Illustration einer Marktszene in einer Handschrift von Nikolaus von Oresme, um 1453.
Auf einem Markt im 15. Jahrhundert: Es gab keine einheitlichen Masse, sondern einen Wirrwarr an verschiedenen Messgrössen. Illustration einer Marktszene in einer Handschrift von Nikolaus von Oresme, um 1453. Bibliothèque nationale de France

Von «greller Verschie­den­heit» zum Einheitensystem

Mit gleicher Elle messen: Das war lange nicht Standard. Auch in der Schweiz gab es bis Ende des 19. Jahrhunderts eine verwirrende Vielzahl von Einheiten für Mass und Gewicht. Und sogar die Uhrzeit variierte von Ort zu Ort.

Guido Balmer

Guido Balmer

Guido Balmer ist Kommunikationsbeauftragter der Direktion für Raumentwicklung, Infrastruktur, Mobilität und Umwelt des Kantons Freiburg und freischaffender Kommunikationsprofi.

Zählen und messen ist eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Heute regelt das internationale Einheitensystem SI (für Système international d’unités) weltweit, wie das zu geschehen hat. So einfach wie heute war es aber lange nicht. Gerade auch in der Schweiz gab es lange einen unübersichtlichen Wirrwarr an Längen-, Kubik-, Flächen-, Flüssigkeits- und Gewichtsmassen.

Auf lokale Verhält­nis­se bezogen

Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse und Salz etwa wurden nicht gewogen, sondern ausgemessen. Als Messinstrumente dienten Hohlmasse, wobei je nach Beschaffenheit des Getreides unterschiedliche Masse verwendet wurden: Solche für die «glatte», entspelzte Frucht und solche für «raues», unentspelztes Korn. Beeindruckend war die Vielfalt auch bei den Massen für Flüssigkeiten. Hier gab es neben regional unterschiedlichen Einheiten wie etwa Saum, Eimer, char, pinta auch spezielle Masse je nach Flüssigkeit: So wurde in der Regel Wein mit einem anderen Mass gemessen als Milch, Öl, Most oder Branntwein.
In Stein gehauenen Hohlmasse für Getreide aus dem 15. oder 16. Jahrhundert auf dem Marktplatz von Greyerz.
In Stein gehauenen Hohlmasse für Getreide aus dem 15. oder 16. Jahrhundert auf dem Marktplatz von Greyerz. Patrimoine Gruyères
Wie sehr Masseinheiten auf das zu messende Objekt und lokale Verhältnisse bezogen waren, lässt sich am Flächenmass Juchart veranschaulichen. Das Wort kommt vom lateinischen «iugum», also Joch. Und es bezeichnete ursprünglich jene Fläche eines Stücks Land, das mit zwei Ochsen unter einem Joch an einem Tag gepflügt werden konnte. Entsprechend war ein Juchart in der Kornbauzone des Mittellandes viel grösser als in Hügel- oder Bergregionen. Auch für den Rebbau gab es Masse, die auf der Schätzung von geleisteter Arbeit innerhalb einer bestimmten Zeitdauer beruhten, z.B. Mannschnitz oder Ouvrier. Und in der Alpwirtschaft gab es neben solchen Flächen- auch ähnlich konzipierte Ertragsmasse: Die Ertragsfähigkeit einer Weide wurde nach der Zahl der Kühe geschätzt, die dort gesömmert werden konnten.
Ein Ochsengespann vor Pflug bei der Feldarbeit unter einem blühenden Kirschbaum, um 1915.
Ein Ochsengespann vor Pflug bei der Feldarbeit unter einem blühenden Kirschbaum, um 1915. Schweizerisches Nationalmuseum

Masse mit verschie­de­nen Längen

Die Masseinheiten variierten also von Ort zu Ort und von Einsatzzweck zu Einsatzzweck. Doch damit nicht genug: Unter der gleichen Bezeichnung wurden je nach Region verschiedene Mengen erfasst. Bei der Elle war das so. Und auch beim Längenmass Klafter. Dieses umfasste vielerorts 10 Schuh. Es gab aber auch das kleine Klafter zu 6 Schuh. Der Schuh wiederum war unterteilt in 12 Zoll, der Zoll in zwölf Linien. Der Freiburger Schuh zum Beispiel hatte jedoch 4 Linien mehr als der Bernschuh. Das Längenmass Stab wiederum hatte alleine auf dem Gebiet des Kantons Freiburg neun verschiedene Längen. Der Statistiker, Geograf und Historiker Franz Kuenlin, Mitglied gelehrter Gesellschaften wie der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft oder der Académie Royale de Lyon, schrieb dazu 1834 in seinem Werk «Gemälde der Schweiz»: «Jedoch ist zu bemerken, dass die verschiedenen Masse nicht überall gleichförmig sind.» Und: «Wie sehr es noth thut, dafür zu sorgen, dass diese oft grelle Verschiedenheit je eher je lieber verschwinde.»
Verschiedene Bieler Frucht- und Getreidemasse, um 1570.
Verschiedene Bieler Frucht- und Getreidemasse, um 1570. Schweizerisches Nationalmuseum

Die Revolu­ti­on aus Frankreich

In Frankreich wurde diese Verschiedenheit 1791 abgeschafft. Die Nationalversammlung verabschiedete damals im Zuge der Revolution ein Mass-System, das mit dem alten Herrschaftssystem auch die alten königlichen Masse und Gewichte über Bord warf. In der Schweiz kam die Vereinheitlichung zögerlich. 1801 gab es in der nach französischem Vorbild tickenden Helvetischen Republik zwar einen ersten Beschluss für ein «allgemein gleichförmiges System von Massen und Gewichten in Helvetien». Doch das entsprechende Gesetz konnte keine Wirkung entfalten, weil die Helvetische Republik schon 1803 wieder aufgelöst wurde. Immerhin gab es 1835 dann aber ein Konkordat von zwölf Kantonen über eine «gemeinsame schweizerische Mass- und Gewichtsordnung», das diese bis 1839 umsetzten. Und in der Bundesverfassung von 1848 wurde festgehalten: «Der Bund wird auf die Grundlagen des bestehenden eidgenössischen Konkordates für die ganze Eidgenossenschaft gleiches Mass und Gewicht einführen.» Das blieb allerdings vorerst Wunschdenken, weil die Westschweiz, die Südschweiz und der Kanton Uri auf ihren Systemen beharrten. Das Nebeneinander verschiedener Systeme dauerte also fort. Erst 1875, als die Schweiz der Meterkonvention beitrat, dem Vorläufer des SI, kam die gesamtschweizerische Vereinheitlichung von Massen und Gewichten zustande.
Ellenstab, Eichstab für Fuss und Elle, um 1853.
Ellenstab, Eichstab für Fuss und Elle, um 1853. Schweizerisches Nationalmuseum
Ein sogenannter «Urmeter» aus Messing aus der Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Lehrmittel der ETH.
Ein sogenannter «Urmeter» aus Messing aus der Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Lehrmittel der ETH. ETH Zürich, Foto: Stephan Bösch

Zuletzt auch die Zeit

Ausgespart bei der Vereinheitlichung von 1848 bzw. 1875 blieb die Zeit. Es galten also weiter die jeweiligen Lokalzeiten. Jene von St. Gallen zum Beispiel unterschied sich von jener in Genf um etwa 14 Minuten. Für das Telegrafen- und für das Eisenbahnwesen, das sich in jener Zeit rasch entwickelte, war das eine Herausforderung, besser gesagt: Für die Nutzerinnen und Nutzer dieser neuen Möglichkeiten. Wer mit der Bahn ab oder über Genf reiste, musste beispielweise stets drei Zeiten im Blick haben: Die Genfer Lokalzeit, die Berner Zeit, nach denen sich die die Schweizer Züge richteten, und die Pariser Zeit, nach denen die französischen Züge verkehrten. An der zentralen Tour de l’Ile in Genf gab es deshalb, für alle gut sichtbar, gleich drei Uhren: Pariser Zeit, Genfer Zeit, Berner Zeit. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts nahmen zunächst die USA, Grossbritannien sowie weitere Länder koordinierte Zeitzonen an, die auf dem Nullmeridian in Greenwich basieren. Und die Nachbarstaaten der Schweiz stellten am 1. April 1892 auf die gemeinsame mitteleuropäische Zeit um. In der Folge äussert der Bundesrat in einem Bericht an das Parlament vom 17. Juni des gleichen Jahres die Ansicht, «dass die Verhältnisse es nicht gestatten, aus der Schweiz eine Insel zu machen im wogenden Meere des Verkehrs». Seit 1894 richtet sich auch die Schweiz nach einem einheitlichen Zeitsystem, seit 1978 gilt das internationale Einheitensystem für alle Masse und Gewichte.
Am Tour de l’Ile in Genf zeigten bis 1886 drei Uhren die Zeit an: Pariser Zeit, Genfer Zeit und Berner Zeit. Foto von Auguste Louis Garcin, vor 1895.
An der Tour de l’Ile in Genf zeigten bis 1886 drei Uhren die Zeit an: Pariser Zeit, Genfer Zeit und Berner Zeit. Foto von Auguste Louis Garcin. Bibliothèque de Genève

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