
Auf Erdölsuche am Kurzenberg
Zwischen weidenden Kühen auf grünen Hügeln stand im Frühling 1972 am Fusse des Kurzenbergs ein 45 Meter hoher Bohrturm. Sein Bohrkopf drang kilometertief in die Gesteinsschichten – auf der Suche nach dem «schwarzen Gold».
Erdöl und Erdgas entstehen aus organischem Material, das in Sedimenten über Millionen Jahre unter Luftabschluss abgelagert und durch Druck und Wärme schrittweise in Kohlenwasserstoffe umgewandelt wurde. In einem bestimmten Temperaturbereich entsteht vor allem Erdöl, bei höheren Temperaturen zunehmend Erdgas.
Nach dem Krieg änderte sich die Situation grundlegend und der Bedarf an Erdöl und Erdgas stieg rasant: Mit dem wachsenden Wohlstand wurde das Auto für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich, die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung, und im Schatten des Kalten Krieges war auch die Armee daran interessiert, dass die Schweiz ihre Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten verringern konnte. Die Suezkrise von 1956 mit der Sperrung der für den Transport wichtigen Wasserstrasse beschleunigte die Anstrengungen zur einheimischen Ölförderung weiter.
Mit der 1959 gegründeten Swisspetrol Holding AG, die sich an nahezu allen Gesellschaften beteiligte, die in der Schweiz Erdöl- und Erdgasforschung betrieben, wurde ein wichtiger Schritt erreicht: Die Explorationsarbeiten und die Vergabe der finanziellen Mittel wurden fortan landesweit koordiniert, während die Konzessionsvergabe weiterhin in der Verantwortung der Kantone blieb. Dadurch konnte auch im Kanton Bern das revidierte Bergwerkgesetz zur Abstimmung gebracht werden, das am 4. November 1962 vom Stimmvolk angenommen wurde. Bereits ein Jahr zuvor war die Bernische Erdöl AG (BEAG) gegründet worden. Ein deutliches Signal, dass man die Erkundung des heimischen Untergrunds aktiv vorantreiben wollte.
Die französische Société Nationale des Pétroles d’Aquitaine verfügte damals über umfassende Erfahrung in der Erkundung tiefer Kohlenwasserstofflagerstätten mittels geophysikalischer Messverfahren. 1965 schloss sich die BEAG mit diesem Unternehmen und weiteren Partnern zum «Berner Erdölkonsortium» zusammen. Vom Kanton Bern erhielt das Konsortium die Bewilligung für seismische Untersuchungen zur Erfassung der geologischen Tiefenverhältnisse, auf einer Fläche von rund 2605 Quadratkilometern. Die Arbeiten konzentrierten sich zunächst auf den Jurasüdfuss, bevor sie in die Region südlich von Bern, an den Alpennordrand, verlagert wurden. Während der zweijährigen Forschungsphase wurden über 4000 Bohrpunkte gesetzt und entlang von rund 564 Kilometern Messlinien die seismischen Profile aufgenommen.
Dies änderte sich in der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1972, als der Bohrkopf in 4580 Metern Tiefe auf eine deutlich grössere Erdgaslagerstätte stiess. Das Gas trat mit unerwartet hohem Druck explosionsartig aus dem Bohrloch aus und liess die Fensterscheiben der umliegenden Häuser erzittern. Der Gasdruck schleuderte Bohrschlamm bis zu 100 Meter weit, bedeckte die schneebedeckten Hügel mit einer schmutzigen Schicht und vergiftete, trotz umfangreicher Sicherungsvorkehrungen, nahezu den gesamten Fischbestand der umliegenden Gewässer. Mithilfe von Flammenwerfern gelang es schliesslich, das Gas zu entzünden und kontrolliert abzufackeln. Aus Sicherheitsgründen wurden die nächstgelegenen Gebäude temporär evakuiert.
Nach der erfolgreichen Umleitung des Gases in die vorgesehene Fackelanlage entschloss man sich, einen Produktionsversuch zu starten. In den folgenden Wochen wurden dazu rund 500'000 Kubikmeter Erdgas gefördert und abgefackelt. Doch es zeigte sich, dass die angebohrten Gesteinsschichten keine wirtschaftliche Förderung zuliessen: Das Reservoir war zu klein, und die Gesteinsbeschaffenheit verhinderte ein ausreichendes Nachströmen von Gas zum Bohrloch.
Ein technischer Meilenstein gelang dem Berner Erdölkonsortium dennoch: Die Bohrstelle «Thun 1» in Teuffenthal, zehn Kilometer südlich von Linden gelegen, setzte 1989 mit 5945 Metern einen neuen Schweizer Tiefenrekord. Mit der Liquidation der Swisspetrol Holding AG und der Bernischen Erdöl AG im Jahr 1994 wurde schliesslich auch das Berner Erdölkonsortium aufgelöst.


