Der Brand der Corrodi-Fabrik in Ober-Uster von 1832 wurde in einer Druckgrafik verewigt.
Schweizerisches Nationalmuseum

Der Maschinensturm von Uster

Mensch gegen Maschine. Das gab es vor knapp 200 Jahren auch im zürcherischen Uster. Trotz lodernden Flammen konnte der Mensch die Maschinen jedoch nicht aufhalten.

Es war Ende November und der Tag begann durchaus feierlich. Zwei Jahre nach dem legendären «Ustertag», an dem 1830 rund 10'000 Männer die Gleichstellung von Stadt und Land verlangt hatten, fand ein Gedenkanlass statt. Mit Ansprachen, Regierungsräten und Blumen. Dann aber heizte sich die Stimmung auf und rund 500 Personen zogen von der Feier zum Fabrikgebäude der Weberei Corrodi & Pfister. Dort warf ein aufgebrachter Mann eine Scheibe ein. Andere trugen Reisigbündel herbei und zuletzt knisterten die Flammen in den November-Himmel.

Maschinenstürme beschäftigen die Fantasie. Sie geschehen selten, werden aber oft zitiert. So faszinierend ist das Bild des Menschen, der sich gegen die Maschine erhebt, die ihn zu ersetzen droht. So spannend die Frage, ob sich der Fortschritt aufhalten lässt. Und so aktuell das Problem, wie mit seinen unerwünschten Nebenwirkungen umzugehen ist. Die Maschinenstürmer von Uster waren vor allem Weber und sie wussten, warum sie die Maschinen hassten. 50 Jahre zuvor hatten Spinnmaschinen den Untergang der Handspinnerei eingeläutet. Rund ein Fünftel der Zürcher Bevölkerung hatte damals ihre Arbeit verloren. Jetzt drohte den Webern dasselbe Schicksal. Dementsprechend verzweifelt waren sie.

Uster war nicht der einzige Ort, wo neue Maschinen die Menschen in Not brachten. Aber in Uster geschah der einzige Schweizer Maschinensturm. Der Grund, weshalb die Zürcher Oberländer wütender waren als alle anderen Heimarbeiter, hatte mit der Feier zu tun, mit der die Sache begann: Zwei Jahre «Ustertag». Damals hatten die Oberländer zum Sturz der alten Eliten beigetragen, hatten mitgeholfen, in Zürich eine liberale Regierung zu installieren. Und diese tat nun nichts gegen die Mechanisierung der Weberei. Die Oberländer Weber fühlten sich verraten. Und dieses Gefühl war der Funke, der in Uster zündete.

Die unmittelbare Folge des Brands waren Strassenschlachten, 75 Verhaftungen und bis zu 24 Jahre Zuchthaus und Zwangsarbeit für die Rädelsführer. Aber im Oberland gärte es weiter. Sieben Jahre später trug die Landbevölkerung ihren Protest nicht in die Fabriken, sondern auf die Strassen von Zürich. Im «Züriputsch» zogen modernisierungskritische Landleute gegen die Stadt und stürzten den liberalen Regierungsrat. Der Putsch war Teil des Hin und Her zwischen progressiven und konservativen Kräften, das in der Zeit zwischen Helvetik (1798) und der Gründung der modernen Schweiz wogte. Einer Phase, die so turbulent war, dass sich das Wort Putsch als eines der wenigen schweizerdeutschen Wörter über die Landesgrenzen hinaus verbreitete.

Den technischen Fortschritt hielt der Maschinensturm nicht auf. Zum Glück. Einige Jahre später eröffnete der Zürcher Oberländer Caspar Honegger eine Baumwollweberei in Siebnen im Kanton Schwyz. Honegger begann bald, eigene Maschinen zu konstruieren. Diese erlangten Weltruhm und trugen so zum Aufstieg der Schweizer Maschinenindustrie bei.

Honegger-Webstuhl aus dem Jahr 1860.
Wikimedia

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

Kategorien

Sharing is caring
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email

Ihr Kommentar