Amerikanische Armeeangehörige freuen sich auf ihre Reise durch die Schweiz.
Amerikanische Armeeangehörige freuen sich auf ihre Reise durch die Schweiz. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 22054

Die friedli­che Invasion der US-Armee

Im Rahmen der «Aktion für amerikanische Armeeurlauber» bereisten zwischen Juli 1945 und März 1949 rund 300'000 Angehörige der US-amerikanischen Armee die Schweiz auf geführten Ferientouren. Besonders viele machten Halt in Luzern.

Danielle Berthet

Danielle Berthet

Danielle Berthet ist Historikerin, Korrektorin und Lektorin (meiserei.ch) sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZHAW.

Im Frühling 1944 keimte bei der kriegsbedingt darniederliegenden Schweizer Hotellerie der Gedanke, für alliierte Armeeangehörige geführte Ferientouren zu organisieren. Ende Oktober 1944 beschloss das Eidgenössische Amt für Verkehr daraufhin eine «kommerzielle Aktion», aus der sich die «Aktion für amerikanische Armeeurlauber» (Englisch: Swiss Leave oder Leave Action) entwickelte. Sie sollte Angehörigen der US-amerikanischen Armee, die in Deutschland, Frankreich und Italien zwecks Wiederaufbaus stationiert waren, während eines einwöchigen Urlaubs Erholung verschaffen. Ziel der Aktion aus Schweizer Sicht war es, den für die Wirtschaft so bedeutenden Tourismus anzukurbeln und das Land in ein positives Licht zu rücken.

Der Bundesrat beauftragte den Chef des Schweizer Territorialdienstes, Oberstbrigadier Erich Münch, mit der Planung der Aktion. Ungeachtet der ursprünglichen Initiative aus der Tourismusbranche handelte es sich demnach um eine militärische Unternehmung. Münch nahm rund zwei Wochen nach Kriegsende Verhandlungen mit Vertretern der USA über die konkrete Ausgestaltung der Touren auf. Für den einwöchigen Besuch der Schweiz einigte man sich auf einen Preis von 35 Dollar pro Person, was dem Monatssold eines Government Issue (GI, geschlechtsneutrale Bezeichnung für Angehörige der US-Streitkräfte) und damals 150 Franken entsprach. Die US-Armee stellte pro Kopf zudem die volle Armeeverpflegungsration bereit, welche die Schweizer Oberleitung zwecks Deckung der Kosten weiterverkaufte. Ab März 1946 lieferte die US-Armee an Stelle der Essensrationen Kohle, Speck und Tee, nach Februar 1947 vergütete sie die Tourenkosten dann monetär.
Eine Broschüre wies die GIs unter anderem auf die hiesigen Essensrationierungen und den korrekten Umgang mit ihrem Taschengeld hin.
Eine Broschüre wies die GIs unter anderem auf die hiesigen Essensrationierungen und den korrekten Umgang mit ihrem Taschengeld hin. Schweizerisches Bundesarchiv
Der Bundesrat lockerte für die in geschlossenen, geführten Gruppen reisenden Armeeangehörigen das Verbot, in der Schweiz Uniform zu tragen. Sie erhielten den Rechtsstatus von Zivilpersonen und waren gleichzeitig den hiesigen Straf- und Rechtsgesetzen sowie dem US-Militärstrafgesetz unterstellt. Schweizer Guides führten sie in zahlreiche Städte aller Landesteile und in Bergorte wie Davos und Zermatt. Dabei wurden sie – wie zuvor ihre internierten Kameraden – in Hotels einquartiert.
Ankunft amerikanischer Armeeangehöriger im Bahnhof Basel SBB.
Ankunft amerikanischer Armeeangehöriger im Bahnhof Basel SBB. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 22082
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Sie erreichten die Schweiz im August 1945.
Sie erreichten die Schweiz im August 1945. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 22031
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Die Vorfreude auf die Besuchenden war gross.
Die Vorfreude auf die Besuchenden war gross. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 22088
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Eine Gruppe fuhr im offenen Tram über die Mittlere Rheinbrücke in Basel.
Eine Gruppe fuhr im offenen Tram über die Mittlere Rheinbrücke in Basel. Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/7/341
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Die GIs in Luzern

Rund elf Wochen nach Kriegsende trafen am 25. Juli 1945 die ersten US-amerikanischen (Unter-)Offiziere, Soldaten und Angehörigen des Hilfsdienstes in der Schweiz ein. Unter Letzteren waren auch zahlreiche Frauen, die aber weder in der deutschen Namensgebung der Aktion noch in der Berichterstattung viel Beachtung fanden.

Mehr als die Hälfte aller Armeeangehörigen machte auf ihrer Tour Halt in Luzern. Die überproportionale Berücksichtigung der Stadt bei der Zusammenstellung der Tourenprogramme gründete in ihrer zentralen Lage sowie ihrer Nähe zu See und Bergen, die für alle Jahreszeiten attraktiv war. Auch hier wurden die GIs bei ihrer Ankunft von zahlreichen Schaulustigen empfangen. Sie verliehen der Stadt, so schwärmte ein Journalist in den Luzerner Neuesten Nachrichten vom 30. Juli 1945, «ein internationales Gepräge».
Es wurden vielfältige Touren für die GIs zusammengestellt.
Es wurden vielfältige Touren für die GIs zusammengestellt.
Es wurden vielfältige Touren für die GIs zusammengestellt. Schweizerisches Bundesarchiv / Schweizerisches Bundesarchiv
Ein Willkommensprospekt informierte die GIs über die Sehenswürdigkeiten der Stadt und ihre Bevölkerung. Zahlreiche Geschäfte und Veranstaltungsstätten buhlten mit Anzeigen um ihren Besuch und luden auch zum Tanz: «Our Swiss girls will find it simply grand to dance with you», so das Versprechen.

Diesem Versprechen stand jedoch ein traditionsreiches Hindernis im Weg: Das im katholischen Luzern geltende Tanzverbot aus dem Jahr 1884. Dieses sprach jedem Lokal jährlich lediglich sieben, zu bewilligende Tanztage zu. Drei davon mussten zwischen dem 1. September und dem 1. Dezember liegen, die übrigen vier durften weder in der Fastenzeit oder im Advent, noch freitags, samstags oder an Feiertagen stattfinden. Folglich war das Tanzen im Dezember 1945 untersagt. Eigentlich. Denn der Hotelierverein, das Verkehrsbüro und der Wirteverband ersuchten im Oktober 1945 den Regierungsrat, das Tanzverbot im Advent 1945 und in der Fastenzeit 1946 aufzuheben, damit die GIs ihrer «Hauptunterhaltung» nachgehen konnten.

In der Folge erlaubte es das Luzerner Militär- und Polizeidepartement dem Kursaal, seinen Betrieb im Advent 1945 für die Armeeangehörigen jeweils bis Mitternacht weiterzuführen. Es handelte sich demnach nicht um eine Gesetzesänderung, sondern lediglich um eine Ausnahmelockerung für einen einzelnen Betrieb. Damit sollte den religiösen Gefühlen der Einheimischen wie auch dem Ziel, aus der Urlaubsaktion möglichst grosse wirtschaftliche Vorteile zu schlagen, Rechnung getragen werden. Einige Luzerner Gaststätten beantragten daraufhin, dass die GIs auch in ihren Betrieben im Advent und in der Fastenzeit bis Mitternacht tanzen dürften. Darüber hinaus sei das Tanzverbot in einer «Fremdenstadt» wie Luzern grundsätzlich unangebracht und nicht mehr praktikabel, so die Rekurrenten. Der Regierungsrat wies ihren Antrag ab: Die Ausnahmebewilligung für den Kursaal, dem eine Sonderstellung in Luzern zukomme, sollte nicht ausgeweitet werden und eine vollständige Aufhebung des Adventtanzverbots sei indiskutabel.
Im Kursaal wurde eine offizielle Weihnachtsfeier für die GIs ausgerichtet, inklusive gesponserter Weihnachtsgeschenke, Santa Claus, Hot-Dogs und Bier. Zu Heiligabend luden Einheimische rund 400 GIs zu privaten Feiern in ihre Häuser ein – ein Beweis für das grosse Vertrauen und die grundsätzlich wohlwollende Haltung den Gästen gegenüber.
Im Kursaal wurde eine offizielle Weihnachtsfeier für die GIs ausgerichtet, inklusive gesponserter Weihnachtsgeschenke, Santa Claus, Hot-Dogs und Bier. Zu Heiligabend luden Einheimische rund 400 GIs zu privaten Feiern in ihre Häuser ein – ein Beweis für das grosse Vertrauen und die grundsätzlich wohlwollende Haltung den Gästen gegenüber. Stadtarchiv Luzern, Foto: Jean Schneider

Ansturm auf Uhren und Teppiche

Wenn die Armeeangehörigen nicht gerade tanzten, unternahmen sie Ausflüge auf den Pilatus, besichtigten die Luzerner Sehenswürdigkeiten oder besuchten – wie in den Willkommensprospekten gefordert – die Uhrengeschäfte. Ende August 1945 kam es zu einem Zwischenfall, bei dem vier GIs einem Luzerner Geschäftsmann, der illegal damit handelte, 40 Uhren stahlen. Auch die Londoner Ausgabe von Stars and Stripes, der Tageszeitung der in Europa stationierten US-Armee, erwähnte dies in einem Artikel über den bisherigen Verlauf der Aktion. Oberst Clifford C. Duell, Kommandant des sogenannten «Urlauberzentrums» in Mulhouse, habe gefordert, nur noch Armeeangehörige auf Leave zu schicken, die sich zu benehmen wüssten. Anlass dazu habe eine steigende Zahl von Trunkenheit und Kleindiebstählen durch GIs gegeben. Auch die Souvenirjagd sei in vollem Gange, insbesondere unter Offizieren, die in Hotels Geschirr, Besteck und Tischwäsche entwendeten. Die südfranzösische Ausgabe von Stars and Stripes ergänzte, zwei Krankenschwestern der US-Armee seien dabei beobachtet worden, wie sie das Luzerner Hotel National mit zwei Teppichen verliessen. Aufgrund solcher Vorkommnisse könne die an sich grenzenlose Begeisterung für die GIs schnell schwinden, so Duells Befürchtung.
Auf der Suche nach dem passenden Souvenir.
Auf der Suche nach dem passenden Souvenir. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 22093

Betteln um Kaugummi

Duells Befürchtung sollte sich nicht bewahrheiten; insbesondere bei den einheimischen Kindern und Jugendlichen schwand die Freude an den Gästen aus Übersee keineswegs. Denn zwischen ihnen etablierte sich schnell ein blühender Handel mit verschiedenen amerikanischen Produkten, der jedoch nicht von allen gern gesehen wurde. Ende Oktober 1945 beschwerte sich etwa eine Luzernerin über die Schülerinnen und Schüler, die täglich GIs vor deren Hotel um Kaugummi, Zigaretten und Schokolade anbettelten. Notfalls würden sie ihrem Verlangen mit Tennisbällen, die sie gegen die Hotelfenster werfen, Gehör verschaffen. Einmal überreicht, ufere der Streit um diese Güter in Strassenschlachten aus, die das Quartier bis spätabends in Atem hielten. In der Folge führte die Stadtpolizei Kontrollen durch. Und auch die Schulbehörden traten auf den Plan. So mahnte der Schulbote in seiner Dezemberausgabe von 1945, die «entwürdigende Bettelei» sofort zu unterlassen. Parallel dazu berichtete das Luzerner Tagblatt am 20. November 1945, wie der Kaugummi Luzern erobere. Ein beschenkter Knabe habe lapidar erklärt: «Man sagt einfach ‹haudujudupliesälitteltschuuinggöm› – und dann bekommt man das».
Ob hier wohl über den Preis von Kaugummi verhandelt wird?
Ob hier wohl über den Preis von Kaugummi verhandelt wird? Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern
Auch Präservative stellten begehrte Handelsobjekte zwischen GIs und Einheimischen dar. Ein Luzerner Berufsberater forderte deshalb Ende 1945, «gegen diese Verseuchung des sittlichen Empfindens» der Jugend einzuschreiten. Die Reisezentrale für amerikanische Armeeurlauber ordnete daraufhin verschärfte Kontrollen bei der Einreise an. Dennoch gelangten weiterhin zahlreiche Luzerner Schülerinnen und Schüler in den Besitz von Kondomen.
Es wurden enge Bande mit den Einheimischen geknüpft. Zahlreiche Schweizerinnen folgten «ihren» GIs nach Übersee.
Es wurden enge Bande mit den Einheimischen geknüpft. Zahlreiche Schweizerinnen folgten «ihren» GIs nach Übersee. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 22009

Wegberei­ter der Amerikanisierung

Mehr als ein Drittel der GIs besuchte während dem ersten Halbjahr der Aktion die Schweiz. Infolge des Truppenabzugs verringerte sich die Zahl einreisender Armeeangehöriger danach rasant. Im März 1949 übernahm die Schweizerische Zentrale für Verkehrsförderung die Leitung der Aktion. Das Fazit fiel zu jenem Zeitpunkt von allen Seiten positiv aus. In den Hotels hätten sich die GIs «über alles Erwarten gut» benommen – es ist folglich davon auszugehen, dass oben geschilderte «Souvenirjagd» in Form von entwendetem Hotelinventar die Ausnahme geblieben, oder mit Blick auf die Hotelkassen in der Schlussbilanz zumindest vernachlässigbar war. Denn finanziell zahlte sich die Aktion aus: Die Hotels erwirtschafteten rund 35 Millionen, die Bundesbahnen ca. 10 Millionen Franken. Mit rund 60 Millionen Franken investiertem Taschengeld beglückten die GIs zudem verschiedene Wirtschaftszweige. Insgesamt wurden rund 100 Disziplinarfälle vermeldet, von denen zwei schwerer Natur waren. Ein Armeeurlauber wurde inhaftiert wegen versuchter Vergewaltigung. Ob es zu weiteren Fällen sexueller Gewalt kam, ist nicht erforscht, ebenso wenig, ob afroamerikanische Armeeangehörige hier Rassismus erlebten.

Der grösste Wert der Aktion wurde damals aber ihrer propagandistischen Wirkung beigemessen; sie sei nachgerade einem unbezahlbaren «Reklamefeldzug» in den USA gleichgekommen, so Erich Münchs Urteil. Reiseberichte der GIs fanden denn auch Eingang in zahlreiche Publikationen und viele kehrten später für einen privaten Urlaub in die Schweiz zurück. Auch die amerikanische Seite beurteilte die Aktion als das Bestmögliche, was sie ihren Armeeangehörigen betreffend Freizeitgestaltung habe bieten können.
Ein Film aus dem Jahr 1946 dokumentierte den Swiss Leave (Video in Englisch). YouTube/Periscope Films
Aus heutiger Sicht war die Aktion noch von viel grösserer Tragweite. Die Schweiz kam auf den Geschmack von Kaugummi, ihre Jugend kannte plötzlich die Beschaffenheit von Präservativen, hiesige Gaststätten servierten Hot-Dogs und jahrzehntealte Traditionen gerieten ins Wanken. Denn wie unter anderem auch die Historikerin Regula Bochsler in «Die Invasion der Coolen» resümiert, brachten die GIs nicht nur einzelne Güter, sondern einen Lebensstil mit, der in Gestalt der Amerikanisierung in den Folgejahr(zehnt)en den Schweizer Alltag prägen sollte.

Tourismus. Reiseziel Schweiz

20.06.2026 02.05.2027 / Forum Schweizer Geschichte Schwyz
Wie wurde die Schweiz zum beliebten Reiseziel? Die Ausstellung führt die Besuchenden auf eine Zeitreise durch prägende Stationen der Schweizer Tourismusgeschichte – von den Grand Tours englischer Aristokraten bis zu den Instagram-Hotspots unserer Zeit. Unterwegs begegnen sie wegweisenden Ereignissen, die das Reisen in die Schweiz ermöglicht, gefördert, zeitweise verhindert und grundlegend verändert haben.

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