Spieler der amerikanischen Football-Mannschaft San Francisco 49ers knien während der Nationalhymne aus Protest gegen Rassismus, 2017.
Spieler der amerikanischen Football-Mannschaft San Francisco 49ers knien während der Nationalhymne aus Protest gegen Rassismus, 2017. Wikimedia / Keith Allison

Sport und Politik — eine (un)glückliche Beziehung?

Die diesjährige Ausrichtung der Olympischen Spiele und der Fussball-WM in den autoritären Staaten China und Katar sorgt für kontroverse Diskussionen über die politische Einflussnahme im Sport. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Sport und Politik gingen schon immer Hand in Hand.

Simon Engel

Simon Engel

Simon Engel ist Historiker und bei Swiss Sports History für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Wenn in den nächsten zwei Wochen Marco Odermatt auf der Skipiste oder Melanie Hasler im Bobkanal um olympische Ehren kämpfen, werden sie dies kaum aus politischen Gründen tun. Sie starten zwar unter Schweizer Flagge und repräsentieren in den Augen der Öffentlichkeit unser Land auf internationalem Parkett, ihre Schwünge nach links und nach rechts während eines Rennens würden aber nur Leute mit viel Fantasie politisch interpretieren. Demnach sind sportliche Handlungen von Athletinnen und Athleten an sich nicht politisch, aber...
  • ...der Sport widerspiegelt immer gesellschaftliche Vorstellungen über den Körper, über das Geschlecht oder die Herkunft. So geht die Einteilung in «typische» Männer- und Frauensportarten wie Fussball beziehungsweise Rhythmische Gymnastik auf biologistische Vorstellungen und entsprechende Geschlechterrollenverständnisse aus dem 19. Jahrhundert zurück. In den letzten 50 Jahren wurden solche Vorstellungen in einigen Sportarten überwunden, im Sport machten sich die allgemeinen gesellschaftspolitischen Kämpfe und Entwicklungen ebenfalls bemerkbar.
  • ...Sportlerinnen und Sportler, aber auch Politikerinnen und Politiker nutzen die Bühne Sport aufgrund des grossen Zuschauer- und Medieninteresses für ihre politischen Botschaften.
  • ...schon alleine die Vergabe von Sportveranstaltungen ist immer ein Politikum: Eine Vergabe in autoritär geführte Länder wirft vor allem in der westlichen Welt Fragen zu den Menschenrechten auf, Austragungskandidaturen werden zudem von der Politik protegiert und finanziell unterstützt.
  • ...die Aufnahme eines Territoriums, das sich neu als unabhängiger Staat definiert, in einen internationalen Verband wird als politisches Statement gewertet, wenn der Status dieses Territoriums in der Weltgemeinschaft umstritten ist (siehe Kosovo und Taiwan).
Kurz gesagt, bewegt sich der Sport in einem Dreieck der M: Masse (im Sinne von Zuschauerinteresse und entsprechendem medialem Interesse), Märkte (also wirtschaftliche Interessen) und Macht (im Sinne gesellschaftlicher und politischer Interessen bzw. Einflussnahme). Die Masse ist in diesem Dreieck die Basis für die beiden anderen M, denn Masse ist das, was politische Player brauchen, um sich präsentieren zu können. Der Sport ist dazu deshalb auch ideal, weil er vordergründig als sportlicher Wettkampf wahrgenommen wird und nicht als politische Veranstaltung.
Presseartikel zur Absage der amerikanischen Tänzerin Martha Graham am Tanzwettbewerb im Rahmen der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin
Presseartikel zur Absage der amerikanischen Tänzerin Martha Graham am Tanzwettbewerb im Rahmen der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin. Martha Graham nahm aus Protest nicht an den Spielen teil, da sie es unmöglich finde «in diesen Zeiten in Deutschland zu tanzen». Library of Congress
Die Massen machten sich im Laufe der Zeit unterschiedlichste Akteure zu nutzen: In der Antike wurden sportliche Veranstaltungen zu Ehren der Götter abgehalten und Propaganda gegen Nicht-Griechen betrieben, im Mittelalter riefen Prediger an Ritterfestspielen zum Kreuzzug auf, in der Neuzeit machte das Nazi-Regime aus den Olympischen Spielen von 1936 eine Propagandaschau, 1968 erhoben die US-amerikanischen Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos an den Olympischen Spielen in Mexiko ihre Fäuste gegen Rassismus in den USA und 1980 boykottierten vorwiegend westliche Staaten die Olympischen Spiele in Moskau, um gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan zu protestieren. Vier Jahre später blieb im Gegenzug der Ostblock den Spielen in Los Angeles fern. Aktuell machen zum Beispiel viele Schweizer Spitzenfussballerinnen auf ihre vergleichsweise geringe Bezahlung aufmerksam und reihen sich damit in die gegenwärtigen gleichstellungspolitischen Forderungen ein.
Turnierszene aus dem 14. Jahrhundert, Abbildung im Codex Manesse.
Am Turnier in Écry (heute Asfeld, Frankreich) im November 1199 überzeugte der Prediger Fulko von Neuilly die Anwesenden, am vierten Kreuzzug teilzunehmen. Turnierszene aus dem 14. Jahrhundert, Abbildung im Codex Manesse. Universiät Heidelberg
Sportlerinnen und Sportler sowie die Politik nutzen die Bühne Sport demnach aktiv und öffentlichkeitswirksam für politische Zwecke, die meisten Sportverbände stellen sich hingegen auf den Standpunkt, unpolitisch oder zumindest politisch neutral zu sein. Aus deren Sicht ist das Ideal des unpolitischen Sports verständlich: Sport soll grundsätzlich für alle offen sein und es geht primär ums Sporttreiben. Zudem sind die Leidtragenden von politischen Entscheidungen wie zum Beispiel einem Boykott in der Regel die Sportlerinnen und Sportler selber und die möchte man schützen. Bei Weltverbänden wie dem IOC oder der FIFA kommt hinzu, dass dort unterschiedlichste gesellschaftliche und politische Werthaltungen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Zwar bekennt man sich in der Charta zu den universalen Menschenrechten, schlussendlich funktionieren solche Verbände aber vor allem nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner: dem völkerverbindenden Sporttreiben und dem Verteilen von sehr viel Geld. Aufgrund dieser finanziellen Potenz haben zumindest die grossen Verbände ein gewisses Standing gegenüber der Politik. Nichtsdestotrotz muss sich jeder Sportverband mit den lokalen Gesetzen und den politischen Autoritäten arrangieren, weil der Staat seit jeher ein wichtiger Geldgeber und Förderer des Sports ist. In der Schweiz finanziert er massgeblich Sportstätten für den Breitensport, während er im Profisport Spitzenathleten gezielt fördert. 2021 sah sich Sportministerin Viola Amherd gezwungen, aufgrund der Missbrauchsfälle im Schweizerischen Turnverband zu intervenieren und eine verstärkte Aufsichtsfunktion des Staates im Bereich Sportethik durchzusetzen.
Die Schweizer Nationalmannschaft mit Protesttransparent gegen französische Atombombentests beim Spiel gegen Schweden im Herbst 1995.
Die Schweizer Nationalmannschaft mit Protesttransparent gegen französische Atombombentests beim Spiel gegen Schweden im Herbst 1995. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Solche direkten und radikalen Interventionen im Sport seitens Staat und Politik waren nach dem Zweiten Weltkrieg eher selten, einigten sich doch Sportverbände und Staat seither sukzessive auf eine klare Rollenverteilung: Der Staat kümmert sich in erster Linie um Infrastruktur und Ausbildungsgrundsätze, während die Sportverbände privatrechtlich organisiert sind und im Tagesgeschäft weitgehend frei agieren. Vor dem Krieg, insbesondere in den 1930er-Jahren, gab es hingegen Bestrebungen seitens Politik und Behörden, den Sport stärker unter staatlicher Fittiche zu organisieren. Sport wurde insbesondere im Kontext des drohenden Weltkriegs und der Geistigen Landesverteidigung als präventive Waffe gesehen: Jegliches sportliche Treiben sollte demnach nie zweckfrei sein, sondern primär auf staatsbürgerliche Pflichten wie den Wehrdienst ausgerichtet werden. Aus finanziellen Gründen und weil es in der Schweiz auch immer starke zivile, volksgesundheitlich orientierte Sportkreise gab, konnten diese Pläne aber nie wirklich durchgesetzt werden.
Bundesrat Rudolf Gnägi überreicht den Cuppokal dem Captain des FCZ
Bundesrat Rudolf Gnägi überreicht den Cuppokal dem Captain des FCZ, Fritz Künzli, 18.5.1970. ETH-Bibliothek Zürich
Über die Vergabe von Subventionsgeldern konnte der Staat dieses Vorhaben jedoch bereits stark steuern, gerade auch weil das private Sportsponsoring im Vergleich zu heute noch geringe Summen bereitstellte. Am stärksten von diesen Subventionen profitierte lange die Turnbewegung, da sie schon viel früher mit den politischen und staatlichen Eliten zusammenzuarbeiten begonnen hatte: Die ersten Turner waren eng mit der Entstehung des Bundesstaates im Jahre 1848 verbunden und standen öffentlich für die Einheit der Schweiz in einem demokratisch-liberalen Sinne ein. Ab 1874 bestimmten sie sogar bei der Verteilung staatlicher Subventionen mit und dominierten die zuständige Kommission bis in die 1930er-Jahre. Im gleichen Jahr wurde im Zuge einer Armeereform der Turnunterricht für Knaben in der Schule obligatorisch erklärt und der militärische Vorunterricht eingeführt, damit die jungen Burschen später möglichst fit in den Militärdienst einrückten. Der Verzahnung von Patriotismus, staatlicher Protektion und körperlicher Ertüchtigung, wie sie die Turner spätestens seit 1874 vorgemacht hatten, mussten sich auch die später gegründeten Sportverbände zu einem gewissen Grad beugen.
Turnstunde von Basler Gymnasiasten, 1897
Turnstunde von Basler Gymnasiasten, 1897. Das Schulturnen war in seinen Anfängen als Vorbereitung auf den Militärdienst gedacht. Schweizerisches Nationalmuseum
So suchte beispielsweise der Schweizerische Fussballverband gezielt die Nähe von Staat und Politik: Fussball wurde zwar schnell populär in der Schweiz, ideellen und finanziellen Support vom Staat gab es aber erst, als der Verband sein Ausbildungsideal patriotischer und staatstragender präsentierte, indem man unter anderem die ausländischen Einflüsse der frühen Fussballbewegung relativierte oder 1938 den berufsmässigen Fussball wieder untersagte. Im gleichen Jahr schlug die Schweizer Fussballnati die in der Bevölkerung verhasste Mannschaft Nazi-Deutschlands überraschend mit 4:2. Der sensationelle Sieg löste einen nationalen Taumel und Medienhype aus, den wiederum die Politik geschickt ausnutzte; Bundesrat Rudolf Minger besucht einige Tage später als erster Vertreter der Landesregierung das Cup-Finale der Fussballer. Der unerwartete, hohe Besuch wurde im Fussballverband gar als Saisonhöhepunkt gewertet.
Die Schweizer und die deutsche Fussball-Nationalmannschaft vor dem Achtelfinalspiel an der Fussball-Weltmeisterschaft im Juni 1938 im Stadion «Parc des Princes»in Paris.
Die Schweizer und die deutsche Fussball-Nationalmannschaft vor dem Achtelfinalspiel an der Fussball-Weltmeisterschaft im Juni 1938 im Stadion «Parc des Princes»in Paris. Keystone/Photopress Archiv/Str
Politik im Sport wird also je nach Kontext subtil, manchmal aber auch äusserst öffentlichkeitswirksam gemacht. Sport und Politik führen je nach Sichtweise eine glückliche oder eine unglückliche Beziehung. Eindeutig ist nur, dass beide aufeinander angewiesen sind.

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Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

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