Orts- und Familienwappen aus der Region Wallis und Waadt um 1850.
Schweizerisches Nationalmuseum

Berner Bauern in der Waadt

Nach der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre übernahmen Bauernsöhne aus Bern die verlassenen Höfe im Waadtland. Heute zeugen vor allem die Deutschschweizer Nachnamen von dieser Migration.

In den 1930er-Jahren brachen unter den Folgen der in New York entbrannten Wirtschaftskrise, die nun auch die Schweiz erreichten, dutzende Landwirtschaftsbetriebe in den Kantonen Waadt und Thurgau zusammen. Ihre Besitzer waren gezwungen, Land und Anwesen an den Meistbietenden zu verkaufen und ihr Glück woanders zu suchen. Eine traumhafte Gelegenheit für einige Immobilienhändler, die sofort bemerkten, dass sich hier ein aussergewöhnlicher Markt auftat. Diese Geschäftsleute boten einer eingeschränkten, fast ausschliesslich aus Bern stammenden Kundschaft ganze Landgüter an.

Da die Güter im Kanton Bern meist von sehr bescheidener Grösse waren, galt auf einem Grossteil des Berner Kantonsgebiets das Prinzip des Minorats. Demnach erbten die jüngsten Söhne den väterlichen Besitz, falls sie sich verpflichteten, selbst auf dem Betrieb zu arbeiten. Darum mussten die Brüder und Schwestern nach altem Brauch dem jüngsten Spross weichen, um zu verhindern, dass das über frühere Generationen entstandene Landgut aufgeteilt wurde. Die Töchter wurden natürlich bestmöglich verheiratet, aber dann waren da ja noch die älteren Söhne. In den vorherigen Jahrhunderten galten die Fremden Dienste als optimale Lösung für Letztere, doch im 19. Jahrhundert war das nicht mehr der Fall.

Die vielen Landwirtschaftsgüter, die – vor allem im Kanton Waadt – während der Zwischenkriegsjahre erbenlos wurden, boten somit eine unverhoffte Chance für zahlreiche Berner Bauernsöhne. Dies führte zu einer inländischen Migration vor allem aus dem Mittel- und Seeland, aber auch aus Freiburg und dem Wallis, wo einige schon lange ein Auge auf die üppigen Gebiete des Waadtlandes geworfen hatten. Dieses exodusähnliche Phänomen erreichte ein solches Ausmass, dass der Waadtländer Landwirtschafsdirektor von 1920 bis 1944, Ferdinand Porchet, sich Sorgen machte: «[Der Staatsrat] war immer sehr besorgt über die derzeitige, friedliche Eroberung des Kantons Waadt, [...] genauer gesagt darüber, ob die Berner oder die Freiburger, die mit den Wallisern verbündet waren, bei der Eroberung der Landwirtschaftsgüter, der Handwerkskunst, der Geschäfte [...], der Funktionen beim Bund oder in der Gemeinde die Oberhand gewinnen würden.»

Gewisse Dörfer durchlebten einen tiefgreifenden Wandel in ihrer bäuerlichen Bevölkerung. Familien mit deutschen Namen wie «Loeffel», «Staudenmann» oder «Rufer» zeugen noch heute davon. Wie die Namensforschung zeigt, ersetzten die Neuankömmlinge an einigen Orten, wie beispielsweise im Dorf Colombier nördlich von Morges, die früheren Waadtländer Familien komplett und löschten die Erinnerung an ursprüngliche Bauernnamen wie beispielsweise Moret manchmal vollständig aus.

Landwirtschaft in den 1930er-Jahren: Ein Bauer pflügt einen Acker mit Pferdepflug.
Schweizerisches Nationalmuseum

Ferdinand Porchet (1878-1951).
Archiv für Agrargeschichte

Die Berner übernahmen lokale Traditionen, sie traten in Schützengesellschaften ein oder nahmen an der Messe «Comptoir suisse» in Lausanne teil und respektierten auch sonst die üblichen Regeln. Einige Berufspraktiken mussten sie aber aus ihrem Heimatkanton mitbringen. Die Zuzügler waren an kleine Güter gewöhnt und importierten darum vor allem Arbeitsinstrumente, welche die tägliche Arbeit erleichtern sollten. So brachte 1932 der Bauernsohn Ernst Loeffel, der sich in der Nähe von Morges niederliess, eine Holzscheune mit. Sie wurde in Berner Heimat komplett auseinandergebaut, gezügelt und mitten auf den Waadtländer Feldern wiederaufgebaut. Sie war eine der ersten Scheunen im Kanton Waadt, die nicht in den Hof selber integriert war, sondern nach amerikanischem Vorbild ausserhalb des Dorfes stand und so einige Aufgaben erleichtern sollte.

Die Berner Familien gründeten einen neuen Stammbaum, in dem Generationen von Bauern aufeinander folgten, ohne dass die Erinnerung an ihre Wurzeln verblasste. Sie kurbelten aber vor allem die ausgelaugte Landwirtschaft wieder an und erneuerten die enge Verbindung zwischen den Bernern und Waadtländern, die während der Untertanenschaft der Letzteren bestanden hatten.

Das Ausstellungsgelände der Herbstmesse Comptoir Suisse in Lausanne, im September 1937.
Keystone/Photopress-Archiv/Str

Christophe Vuilleumier
Christophe Vuilleumier ist Historiker und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Er hat verschiedene Beiträge zur Schweizer Geschichte des 17. und 20. Jahrhunderts publiziert.

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