Der Bohrturm in der bernischen Gemeinde Linden.
Der Bohrturm in der bernischen Gemeinde Linden. Foto: Hansruedi Lehmann

Auf Erdölsu­che am Kurzenberg

Zwischen weidenden Kühen auf grünen Hügeln stand im Frühling 1972 am Fusse des Kurzenbergs ein 45 Meter hoher Bohrturm. Sein Bohrkopf drang kilometertief in die Gesteinsschichten – auf der Suche nach dem «schwarzen Gold».

Reto Bleuer

Reto Bleuer

Reto Bleuer ist ehrenamtlicher Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern.

Der Aufstieg des Erdöls zum zentralen Energieträger begann Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Verbreitung von Petroleumlampen und gewann mit der Erfindung des Automobils mit Verbrennungsmotor durch Carl Benz im Jahr 1886 entscheidend an Dynamik. In Industrie, Haushalt und Militär wuchs der Bedarf an ölbasierten Produkten stetig an. Gleichzeitig wurden weltweit erhebliche Anstrengungen unternommen, neue und grössere Lagerstätten der fossilen Ressource zu erschliessen.
Erdöl und Erdgas entstehen aus organischem Material, das in Sedimenten über Millionen Jahre unter Luftabschluss abgelagert und durch Druck und Wärme schrittweise in Kohlenwasserstoffe umgewandelt wurde. In einem bestimmten Temperaturbereich entsteht vor allem Erdöl, bei höheren Temperaturen zunehmend Erdgas.
Angespornt durch die wachsende Nachfrage wurden auch in der Schweiz erste Versuche unternommen, das «schwarze Gold» aufzuspüren. Aufgrund der geologischen Verhältnisse und der technischen Möglichkeiten blieben diese Bemühungen vorerst bescheiden. Die Auswahl der Bohrstandorte stützte sich auf oberflächengeologische Untersuchungen, nicht selten ergänzt durch die Mithilfe von Rutengängern und Pendlern. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die erdölgeologischen Untersuchungen unter dem Druck der zunehmenden Energieknappheit intensiviert. Federführend bei der Suche war dabei das «Büro für Bergbau» des Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamtes, das auch den Auftrag erteilte, Pläne für eine Tiefbohranlage auszuarbeiten. Über erste Entwürfe kam das Projekt jedoch nicht hinaus. Stattdessen richteten die Verantwortlichen ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die Erschliessung der in geringeren Tiefen vorhandenen Kohlevorkommen.

Nach dem Krieg änderte sich die Situation grundlegend und der Bedarf an Erdöl und Erdgas stieg rasant: Mit dem wachsenden Wohlstand wurde das Auto für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich, die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung, und im Schatten des Kalten Krieges war auch die Armee daran interessiert, dass die Schweiz ihre Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten verringern konnte. Die Suezkrise von 1956 mit der Sperrung der für den Transport wichtigen Wasserstrasse beschleunigte die Anstrengungen zur einheimischen Ölförderung weiter.
In der Schweiz wurden in verschiedenen Orten die Gesteinsschichten untersucht, um mögliche Erdölvorkommen zu finden. Das Foto zeigt eine solche Untersuchung im Waadtland zwischen Sottens und Boulens im Jahr 1952.
In der Schweiz wurden in verschiedenen Orten die Gesteinsschichten untersucht, um mögliche Erdölvorkommen zu finden. Das Foto zeigt eine solche Untersuchung im Waadtland zwischen Sottens und Boulens im Jahr 1952. Burgerbibliothek Bern
Für die einheimische Ölförderung fehlte jedoch eine zentrale Voraussetzung: die gesetzliche Grundlage. So stammte beispielsweise das Bergwerkgesetz des Kantons Bern aus dem Jahr 1853 und enthielt keinerlei Regelungen zur Nutzung von Kohlenwasserstoffvorkommen. Die Revision des Gesetzes zog sich über mehrere Jahre hin und wurde zusätzlich durch Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Bund und den Kantonen verzögert. Der Bund wollte verhindern, dass mögliche Erdöl- und Erdgasfelder unter die Kontrolle ausländischer Konzerne gerieten, und strebte deshalb eine Regelung auf nationaler Ebene an. Die Kantone hingegen wollten ihre Hoheit über die Bodenschätze nicht abgeben und stellten sich nahezu geschlossen gegen die Einführung eines Erdöl-Artikels in der Bundesverfassung. Die Aussicht auf beträchtliche Einnahmen aus Konzessionsabgaben dürfte diese Abwehrhaltung der Kantone zusätzlich gestärkt haben.

Mit der 1959 gegründeten Swisspetrol Holding AG, die sich an nahezu allen Gesellschaften beteiligte, die in der Schweiz Erdöl- und Erdgasforschung betrieben, wurde ein wichtiger Schritt erreicht: Die Explorationsarbeiten und die Vergabe der finanziellen Mittel wurden fortan landesweit koordiniert, während die Konzessionsvergabe weiterhin in der Verantwortung der Kantone blieb. Dadurch konnte auch im Kanton Bern das revidierte Bergwerkgesetz zur Abstimmung gebracht werden, das am 4. November 1962 vom Stimmvolk angenommen wurde. Bereits ein Jahr zuvor war die Bernische Erdöl AG (BEAG) gegründet worden. Ein deutliches Signal, dass man die Erkundung des heimischen Untergrunds aktiv vorantreiben wollte.

Die französische Société Nationale des Pétroles d’Aquitaine verfügte damals über umfassende Erfahrung in der Erkundung tiefer Kohlenwasserstofflagerstätten mittels geophysikalischer Messverfahren. 1965 schloss sich die BEAG mit diesem Unternehmen und weiteren Partnern zum «Berner Erdölkonsortium» zusammen. Vom Kanton Bern erhielt das Konsortium die Bewilligung für seismische Untersuchungen zur Erfassung der geologischen Tiefenverhältnisse, auf einer Fläche von rund 2605 Quadratkilometern. Die Arbeiten konzentrierten sich zunächst auf den Jurasüdfuss, bevor sie in die Region südlich von Bern, an den Alpennordrand, verlagert wurden. Während der zweijährigen Forschungsphase wurden über 4000 Bohrpunkte gesetzt und entlang von rund 564 Kilometern Messlinien die seismischen Profile aufgenommen.
Die abgearbeiteten Messlinien, auf denen südlich von Bern seismische Profile aufgenommen wurden.
Die abgearbeiteten Messlinien, auf denen südlich von Bern seismische Profile aufgenommen wurden. Staatsarchiv Bern, BB 06.5.63
Die Auswertung der Daten zeigte eine hohe Wahrscheinlichkeit für nutzbare Lagerstätten auf einer Hochebene zwischen dem Aare- und dem Emmental, am Fuss des Kurzenbergs in der Gemeinde Linden. Nach Erteilung einer entsprechenden Erschliessungs- und später einer Bohrbewilligung begann im März 1972 der Aufbau der Bohranlage mit einem 45 Meter hohen und 50 Tonnen schweren Bohrturm in einem kleinen Taleinschnitt rund 500 Meter vom Dorfkern von Linden entfernt. Die Explorationsbohrung «Linden 1» wurde am 19. April aufgenommen und fortan im 24‑Stunden‑Betrieb durch rund 50 Mitarbeitende, die mehrheitlich aus Frankreich stammten, durchgeführt. Das öffentliche Interesse war gross: Die Presse berichtete regelmässig, und ein Rundweg um die Bohrstelle wurde von zahlreichen Schaulustigen genutzt.
Beitrag der TV-Sendung «Antenne» aus dem Jahr 1972 zu den Bohrungen in Linden. SRF
Die Arbeiten verliefen zügig; die tägliche Bohrleistung lag bei etwa 20 Metern. Nach rund sechs Monaten stiess man in 4399 Metern Tiefe auf eine interessante kohlenwasserstoffhaltige Formation mit Methangas, allerdings nur in sehr geringer Menge. In derselben Tiefenlage fanden sich zudem vermehrt erdölhaltige Schichten, jedoch ebenfalls nur in bescheidenem Ausmass. Für die Bevölkerung von Linden war die Bohrung mit erheblichen Lärmemissionen verbunden, insgesamt verlief sie aber unspektakulär.

Dies änderte sich in der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1972, als der Bohrkopf in 4580 Metern Tiefe auf eine deutlich grössere Erdgaslagerstätte stiess. Das Gas trat mit unerwartet hohem Druck explosionsartig aus dem Bohrloch aus und liess die Fensterscheiben der umliegenden Häuser erzittern. Der Gasdruck schleuderte Bohrschlamm bis zu 100 Meter weit, bedeckte die schneebedeckten Hügel mit einer schmutzigen Schicht und vergiftete, trotz umfangreicher Sicherungsvorkehrungen, nahezu den gesamten Fischbestand der umliegenden Gewässer. Mithilfe von Flammenwerfern gelang es schliesslich, das Gas zu entzünden und kontrolliert abzufackeln. Aus Sicherheitsgründen wurden die nächstgelegenen Gebäude temporär evakuiert.

Nach der erfolgreichen Umleitung des Gases in die vorgesehene Fackelanlage entschloss man sich, einen Produktionsversuch zu starten. In den folgenden Wochen wurden dazu rund 500'000 Kubikmeter Erdgas gefördert und abgefackelt. Doch es zeigte sich, dass die angebohrten Gesteinsschichten keine wirtschaftliche Förderung zuliessen: Das Reservoir war zu klein, und die Gesteinsbeschaffenheit verhinderte ein ausreichendes Nachströmen von Gas zum Bohrloch.
Der explosionsartige Gasaustritt in der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1972.
Der explosionsartige Gasaustritt in der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1972. Foto: Hansruedi Lehmann
Die Bohrarbeiten wurden bis zum 12. Mai 1973 fortgeführt und schliesslich in einer Tiefe von 5447,5 Metern eingestellt. Nach inoffiziellen Angaben handelt es sich bei «Linden 1» bis heute um die zweittiefste je in der Schweiz ausgeführte Bohrung. Um noch tieferliegende, vermutete Lagerstätten zu erreichen, wären zusätzliche Investitionen und spezielles Material erforderlich gewesen – ein Risiko, das niemand mehr zu tragen bereit war. Die bis dahin aufgelaufenen Kosten von rund 20 Millionen Franken lagen bereits deutlich über der ursprünglichen Planung. Damit war der Traum von der Förderung fossiler Energie am Kurzenberg bereits nach 13 Monaten ausgeträumt.
Von der Bohrstelle in Linden ist heute nur noch die Betonplatte sichtbar, auf der einst der Bohrturm stand.
Von der Bohrstelle in Linden ist heute nur noch die Betonplatte sichtbar, auf der einst der Bohrturm stand. Foto: Reto Bleuer
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Linden-Bohrungen erwiesen sich dagegen als äusserst wertvoll und ermutigten das Berner Erdölkonsortium, seine Arbeiten fortzusetzen. Bereits im Dezember 1973 stellte es ein Konzessionsgesuch für den südlichen Teil des Kantons Freiburg. Auch dort blieben die Resultate unter den Erwartungen. Auf nationaler Ebene zeigte sich ein ähnliches Bild: Zwischen 1912 und 1989 wurden in der Schweiz insgesamt 40 Tiefbohrungen zur Erdöl- und Erdgasexploration durchgeführt, wovon einzig die Bohrung in Finsterwald (LU) verwertbare Mengen Erdgas lieferte.

Ein technischer Meilenstein gelang dem Berner Erdölkonsortium dennoch: Die Bohrstelle «Thun 1» in Teuffenthal, zehn Kilometer südlich von Linden gelegen, setzte 1989 mit 5945 Metern einen neuen Schweizer Tiefenrekord. Mit der Liquidation der Swisspetrol Holding AG und der Bernischen Erdöl AG im Jahr 1994 wurde schliesslich auch das Berner Erdölkonsortium aufgelöst.

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