Marguerite Cramer in der Zeit des Ersten Weltkriegs in der für die Entente zuständigen Abteilung des IKRK, um 1915.
Marguerite Cramer in der Zeit des Ersten Weltkriegs in der für die Entente zuständigen Abteilung des IKRK, um 1915. Archiv des IKRK

Eine humani­tä­re Pionierin

Wie Marguerite Frick-Cramer (1887–1963) als erste Frau Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz wurde, im Dienst der Menschlichkeit jedoch immer wieder scheiterte.

Irène Herrmann

Irène Herrmann

Ordentliche Professorin für transnationale Geschichte der Schweiz an der Universität Genf.

Im Jahr 1946 verliess Marguerite Frick-Cramer ihre Führungsposition beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), die sie während fast 30 Jahren innehatte. Sie verliess die Organisation zu einem Zeitpunkt, an dem Hunderttausende Flüchtlinge, die alle dringend humanitäre Hilfe benötigten, das vom Krieg verwüstete Europa überfluteten. Damals stand das IKRK vor enormen Herausforderungen – nicht nur aufgrund seiner (Un-)Tätigkeit während des Weltkrieges, sondern auch durch die Entstehung starker konkurrierender Organisationen weltweit. Die «grosse kleine Dame», wie sie von vielen liebevoll genannt wurde, war sich dieser Situation bewusst: In ihrem Rücktrittsschreiben wies sie auf genau diese Probleme hin und sagte gar noch weitere voraus. Eine Begründung für ihre Entscheidung lieferte das in den Archiven des IKRK unauffindbare Schreiben nicht. Warum eine Frau mit ihrer Hingabe und ihrer Begabung ausgerechnet in einem so wichtigen Moment aus dem Komitee ausschied, wird für immer ein Rätsel bleiben. Man kann nur Vermutungen aufstellen. Ein möglicher Grund ist, dass sie ausgebrannt und müde war und an einem vertrauten Ort ihren wohlverdienten Ruhestand verbringen wollte. Sie war damals fast 60 Jahre alt und hatte wahrscheinlich den Wunsch, sich auf ihr geerbtes Anwesen zurückzuziehen. Ihre Familie gehörte dem (sehr) hohen Bürgertum Genfs an: Ihr Vater entstammte einer langen Tradition bekannter Magistraten, und ihre Mutter war «eine Micheli». Marguerite kam demnach aus einem kleinen privilegierten Kreis, der jahrhundertelang die Geschicke der Republik bestimmt hatte. Diesem gesellschaftlichen Hintergrund war es zu verdanken, dass sie Jura und Geschichte studieren und insbesondere dem IKRK beitreten durfte. Das IKRK war lange Zeit nur der lokalen Aristokratie zugänglich, die darauf bedacht war, den guten Ruf ihrer Stadt auf der internationalen Weltbühne aufrechtzuerhalten.
Undatiertes Porträt von Marguerite Frick-Cramer.
Undatiertes Porträt von Marguerite Frick-Cramer. Wikimedia / Archiv des IKRK
Marguerite war sich allerdings auch nie zu schade, eine prestigeträchtige Position aufzugeben. Dank ihres ausgezeichneten Studienabschlusses erhielt sie eine Stelle als erste weibliche stellvertretende Professorin für Schweizer Geschichte, auf die sie bei Beginn des Ersten Weltkrieges ohne zu zögern verzichtete, um dem IKRK beizutreten. Dort organisierte sie die für die Entente zuständige Sektion der Kartei, in der Millionen von Kriegsgefangenen erfasst wurden. Bei dieser Tätigkeit widersetzte sie sich vehement den amerikanischen Behörden, die eine ähnliche Struktur einführen wollten, aber nur für ihre eigenen Staatsangehörigen. In diesem angespannten Arbeitsumfeld äusserte sie sich zum ersten Mal über einen möglichen Rücktritt. Daraufhin bot ihr Gustave Ador, der eine so wertvolle Mitarbeiterin unbedingt behalten wollte, eine Führungsposition im IKRK an. So wurde sie im November 1918 einmal mehr die erste Frau, die ein derart hohes Amt in der Organisation bekleidete, was sie nicht davon abhielt, vier Jahre später zu demissionieren. Sie wurde zum Ehrenmitglied ernannt und so dachte und handelte Marguerite Cramer weiterhin im Namen des Roten Kreuzes.
Gruppenbild mit Marguerite Cramer (links) und den Direktoren der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene (IPWA) Frédéric Ferrière, Georges Werner, K. de Watteville, Alfred Gautier, Frédéric Barbey, Edmond Boissier, Etienne Clouzot und Jacques Chenevière.
Gruppenbild mit Marguerite Cramer (links) und den Direktoren der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene (IPWA) Frédéric Ferrière, Georges Werner, K. de Watteville, Alfred Gautier, Frédéric Barbey, Edmond Boissier, Etienne Clouzot und Jacques Chenevière. Archiv des IKRK
Ihre Bemühungen waren jedoch nicht immer von Erfolg gekrönt, was sicherlich auch zu ihrem überraschenden Rücktritt im Jahr 1946 beigetragen hatte. Als Co-Autorin hatte sie massgeblich zum «Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen» von 1929 beigetragen. Der Vertrag, dessen Prinzipien teilweise bereits im Krieg von 1870–1871 angewendet worden waren, konnte aber nur als Teilerfolg gewertet werden, da seine Umsetzung vom guten Glauben der Kriegsparteien abhing. Die Bilanz des sogenannten «Tokio-Projekts», das Marguerite Cramer im Jahr 1934 in Japan vorstellte, war noch enttäuschender. Dieser Textentwurf sollte Zivilistinnen und Zivilisten schützen, welche die Staatsangehörigkeit einer gegnerischen Kriegspartei hatten und sich auf feindlichem oder vom Feind eingenommenen Gebiet befanden. Die Konvention wurde allerdings nie ratifiziert. Noch bevor man sie umsetzen und somit auf legalem Wege zahlreiche Leben retten konnte, brach der Zweite Weltkrieg aus.
Internationale Konferenz des IKRK in Tokio im Oktober 1934.
Internationale Konferenz des IKRK in Tokio im Oktober 1934. Archiv des IKRK
Ihr grösster Misserfolg ereignete sich aber ohne Frage im Herbst 1942. Zusammen mit anderen Mitgliedern des Komitees setzte sie sich dafür ein, dass das IKRK einen öffentlichen Protest gegen die Kriegsverbrechen von Nazi-Deutschland an der Zivilbevölkerung lancierte. Sie war überzeugt, dass eine solche Erklärung symbolträchtig wäre und zukünftigen Generationen den Mut der Organisation aufzeigen würde. Der Vorschlag wurde allerdings von einer Mehrheitsfraktion des Komitees abgelehnt. Die Angst vor Hitler war zu gross. Man wollte keine Kampagne einleiten, die möglicherweise erfolglos bleiben würde. Das IKRK verharrte in einer abwartenden Haltung, wofür es bis heute kritisiert wird. Die Ironie der Geschichte: Als das IKRK nach den Kriegsverbrechen gezwungen war, eine Strategie zur Erklärung seiner Zurückhaltung gegenüber den Morden an Juden zu verfassen, um sich selbst zu entlasten, wendete man sich an ... Marguerite Cramer. So loyal wie sie war, erklärte sie sich damit einverstanden und brachte das rechtliche Argument, dass der Schutz von Zivilopfern – wofür sie sich so stark eingesetzt hatte! – nicht Teil des Mandats der Organisation war.
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zwei Jahre nach der Befreiung, 1947.
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zwei Jahre nach der Befreiung. Im Vordergrund ein Wagen des Roten Kreuzes, 1947. Archiv des IKRK
War diese Demütigung eine zu viel? Zumindest deuten die Vorkommnisse darauf hin und rücken die Demission von Marguerite Cramer in ein ganz anderes Licht. Die Aussicht auf ein ruhigeres Leben war zweifellos einer der Gründe für ihren Rücktritt. Zudem hatte sie viel Erfahrung mit dem Aufgeben von Posten. Ihr Abgang hatte aber auch mit wiederholten Enttäuschungen zu tun und vor allem mit einer regelrechten Verleugnung ihrer persönlichen Position. Im Grossen und Ganzen betrachtet, deckt das Beispiel dieser aussergewöhnlichen Pionierin einen Widerspruch im Kern der humanitären Arbeit auf: Diejenigen, die sie ausüben, müssen von Idealen angetrieben werden, denen ihre Arbeit ständig widerspricht. Sich für die Menschlichkeit einzusetzen, bedeutet, das Unmenschliche inmitten von allzu menschlichen Kleinlichkeiten zu bekämpfen.
Marguerite Frick-Cramer bei der Arbeit, um 1942.
Marguerite Frick-Cramer bei der Arbeit, um 1942. Wikimedia / Archiv des IKRK

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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