Flagge der Freien Französischen Kräfte 1940-1944.
Flagge der Freien Französischen Kräfte 1940-1944. Wikimedia

Schwei­ze­rin­nen und Schweizer in der Résistance

Tausende von Schweizerinnen und Schweizern halfen bei der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besetzung. Hunderte wurden dafür von der Schweiz bestraft. Sie könnten jetzt rehabilitiert werden.

Guido Balmer

Guido Balmer

Guido Balmer ist Kommunikationsbeauftragter der Raumplanungs-, Umwelt- und Baudirektion (RUBD) des Kantons Freiburg und freischaffender Kommunikationsprofi.

Bei der Befreiung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg haben auch Schweizerinnen und Schweizer mitgeholfen. 1730 Personen, die in der Schweiz geboren wurden, sind in den Personalakten der Résistance verzeichnet, die heute im Archiv des Service historique de la Défense (SHD) des Verteidigungsministeriums und der Armee Frankreichs zu finden sind. Sie hatten die Résistance als Freiwillige unterstützt, in Frankreich und an anderen Orten, wo französische Widerstandsbewegungen gegen die Deutschen kämpften, namentlich im Nahen Osten und in Afrika. Dazu kommen all jene, die den französischen Widerstand von Schweizer Boden aus unterstützt haben. Verständlicherweise hatten sie kein Interesse daran, mit ihrem Einsatz im Verborgenen Spuren in irgendeinem Archiv zu hinterlassen. Zahlen dazu gibt es deshalb keine.

Genf als Drehscheibe

Eine Hochburg für Unterstützungshandlungen aller Art war Genf. Die Stadt war wegen ihrer Lage eine eigentliche Drehscheibe, über die mit Hilfe vieler Einwohnerinnen und Einwohner Informationen, Agenten und Geld befördert wurden. Natürlich halfen auch die Alliierten aktiv mit, den französischen Befreiungskampf von hier aus zu stimulieren. Und natürlich ging es dabei auch um die Versorgung der Widerstandsorganisationen mit Waffen, Sprengstoff und Medikamenten. Die Résistance hatte in Genf zudem eine Art offizielle Vertretung, die Délégation générale de la Résistance en Suisse (DGRS). Und im Oktober 1943 fand in Genf gar eine Konferenz führender Résistance-Vertreter statt, die laut Historikern eine wichtige Rolle spielte beim Übergang von Propaganda- und Sabotageaktionen zum Kampf geschlossener Guerilla-Verbände.
Genf, Drehscheibe der Résistance, um 1942.
Genf, Drehscheibe der Résistance, um 1942. ETH-Bibliothek

Starke Anziehungs­kraft

Wie in Genf haben sich zum Beispiel aber auch in St-Gingolph am andern Ende des Genfersee, in Vevey oder im Jurabogen viele auf die eine oder andere Art für den Widerstand auf der anderen Seite der Grenze eingesetzt. Darüber gesprochen oder berichtet wurde kaum, auch nicht nach dem Ende des Krieges. Die Geschichtsschreibung liess das Thema lange weitgehend aus. Auch heute gibt es nur wenig Literatur dazu und Zeitzeugen immer weniger. Ein Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens liess 1995 eine ganze Reihe dieser Menschen zu Wort kommen. Unter ihnen ist auch ein Offizier des Schweizer Nachrichtendienstes, der offen davon berichtet, was er in Genf während des Krieges ohne Wissen der Vorgesetzten für die Résistance gemacht habe: Ausweise ausgestellt, heimliche Grenzübertritte ermöglicht, klandestine Treffen eingefädelt. Zu Wort kommt in dem Film auch eine Genferin, die als Mädchen für Botengänge eingesetzt worden war. Sie sagt: «Wir hätten für die Résistance alles getan, denn wir wollten die Deutschen aus Frankreich weghaben.»
Dokumentarfilm über Schweizerinnen und Schweizer in der Résistance, September 1995. SRF
Wie stark die Anziehungskraft der Widerstandsbewegung damals vor allem in der Westschweiz gewesen sein muss, belegt ein Bericht der Freiburger Polizei vom August 1944. Fast jeden Tag, so heisst es darin, seien auf der Schützenmatte im Zentrum der Stadt Freiburg Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren anzutreffen, die davon schwärmten, sich den Helden des Maquis anzuschliessen und an deren Seite ein abenteuerliches Leben zu leben. Sie seien «vom Kino und von billigen Romanen beeinflusst». Und: «Die Propaganda, die rund um die Aktivitäten des Maquis betrieben wird, scheint ihnen komplett den Kopf verdreht zu haben.»
Artikel über die Zerstörung des französischen St-Gingolph durch die SS am 25. Juli 1944.
Artikel über die Zerstörung des französischen St-Gingolph durch die SS am 25. Juli 1944. e-newspaperarchives.ch

Grosse Befürch­tung, harte Urteile

Entsprechend gross muss die Befürchtung gewesen sein, diese «Propaganda» könne in einem Ausmass verfangen, das für die Schweiz gefährlich werden könnte – wegen einer Strafaktion der Deutschen oder durch eine Schwächung der Wehrkraft. Deshalb wurde bei denen, die in den Reihen der Résistance-Verbände am militärischen Widerstand teilnahmen das geltende Recht, das seit 1929 «fremden Militärdienst» verbietet, mit grosser Konsequenz angewendet. Diese Fälle sind gut dokumentiert: Von 466 Personen finden sich Akten im Bundesarchiv, weil sie von den Schweizer Behörden zur Rechenschaft gezogen wurden. Der Historiker Peter Huber hat diese Akten für seine unlängst erschienene Arbeit «In der Résistance. Schweizer Freiwillige auf der Seite Frankreichs (1940-1945)» aus dem Bestand der Urteile der Militärjustiz herausgefiltert. Es zeigt sich dabei, dass die Militärjustiz zum Teil drakonische Strafen verhängte. In einem Fall waren es fünf Jahre Zuchthaus. Aus vielen Verfahrensakten spricht Unverständnis, zum Teil Verachtung.
Gefangennahme von Mitgliedern der Résistance durch französische Milizen im Juli 1944.
Gefangennahme von Mitgliedern der Résistance durch französische Milizen im Juli 1944. Wikimedia / Bundesarchiv
Ein Mitglied der Freien Französischen Kräfte, um 1944.
Ein Mitglied der Freien Französischen Kräfte, um 1944. Wikimedia / Imperial War Museum

Verein­zelt Verständnis

Es gab aber auch das Gegenteil. So zeigte ein Untersuchungsrichter in einem Verfahren vor dem Neuenburger Divisionsgericht Verständnis für den Angeklagten. Dieser, ein Korporal aus Neuenburg, hatte drei Jahre in Afrika gearbeitet, bevor er sich 1940 in Kamerun der Résistance anschloss. Zur Begründung seines Schrittes hielt der Korporal in seinem Schreiben an den Untersuchungsrichter fest: «Wegen des Vertrauens und die Wertschätzung, die mir Frankreich und die Franzosen entgegengebracht haben, sah ich mich einer unbestreitbaren Pflicht gegenüber.» Seine Liebe zur Schweiz habe sich deswegen aber nicht verändert. Diese sei vom Feind Frankreichs ja ebenfalls bedroht gewesen. Er habe sein Engagement deshalb sogar als doppelte Pflicht empfunden. Der Untersuchungsrichter seinerseits führte in seinem Antrag aus, die Tatsache, dass die Schweiz für die Deutschen Waffen hergestellt habe, sei Grund genug, von «puritanischer Härte» abzusehen und damit aufzuhören, Résistance als Delikt zu betrachten. Der Korporal habe der Schweiz mit seinem Kriegseinsatz schlicht und einfach Ehre erwiesen.
Gedenktafel für die Einwohnerinnen und Einwohner von Genf, die in der Résistance gedient haben.
Gedenktafel für die Einwohnerinnen und Einwohner von Genf, die in der Résistance gedient haben. Guido Balmer

Versuch zur Rehabilitierung

Den Schweizer Freiwilligen in der französischen Résistance will nun ein politischer Vorstoss die Ehre erweisen, der im Eidgenössischen Parlament eingereicht wurde. Der Vorstoss verlangt die Rehabilitierung dieser Menschen. Sie hätten ihr Leben riskiert und letztendlich zum Überleben der Schweiz beigetragen. Die Sanktionen gegen sie seien deshalb aufzuheben. Es ist nicht der erste Vorstoss dieser Art. Bisher ist es aber bei einigen wenigen Zeichen der Anerkennung geblieben. So findet sich etwa in Neuenburg eine Gedenktafel am Geburtshaus eines Schweizers, der 1944 in Südfrankreich fiel. Und in Genf hängt seit 2003 gegenüber des französischen Generalkonsulats eine Gedenktafel. Die Stadt hat sie all jenen Einwohnerinnen und Einwohnern gewidmet, die gegen den Nazismus gekämpft und zur Befreiung Frankreichs beigetragen haben.

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