Susanna Woodtli-Löffler im Februar 1996.
Susanna Woodtli-Löffler im Februar 1996. Keystone/Str

Histori­ke­rin des Feminismus

Wie Susanna Woodtli-Löffler (1920–2019) mit ihrer historischen Forschung dazu beitrug, der Frauenbewegung in der Schweiz eine Geschichte zu geben.

Monika Gisler

Monika Gisler

Historikerin, betreibt das Büro «Unternehmen Geschichte» und ist Dozentin and der ETH und Universität Zürich

Als Anfang 1969 im Gefolge der Studentenbewegung von 1968 die «Frauenbefreiungsbewegung (FBB)» gegründet wird, wähnten sich die Frauen am Beginn einer neuen Ära, mit einer anderen Zukunft, aber ohne Vergangenheit. 1975 wurden sie eines Besseren belehrt: Die erste Überblicksdarstellung zur Geschichte der politischen Rechte der Frauen und der Frauenbewegung in der Schweiz erschien unter dem Titel «Gleichberechtigung. Der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz». Das Werk lieferte erstmals fundierte historische Erkenntnisse über die über 100-jährige Geschichte der Frauen in der Schweiz im Allgemeinen, und der Frauenbewegung, insbesondere der Frauenstimmrechtsbewegung, im Speziellen.
Umschlag des Buches «Gleichberechtigung. Der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz» von Susanna Woodtli, erschienen 1975 und 1983.
Umschlag des Buches «Gleichberechtigung. Der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz» von Susanna Woodtli, erschienen 1975 und 1983. Schweizerisches Nationalmuseum
Dessen Autorin, die 1920 in Basel geborene Susanna Woodtli-Löffler, intendierte mit dem Buch genau dies: das Bewusstsein darauf zu lenken, dass die neue Frauenbewegung auf den «Schultern von Riesen» (Robert K. Merton), in dem Fall von Frauen stand, die bereits Jahrzehnte zuvor ihre Stimme erhoben hatten gegen ein Leben in Abhängigkeit und ohne Zugang zu fundamentalen Rechten oder einer ihnen angemessenen Tätigkeit. Der Autorin gelingt es zu verdeutlichen, welche Phasen die Gleichstellungsbewegung in der Schweiz durchlaufen hat, welches die massgeblichen Frauenorganisationen und die zentralen Akteurinnen waren – die Pionierinnen des Frauenstimmrechts etwa oder die Streiterinnen einer Öffnung zu höheren Bildungsinstitutionen für Frauen –, und ohne dabei Erfolge ebenso wie Misserfolge zu beschönigen.
Es wird deutlich, dass diese Bewegung primär eine der bürgerlichen Frauen war, die die Zeit und Mittel, aber auch den Mut hatten, aus den Normen auszubrechen, aktiv zu werden und sich zu organisieren, während die sozialistische Frauenbewegung (nicht nur quellenmässig) relativ schwach ausgestattet war. Erstmals wird hier zudem die Bedeutung der Zwischenkriegszeit für die Anliegen von Frauenrechten deutlich, etwa in der Darstellung der SAFFA, der ersten Schweizerischen Ausstellung zur Frauenarbeit 1928, in deren Rahmen eine Fülle von Büchern von Frauen zu genuin feministischen Themen erschienen war.
Eröffnungsumzug der Schweizerischen Ausstellung für Frauen-Arbeit (SAFFA) 1928. Die Schnecke steht für «die Fortschritte des Frauenstimmrecht in der Schweiz».
Eröffnungsumzug der Schweizerischen Ausstellung für Frauen-Arbeit (SAFFA) 1928. Die Schnecke steht für «die Fortschritte des Frauenstimmrecht in der Schweiz». expoarchiv.ch
Die Autorin war promovierte Germanistin und Historikerin (1943, summa cum laude), und entstammte einer Akademikerfamilie, die in erster Linie durch deren Frauen geprägt war: so war ihre Mutter Mitbegründerin des Frauenstimmrechtsvereins Basel und im Rahmen der ersten Abstimmung über das Frauenstimmrecht aktiv, die Grossmutter im Bereich der Wohlfahrt tätig, und als Mitbegründerin des Verbandes zur Hebung der Sittlichkeit in Basel massgeblich an der Heraufsetzung von Schutz- und Heiratsalter junger Mädchen beteiligt. Susanna Woodtli selbst war publizistisch tätig, zeitweilig Redaktorin beim «Schweizer Lexikon» und bei der Zeitschrift «Reformatio». Sie verfasste das Werk zu einer Zeit, als die Akademie noch weit davon entfernt war, Frauen- (später Geschlechter-) geschichtsforschung zu betreiben, sowohl das Quellenstudium als auch das Abfassen des Buches fanden in Eigenregie und selbst finanziert statt. Die Schrift darf jedoch für sich in Anspruch nehmen, eine Reihe von weiteren historischen Arbeiten, nun auch im Hochschulumfeld, angeregt zu haben. Der Autorin war damit ein Erfolg gelungen, an den sie später nicht mehr anschliessen konnte. Ein Augenleiden liess sie fast ganz erblinden. Fortan figurierte sie als Beraterin in Sachen historische Frauenbewegungen, und beeinflusste so Generationen nach ihr.

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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