die Radfahrer zusammen mit der Kavallerie und den motorisierten Truppen zu den leichten, später den mechanisierten Truppen eingeteilt. Die Radfahrer pflegen dabei ihre ganz eigene Kultur und erhalten 1965 ihre eigene Einsatzdoktrin. Vielleicht noch prägender für den besonderen Status des Militärrades ist die populäre Wahrnehmung. Diese ist eng verbunden mit dem Ordonnanzrad 05, welche durch die bereits erwähnte Demokratisierung wie kaum ein anderes Symbol die «Milizarmee» verkörpert. Bis zu den 1960er-Jahren ist das Fahrrad das beliebteste Fortbewegungsmittel im Alltag schlechthin, seine militärische Nutzung macht die Truppe sehr nahbar. Bis 1961 können die Soldaten ihr Rad behalten, so dass es Teil des Ortsbildes wird. Als danach das Rad vollständig vom Staat bezahlt wird, müssen es die Soldaten abkaufen, wenn sie es behalten wollen. Die soziale Zugehörigkeit spielt aber überhaupt keine Rolle mehr, was dazu führt, dass die Truppe als eine leistungsbasierte, charakterliche Elitetruppe wahrgenommen wird.
Wartungsarm und langlebig: Radfahrer bei der Wartung ihrer Räder, 1981.
Wartungsarm und langlebig: Radfahrer bei der Wartung ihrer Räder, 1981. Zentrum digitale Medien der Armee DMA
Dieser besondere Status der Radfahrer widerspiegelt sich auch darin, dass seit Gründung der Radfahrertruppen Militärradrennen ausgetragen werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg besteht dabei das Ziel der sehr populären Rennen in der Selektion der fittesten Rekruten für die Radfahrertruppen. Ab dem 1950er-Jahren entwickeln sich die Militärradrennen zu grossen Volksfesten, wie der Klassiker St. Gallen – Zürich oder das Militärradquer in Fehraltdorf. Sogar im Hallenstadion beim Zürcher Sechstagerennen tragen die Militärradfahrer eigene Läufe auf der Radrennbahn aus. Militärradfahrer sind in dieser Zeit meistens auch aktive oder gar professionelle Radsportler. Nach der Abschaffung der Radfahrertruppe beginnt der Niedergang der Militärradrennen. Heute sind die wenigen übrig gebliebenen Rennen eher Nostalgie-Anlässe, mit durchaus stabiler Fangemeinde. Eine Wetten-Dass-Show im Jahre 2009, in dem der Militärradfahrer Daniel Markwalder den Rennradprofi Jens Voigt im Sprint schlägt, wird Kult, steht aber auch für den vermehrten und verklärenden «Gaudi»-Faktor des Militärrades.
Wetten-Dass-Show von 2009: Militärrad gegen Rennvelo. YouTube/hansiperner

Ein Sammler­ob­jekt

Dieser Kult setzt sich bei den Sammlerinnen und Sammlern fort. In den 2000er-Jahren können die nicht mehr gebrauchten Militärräder, insbesondere die Ordonnanzräder 05, in den Liquidationsshops der Armee für einen Einheitspreis von CHF 150 erworben werden. Heute werden je nach Seltenheitswert und Ausrüstung mehr als das Zehnfache dafür geboten. Mangelware sind dabei die nicht mehr produzierten Ersatzteile, die ebenfalls gesammelt und gehandelt werden, so dass mancher Velomechaniker die Reparatur ablehnt. In diese «Marktlücke» steigen Militärrad-Enthusiasten, Mechaniker und Sammler, die nicht nur Räder zum Kauf anbieten, sondern auf Ihren Webseiten mit Blogs, Reparaturtipps und historischen Abhandlungen eine eigentliche Militärrad-Kultur am Leben erhalten. Aber auch im Alltag begegnet einem immer wieder ein Ordonnanzrad 05, oft nicht mehr ganz im Originalzustand, aber immer noch als unzerstörbarer Begleiter, wohl für die nächsten 100 Jahre.
Ordonnanzrad 05 vor einer Bäckerei in Zürich, 2026.
Ordonnanzrad 05 vor einer Bäckerei in Zürich, 2026. Thomas Bochet

Wir und der Krieg

17.04.2026 17.01.2027 / Landesmuseum Zürich
Krieg ist ein prägendes Element der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Kriege vom Spätmittelalter bis heute politische Strukturen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Ordnungen in der Schweiz beeinflusst haben und lädt dazu ein, verbreitete Vorstellungen vom Verhältnis der Schweiz zum Krieg zu hinterfragen – einem Krieg, der oft als fern gilt, aber tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

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