Druckgrafik aus dem 17. Jahrhundert: Porträt von Theophrastus Paracelsus.
Schweizerisches Nationalmuseum

Ein Mann voller Fragezeichen

Paracelsus war kein gewöhnlicher Mann. Er hatte eine ungewisse Vergangenheit, legte sich mit vielen Zeitgenossen an und wurde auch mal vulgär. Trotzdem war er ein sehr erfolgreicher Arzt und hat der Nachwelt etwas Grosses hinterlassen: das Dessert.

Vermutlich, wahrscheinlich, vielleicht. Wo Paracelsus draufsteht, sind Fragezeichen drin. Hatte er überhaupt einen Doktortitel? Wo genau hat er sich in seinen Wanderjahren herumgetrieben? War er intersexuell? Und was verstand er wirklich vom Heilen? Sicher ist in etwa Folgendes: Theophrastus Bombastus von Hohenheim kam um 1493 in Egg bei Einsiedeln zur Welt und zog noch als Kind mit seinem Vater nach Villach (Ö). Später studierte er (irgendwo), verbrachte zehn Jahre auf Wanderschaft zwischen Schweden, Griechenland und Portugal und tauchte 1526 in Strasbourg auf. Dort erreichte ihn ein Ruf aus Basel. Johannes Froben, der berühmte Buchdrucker, hatte ein krankes Bein. Paracelsus gelang die Heilung.

In Basel war gerade der Stadtarzt gestorben und so wurde Paracelsus auf den Posten berufen – und damit auch als Dozent an die Universität. Dort lehrte er skandalöserweise auf Deutsch und verwarf alles, was in der Medizin gegolten hatte. Am 21. Juni 1527 verbrannte er (vermutlich) öffentlich die bislang unantastbaren Bücher von Galen und Avicenna. Noch hitziger als das Feuer loderten Paracelsus’ Worte. Andere Ärzte bezeichnete er als Hundemetzger, Hodenschneider, Sirupgeber, Büffeldoktoren, Seichseher, Schmierer, Apothekeresel, Hornochsen, Lügner, Mörder und Bescheisser.

Die Idee, die süssen Speisen an den Schluss des Menüs zu setzen, stammt von Paracelsus.
Wikimedia

Porträt von Johannes Froben, der Paracelsus wegen seines kranken Beins nach Basel gerufen hatte.
Schweizerisches Nationalmuseum

Paracelsus war als Arzt enorm erfolgreich, verwendete als Erster den Begriff «Chemie» und war seiner Zeit mit manchen Ideen weit voraus. Ein wissenschaftlicher Denker aber war er nicht. Paracelsus war Alchemist, stellte (absurde) astrologische Theorien auf und propagierte auch Heilmethoden, die schon zu seiner Zeit veraltet waren. Sein Ruf war schillernd, seine Rhetorik polemisch, radikal und wiederholt antisemitisch. All das bringt ihm bis heute die Sympathie diverser Sektierer ein, von Esoterikern bis hin zu Nazis. Schon zu Lebzeiten rankten sich so viele Legenden um Paracelsus, dass ihm manche die Herstellung von Gold und die Erweckung von Toten zutrauten.

In Basel zerstritt sich Paracelsus mit den Professoren. Er versprach, die Wogen zu glätten, indem er die letzten Geheimnisse der Medizin enthüllen würde, und präsentierte dem übervollen Auditorium schliesslich eine Schüssel voll … ähm … Kot. Er verliess die Stadt, beschäftigte sich in St. Gallen mit religiösen Wahnvorstellungen und erhielt in Nürnberg ein Publikationsverbot. Beste Werbung, von der Paracelsus allerdings nicht mehr profitieren konnte, weil er 1541 starb.

Paracelsus’ vielleicht erfolgreichste Idee betraf die Verdauung. Die hatte man sich bis dahin wie einen Kochtopf vorgestellt. Paracelsus verglich sie mit der Fermentierung von Alkohol und forderte deshalb, die süssen Speisen müssten an den Schluss des Menüs gesetzt werden. An den Fürstenhöfen Europas etablierte sich deshalb bald schon eine neue Mode: das Dessert.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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