Die Schlacht am Morgarten von 1315, dargestellt auf einer Druckgrafik von Johann Rudolf Schellenberg, um 1900.
Schweizerisches Nationalmuseum

Der Hinterhalt am Morgarten

Die Schlacht am Morgarten gilt bis heute als grosser Sieg der Eidgenossen. Doch die Sachlage ist nicht ganz so einfach. War es überhaupt eine Schlacht? Und wenn ja, kämpften die Schwyzer wirklich für die Freiheit?

Der Weg war schmal, das Gelände uneben und sumpfig. Am 15. November 1315 zogen habsburgische Ritter und Fussleute am Ägerisee entlang in Richtung Morgarten. Die Geräusche der Schwyzer Späher, die sich im Unterholz versteckten, verloren sich möglicherweise im morastigen Gelände – möglicherweise aber auch im dichten Nebel aus Mythen, Unwissen und Legenden, der sich seither über den Ereignissen ausgebreitet hat.

Hintergrund der Konfrontation war eine alte Geschichte. Seit 200 Jahren schon schwelte eine Fehde zwischen den Schwyzern und dem Kloster Einsiedeln. Es ging um die Grenzziehung, die March zwischen den beiden Gebieten. Leopold von Habsburg war ein Enkel des 1291 verstorbenen Rudolf. Der Herzog von Österreich war unter anderem Schirmherr des Klosters Einsiedeln. Er hatte beschlossen, die Schwyzer für ihr dauerndes Verschieben der Grenze und für die Plünderung des Klosters im vorletzten Jahr zu bestrafen. Ausserdem unterstützten die dortigen Adligen nicht den Anspruch von Friedrich dem Schönen, Leopolds Bruder, auf die Königskrone, sondern den von Ludwig dem Bayern, der kein Habsburger, sondern ein Wittelsbacher war. Auch das war für Leopold natürlich ein Ärgernis. Also wollte er die Schwyzer in ihre Schranken weisen.

Postkarte der Schlacht bei Morgarten. Gedruckt wurde sie 1915 anlässlich des 600. Jubiläums des Ereignisses.
Schweizerisches Nationalmuseum

Originalgetreue Nachbildung des Morgartenbriefs von 1315, welcher das Bündnis von Uri, Schwyz und Unterwalden besiegelte.
Schweizerisches Nationalmuseum

Bis hierhin sind die Quellen relativ schlüssig, der Rest ist zu weiten Teilen Spekulation. Offenbar sammelte Leopold seine Truppen in Zug, wo die Habsburger eine Basis besassen. Von dort zogen sie nach Ägeri. Vermutlich wollte Leopold zuerst nach Einsiedeln. Warum er aber am 15. November 1315 den Weg über den Sattel, statt über den Ratenpass wählte, ist unklar. Früher Schneefall wäre eine Erklärung. Jedenfalls zog Leopold damit über Schwyzer Terrain und dort, am Ende des Sees, am Fuss des Morgartenbergs lag ein sumpfiges Gebiet, das der Heereszug vermutlich im Gänsemarsch durchschreiten musste.

Leopold rechnete kaum mit einem Angriff der Schwyzer an diesem Ort. Trotzdem fand er statt. Über die Zahl der Beteiligten und den Verlauf der Ereignisse ist nichts Verlässliches bekannt. Offenbar konnten die Schwyzer den Überraschungseffekt und ihre Geländekenntnisse gegen den übermächtigen Feind ausnutzen, die Habsburger Kämpfer suchten ihr Heil in der Flucht. Auch Leopold konnte entkommen.

Die Schwyzer schlossen noch im selben Jahr mit ihren Nachbarn aus Uri und Unterwalden ein Bündnis. Vermutlich hing diese Verbindung mit dem überraschenden Sieg am Morgarten zusammen. Später wurde daraus die Gründung der Eidgenossenschaft abgeleitet und der Hinterhalt am Morgarten zur Freiheitsschlacht stilisiert. Der Marchenstreit mit dem Kloster wurde übrigens 1350 beigelegt.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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