Auf dem Höhepunkt des Massensterbens wurde der städtische Raum für die vielen Pesttoten überall knapp, wie diese drastische Darstellung aus dem Tournai des Jahres 1349 zeigt.
Auf dem Höhepunkt des Massensterbens wurde der städtische Raum für die vielen Pesttoten überall knapp, wie diese drastische Darstellung aus dem Tournai des Jahres 1349 zeigt.   © KIK-IRPA, Brussels

Wie die Grosse Pest die Welt veränderte

Die mittelalterliche Pestepidemie und ihre Folgen laden zum Vergleich mit Corona geradezu ein. In seiner packenden Darstellung der «Grossen Pest» warnt der Historiker Volker Reinhardt allerdings auch vor den Grenzen solcher Vergleiche.

Hibou Pèlerin

Hibou Pèlerin

Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

Je länger die Corona-Pandemie andauert, desto mehr beschäftigt uns, welche Spuren sie längerfristig hinterlassen wird – für uns als Individuen in unserem Alltag, in den Familien, in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Da liegt es auf der Hand, durch den Vergleich mit früheren Pandemien auf entsprechende historische Erfahrungen zurück zu blicken. Vielleicht lässt sich daraus sogar etwas lernen? Neben der Spanischen Grippe von 1918 bietet sich dafür vor allem die «Grosse Pest» an. Sie hielt in den Jahren 1347 bis 1353 fast ganz Europa in Schach und flammte später immer wieder auf. Schon im Titel seiner Darstellung dieser Epidemie, «Die Macht der Seuche», lässt der Freiburger Historiker Volker Reinhardt seine zentrale Frage anklingen: Wie veränderte sie die damalige Welt? Und gibt es Parallelen zur Corona-Epidemie? Allerdings warnt er dann schon in der Einleitung zu seiner sehr gut lesbaren Darstellung vor überzogenen Erwartungen. Der Vergleich hat seine Tücken.

Ein Quanten­sprung in der medizi­ni­schen Entwicklung

So liegen zwischen der Grossen Pest und Corona nicht nur rund 700 Jahre und ein grundlegender Wandel der Weltbilder. Vor allem war sie eine weit schlimmere und tödlichere Erkrankung – und der medizinische Fortschritt seither ist riesig. Um 1350 befand man sich auf dem Niveau von Symptombeschreibung, Alchemie und Gesundbeterei. Nur schon bei den Ursachen für die Pest tappte man lange im Dunkeln. Mangels besserer Erklärungen interpretierte man sie als Strafe Gottes. Auch die Übertragungswege blieben erstaunlich lange unklar. War es der «Pesthauch», der Atem des anderen, waren es Berührungen, übertrugen gar Kleider der Verstorbenen die Pest? Wer es bisher noch nicht wusste, vernimmt mit Erstaunen, dass der Pesterreger, ein Bakterium, erst 1894 anlässlich der bisher letzten Pestpandemie in China entdeckt wurde, und zwar in Hongkong durch den Westschweizer Forscher Alexandre Yersin. Er machte auch die Hausratte als Überträger der erst 1970 nach ihm als «Yersinia pestis» benannten Krankheit aus. Die komplette Übertragungskette fanden 1897 zwei Forscher in Bombay: einen Floh, der vom Bakterium befallen war und dem die Ratte als Zwischenwirt zum Menschen diente.
Die Ausbreitung der Pest in Europa.
Die Ausbreitung der Pest in Europa. © Peter Palm, Berlin
Im 14. Jahrhundert ahnte man nur, dass die tödliche Fracht per Schiff reiste: Zunächst wurden Hafenstädte wie Messina auf Sizilien von der Pest befallen. In Venedig erfand man daraufhin die «Quarantäne» für einlaufende Schiffe. Leider half sie nicht. Die, wie das Wort verrät, 40-tägige Isolation der Schiffe und Seeleute war zwar der richtige Ansatz. Doch dummerweise vergass man die infizierten Ratten. Sie trippelten über die Schiffstaue an Land. Yersinia pestis ist übrigens um die 20’000 Jahre alt. Wie das Coronavirus dürfte der Erreger seinen Ursprung in (West-) China gehabt haben. Dortige Inschriften belegen die Ausbreitung entlang der sogenannten Seidenstrasse – allerdings im damaligen, wesentlich gemächlicheren Reisetempo. Von der Krim und Konstantinopel (heute Istanbul) aus, wo die Genueser ihre Niederlassungen hatten, ging’s Richtung Sizilien und in andere Hafenstädte und Handelszentren. Die Epidemie verbreitete sich dann über die Handelsrouten und schiffbaren Flüsse allmählich nach Mittel- und Nordeuropa. In der Schweiz waren vor allem Genf und Basel die «Einfallstore».
Was macht eine Pandemie mit den Menschen? Beitrag mit Volker Reinhardt. YouTube / Bayerischer Rundfunk

Tiefgrei­fen­de gesell­schaft­li­che Erschütterungen

Der Corona-Vergleich mag im medizinischen Bereich hinken. Auf der gesellschaftlichen Ebene ist er durchaus ergiebig. So lösen beide Epidemien eine grosse Verunsicherung aus. Sie schüren zunächst irrationale Angst und Panik – Stichwort Hamsterkäufe. Insbesondere im zwischenmenschlichen Kontakt setzen beide Epidemien den Menschen schwer zu: Abschottung, «social distancing» bis hin zur Ausgrenzung gehört zu den geläufigen Abwehrmechanismen. Dann folgt die Suche nach Schuldigen, die während der Pest zu massiven Judenverfolgungen führte.
Die Pest setzt das Grausamste im Menschen frei: 1349 werden in Tournai unschuldige Juden als Sündenböcke verbrannt, und die Vertreter der höheren Schichten schauen zufrieden zu.
Die Pest setzt das Grausamste im Menschen frei: 1349 werden in Tournai unschuldige Juden als Sündenböcke verbrannt, und die Vertreter der höheren Schichten schauen zufrieden zu. © KIK-IRPA, Brussels
Symptomatisch ist auch das in beiden Fällen während der Epidemie wachsende Misstrauen gegenüber etablierten Autoritäten, die mit der Bewältigung der Krise rasch überfordert sind. Damit wird der Nährboden für bisweilen abstruse und verschwörerische Ideen bereitet. Die Pest stellte das herrschende gesellschaftliche Gefüge ziemlich auf den Kopf. Dies zunächst, weil ein doch sehr beträchtlicher Teil der Bevölkerung starb. Zwar gehen die Schätzungen weit auseinander, doch ein Viertel der Menschen starben im Minimum – und zwar anders als bei Corona quer durch alle Altersklassen. Ähnlich wie bei Corona traf es vermehrt die Ärmeren, die aufgrund der vorhergehenden Hungersnöte schon geschwächt waren und in beengten Verhältnissen lebten. Sie konnten sich nicht einfach – wie Boccaccios jeunesse dorée aus Florenz in der Rahmenerzählung seines berühmten Pestromans «Decamerone» – auf ihre Landgüter absetzen. Der Bevölkerungseinbruch hatte ökonomisch und politisch erhebliche Folgen. So führte der Mangel an einfachen Arbeitskräften, insbesondere in der aufblühenden Textilindustrie, aber auch in der Landwirtschaft nach den Pestjahren dazu, dass diese ihre Lohnforderungen und Rechte besser durchsetzen konnten. Dies gipfelte in den Bauernkriegen im frühen 16. Jahrhundert.
Darstellung von zwei Pestkranken in der Toggenburger Bibel von 1411.
Die schwarzen Blattern, die Gott als Strafe über Ägypten verhängt, da der Pharao die Juden nicht ziehen lässt, sind in der Toggenburger Bibel von 1411 mit Symptomen der Beulenpest dargestellt. Nach den Beschreibungen der Zeitgenossen waren die Erscheinungen der Seuche allerdings um einiges schrecklicher als hier gemalt. Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Foto: Jörg P. Anders

Politik und Religion auf dem Prüfstand

In den aufsteigenden Stadtstaaten wirbelte die Pest das bestehende Machtgefüge durcheinander. Zwar gab es keinen Zusammenbruch der sozialen Ordnung, aber doch eine Auswechslung der Führungsriegen. Persönlichkeiten, die Auswege aus der Krise anboten, setzten sich durch. So steht in Florenz, über das wegen seiner damaligen Bedeutung als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum besonders viele Informationen vorliegen, die Pest am Anfang des sagenhaften Aufstiegs der Medici. In der Stadtrepublik Venedig versuchte ein Doge im Schatten der Pest gar einen in letzter Minute vereitelten Putsch. In Mailand gewann der mit harter Hand durchgreifende Stadtfürst Luchino Visconti grosses Ansehen, weil er die Stadt durch brutale Massnahmen bis hin zur lebendigen Einmauerung von Pestkranken vor der ersten Pestwelle bewahrte. Dass die zweite grosse Pestwelle von 1640 dann Mailand doch ergriff, ist Weltliteratur geworden: Alessandro Manzoni hat sie in seinem Roman «I promessi sposi» (Die Brautleute, Erstfassung 1827) unter Rückgriff auf einen zeitgenössischen Bericht eindringlich beschrieben.
Altarbild aus dem frühen 16. Jahrhundert. Darauf hat Maler Hans Leu der Jüngere Sankt Rochus, den Schutzheiligen der Pestkranken, dargestellt.
Altarbild aus dem frühen 16. Jahrhundert. Darauf hat Maler Hans Leu der Jüngere Sankt Rochus, den Schutzheiligen der Pestkranken, dargestellt. Der Engel bringt an Rochus' Bein eine Tinktur an. Schweizerisches Nationalmuseum
Die Kirche gewann in all diesen Jahren enorm an Vermögen hinzu, obwohl ihre Vertreter ausgerechnet in ihrem Kernbereich, der Seelsorge, oft eine jämmerliche Figur machten. Dennoch setzten viele Pestopfer sie als Erben ein. Den enormen Autoritätsverlust des Papstes und der Kirche wog dies aber nicht auf. Die Folgen sind am kürzesten mit den Stichworten «Renaissance» und «Reformation» benannt. Die Grundlagen für ein nicht mehr am Glauben, sondern an (natur-) wissenschaftlicher Erkenntnis orientiertes Weltbild wurden in den Pestjahren gelegt und in der Folge gefestigt.

Zoom auf Brennpunk­te und Krisenherde

Die Qualität der Darstellung von Volker Reinhardt liegt im souveränen und trotz Detailreichtum konzentrierten Überblick über wichtige soziale, politische und kulturelle wie künstlerische Entwicklungen zwischen 1347 und 1353. Durch den Zoom auf Brennpunkte und Krisenherde wie die bereits erwähnten Städte Florenz, Venedig und Mailand, aber auch das Avignon der Päpste, Rom, Paris und Städte im damaligen deutschen Reich wie Würzburg, Frankfurt oder Strassburg wird anschaulich gemacht, wo und wie die Pest genau wirkte. Reinhardt zieht dafür insbesondere die zumeist bekannten Quellen heran. Zugleich ordnet er sie neu ein. Er zeigt, dass selbst scheinbar faktentreue Schilderungen häufig schon einem bestimmten erzählerischen Interesse unterliegen. Beispielsweise erinnert er daran, dass namentlich Giovanni Boccaccios bereits erwähnte, drastische Darstellung der Pest in Florenz als Rahmenerzählung des «Decamerone» mit einiger Vorsicht zu geniessen ist. Zum einen war Boccaccio zur Zeit des Pestausbruchs wohl gar nicht in Florenz. Vor allem aber ähnelt seine Schilderung verblüffend jener des antiken Autor Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Die Quintessenz lautet: Bei Boccaccio wie auch in weiteren oft zitierten Berichten aus Florenz wird die Seuche als Folie für moralische Erörterungen über das Wesen des Menschen instrumentalisiert. Ähnliche ideologisch grundierte Vermengungen von Fakten und Fiktionen lassen sich als Begleitphänomen von Corona reichlich beobachten – wenn auch bislang vor allem in den diversen Internetforen. Und: Die wirklich repräsentativen Pestberichte sind alle mit einigem zeitlichen Abstand entstanden.
Caterina da Siena beim Diktat ihres theologischen Hauptwerks, des Dialogo.
Caterina da Siena beim Diktat ihres theologischen Hauptwerks, des Dialogo. Ihr Landsmann Giovanni di Paolo zeigt die Färberstochter, die nach der Legende die Pest gleich mehrfach bezwang, um 1461 mit dem Nimbus der Heiligen, den ihr im selben Jahr die Kanonisation durch Papst Pius II. Piccolomini verlieh. Detroit Institute of Arts

Grundmus­ter des Umgangs mit der Epidemie

In der gesellschaftlichen Entwicklung nach der Pest beobachtet Reinhardt etliche Verhaltensmuster, die durch die kollektive Erfahrung des Massensterbens geprägt waren. Der Autor zeigt, wie einerseits ein «zügelloser Hedonismus» entsteht und wie die Kunst nach dem Pesttrauma dem «carpe diem» (geniesse den Tag) einer neuen Lebensfreude Ausdruck gibt. Parallel dazu steigen Volksheilige wie Katharina von Siena auf, die für eine neue Frömmigkeit werben und auf die Reform von Papsttum und Politik einzuwirken versuchen. Auffällig erscheint auch ein «Wille zum Vergessen und Verdrängen» – der stärker ist als das Bedürfnis der Aufarbeitung. Zusammenfassend stellt der Historiker fest, die Pest habe letztlich «keine völlig neuen Ideen oder Verhaltensweisen hervorgebracht». Sie hat eher wie ein Katalysator gewirkt, indem sie «mit ihren Erschütterungen lange vorher angelegte Überzeugungen, Grundhaltungen und Entwicklungstendenzen gefestigt und verstärkt hat». Ob dies für Corona auch gilt, können wir nun selber beobachten. Eine Betrachtung aus grösserer Distanz, wie sie Reinhardt für die Pest bietet, bleibt allerdings künftigen Historikern vorbehalten.

Die Macht der Seuche – Wie die Grosse Pest die Welt veränder­te – 1347 – 1353

Die Macht der Seuche - Volker Reinhardt
Verlag C.H. Beck
Volker Reinhardt, Verlag C.H. Beck, München 2021. 256 Seiten mit 25 Abbildungen und einer Karte.

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