Augusto Giacomettis Decken- und Wandmalereien in der Eingangshalle «Blüemlihalle» der heutigen Polizeiwache im Amtshaus I, 1922-1926.
Augusto Giacomettis Decken- und Wandmalereien in der Eingangshalle «Blüemlihalle» der heutigen Polizeiwache im Amtshaus I, 1922-1926. Fachstelle Kunst und Bau, Stadt Zürich (Foto: Stefan Altenburger)

Augusto Giacomet­ti: Ein Künstler etabliert sich in seiner Wahlhei­mat Zürich

Die Finanzierung von Kunstwerken im öffentlichen Raum war während Krisenzeiten ein probates Mittel, arbeitslose Künstler zu unterstützen. Der Bergeller Künstler Augusto Giacometti (1877–1947) konnte in Zürich zahlreiche öffentliche Werke umsetzen.

Denise Frey

Denise Frey

Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Autorin im Projekt «Augusto Giacometti. Catalogue raisonné der Gemälde, Wandbilder und Glasgemälde», Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA), Zürich

«Der edle Jugendstilschwung seiner frühen Arbeiten, die lange im Kunsthaus-Vestibül aufgehängt waren, ist einer peinlich leeren Routine gewichen, so dass sich die Vermutung geradezu aufdrängt, die aussergewöhnliche Vielbeschäftigtheit dieses Malers und die noch aussergewöhnlichere Propaganda, die für ihn gemacht wird, stamme nicht aus künstlerischer, sondern aus gewissen gesellschaftlichen Zusammenhängen, die mit Kunst und mit öffentlichen Interesse an Kunstpflege nichts zu tun haben», urteilt der Architekturkritiker und Kunsthistoriker Peter Meyer (1894–1984) im Jahr 1937 in der Zeitschrift Das Werk. Der Kritiker reagiert mit seinen scharfen Worten auf das ein Jahr zuvor entstandene Wandgemälde von Augusto Giacometti im Amtshaus V, das der Kanton Zürich der Stadt schenkte, und nennt auch gleich die in seinen Augen unheilsame Allianz beim Namen: Das Vertrauen, das der Stadtbaumeister Hermann Herter (1877–1945) in die Kunst seines Freundes Giacometti gesetzt habe, sei auch im vorliegenden Fall «auf das schmerzlicheste» enttäuscht worden. Tatsächlich ist Herter nicht nur ein guter Freund Giacomettis, sein Name taucht auch im Kontext des einen oder anderen Werkes des Künstlers für den öffentlichen Raum auf. Doch andere Bekanntschaften sind ebenfalls wichtig.
«Stadt und Land», 1936, Wandmalerei im Amtshaus V am Werdmühleplatz 3.
«Stadt und Land», 1936, Wandmalerei im Amtshaus V am Werdmühleplatz 3. Fachstelle Kunst und Bau, Stadt Zürich (Foto: Marcel Meury)
Zusammen mit Paul Bodmer (1886–1983) gehört Augusto Giacometti in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu denjenigen Kunstschaffenden, die in der Stadt Zürich wohl die meisten öffentlichen Werke gestalten konnten. Neben den Glasgemälden im Standesamt (1924), im Grossmünster (1933), in der Wasserkirche (1940) und im Fraumünster (1945), sind zwei Mosaike – an der Universität Zürich (1914) und in der Abdankungskapelle im Friedhof Manegg (1931) – sowie mehrere Wandgemälde (Höhere Töchterschule [1914], Amtshaus I [1922–1926], alte Börse [1933], Eidgenössisch Technische Hochschule [1934], Amtshaus V [1936]) auf die stete Schaffenskraft und Präsenz des Künstlers zurückzuführen.
Giacometti, der sich ab 1915 in der Limmatstadt niederlässt und an der Rämistrasse 5 ein Atelier bezieht, ist, wie man heute sagen würde, ein eifriger Netzwerker. Seine Tagebucheinträge aus den Jahren 1931 bis 1937 und zahlreiche Briefe belegen ein reges Sozialleben. Fast täglich trifft er Freunde, Architekten und Kollegen, wird von Sammlern und Sammlerinnen eingeladen und in seinem Atelier besucht. Als Mitglied beim Berufsverband der Schweizer Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA), bei der Eidgenössischen Kunstkommission und – was erst nach seinem Tod bekannt wird – bei der Freimaurerloge Modestia Cum Libertate lernt er einflussreiche Förderer kennen. Insbesondere die Bekanntschaft zu den Bauherrschaften und Architekten schafft eine Nähe zu den öffentlichen Aufträgen. Neben der tiefen Freundschaft zu dem mit ihm die Logenbruderschaft teilenden Herter wird auch der ebenfalls in Zürich wohnhafte Bündner Architekt Martin Risch (1880–1961), der in Zusammenhang mit einigen Glasmalereien Giacomettis steht, zu einer engen Bezugsperson.
Entwurf für ein Mosaik an der Hofseite des Schweizerischen Landesmuseums, um 1903. Bleistift, Wasserfarben und Ölfarben auf Papier.
Entwurf für ein Mosaik an der Hofseite des Schweizerischen Landesmuseums, um 1903. Bleistift, Wasserfarben und Ölfarben auf Papier. Graphische Sammlung ETH Zürich
Bevor Giacometti jedoch namhafte Direktaufträge erfüllen kann, ist er wie viele Kunstschaffende auf die Gunst privater Auftraggeber und auf öffentliche Wettbewerbe angewiesen und kann keineswegs nur Erfolge verbuchen. So beteiligt er sich zu Beginn des Jahrhunderts als 25-Jähriger vergeblich an einer Ausschreibung für eine Folge von sieben Mosaiken an der Hoffassade des Landesmuseums. Einen ersten öffentlichen Auftrag im Raum Zürich, der vermutlich auf den Architekten Karl Moser zurückgeht, kann der Künstler 1914 an der Universität Zürich mit einem Mosaik realisieren. Froh, Geld verdient zu haben, schreibt er seinem Vater: «Es war gut, dass ich diesen kleinen Auftrag erhalten hatte. Meine Finanzverhältnisse waren nicht gerade glänzend, und als anfangs August der Krieg ausbrach, merkte man, wie alles zurückhaltend wurde». Die prekären wirtschaftlichen Verhältnisse in der Kriegs- und Zwischenkriegszeit sind der Auslöser für verschiedenste Hilfsaktionen durch Bund, Kantone und Städte. In Zürich fordert der Künstler und Kunstpolitiker Sigismund Righini (1870–1937), der Giacometti später für das Wandgemälde in der alten Börse empfehlen sollte, den Stadtrat auf, die arbeitslosen Kunstschaffenden durch Wettbewerbe zur farbigen Fassadengestaltung städtischer Gebäude zu unterstützen. Allein in Zürich entstehen in den 1920er- und 1930er-Jahren über 100 Wandbilder grösseren und kleineren Formates. 1919 bewirbt sich Giacometti für die Gestaltung des Wandbildes in der Aula der Universität Zürich, 1921 nimmt er am Wettbewerb für Wandmalereien im Kreuzgang des Fraumünsters teil. Obwohl die Jury Giacomettis Entwürfe ausdrücklich würdigt, bevorzugt sie beide Male die Vorschläge Paul Bodmers. Seinen grössten Erfolg kann Giacometti 1922 mit dem Gewinn der im Zeichen der Arbeitsbeschaffung stehenden Ausschreibung für die Bemalung der gewölbten Eingangshalle im Amtshaus I verzeichnen, wobei er die künstlerische Leitung übernimmt und drei von der Arbeitslosenfürsorge bezahlte Maler beschäftigt. Das Preisgericht, dem auch Herter und Righini angehören, rühmt an seinem Entwurf die «glänzende künstlerische Auffassung und überzeugende Farbenfreudigkeit». Die Ausmalung der Halle, die später als «Blüemlihalle» Popularität erlangen sollte, dauert vier Jahre. Danach ist Giacometti ein gemachter Mann und kann sich den Zusprüchen und Empfehlungen seines Umfeldes sicher sein.
«Iktinus», 1933, Wandmalerei in der Haupthalle des ETH Zentrums.
«Iktinus», 1933, Wandmalerei in der Haupthalle des ETH Zentrums. Die Bemalungen der beiden das Werk flankierenden Seitenfelder haben sich nicht erhalten. ETH Zürich
Im Übergang vom bedürftigen zum wohlsituierten Künstler gibt es auch Überschneidungen. Obwohl Giacometti in den frühen 1930er-Jahren bereits etabliert ist und 1933 mit der vielbeachteten Ausstellung in der Pariser Galerie Bernheim-Jeune einen weiteren Höhepunkt in seiner Karriere feiern kann, geht auch dem 1934 entstandenen Fresko an der ETH ein Wettbewerb voraus, der aus einem Sonderkredit für eine «Hilfsaktion zu Gunsten der schweiz. Künstler» von der Eidgenössischen Kunstkommission errichtetet wird. Unter dem Vorsitz vom Präsidenten der Eidgenössischen Kunstkommission Daniel Baud-Bovy (1870–1958) verleiht die Jury den Auftrag zur Ausführung an Augusto Giacometti. Sich seiner Geltungskraft sicher, erlaubt sich Giacometti eine selbstbewusste Haltung. Diese zeigt sich sowohl auf einem Vernissagenfoto der Pariser Ausstellung, auf dem der formal gekleidete Künstler souverän zwischen dem Direktor des Musée du Jeu de Paume, André Dezarrois (1889-1979), und dem Botschafter der Schweiz, Alphonse Dunant (1869–1942), posiert, als auch im Umgang mit dem Auftrag an der ETH. So steht in einem Tagebucheintrag vom 30. April 1935 zu den heute nicht mehr vorhandenen Seitenfeldern, in denen ursprünglich zwei Türen vorhanden waren: «Ich bereue es sehr, dass ich damals nicht den Vorschlag gemacht habe, bei Präsident Rohn [gemeint ist Arthur Rohn (1878–1956)], die beiden Türen überhaupt zu entfernen und die beiden Putzräume aufzugeben. So hätte man die ganze Wand zur Verfügung gehabt.»
Giacometti (Mitte) bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie Bernheim-Jeune am 20. März 1933
Giacometti (Mitte) bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie Bernheim-Jeune am 20. März 1933, Fotograf: Rogi André, Paris. Schweizerisches Kunstarchiv, SIK-ISEA, Zürich
Ab 1932 wird Giacometti zunehmend selber als Juror für Wettbewerbe eingeladen und darf ab Dezember als Mitglied der Sammlungskommission des Kunsthauses Zürich amten. 1939 wird Augusto Giacometti vom Bundesrat als Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission gewählt. Giacometti löst Baud-Bovy ab und kann in der neuen Funktion bis zu seinem Tod 1947 schweizweit die Geschicke anderer Künstler und Künstlerinnen lenken.
Bis auf Peter Meyer wird Augusto Giacomettis Werk zu Lebzeiten kaum mit allzu kritischen Stimmen konfrontiert. Der Vorwurf der Routine findet vor allem in der späteren Rezeption des Künstlers Nachhall. Tatsächlich zeichnet sich insbesondere in seinem öffentlichen Werk ab Mitte der 1920er-Jahre ein zunehmender Konservatismus ab, der auch von der künstlerisch konventionellen Haltung der öffentlichen Ämter begünstigt und vom Geschmack der Öffentlichkeit getragen wird. Gut nachvollziehen kann man diesen Wandel an den beiden in Zürich befindlichen Mosaiken: Fällt das an der Universität installierte, 1914 ausgeführte Mosaik mit dem Titel Werden durch einen hohen Abstraktionsgrad und eine eigenwillige Handhabung der verwendeten Materialien aus, so mutet das rund 18 Jahre später entstandene Mosaik Christi Himmelfahrt in der notabene von Herter konzipierten Kapelle im Friedhof Manegg im Vergleich um einiges konservativer an. Gemäss dem Kunsthistoriker Lutz Windhöfel verbindet sich bei Augusto Giacometti der Drang nach Öffentlichkeit mit jenem nach Konsens. Revolutionäre Gesten und brüskierendes Auftreten liegen dem Künstler nicht und er ist – auf eine harsche Kritik Meyers an den in der Wasserkirche eingesetzten Fenstern hin – gewillt, die Entwürfe für das Fraumünster zu überarbeiten.
«Werden», Mosaik in der Wandelhalle der Universität Zürich, 1914
«Werden», Mosaik in der Wandelhalle der Universität Zürich, 1914. Kunstsammlung Kanton Zürich
«Christi Himmelfahrt», Mosaik in der Abdankungshalle Friedhof Manegg, 1932
«Christi Himmelfahrt», Mosaik in der Abdankungshalle Friedhof Manegg, 1932. Fachstelle Kunst und Bau, Stadt Zürich (Foto: Stefan Altenburger)
Trotz aller Kompromiss- und Kontaktfreudigkeit scheint sich Giacometti in seinem Atelier am wohlsten zu fühlen: «Heute ist ein ruhiger, schöner Tag. Ich habe den ganzen Tag das Atelier geschlossen gehabt. Und so war ich vollkommen ungestört. Das Schliessen des Ateliers ist unbedingt notwendig. Es ist Selbstschutz.», vertraut er im September 1932 seinem Tagebuch an. Und, zwei Jahre später: «Es gibt im Grunde nichts anderes als Selbstverwirklichung.»

Projekt Augusto Giacomet­ti (1877 – 1947)

Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) erarbeitet seit 2019 einen Catalogue raisonné der Gemälde, Wandbilder und Glasmalereien von Augusto Giacometti. Dem Projektteam gehören Denise Frey, Tabea Schindler, Beat Stutzer und Michael Egli an. Die Denkmalpflege Graubünden, die Kantonale Denkmalpflege Zürich sowie das Vitrocentre Romont begleiten als Kooperationspartner die wissenschaftliche Forschung. Das Vorhaben wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) sowie von weiteren öffentlichen und privaten Geldgebern finanziell unterstützt. Der Katalog wird 2023 in Buchform und im Internet Open Access publiziert werden. Mehr zum Projekt

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