Im Juni 1872 schrieb Rudolph Heer einen letzten Brief an seine Mutter. Danach brach der Kontakt ab. Illustration von Marco Heer.
Im Juni 1872 schrieb Rudolph Heer einen letzten Brief an seine Mutter. Danach brach der Kontakt ab. Illustration von Marco Heer.

Nun lebt wohl!

1872 brach der Kontakt zwischen San Francisco und Glarus ab. Es scheint so, als wollte Rudolph Heer einen endgültigen Schnitt zu seinem alten Leben machen...

Andrej Abplanalp

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

Am 25. September 1868 erreichten Rudolf Heer und seine Familie San Francisco. Hier wollte die Glarner Familie endgültig ein neues Leben beginnen. Kaum waren sie in der kalifornischen Stadt angekommen, wurde ihr Leben jedoch richtig durchgeschüttelt. «Den 21ten Oktober morgens 8 Uhr war hier ein furchtbares Erdbeben, alles sprang zu den Häusern heraus um das Weite zu suchen, aber viele wurden auf der Strasse erschlagen von zusammenbrechenden Häusern oder hohen Kaminen. Viele kamen nicht mehr heraus, in den Stadtstrassen war es am gefährlichsten, eine Menge Häuser sind zusammengestürzt in allen Strassen. An einigen Orten wurde der Boden um einige Schuh gehoben, an anderen Orten senkte sich der Boden viel.» Familie Heer erlebte das schwere Erdbeben, welches auf der Richterskala bei 7 lag, hautnah mit. Vielen Menschen flohen aus Angst vor weiteren Beben ins Landesinnere. Es entstanden grosse Schäden und damit verbunden auch viel Arbeit. Davon profitierte Rudolf, der sich jetzt Rudolph nannte. Er fand endlich eine Stelle und ein Einkommen für sich, seine Frau und seine beiden Töchtern.
Fotografie nach dem Beben von 1868.
Fotografie nach dem Beben von 1868. Wikimedia
Illustration des Erdbebens in San Francisco im Harper's Weekly, November 1868. Library of Congress
In den folgenden Jahren arbeitete Rudolph Heer unter anderem als Säger, Mühlebauer oder Maschinist und schrieb seiner Mutter im Mai 1869: «Was mich und meine Familie anbelangt sind wir bis jetzt zufrieden und leben glücklicher als in der alten Heimat.» Und der Glarner hatte grosse Pläne. Er wollte amerikanischer Staatsbürger werden und Land erwerben. Der «Homestead Act» von 1862 erlaubte es Personen über 21 Jahren, ein unbesiedeltes Grundstück von rund 64 Hektaren abzustecken und zu bewirtschaften. Nach einer fünfjährigen Frist wurden die Siedler dann Eigentümer des Landes. Allerdings musste man dafür Amerikaner sein oder gute Chancen auf eine Staatsbürgerschaft haben.
Anhand verschiedener Einträge im «Langley's San Francisco Directory», einem Namens- und Berufsverzeichnis, lässt sich Rudolph Heers Berufsleben ziemlich genau rekonstruieren. Internet Archive
Das klang alles vielversprechend. Doch zwischen den Zeilen liest sich eine andere Geschichte heraus. In den fünf Briefen, welche Rudolf Heer seiner Mutter zwischen 1868 und 1872 geschrieben hatte, war Geld das Hauptthema. Immer und immer wieder verglich er die Preise in den USA mit jenen in der Schweiz, betonte, was wie teuer war und wer ihm Geld schuldete beziehungsweise, wem er Geld schuldete. Selbst als die jüngere Tochter Maria schwer krank wurde, ging es nur um die Höhe der Arztrechnung: «Marieli ist schon 3 Wochen krank an der Brustfellentzündung, es war sehr krank so das man keine Hoffnung mehr hatte es zu retten, nun ist es auch wieder auf der Besserung. Wenn man zum Doktor geht so kostet es 3 Dollar, wenn der Doktor ins Haus kommen muss, kostet jeder Besuch 5 Dollar, dann bekommt man das Retzept in die Apotheke wo man extra bezahlen muss. Deswegen man es manchmal zu lang anstehen lässt, bis man zum Doktor geht.» Kein Wort der Sorge um das Kind. Es scheint, als wäre die Rudolph Heer finanziell nicht vom Fleck gekommen. Ob er trotzdem «glücklicher als in der alten Heimat» war, scheint mehr als fraglich. Auch den Plan, Land zu erwerben, verwarf er später wieder. «Meinen Entschluss in das Land zu gehen habe ich forläufig wieder aufgegeben und befinde mich hier ganz gut und bin bis dato zufrieden.»

Briefe aus der neuen Welt

Rudolf Heer wanderte 1868 von Glarus in die USA aus. Zwischen 1868 und 1872 schickte er insgesamt fünf Briefe in die alte Heimat. Sie befinden sich heute zusammen mit einigen anderen Dokumenten im Archiv der Familie Heer. Dieser Artikel ist auf der Grundlage dieser Briefe und der Recherchen von Fred Heer, einem Nachkommen der in Glarus geblieben Heers, entstanden.
Auffallend ist auch, dass sich der grösste Teil der Texte neben dem Thema Geld um die alte Heimat dreht. Glarus hier, Glarner da. Kalifornien und das neue Leben der Familie Heer werden nur selten erwähnt, und wenn, dann meist oberflächlich und beschönigend: «Jedoch wäre es für jeden jungen Burschen das beste wenn einer ein paar Jahre nach Amerika in die Lehre ginge den jeder muss hier lernen und lernt auch die Welt und die Menschheit kennen wie es draussen nicht der Fall ist.» Mit «draussen» ist die alte Heimat, in Heers Fall also das Glarnerland, gemeint. In Amerika ist seiner Ansicht nach fast alles besser als in der Schweiz. So verdient man als Arbeiter mehr und wird auch mit mehr Respekt behandelt: «Hier ist der Arbeiter mehr geachtet als draussen und wird auch für die Arbeit gehörig bezahlt und zieht man den Hut nicht ab vor keinem Arbeitgeber oder Millionär sondern geht Samstag Abend auf das Büro den Hut auf dem Kopf und empfängt das Geld, was man die Woche verdient hat.»
Dass man seinem Chef mit dem Hut auf dem Kopf begegnen konnte, beeindruckte Rudolph Heer.
Dass man seinem Chef mit dem Hut auf dem Kopf begegnen konnte, beeindruckte Rudolph Heer. Illustration Marco Heer
Trotzdem wollte Rudolph nicht, dass sein jüngster Bruder Samuel, der sich in den 1870er-Jahren zum Lokomotivführer ausbilden liess, nach Amerika kam: «Jedoch schreibe ich an Bruder Samuel nichts dass er kommen soll nach Amerika denn wenn einer ein paar Jahre hier ist kann man sich nicht mehr in die Verhältnisse von draussen fügen, es gefällt draussen keinem mehr.» Wollte er damit verhindern, dass dieser sah, wie es wirklich um Rudolph Heer und seine Familie stand? Es scheint fast so, denn es sollte der letzte Brief an seine Mutter sein. Danach brach der Kontakt ab, obwohl Rudolph noch zehn Jahre lebte und erst 1882 starb.
Die letzten Zeilen von Rudolph an seine Mutter. Es scheint ein bewusster Abschied für immer zu sein.
Nun lebt wohl! Die letzten Zeilen von Rudolph an seine Mutter. Es scheint ein bewusster Abschied für immer zu sein. Illustration Marco Heer
Dieser fünfte und letzte Brief hat Rudolph Heer am 16. Juni 1872 geschrieben. Danach bricht der Kontakt ab. Liest man die letzten Zeilen, drängt sich der Verdacht auf, dass dieses Ende geplant war. Noch im vierten Brief, der Ende November 1871 geschrieben wurde, verabschiedete sich Rudolph herzlich, ja fast überschwänglich: «Grüsst mir den David Stüssi und Elsbeth, den Bruder Samuel sowie alle Geschwister, den Schwager Jenni und die in Liestal. Lebt gesund und fröhlich man lebt ja nur einmal. Es grüsst Euch Euer Euch liebender Sohn samt Familie, Rudolf.» Anders im Juni 1872: «Nun lebt wohl! Es grüsst Euch Euer liebender Sohn Rudolf und Familie.» Vielleicht erinnerte Rudolph der Kontakt mit der Mutter an sein Scheitern in Glarus. Vielleicht schämte er sich für seine finanzielle Situation. Vielleicht wollte er nicht, dass die Familie wusste, dass es in Kalifornien schwieriger war als «draussen». Vielleicht aber war es auch einfach Zeit für einen harten Schnitt und den Start in ein wirklich neues Leben in einer neuen Heimat.

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