Bibel von Erasmus von Rotterdam, Novum Testamentum omne. Zweite Auflage des Erstdrucks, Basel 1519.
Schweizerisches Nationalmuseum

Erasmus von Rotterdam

Warum wird ein katholischer Gelehrter in einer reformierten Kirche beigesetzt? Und das mitten in Zeiten heftiger religiöser Auseinandersetzungen. Die Antwort kann nur lauten: Erasmus wurde über die Konfessionsgrenze hinaus geachtet.

Die Geschichte liebt die Ironie. Ausgerechnet im gemütlich klingenden «Haus zum Sessel» in der Basler Altstadt logierte der unbequemste Geist seiner Zeit: Erasmus von Rotterdam. Weiter unten im selben Haus befand sich die Druckerei von Johannes Froben und die war der eigentliche Grund, weshalb der holländische Gelehrte überhaupt den Rhein hoch gereist war. Nicht überall gab es so gutes Papier und nicht überall einen so berühmten Drucker wie Froben.

Auch Erasmus liebte die Ironie – aus Sicherheitsgründen. Seine pikanten Ideen hüllte er in den Mantel der Satire, wie etwa in seinem triefend ironischen Werk «Lob der Torheit». Erasmus’ mit Abstand kühnster Wurf aber waren die Zeilen, die Frobens Druckerei 1516 verliessen: die neue Bibel. Das Buch war eine Operation am offenen Herzen der Kirche. Und eine ungeheure Dreistigkeit. Seit 382 galt die Version des Hieronymus als unverrückbares Wort Gottes. Jetzt kam Erasmus und warf sie über den Haufen.

Die Kirche sollte besser werden, fand der Gelehrte, echter, ehrlicher, näher an dem, was Jesus gemeint hatte. Und ausserdem weniger autoritär. Die Kirche verbot den einfachen Leuten das Lesen in der Bibel, Erasmus rief sie dazu auf. Jeder, forderte er, sollte sich kritisch mit dem Buch der Bücher befassen. So würden nicht nur die vielen Fehler der alten Bibel offensichtlich, es würde auch klar, dass darin nichts stand von Mönchtum und Zölibat, nichts vom Ablasshandel und nichts von einem Papst. Erasmus wollte nichts weniger als eine Reform der Kirche.

Erasmus schrieb permanent. Er korrespondierte mit Thomas Morus, mit Papst Leo, mit Martin Luther. Als Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, stützte er sich auf den in Basel gedruckten Text. Zwingli bot Erasmus das Zürcher Bürgerrecht an. Aber trotz vieler Gemeinsamkeiten gingen Erasmus die Forderungen der Reformatoren zu weit. Er war sich sicher, dass der offene Bruch mit dem Vatikan über kurz oder lang zu Religionskriegen führen musste. Und das war dem holländischen Pazifisten der Streit um den Glauben nicht wert.

Zuletzt überrollte Erasmus der Wandel, den er angestossen hatte. Als in Basel die Reformation durchgesetzt wurde, ging er nach Freiburg im Breisgau. Er kam erst kurz vor seinem Tod zurück. Dass der 1492 zum katholischen Priester geweihte Holländer im reformierten Basler Münster ein Ehrengrab erhielt, illustriert seinen Status. Und à la longue behielt er Recht. Was heute in reformierten Kirchen gelehrt wird, ist in vielen Fragen näher bei Erasmus als bei Luther.

Herrenporträt von Erasmus von Rotterdam. Der Holzschnitt wurde um 1650 hergestellt.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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