Albrecht Dürer (1471–1528), Porträt Jakob Fugger (um 1519, Ausschnitt, ganzes Bild)
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Jakob Fugger – Geld und Geist um 1500

Augsburg: Ein Nachkomme eines Webers vom Lande wird zum bedeutendsten Kaufmann, Bergbauunternehmer und Bankier Europas, trotz Zinsverbot in der Bibel. Eine Biografie erklärt eine Zeit – und umgekehrt.

Als Maximilian I., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, 1519 stirbt, schuldet er dem Augsburger Kaufmann und Bankier Jakob Fugger (1459–1525) rund 350‘000 Gulden. Soll dieses Guthaben nicht verloren gehen, muss Fugger dem Enkel Maximilians auf den Thron helfen, Karl V. Dessen einstimmige Wahl durch die Kurfürsten erfordert horrende Schmiermittel, 851‘585 Gulden. Jakob Fugger, Beiname: der Reiche, schiesst rund zwei Drittel ein, 543‘385 Gulden. Den Rest übernehmen die Welser und drei italienische Firmen.

Blosse Gefälligkeit ist das nicht. Fugger handelt sich im Gegenzug das Recht ein, im Tirol weiterhin Metall abzubauen. Silber- und Kupfergewinnung als Goldgrube. Die damals in Europa grössten bekannten Vorkommen sind Grundlage für weitere Bergbauunternehmen sowie für Bankgeschäfte, vor allem mit den Habsburgern, aber auch mit den Päpsten. Zudem erhält Fugger Zugang zum Spaniengeschäft. Karl V. gebietet über ein Reich, in dem die Sonne nie untergeht.

«Europa das ein dritcheil [Drittel] der erden / nach gelegenheit unsern zeiten.» In der «Cosmographia» von Sebastian Münster, die 1544 erstmals erscheint, steht Europa noch Kopf, Norden unten, Süden oben. Dennoch fällt Orientierung leicht. Augsburg ist ein Zentrum der damals wichtigsten Handelsroute Europas zu Lande, von Venedig über Augsburg und Nürnberg nach Antwerpen.
Fugger und Welser Erlebnismuseum Augsburg

Barchent verbindet Orient und Okzident

Selbst als die Fugger auf dem Gipfel von Reichtum, Macht und Ansehen stehen, verhehlen sie ihre Ursprünge nicht, verweisen auf den Weber Hans Fugger aus dem Dorf Graben, vier Wegstunden südlich von Augsburg. 1367 zieht der Stammvater in die Stadt. Der Zeitpunkt passt. Eine Innovation schlägt ein: Barchent. Der Export des neuartigen Stoffs macht die Gegend zwischen Bodensee, Donau und Lech zu einer bedeutenden Gewerberegion Europas.

Leichter gesagt als getan. Barchent ist ein Mischgewebe. Zu den Kettfäden aus Leine kommt der Schuss aus Baumwolle. Flachs lässt sich in diesem Gebiet überall anbauen und zu Leine verarbeiten. Anders die Baumwolle, die es zusätzlich braucht. Sie stammt im Spätmittelalter aus dem Mittelmeerraum, Syrien, Ägypten, Anatolien, Zypern. Geliefert wird sie nach Venedig, in den Fondaco dei Tedeschi, ins Lagerhaus der Deutschen am Canal Grande. Im Barchent werden Morgenland und Abendland miteinander verwoben, im wahren Sinn des Wortes.

Webstuhl mit Pedal, mit dem sich der eine Teil der Kettfäden heben, der andere senken lässt. Dadurch öffnet sich das Fach für das Schiffchen. Das Mischgewebe Barchent wird auf drei Arten ausgefertigt: glatt, beidseits aufgeraut oder nur auf einer Seite. Bereits ab den 1370er-Jahren wird der Exportschlager in Normgrössen und Qualitätsklassen eingeteilt und gesiegelt. Käufer können sich auf das Zertifikat verlassen. Darstellung aus den Nürnberger Hausbüchern, um 1500.
Stadtbibliothek Nürnberg

Nach altem Brauch erfolgt der Transport über die Alpen mit Rottfuhren, in einzelnen Tagesetappen. In einer Sust wird die Ladung jeweils übergeben. Ab etwa 1500 erhalten die Rottführer Konkurrenz. Gutfertiger bieten Strackfuhren an. Ein einziger Ballenführer ist verantwortlich, befördert die Ware in mehreren Etappen über die gesamte Strecke.

Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto (1697–1768): Venedig, Rialtobrücke und Fondaco dei Tedeschi, um 1750. Der Name dieses Geschäftshauses, gegründet im 13. Jahrhundert, ist weit zu fassen. Die Süddeutschen sind zwar führend, aber hier verkehren auch Niederländer, Schweizer, Österreicher, Böhmen, Polen und Ungarn.
Rijksmuseum Amsterdam

Das Textilgewerbe ist der wirtschaftliche Lebensnerv von Stadt und Region Augsburg. Im 15. und 16. Jahrhundert verdient hier mehr als ein Viertel der Steuerpflichtigen den Lebensunterhalt mit der Herstellung von Tuch. Bereits vor 1400 bahnt sich eine folgenreiche Innovation an, denn die Heimarbeiter sind oft nicht in der Lage, den Rohstoff bar zu bezahlen, und der Absatz bleibt auf den lokalen Markt beschränkt.

Gewiefte Kaufleute erkennen die Chance. Als Verleger werden sie Generalunternehmer, beschaffen und verteilen den Rohstoff, gewähren Kredit, nehmen den Heimarbeitern die Ware ab, bringen sie auf den überregionalen Markt – und liefern neue Rohstoffe. Um 1550 arbeiten in Weissenhorn unweit von Ulm knapp 300 Weber für das Verlagshaus Fugger. Jakob der Reiche hat sich diese Herrschaft samt Kleinstadt 1507 von Kaiser Maximilian übertragen lassen. In mehr als 200 Orten besitzen die Fugger schliesslich Grund-, Herrschafts- und Gerichtsrechte. Damit lassen sich sämtliche Krisen überstehen.

Netzwerk

Fugger kennt den Begriff nicht. Er realisiert ihn – in Form von Stein und Bein. Stein, das ist ein Netz fester Niederlassungen in allen bedeutenden Handelszentren Europas. Bein, das ist je ein Stab loyaler Mitarbeiter vor Ort.

Jakob Fugger (1459–1525) und sein Buchhalter Matthäus Schwarz (1497–1574) am Hauptsitz der Firma am Rindermarkt in Augsburg, um 1520. Die «Goldene Schreibstube», knapp 50 m² gross, hat ihren Namen von den goldenen Leisten des Ahorntäfers. Gemälde von Narziss Renner (1502–1536), der mit der Bezeichnung «recht contrefatt» bezeugt, dass es sich um eine getreue Darstellung handelt.
Wikimedia / Niedersächsische Landesbibliothek

Wer ist Chef, wer rechte Hand? Nimmt man die gemalte Körpergrösse, dazu die Tätigkeiten, ist rasch aller Zweifel fort. Fugger überragt seinen Hauptbuchhalter schon fast demonstrativ, diktiert, während jener schreibt. Dennoch muss Fugger, der bloss ein Barett und ein dunkles langes Wams trägt, noch eigens bezeichnet werden: HER IACOB FVGGER. Derlei Hinweis hat sein bester Mann neben ihm nicht nötig. Ihn kennt alle Welt!

Auftritt Matthäus Schwarz zum Kostümball – nicht ganz abwegig. Schwarz hat zwei Leidenschaften: Zahlen und Kostüme. Die erste Passion wird belegt von den exorbitanten Gewinnen Fuggers, die zweite von seinem Spitznamen «Kleidernarr». Von 1520 bis 1560 lässt sich Schwarz Jahr für Jahr in Vollmontur malen. Ergebnis: ein veritables «Kostümbuch» (O-Ton Schwarz). Etwas gar viel Diesseitigkeit in einer Zeit, die nach wie vor auf das Jenseits fixiert ist. Was soll’s. Aufschlussreicher sind die Geschäfte der beiden.

Ordner mit Dateien

Die Schubladen für die Dokumente sind die gleichen geblieben, nur öffnet man sie heute etwas anders. Das oberste Fach des Aktenschranks: Rom. Erstaunt nicht. Der Papst begrüsst und empfängt Fugger als «seinen lieben Sohn», die Kardinäle stehen auf, wenn er eintritt, und selbst «die Heiden sind ob ihm verwundert», gemeint Fugger, nicht der Papst, wie eine zeitgenössische Chronik vermeldet. Die Anwerbung der ersten Schweizer Garde erfolgt 1505 denn auch mit einem Kredit von Jakob Fugger.

Von Venedig war schon die Rede. Ofen [Budapest] und Craca [Krakau] verweisen auf den ungarischen Handel. Mayland ist die lombardische Metropole, Jnspruck das Zentrum des Tiroler Bergbaus, Nuerenberg ein bedeutender Umschlagplatz. Bleiben Antorff [Antwerpen] und Lisbona [Lissabon], von denen es bald einmal heissen wird: «Neue Länder, neue Geschäfte. Italien, das ganze Mittelmeer wird uninteressant. Die grossen Geschäfte kommen über die grossen Ozeane.»

Uns soll, wir sollen

Im Zentrum des Bildes, als Herzstück: das Hauptbuch mit zahlreichen Buchreitern, daneben zwei kleinere Bücher. Die beiden je gegenüberliegenden Seiten sind überschrieben mit «uns soll» und «wir sollen». Was heute selbstverständlich erscheint, ist damals eine Errungenschaft: die doppelte Buchführung. In Italien wird sie schon seit der «kommerziellen Revolution» um 1200 praktiziert, nördlich der Alpen erstmals um 1520 im Handelshaus Fugger.

Der Weg dieser Innovation ist offensichtlich. Bereits als Jugendlicher wird Jakob Fugger nach Venedig geschickt. Im Fondaco dei Tedeschi vertritt er bald die Firma seiner Familie, gut zehn Jahre lang. Drei Jahrzehnte später lässt sich dort auch Matthäus Schwarz zum Kaufmann ausbilden. Zurück in Augsburg, schreibt Schwarz eines der ersten Lehrbücher über doppelte Buchhaltung, ein Standardwerk. Derweil macht er sich über Kaufleute lustig, die ihre Geschäfte «in schlechten Rekordanzen» verzeichnen, «Zettel an die Wand kleben» oder «Rechnung am Fensterbrett halten». Tempi passati, wie mehrere Zettel unter dem Tisch demonstrieren. Was Wunder, dass sich Schwarz mit seinem Lieblingsbuch malen lässt: «Soll und Haben».

Zins nehmen, stiften, beten lassen

«Du sollst keinen Zins nehmen.» 1215 hat Papst Innozenz III. das Zinsverbot in der Bibel ausdrücklich bestätigt. Nicht das Wunschszenario von Jakob Fugger. Er schaltet den berühmten Theologen Johannes Eck (1494–1554) von Ingolstadt ein. Der soll erwirken, dass die Kirche einen Zins von 5 Prozent gestattet – und hat halbwegs Erfolg: Zinsnehmen wird zwar nicht erlaubt, aber auch nicht bestraft.

Fuggerei in Augsburg. 1521 stiftet Jakob Fugger der Reiche die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. Die Reihenhäuser bilden ein ansehnliches Quartier, das mit einem Eingang ähnlich einem Stadttor erschlossen wird.
Wikimedia

Martin Luther (1483–1546), Zeitgenosse Jakob Fuggers, kritisiert, dass [Handels-] «Gesellschaften nichts anderes sind denn eitel rechte Monopolia». Auch punkto Religion gehen die Meinungen diametral auseinander. Den Reformatoren gilt «allein der Glaube», den Katholiken «das gute Werk».

Punkto Spenden und Stiftungen ist Fugger päpstlicher als der Papst. Tut er ein gutes Werk, wirft er nicht eine abgegriffene Münze in den Hut eines Bettlers. Er stiftet Häuser, für die «fromen Armen taglönern und handtwerckern». Nicht zwei, nicht vier, nicht zehn. 67 sind es, dazu gleich eine kleine Kirche mit dazugehörigem Priester. Die 140 Wohnungen werden von einer Kommission vergeben, bis heute, nur an Katholiken, und die sollen nach wie vor für das Seelenheil des Stifters und aller Fugger beten, täglich einmal, ein Vaterunser, ein Glaubensbekenntnis und ein Ave Maria.

Damit die Bewohnerinnen und Bewohner diese Fürbitte nicht vergessen, bekommen sie beim Einziehen das Porträt Jakob Fuggers geschenkt, gemalt von keinem Geringeren als Albrecht Dürer. Die meisten hängen es im Korridor auf. Die Miete ist seit der Gründung der Fuggerei symbolisch. Heute beträgt sie 88 Cents, nicht im Monat – im Jahr.

Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht

Um 1500 leben in Augsburg rund 30‘000 Menschen, etwa gleich viel wie in Prag. Nur von Köln übertroffen, zählt Augsburg zu den grössten Städten des Heiligen Römischen Reichs. Jakob Fugger und Matthäus Schwarz sind zwei von 30‘000 Menschen. Die wichtigsten?

Nur am Rande war die Rede von den Hunderten von Webern, die für das Verlagshaus Fugger arbeiteten. Die Bergwerksknappen im Tirol wurden nicht erwähnt, auch ihre Kollegen und Familien in den Bergwerken in Ungarn nicht. Wie ungerecht darf Geschichte sein? Der Blick in die Vergangenheit ist nie Ende, immer nur Anfang.

Kurt Messmer
Kurt Messmer ist freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





13 Kommentare

Max Siegrist sagt:

Einmal mehr: lehrreich, interessant, zum weiteren Nachforschen animierend. Herzlichen Dank!

Franz Engelberger, Emmenbrücke sagt:

So anschaulich und eindrücklich habe ich Augsburg vor Jahren nicht erlebt. Grossartiger Bericht und Geschichte zum Erleben! Kompliment und herzlichen Dank.

Fredy Grossniklaus sagt:

ZEIT NEHMEN, LESEN, SICH INS SPÄTMITTELALTER EINTAUCHEN LASSEN

Eindrücklich gelungen und ein herzliches Dankeschön!

Walter Steffen sagt:

Nach der Lektüre dieses faszinierenden Beitrags von Kurt Messmer bin ich nicht mehr erstaunt über die Machenschaften von Franz Beckenbauer und Sepp Blatter – Jakob Fugger, welcher sich sogar einen Kaiser kaufte, stellt sie als Dilettanten in den Schatten.

Peter Huwyler sagt:

Sobald der Winter in Davos einbrach, freuten wir uns damals auf die Barchent Leintücher in den ungeheizten Kinderzimmern. Nun weiss ich, woher dieser Stoff stammt. Fugger sei Dank!

Eine Reise durch das burgenreiche Domleschg, mit einem Halt in der Viamala, weiter ins Schams nach Zillis, wo der Besuch der Martinskirche ein Muss ist. Weiter ein Abstecher ins Val Ferrera und ins Schams bis nach Juf, dem höchstgelegenen und ganzjährig bewohnten Dorf ( 2126 m.ü.M). Eine geografisch-kulturelle Vielfalt auf kleinem Raum!

Nicht nur der HC Ambri Piotta ist in der Leventina ein Phänomen, die Kirche San Nicolao, mit den wertvollen Fresken und den Steinfiguren, die in Giornico über zwei Steinbrücken aus der Säumerzeit erreichbar ist, gehört ins Programm einer Leventina Exkursion.

Stephan Wiestner sagt:

Ich habe schon Einiges über die Fugger gelesen, aber noch nie so gut zusammengefasst. Vor allem den Einbezug von Schwarz gibt neue Facetten in dieser Erfolgsgeschichte. Vielen, herzlichen Dank!

Boerlin sagt:

Den Begriff Barchent kenne ich von den Leintüchern, die wir früher hatten. Den Begriff Rotfuhren kannte ich nicht. Ich habe dazu im Netz folgendes gefunden: Das Wort „Rod“ hat seinen Ursprung im Lateinischen und bedeutet soviel wie Wechsel, Kreislauf, und unter der „Rodsäumerei“ verstand man das abschnittsweise Verfrachten von Waren mit Saumpferden.

Karl-Heinz Felder sagt:

Ich war vor einigen Jahren in Augsburg und besichtigte die Fuggerei. Eine wirklich einmalige Geschichte.

Constantin Gyr sagt:

Ich bin über den neusten Anfang der Geschichte sehr erstaunt und erfreut. Wie lebendig doch die Gesichte ist und wie ‚flexibel‘ mit den ethischen Werten umgegangen werden kann. Aus dem Rückblick auf längst vergangene Zeiten hat sich in der Gegenwart nicht sehr viel geändert.
Vielen Dank für den Beitrag.

Bucheli Robert sagt:

Eindrückliche und leicht verständliche Darstellung wie die Finanzbranche allmählich das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftswesen dominiert.

Ursula Beyeler sagt:

Tolle Lektüre. Macht heutige Zustände besser verständlich. Freue mich auf weiteres von Ihnen.

Ulrich Aebi sagt:

Sehr schöne Darstellung. Die frühe Neuzeit mit allen positiven und negativen Seiten. Danke!

Stephan Zopfi sagt:

Ich war schon zwei Mal auf den Spuren der Fugger in Augsburg. Dieser Beitrag ist ein weiterer Mosaikstein zur Schärfung meines persönlichen Fugger-Bildes und den zahllosen Parallelen in der heutigen Welt (wer hat, dem wird gegeben…).