Eidgenössische Söldner vor einer Schenke. Die kolorierte Radierung entstand Ende des 18. Jahrhunderts.
Schweizerisches Nationalmuseum

Schöne Männer für die Frau Hauptmannin

Die Geschichte der Fremden Dienste ist eine Männergeschichte – aber nur zur Hälfte. Mütter, Töchter, Schwestern, Ehefrauen, Tanten und Cousinen arbeiteten im familiären Soldunternehmen mit, investierten eigenes Geld, waren Miteigentümerinnen und hatten erbrechtliche Ansprüche.

«Schön» sollten sie sein, die Männer für Maria Jakobea Zurlauben (1658–1716). Grossgewachsene Kerle von kräftiger Postur. «Des beaux hommes», wie ihr Bruder Beat Heinrich Josef (1663–1706) zu sagen pflegte. Sie kamen von überall her: aus der Zentralschweiz, dem heutigen Aargau, der March, Zürcher Landschaft und Ostschweiz, Süddeutschland und gar Böhmen. Lang blieben sie nicht. Zu kostspielig war ihre Unterbringung und Verpflegung im Zuger «Löwen». Kaum hatte die «Frau Hauptmannin» Zurlauben ein Dutzend beisammen, die sich mit der Annahme des Handgeldes zum Dienst verpflichtet hatten, schickte sie die Angeworbenen, begleitet von bewaffneten Soldaten, unverzüglich los auf den Marsch nach Westen.

Dort, in Frankreich, am königlichen Hof, besassen die Zurlauben eine halbe Gardekompanie, die sie seit Generationen bewirtschafteten. Sie war das Herzstück des familiären Soldunternehmens, ermöglichte sie doch einen exklusiven Zugang zur Hofgesellschaft. Als Teil der Gardes-Suisses gehörte die Gardekompanie zur äusseren Leibgarde des Monarchen. Sie bewachte die Residenzen, begleitete den König auf Reisen und leistete Kriegseinsätze. Wer so nah am König war, musste schon was hermachen. Deshalb nahm Beat Heinrich Josef Zurlauben, Inhaber und Hauptmann der Gardekompanie, nur Rekruten mit Gardemass – die «schönen». Die nicht so «schönen» Männer, die ihm seine Schwester aus Zug schickte, verteilte er auf die übrigen französischen Soldkompanien der Familie.

Frauen im Soldgeschäft

Dass eine Frau wie Maria Jakobea Zurlauben, Mitglied einer reichen Zuger Soldunternehmer- und Magistratenfamilie, Söldnerwerbungen organisierte, war in der Alten Eidgenossenschaft eher die Regel als die Ausnahme. In der Geschichtsschreibung aber blieben und bleiben Frauen wie sie unsichtbar. Sie sind kaum mehr als Statistinnen. Die Historiker – überwiegend Männer – erzählen die Geschichte der vormodernen Soldunternehmerfamilien genauso, wie sie die von ihnen erforschten Protagonisten im 17. und 18. Jahrhundert in ihren prächtigen Familienchroniken, Wappen und Stammbäumen erzählten: als eine Abfolge grosser Männer. Als Erzählung über Kriegshelden, die in die Schlacht zogen, fürstliche Ehrentitel erwarben und ihre Kompanien als gesonderte Erbteile an ihre Söhne vererbten.

Nicht selten war das pures Wunschdenken, weil Frauen grundsätzlich zu gleichen Teilen erbberechtigt und zuweilen Mit- oder gar Alleineigentümerinnen von Kompanien waren. In vielen Kompanien steckte Kapital weiblicher Verwandter, sei es als Erbanspruch oder Kredit. Und viele Frauen arbeiteten im familiären Soldunternehmen mit. Diese Leistungen erbrachten sie keineswegs aus rein verwandtschaftlicher Zuneigung. Das Soldgeschäft war ein Familienbetrieb, in dem praktisch alle Verwandten mitwirken mussten, aber auch – einzelne allerdings etwas mehr – vom daraus fliessenden Nutzen profitierten: von den finanziellen Erträgen, dem sozialen Prestige, dem Zugang zur höfischen Gesellschaft und Ausbildungsplätzen für die Knaben.

So führte Maria Jakobea Zurlauben jahrelang die Geschäftsstelle in Zug und wirkte als Bindeglied zu ihren Brüdern ausser Landes. Das gab viel zu tun, besonders in Kriegszeiten, die zur Regierungszeit König Ludwig XIV. (1638–1715) reichlich waren. Dienstwillige meldeten sich direkt bei der «Frau Hauptmannin». Darüber hinaus koordinierte sie ein Netz von Werbern, die gezielt Männer engagierten. Im Winter herrschte Hochbetrieb. Für die Musterungen im Frühjahr waren die Bestände in den Kompanien rechtzeitig aufzufüllen. Um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, schickten sich die Geschwister wöchentlich oft mehrere Briefe: Wie viele Rekruten brauchten die Kompanien noch? Wie viele waren unterwegs desertiert oder mussten in einem Spital zurückgelassen werden? Wie viel Bargeld war noch vorhanden, um die Wirtshausrechnungen, Handgelder, Löhne für die Werber, Führer und Boten sowie den Tabak, die Kleider und neuen Schuhe für die Rekrutierten zu bezahlen? Das meiste davon mussten die Soldaten übrigens nach ihrer Ankunft in Frankreich dem Kompaniebesitzer zurückzahlen.

Brief von Beat Heinrich Josef Zurlauben an Maria Jakobea Zurlauben, verheiratete Andermatt, wohnhaft in Zug.
Kantonsbibliothek Aarau

Dass ganze Familien wir die Zurlaubens im Soldwesen tätig waren, kam nicht selten vor. Auch die Luzerner Familie Pfyffer mischte in dieser Branche kräftig mit. Während Franz Pfyffer in Frankreich als Kommandant der Schweizergarde fungierte, kümmerte sich seine Ehefrau Maria Magdalena zu Hause um das «Backoffice».
Schweizerisches Nationalmuseum

Die Söldner wurden auch mit Werbebriefen angeworben. Hier ein Aufruf von 1783, dem Schweizer Regiment in französischen Diensten beizutreten.
Schweizerisches Nationalmuseum

In Zug wurden die Söldner für das französische Königshaus angeworben. Druckgrafik der Stadt aus dem 17. Jahrhundert.
Schweizerisches Nationalmuseum

Maria Jakobeas Schwester, die «Frau Landammännin» Maria Barbara Zurlauben (1660–1724), warb in Zug ebenfalls Soldaten. Erhaltene Dokumente zeigen, dass sie zudem mit der eigentlichen Verwaltung der Kompanie betraut war: Sie nahm die monatlichen Abrechnungen und Berichte der Offiziere in Frankreich entgegen und korrespondierte mit ihnen über aktuelle Probleme. Die Frauen waren nicht einfach Stellvertreterinnen abwesender Männer. Maria Jakobea Zurlauben etwa bezahlte aus ihren eigenen Mitteln Werbungen. Nach dem Tod von Beat Heinrich Josef reiste sie nach Paris, um seinen Nachlass zu sichten und ihr Geld einzufordern. Sie war überdies an den finanziellen Erträgen des Soldgeschäfts beteiligt, und ihr Ehemann bekam eine Offiziersstelle in der Kompanie des Schwagers. Im Gegenzug musste Maria Jakobea die betagte Mutter in ihren Haushalt aufnehmen und versorgen.

Die Porträts hochdekorierter Söldnerführer, ihre pompösen Herrenhäuser, Heldengeschichten und weit zurückreichenden Genealogien liefern eine glanzvolle Kulisse für die verführerisch einfache Geschichte vom dynastisch organisierten Soldwesen: Demnach wurden Soldkompanien innerhalb einzelner Geschlechter über Generationen hinweg an den ältesten Sohn weitergegeben, der als neues Familienoberhaupt das Sagen hatte und von übrigen Verwandten Gehorsam einforderte. Der Blick auf die Frauen zeigt jedoch, dass die Geschichte komplizierter ist. Das Soldgeschäft war vielmehr eine Art Kollektivbesitz, eingebettet in ein schwer durchschaubares, generationenübergreifendes Geflecht vielfältiger Beziehungen und Ansprüche von Verwandten, die ständig auszutarieren waren. Darauf hatte ein Familienoberhaupt Rücksicht zu nehmen.

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Ein Regiment der Gardes-Suisses am Hof von Ludwig XVI. Druckgrafik aus dem 18. Jahrhundert.
Schweizerisches Nationalmuseum

Nathalie Büsser
Nathalie Büsser ist Historikerin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Historischen Seminar der Universität Zürich.

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