Am Morgen nach der Schlacht von Waterloo am 19. Juni 1815. Gemälde von John Heaviside Clark und Matthew Dubourg, um 1816.
Am Morgen nach der Schlacht von Waterloo am 19. Juni 1815. Gemälde von John Heaviside Clark und Matthew Dubourg, um 1816. © Deutsches Historisches Museum, Berlin

Kinder­se­gen im Schlachtengetümmel

Wie Regula Engel-Egli (1761–1853) ihren Mann auf die Schlachtfelder Napoleons begleitet, 21 Kinder zur Welt bringt und sie fast alle überlebt.

Jean-Jacques Langendorf

Jean-Jacques Langendorf

Studienleiter des Institut de stratégie comparée in Paris.

Regula Engel-Eglis Vater stammt aus Zürich. Sein Elternhaus verlässt er früh, um sich bei der preussischen Armee zu verpflichten, in der er 25 Jahre lang dient und den Rang eines Offiziers in der königlichen Garde erlangt. In Berlin lernt er seine künftige Ehefrau, eine Näherin mit Wurzeln in Zürich, mit der er ausserdem verwandt ist, kennen. Im Mai 1757 kämpft er in der Schlacht von Kolin, in der Preussen Österreich unterliegt. Er wird schwer verletzt. Mehr oder weniger genesen und der Armee überdrüssig desertiert er und kehrt nach Zürich zurück, wo Regula auf die Welt kommt. Als das Kind drei Jahre alt ist, trennen sich ihre Eltern. Regula lebt mehrere Jahre im berüchtigten Waisenhaus im ehemaligen Dominikanerinnenkloster Oetenbach. Mit 12 Jahren holt sie der Vater zurück. Sie leidet jedoch unter den Misshandlungen der Stiefmutter und flieht zu ihrer Mutter nach Chur. Dort lernt sie Florian Engel kennen, Offizier im Schweizerregiment von Diesbach im Dienste Frankreichs. Sie heiraten und Regula Engel folgt ihrem Mann in alle seine Garnisonen: Strassburg, Korsika oder auch Lille, wo Florian Oberleutnant wird. Bei Ausbruch der Revolution schliesst er sich der Republik an, vor allem, um seine Kinder ernähren zu können, es sind bereits sieben an der Zahl.
Während ihrer Flucht nach Chur trifft Regula auf einen Kapuziner und einen Reiter.
Während ihrer Flucht nach Chur trifft Regula auf einen Kapuziner und einen Reiter. Lithografie von Johannes Ruegg aus dem Band «Die schweizerische Amazone». Zentralbibliothek Zürich
Auch Regula trägt meistens eine Uniform. Sie begleitet ihren Mann in die Niederlande und bleibt auch bei Napoleons Ägyptenfeldzug an seiner Seite. Während des Feldzugs bringt sie Zwillinge zur Welt, der französische Feldherr selbst ist Taufpate und wird Zeuge, wie die beiden auf die Namen Napoleon Baptist und Napoleon Heinrich getauft werden. Zurück in Europa stösst die Familie wieder zur Garnison von Amiens. Sie nimmt am Feldzug gegen Österreich 1805, an den beiden Zügen gegen Preussen 1806 sowie an den Zügen gegen Polen und Portugal 1807 und schliesslich gegen Spanien teil. Beim Feldzug von 1809 wird Regula Engel-Egli von den Österreichern gefangengenommen und in Serbien festgehalten. Beim Russlandfeldzug ist sie nicht dabei, aber an der Schlacht von Leipzig. Ausserdem folgt sie Napoleon auf die Insel Elba – immer gemeinsam mit ihrem Mann. Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich kämpft sie in der Schlacht bei Waterloo: Dabei werden ihr Mann und zwei ihrer Söhne, einer davon nur zehn  Jahre alt, getötet. Regula selbst wird am Hals getroffen und schwer verletzt.
Die Schlacht von Waterloo: Die Briten erwarten den Angriff der französischen Kürassiere, gemalt von Félix Henri Emmanuel Philippoteaux, 1874.
Die Schlacht von Waterloo: Die Briten erwarten den Angriff der französischen Kürassiere, gemalt von Félix Henri Emmanuel Philippoteaux, 1874. Victoria & Albert Museum
Nach dem Fall Napoleons – dem Regula immer höchst ergeben war – reist sie in die USA, wo sie einen ihrer Söhne sucht. Sie findet ihn, auf seinem Sterbebett, in New Orleans. Nach vergeblichen Versuchen, in Paris Fuss zu fassen, kehrt sie mittellos in die Schweiz zurück. Mit 60 Jahren schreibt sie ihre Memoiren, die in der ersten Auflage 1821 in Zürich unter dem Titel «Lebensbeschreibung der Wittwe des Obrist Florian Engel von Langwies» erscheinen. Das Werk ist ziemlich erfolgreich und so verfasst sie einen zweiten Teil. 1844 wird sie mit 83 Jahren im Zürcher Spital als «Hauskind» eingelassen – man hat sie also aufgenommen, um sie dort sterben zu lassen. Sie sollte noch 92 Jahre alt werden.
Regula Engel-Egli im Alter von 67 Jahren.
Regula Engel-Egli im Alter von 67 Jahren. ETH-Bibliothek
Natürlich rufen die militärischen Reisen dieser Frau, die den Beinamen «Napoleons Amazone» erhalten hat, einige Verblüffung hervor, doch sie ist nicht die einzige: In fast allen Armeen der Napoleonischen Zeit kämpften auch Frauen, die sich als Männer ausgaben. Von diesen haben einige ihre Memoiren hinterlassen, die im Allgemeinen aber von mittelmässiger literarischer Qualität sind. Die Ausnahme, welche die Regel bestätigt, ist das Meisterwerk von Nadejda Dourowa: die Memoiren einer Russin, die gegen Napoleon gekämpft hat. Was in Engels Biografie überrascht, sind vielleicht weniger die Reisen als ihre aussergewöhnliche Anzahl an Kindern. Böse Zungen könnten behaupten, sie hätte es sich zur Aufgabe gemacht, Kanonenfutter für «ihren» geliebten Kaiser zu produzieren. Von insgesamt 21 Kindern, darunter sechs Mädchen, sind neun schon früh gestorben. Von den Knaben wurden sieben Offiziere. Zwei ihrer Kinder sind in Marengo gefallen, zwei in Waterloo (wie auch der Vater), eines in einer Schlacht bei Toulouse, eines nach einer Gefangennahme in Spanien und zwei, die nicht Offiziere geworden sind, gingen mit Napoleon nach St. Helena. Für ihre Treue hat Regula also einen hohen Preis bezahlt.
Fingerring mit dem Porträt von Napoléon Bonaparte, um 1800.
Fingerring mit dem Porträt von Napoléon Bonaparte, um 1800. Schweizerisches Nationalmuseum

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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