Das erste Bild von Betty Bossi aus dem Jahr 1956.
Archiv Betty Bossi

Betty Bossi

Die Kunstfigur Betty Bossi eroberte nach dem Zweiten Weltkrieg die Schweizer Küchen. Dank ihr wuchs die kulinarische Vielfalt und die Lust der Männer am Kochen.

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor.

Frühling im Tessin: Die Vögel zwitscherten, die Apfelbäume blühten und an den Zweigen hingen gekochte Spaghetti. Ein Filmteam der BBC hatte sie in die Bäume gehängt. Die Geschichte der Tessiner Spaghetti-Ernte ging als allererster gefilmter Aprilscherz in die TV-Geschichte ein. Spaghetti waren 1957 in England exotisch und nördlich der Alpen zumindest noch ungewohnt. Aber das sollte sich ändern. Überhaupt änderte sich gerade vieles.

Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg brachte nicht nur Autos, Fernseher und neue Frisuren, es brachte auch eine neue Küche. Und zwar wörtlich. Elektrische Öfen, Mixer, Rühr-, Knet- oder Geschirrspülmaschinen verbreiteten sich, eröffneten neue kulinarische Möglichkeiten und die Läden boten immer neue Produkte.

Spaghetti-Bäume im Tessin? Die BBC erlaubte sich 1957 einen ganz besonderen Aprilscherz.
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Um sich in diesen ganzen Neuheiten nicht zu verlieren, brauchten Schweizerinnen und Schweizer Hilfe und die bot ihnen Betty Bossi. Die Kunstfigur verstand alle Landessprachen und versorgte die Bevölkerung mit Rezeptideen und Haushaltstipps. Diese wurden ab 1956 in der «Betty Bossi Post» publiziert. Die Zeitung lag zunächst gratis in den Läden auf. Später konnte sie abonniert werden.

Hinter Betty Bossi versteckte sich die Zürcher Werberin Emmi Creola-Maag. In den ersten Jahren verfasste sie die Inhalte selbst. Später wurde sie von einer Haushaltslehrerin und einem Koch unterstützt. Die Lancierung des ersten Betty-Bossi-Kochbuchs 1973 erlebte Creola-Maag jedoch nicht mehr aktiv. Sie hatte das Unternehmen zwei Jahre zuvor verlassen. Dem Erfolg tat dies jedoch keinen Abbruch. Betty national hatte sich in die Herzen der Schweizerinnen und Schweizer gekocht.

Es folgten Klassiker wie «Kochen für Gäste» oder «Kuchen, Cakes und Torten», das schon in den ersten vier Monaten über 650'000 Mal verkauft wurde. International mögen andere Bücher für Furore gesorgt haben, auf dem Schweizer Buchmarkt indes kam kaum jemand an den Erfolg von Betty Bossi heran. Würde man alle bis heute verkauften Betty-Bossi-Kochbücher aneinanderreihen, könnte man auf ihnen nach New York spazieren. Vor allem aber könnte man in ihnen die Zeitgeschichte lesen: neue Produkte und neue Ideen. Aufstieg und Fall der Büchse, das Aufkommen von Niedergaren und Teflonpfanne, Fast- und Slow-Food, vegetarische, vegane oder lokale Trends. Berufstätige Frauen fanden schnelle Gerichte und die Männer trauten sich zusehends an den Herd – oder an den Computer. 1998 lancierte die Küchenkönigin ihre erste Website. Von ihren Anfängen als Speisefett-Vermarkterin hat sich Betty Bossi längst verabschiedet, nach verschiedenen Besitzerwechseln ist sie seit 2012 eine 100-prozentige Tochterfirma von Coop.

Übrigens: die BBC wurde mit Anfragen von Leuten überhäuft, die selbst einen Spaghettibaum pflanzen wollten. «Nehmen Sie eine Spaghetti», antwortete der Sender, «stellen Sie sie in eine Büchse Tomatensauce und hoffen Sie auf das Beste».

Die erste Betty Bossi Post von 1956.
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Die Köchin der Nation motivierte die Männer, sich hinter den Herd zu stellen. Wie hier 1984 in Delsberg an einem Haushaltungskurs.
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