Hannes Schmidhauser beim Training.
Schweizerisches Nationalmuseum /ASL

Als Ueli der Pächter für GC spielte...

Heute beginnt die neue Saison der Schweizer Fussballmeisterschaft. Dass der Sport mehr ist als 90 Minuten auf dem Rasen, beweist ein Rückblick in die Kultur dieses Ballsports.

Hannes Schmidhauser war als Schauspieler in aller Munde. Die Jeremias-Gotthelf-Verfilmungen «Uli der Knecht» und «Uli der Pächter» gehörten zu den erfolgreichsten Schweizer Filmen überhaupt. Ebenso talentiert war Schmidhauser indes als Fussballer. Bereits seine Schauspielausbildung finanzierte er mit Sport. Im Tessin spielte er für den FC Locarno und den FC Lugano. Danach wechselte er zu den Zürcher Grasshoppers, mit denen der Verteidiger 1956 das Double aus Meisterschaft und Cupsieg gewann. Weiterhin trat er landesweit in Theatern auf, und nicht selten standen am gleichen Tag Fussballtraining und Bühnenaufführungen an. Auch in der Nationalmannschaft wuchs er zur festen Grösse, zwischenzeitlich führte er sie gar als Captain an. Diese ungewöhnliche Doppelbelastung verkraftete Schmidhauser, einer der ersten Stars der Schweiz, sehr gut. Nur wenn ihm auf dem Feld ein Fehler unterlief, hörte er aus dem Publikum oft: «Ueli, bisch wieder bim Vreneli gsy?».

Dreharbeiten zu «Ueli der Pächter», 1955.
ETH Bibliothek, Bildarchiv

Die grosse Versöhnungsszene von Ueli und Vreneli aus «Ueli der Knecht».
YouTube

Die Schweizer Nationalmannschaft vor dem Länderspiel gegen Österreich in Bern am 2.5.1955. Hannes Schmidhauser hält den Ball.
Schweizerisches Nationalmuseum

Mehr als ein Stück Stoff

Der FC Chiasso kann sich wahrlich nicht damit rühmen, zahlreiche Fans zu haben. An Heimspielen versammelt sich oft nur eine Handvoll Hartgesottener in der Kurve. Und der vielleicht treuste Anhänger der Tessiner ist kein Mensch, sondern ein Stück Stoff. Ob zu Hause oder auswärts, ob in Europa, Afrika oder Amerika oder in den entlegensten Orten dieser Welt war die unverwüstliche Fahne, der «Drappo Rossoblù», in den letzten drei Jahrzehnten, um eine einfache, aber effektive Botschaft zu verkünden: «Forza Chiasso!» Vor über 30 Jahren eroberte der Besitzer die Fahne aus den Händen von Gästefans aus Lugano zurück, seitdem wird sie weitergegeben an reisefreudige und abenteuerlustige Chiassesi. Sie tragen den rot­blauen Stofffetzen in die weite Welt hinaus – auf Mallorca, nach Katmandu oder in die Sahara – und dokumentieren Chiassos globale Präsenz mit Fotos. Auch bei Spielen der Schweizer Nati darf der Banner nie fehlen. Den emotionalsten Moment hat die weit gereiste Flagge in der Heimat erlebt. Im Sommer 2014 verstarb Ferdinando Riva, genannt Riva IV. Beim Begräbnis des grössten Chiasso­spielers aller Zeiten (linker Flügel mit fast 500 Einsätzen zwischen 1950 und 1970, WM-Teilnehmer 1954) war das Stück Stoff natürlich auch zugegen.

Die Fahne des FC Chiasso hat die Erdkugel schon mehr als einmal umrundet. Hier ein Bild aus China.

Der FC Basel im Rennfieber

FC Liverpool vor Tottenham Hotspur und dem FC Basel: Was sich wie die Tabelle einer Champions-League-Gruppe liest, war 2009 die Schlussrangliste des irren Formats «Superleague Formula». Findige Marketingleute glaubten, damit das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Die Idee: zwei der publikumsträchtigsten Sportarten, Formel 1 und Fussball, miteinander zu kombinieren. «The Beautiful Race: Football at 300 km/h» lautete der Slogan der auf dem ganzen Erdball verteilten Rennen, bei denen Topklubs wie die AC Milan, die Glasgow Rangers oder Corinthians aus Brasilien in 750-PS-Boliden gegeneinander antraten. Blöderweise fand die von den Veranstaltern angekündigte «Symbiose aus der Leidenschaft des Fussballs und dem Nervenkitzel des Motorsports» überhaupt keinen Anklang. Im vierten Jahr des Bestehens war nur noch eine Handvoll Fussballklubs dabei, die Saison wurde nach nur zwei Rennen abgebrochen und die «Superleague Formula» begraben. Der FC Basel darf sich somit rühmen, mit zwei dritten Schlussrängen zu den Allzeitbesten in einem unsinnigen Wettbewerb zu zählen.

Superleague Formula Rennen in England, 2008.
Wikimedia

Rüebli statt Tore

Die Schweiz hat es nicht zuletzt dem kleinen FC Baden zu verdanken, dass sie den Ersten Weltkrieg nahezu unbeschadet überstand. Der spielte damals in der Serie A, der höchsten Liga. Doch dann ermordete der bosnisch-serbische Anarchist Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und löste damit weltweite Kraftmeiereien aus. Die Wirren der Kriegsjahre zwangen die Schweiz, sich Gedanken zur Nahrungsversorgung der Bevölkerung zu machen. Sie kam zum Schluss, dringend mehr Anbaufläche zu brauchen. Für besonders geeignet hielt man das Spielfeld des FC Baden im Rüebliland. Und so mussten die Badener Kicker ab 1917 eine Spielzeit lang säen und ernten statt flanken und Tore schiessen. Der FC Luzern entschied gleichzeitig die Serie B für sich und verlangte nach einem Gegner für das Aufstiegsspiel, wozu der Schweizerische Fussballverband die völlig aus der Übung geratenen Badener verdonnerte. Gleich 0:7 gingen die Aargauer gegen Luzern unter und stiegen ab. Die Zeit der Dürre brach an, sollte es doch fast 70 Jahre dauern, bis der FC Baden wieder ein kurzes Gastspiel in der höchsten Liga geben konnte. Und das alles wegen ein paar Rüebli.

Während des Ersten Weltkriegs wurde in der Schweiz überall Gemüse angebaut. In Schulen, öffentlichen Pärken und ... auf Fussballplätzen.
Schweizerisches Nationalmuseum

Wenn der Aufsteiger Meister wird

Es gibt viele Gründe für Vereine, Ende Saison feiern zu können. Einige freuen sich über den Aufstieg, andere bejubeln den Meistertitel. Weltweit einzigartig ist wohl die Tatsache, dass Lausanne-Sports 1932 beides gleichzeitig machen durfte. Und das kam so: Während noch heute regelmässig Unmutskundgebungen zum Modus der Liga zu hören sind, war das bei frühen Austragungen der Schweizer Meisterschaft noch ausgeprägter. Als Folge davon wurde das Format laufend gewechselt, wobei keines richtig überzeugen konnte. Dem Fass dem Boden aus schlug allerdings die Saison 1931/32. In zwei Gruppen spielten die 18 Erstligisten eine Qualifikationsrunde, wobei die Erstklassierten für die Finalrunde qualifiziert waren. Danach spielten die Gruppenzweiten den dritten Finalteilnehmer aus. Und weil 3 so eine unschöne Anzahl für ein Finalturnier ist, kam man auf die gloriose Idee, Lausanne-Sport als Sieger der 2. Division (!) auch noch einzuladen. Die Waadtländer wussten diese hirnrissige Geste zu schätzen, liessen den FC Zürich, die Grasshoppers und Urania Genf hinter sich und wurden damit Aufsteiger und Meister im gleichen Jahr.

Sachen gibts! Aufsteiger Lausanne wurde 1932 Meister, obwohl es kein Spiel in der obersten Spielklasse ausgetragen hatte.

Mämä Sykora
Mämä Sykora ist Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf».

Kategorien

Sharing is caring
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email

Ihr Kommentar