Jean-Nicolas Pache (Zweiter von links, zum Betrachter schauend) am Föderationsfest vom 14. Juli 1790, gemalt von Henri Gervex 1889 (Ausschnitt).
Jean-Nicolas Pache (Zweiter von links, zum Betrachter schauend) am Föderationsfest vom 14. Juli 1790, gemalt von Henri Gervex 1889 (Ausschnitt). Petit Palais, musée des Beaux-arts de la Ville de Paris

Freiheit, Gleich­heit, Brüderlichkeit

Wie Jean-Nicolas Pache (1746–1823) – Sohn eines Schweizers und Anhänger von Jean-Jacques Rousseau – die Französische Revolution aufmischt, Bürgermeister von Paris wird, Marie-Antoinette hinrichten lässt und selber nur knapp der Guillotine entkommt.

Alain-Jacques Tornare

Alain-Jacques Tornare

Historiker, emeritierter Lehrbeauftragter der Universität Freiburg.

Wie soll man den ausgefallenen, unbeugsamen Revolutionär Jean-Nicolas Pache, 6. Bürgermeister von Paris, mit Wurzeln im waadtländischen Oron, von 1792 bis 1793 Kriegsminister in Frankreich und mit einer eigenen Statue an der Fassade des Rathauses in Paris vorstellen? Der Sohn von Nicolas Pache, Hausangestellter bei der Familie Castries in Paris, verdankt seinen sozialen Aufstieg dem Herzog von Castries, der Jean-Nicolas’ Potential erkennt und ihm den hohen Posten des ersten Sekretärs der französischen Marine verschafft. 1782 ernennt ihn der Genfer Jacques Necker zum Kontrolleur der Ausgaben des Königshauses.
Statue von Jean-Nicolas Pache an der Fassade des Pariser Rathauses.
Statue von Jean-Nicolas Pache an der Fassade des Pariser Rathauses. Wikimedia / Harmonia Amanda
Jean-Nicolas Pache ist überzeugter Anhänger des Philosophen Jean-Jacques Rousseau, geniesst das Familienleben, spielt gerne Harfe und sammelt Kräuter. Inspiriert von Rousseaus Roman Die neue Heloise, wächst in ihm der Wunsch, in einem freien Land leben. So verkauft er seinen gesamten Besitz in Frankreich und zieht mit seiner Familie an den Genfersee in die Schweiz, der Heimat seines Vaters. Am Genfersee führt er von 1787 bis 1789 ein ländliches Leben. Der Tod seiner Frau in dieser Zeit trifft ihn hart. Er kehrt nach Frankreich zurück, wo die Revolution im Gange ist, und gründet im Januar 1792 die patriotische Gesellschaft von Luxemburg, einer der extremistischsten Clubs an der Speerspitze der Revolution, der auch Frauen aufnimmt. Zunächst ist er Sekretär des Innenministers Jean-Marie Roland, im März 1792 übernimmt er dessen Posten. Er ist Mitglied der Kommune des 10. August 1792 und wird am 3. Oktober 1792 zum Kriegsminister gewählt. Den Posten hat er bis Februar 1793 inne.
Portrait von Jean-Nicolas Pache, 1832.
Portrait von Jean-Nicolas Pache, 1832. Wikimedia
Es ist die Ironie des Schicksals und eine verblüffendes Beispiel ausgleichender Gerechtigkeit: Der Familiensitz der Castries – die ins Ausland geflohen sind – wird dem Kriegsminister Jean-Nicolas Pache, dem Sohn des ehemaligen Hausangestellten, zugewiesen. Die Mahlzeiten nimmt er in jenem Quartier ein, das sein Vater früher bewohnte. Als Anführer der Landesverteidigung in besonders heiklen Zeiten besetzt Pache seine Behörde mit «Montagnards» – Mitglieder der revolutionären Bergpartei – und befürwortet die Säuberung der militärischen Befehlsgewalt von «aristokratischen» Elementen. Pache richtet ein Beschaffungsdirektorium ein, um Betrügereien so weit wie möglich zu vermeiden. Er wechselt munter von den Girondins zu den Montagnards, gewinnt an Selbstvertrauen und schafft es, am 14. Februar 1793 mit 11’880 von insgesamt 15’900 Stimmen zum 6. Bürgermeister von Paris gewählt zu werden. Als neuer Bürgermeister von Paris ist Pache der erste, der die Devise «Liberté, Égalité, Fraternité» von Momoro in die Giebel verschiedener öffentlicher Gebäude der Hauptstadt meisseln lässt. Infolge dessen ermutigen die Regionalbehörden die Einwohner, die Worte «Unité et indivisibilité de la République; Liberté, Égalité, Fraternité ou la mort» (Einheit und Unteilbarkeit der Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod) an ihre Hausmauern zu malen.
Propagandaplakat aus dem Jahr 1793 mit dem Wahlspruch der Ersten Republik. Umrahmt wird der Slogan von Symbolen der Revolution wie der Trikolore, einer phrygischer Mütze und dem gallischen Hahn.
Propagandaplakat aus dem Jahr 1793 mit dem Wahlspruch der Ersten Republik. Umrahmt wird der Slogan von Symbolen der Revolution wie der Trikolore, einer phrygischer Mütze und dem gallischen Hahn. Bibliothèque nationale de France
Tatsächlich verdankt Frankreich eines seiner grössten Symbole der Republik und sichtbares Erbe der Revolution einem Mann, der ursprünglich aus der Schweiz stammt. Alles in allem bescherten die Schweizer dem revolutionären Frankreich zahlreiche Symbole, denn es waren Schweizer Söldner, die zum Beispiel die phrygische Mütze populär machten oder am 14. Juli 1789 und am 10. August 1792 auf spektakuläre Weise die Bastille und den Tuilerienpalast verteidigten. «Papa Pache», wie man ihn unter Freunden nennt, gibt sich nicht damit zufrieden, am Aufbau und an der Aufrechterhaltung der noch sehr jungen und fragilen Französischen Republik beteiligt zu sein: Bei den Ereignissen von 1793 spielt er eine Schlüsselrolle und trägt massgeblich zu den Geschehnissen bei, die den Fall seiner früheren Freunde bei den Girondisten bedeuten.
Der Aufstand der Pariser Sansculotten vom 31. Mai bis zum 2. Juni 1793 beendete die Herrschaft der Girondisten. Szene vor dem Konvent, Gravur von Jean-Joseph-François Tassaert (1765-ca.1835).
Der Aufstand der Pariser Sansculotten vom 31. Mai bis zum 2. Juni 1793 beendete die Herrschaft der Girondisten. Szene vor dem Konvent, Gravur von Jean-Joseph-François Tassaert (1765-ca.1835). Musée Carnavalet
Der unerschütterliche Pache setzt seinen Weg fort, bereitet das Fest des 10. August 1793 vor und unterzeichnet ohne Zögern das Protokoll, das Marie-Antoinettes Schicksal – die Guillotine – besiegelt. Papa Pache gerät als Anhänger einer universellen Republik mit den Hébertisten aneinander und wird am 10. Mai 1794 als Bürgermeister von Paris abgesetzt, allerdings ohne dabei Bekanntschaft mit dem «rasoir national» zu machen. Der unbeschreibliche Pache, der «Heuchler der Revolution», wie ihn seine Feinde nennen, wird infolge der Generalamnestie vom 26. Oktober 1795 freigelassen. Trotz der Aufforderung seitens Napoléon Bonaparte lehnt er den Eintritt in den Dienst des neuen Regimes, das gerade das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl unterzeichnet hat, rigoros ab. Paches Sohn würde das später weniger eng sehen und wird 1813 sogar zum Baron des Reiches ernannt. Der emanzipierte Freidenker lässt sich in seinem Refugium in Thin-le-Moutier in den Ardennen nieder, ohne jemals seine philosophischen und politischen Überzeugungen aufzugeben. Als guter Schüler von Jean-Jacques Rousseau zieht er sich in die Natur zurück.
Nach Jean-Nicolas Paches Unterschrift unter das Anklageprotokoll wird Marie-Antoinette am 16. Oktober 1793 zur Hinrichtung abgeführt. Gemälde von William Hamilton, 1794.
Nach Jean-Nicolas Paches Unterschrift unter das Anklageprotokoll wird Marie-Antoinette am 16. Oktober 1793 zur Hinrichtung abgeführt. Gemälde von William Hamilton, 1794. Musée de la Révolution française
In Paris trägt eine Strasse im 11. Arrondissement den Namen des waadtländischsten aller französischen Revolutionäre. «Il n'y en a point comme nous» (Solche wie uns gibt's nicht nochmal) sagt man im Kanton Waadt. Und tatsächlich gab es einen solchen wie Pache in der Französischen Republik nicht noch einmal, so reich sie auch an Wendungen und erstaunlichen Charakteren gewesen sein mag. Um eine beliebte Redensart seines Heimatkantons umzuformulieren, kann man sagen, dass er den Ausschreitungen der Revolution gegenüber «weder zu- noch abgeneigt war, im Gegenteil!» (Original: «ni pour ni contre, bien au contraire!»). Er war einer der bemerkenswerten Schweizer, die sich an der Französischen Revolution beteiligt und zum heutigen Frankreich beigetragen haben.
Das Haus von Jean-Nicolas Pache in Thin-le-Moutier, 2011.
Das Haus von Jean-Nicolas Pache in Thin-le-Moutier, 2011. Wikimedia / HenriDavel

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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