Glasplatten-Negativ einer Studiofotografie von Johanna Spyri, aufgenommen zwischen 1860 und 1870.
Schweizerisches Nationalmuseum

Johanna Spyris Heidi

Mit Heidi hat sich Johanna Spyri auf den Literaturolymp katapultiert. Das Buch wurde über 50 Millionen Mal verkauft und ist damit das erfolgreichste Schweizer Buch aller Zeiten.

Heidi-Filmplakat von 1952.
Schweizerisches Nationalmuseum

«Das Heidi hüpfte und jauchzte und der Grossvater sah aus, als sei ihm ein grosses Glück widerfahren.» Heidi. Keine andere Schweizer Figur ist bekannter, keine erfolgreicher, als das Mädchen aus Maienfeld. Das erste, 1880 erschienene Buch, endete im kalten, grauen Frankfurt – der zweite Band führte 1881 zurück in die heile Bergwelt.

Johanna Spyri war eine unwahrscheinliche Autorin für einen Welterfolg. Nicht genug damit, dass sie eine Frau war, obendrein veröffentlichte sie bis zum 44. Altersjahr auch keinen einzigen Text. Ihr Privatleben war durchzogen von Depressionen, einer unglücklichen Ehe, ihrem Unwohlsein in der Stadt Zürich und dem zu frühen Tod ihres Sohnes. Das Schreiben gab ihr Kraft, ihr erstes Büchlein wurde ein Überraschungserfolg. Acht Jahre später folgte Heidi.

Heidi, die Bibel, das Kapital: Es gibt Texte, die jeder kennt und keiner gelesen hat. Heidi haftet das Image der romantischen Alpenverklärung an und das ist nicht komplett falsch. Aber es ist auch nicht so wirklich richtig. Heidi entstand vor dem Hintergrund einer rasenden Industrialisierung. Viele Leute waren von den Umstürzen befremdet, verstanden die Welt nicht mehr und wurden wirtschaftlich abgehängt. Johanna Spyris Bild der modernen Welt ist unschmeichelhaft, schmutzig und durchaus korrekt. Auch Heidi gefällt es in Frankfurt nicht. Aber das Kind macht dort wichtige Erfahrungen. Folglich heisst das zweite Buch: «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat.»

Filmplakat von «Heidi and Peter», 1955.
Schweizerisches Nationalmuseum

Peter und der Alpöhi sind zwar schrullig-liebenswürdige Charaktere, sie sind aber auch rückwärtsgewandte Dummköpfe. Heidi, die in Frankfurt lesen gelernt hat, gelingt es, Peter zurück in die Schule zu bringen. Für Peters Grossmutter organisiert sie ein weiches Bett aus der Stadt. Und den Alpöhi führt sie dank des Betens zurück in die Dorfgemeinschaft. Hier zeigt sich Spyris tiefe Religiosität. «Heidi» dreht sich nicht um die Abkehr von der Moderne, sondern um die Versöhnung mit ihr. Wenigstens im Original.

Heidi wurde zum internationalen Erfolg. Johanna Spyris Buch wurde in über 50 Sprachen übersetzt und über 50 Millionen Mal verkauft. Und gerade die filmischen Adaptionen aus Japan und den USA machten aus Heidi die wohl weltweit berühmteste Schweizerin. Frisch, Dürrenmatt, Cendrars, de Staël: Johanna Spyri stellte sie alle in den Schatten. Auch das zweiterfolgreichste Schweizer Buch ist übrigens ein Kinderbuch: «Der Regenbogenfisch» von Marcus Pfister.

Erstausgabe von Johanna Spyris Heidi aus dem Jahr 1880.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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