Postkarte einer Allee im Rhônetal, 1933.
Postkarte einer Allee im Rhônetal, 1933. ETH Bibliothek Zürich

Baumrei­hen mit vielen Funktionen

Man kennt sie vor allem aus Deutschland und Frankreich: Alleen. Baumreihen prägen dort viele Städte und Landschaften. Hierzulande hatten Alleen zwar nie dieselbe Bedeutung. Es gab und gibt sie aber dennoch. Eine Alleenlandschaft trägt sogar den Titel der Schweizer «Landschaft des Jahres 2022».

Guido Balmer

Guido Balmer

Guido Balmer ist Kommunikationsbeauftragter der Direktion für Raumentwicklung, Infrastruktur, Mobilität und Umwelt des Kantons Freiburg und freischaffender Kommunikationsprofi.

Baumreihen gab es schon in der Antike, etwa entlang der Via Appia. Als Mittel zur Gestaltung des öffentlichen Raumes fanden sie aber erst mit der Renaissance weite Verbreitung, zunächst als «Requisit des Gartenraums», dann auch als Repräsentationsmittel rund um Schlösser und in der Stadtplanung. Auch für das Verkehrswesen waren sie lange Zeit von grosser Bedeutung: Die Bäume markierten den Weg – auch in unbeleuchteter Nacht oder in tief verschneiter Winterlandschaft – stabilisierten ihn und spendeten Schatten.
Pappelallee zwischen Martigny und Brandson, 1926.
Pappelallee zwischen Martigny und Brandson, 1926. ETH Bibliothek Zürich

Für militä­risch-strate­gi­sche Zwecke

Die Geschichte der Alleen in der Schweiz wurde bisher nicht umfassend aufgearbeitet. Es gibt aber einzelne jüngere Publikationen wie etwa eine Studie der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz von 2008 und den Bildband «Alleen der Schweiz» von 2017.  Ausserdem zeigen historische Illustrationen und Pläne, dass Alleen vor allem im 19. Jahrhundert auch in der Schweiz verbreitet und lokal gar ein prägendes Element von Landschaften und Städten waren, etwa im Kanton Bern. Dort erschien 1740 das erste Wegreglement, das zum Ziel hatte, das Netz der Hauptstrassen zu verbessern. In der Folge wurden zum Beispiel alle Ausfallsstrassen der Stadt Bern systematisch mit Bäumen bepflanzt. Ein Dekret des Berner Kriegsrates schrieb vor, die verwendeten Baumarten hätten sich für militärische Zwecke wie etwa den Bau von Kriegsfuhrwerken zu eignen. Die militärisch-strategische Bedeutung von Alleen erkannte vor allem auch Napoleon. Er zog ein «Alleenprogramm» durch, das die Landschaft in Frankreich heute noch vielerorts prägt, aber auch auf ganz Europa ausstrahlte. So wurden im Wallis in den Jahren 1810 bis 1820, als im Auftrag von Napoleon der kürzeste Weg zwischen Paris und Mailand über den Simplonpass erschlossen werden sollte, die entsprechenden Strassen so gebaut, wie es damals in Frankreich üblich war: links und rechts gesäumt von Pappeln. Wie die Alleenbäume an vielen anderen Orten ist auch ein grosser Teil von ihnen seit Mitte des 20. Jahrhunderts gefällt worden – für eine intensivere und effizientere Bewirtschaftung von Landwirtschaftsflächen und für den Ausbau des Strassennetzes.
Radierung von Napoleon Buonaparte, 1807.
Auch dank Napoleon und seinem «Alleenprogramm» prägen die Baumreihen bis heute Teile von Europas Landschaft. Wikimedia

Für Lebens­qua­li­tät

Inzwischen hat sich allerdings ein Bewusstsein dafür entwickelt, welche positiven Effekte Alleen haben. Vielmehr müsste man sagen, dass dieses Bewusstsein wiedererwacht ist. Schon zu Beginn des Industriezeitalters war man sich nämlich der Tatsache bewusst, dass Alleen ein Mittel waren, in den rapide grösser werdenden Städten für Lebensqualität zu sorgen. Alleen wurden als Ort der Erholung und der Begegnung konzipiert, wie etwa die Platanenallee an der Limmatpromenade im Bäderquartier der Stadt Baden, die 1832 erstellt wurde. Auch der positive Einfluss auf die Bioklimatologie war damals schon bekannt. Er gewann mit der fortschreitenden Industrialisierung und dem wachsenden Verkehr im 19. Jahrhundert zunächst an Bedeutung, bevor die Widerstände im 20. Jahrhundert dann mehr und mehr überhandnahmen. Heute wird dieses Wissen um den positiven Einfluss auf Klima und Lebensqualität wieder angewendet, wenn als Massnahme gegen die Erhitzung des Stadtraums die Bepflanzung von Plätzen und Strassen mit Bäumen ins Auge gefasst wird.
Auch bestehende Alleen sind im Zuge dieser Entwicklung wieder vermehrt ins Bewusstsein gerückt. So gibt es zum Beispiel in der Stadt Zürich seit 1991 ein Alleenkonzept, das die Ergänzung bestehender und die Erstellung neuer Alleen vorsieht. «Gründe für die Pflanzung sind nicht nur die Gestaltung und Ästhetik, sondern massgebend ist auch die ökologische Funktion der Stadtbäume», schreibt die Stadt dazu. Ganz neu ist das «Alleensicherungsprogramm», das die Behörden im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern Mitte Juni 2022 vorgestellt haben. Mecklenburg-Vorpommern gilt neben Brandenburg als alleenreichstes Bundesland. Fast 4000 Kilometer Alleen gibt es dort noch. Mit dem neuen Programm sollen sie auf geeigneten Abschnitten ergänzt und wieder vervollständigt werden.
Allee mit blühenden Kirschbäumen in Mecklenburg.
Allee mit blühenden Kirschbäumen in Mecklenburg. Wikimedia
Erhalten, stärken und fortführen: Das sind auch die Ziele von Alleen-Projekte im Bezirk Val-de-Ruz im Kanton Neuenburg. Auf über 35 Kilometern gibt es dort noch Alleen. Seit 2007 arbeiten neben dem kantonalen Tiefbauamt und anderen Behörden auch Bauern für deren Erhalt. Lückenhafte Alleen werden mit neuen Bäumen ergänzt. Und bei Strassenerneuerungen werden nach Möglichkeit neue Alleen angelegt. Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hat der Alleenlandschaft im Val-de-Ruz im Mai 2022 den Preis der «Landschaft des Jahres 2022» verliehen. Die Stiftung würdigt damit «die langjährigen Bemühungen um die Wiederherstellung, Verjüngung und Pflege der Alleen und Baumreihen, die der Landschaft des Val-de-Ruz ihren einzigartigen Charakter verleihen».
Die Pflege der Alleen hat dem Val-de-Ruz den Preis «Landschaft des Jahres 2022» eingebracht.
Die Pflege der Alleen hat dem Val-de-Ruz den Preis «Landschaft des Jahres 2022» eingebracht. Stiftung Landschaftsschutz Schweiz
Bemerkenswert ist, wie es zu der jetzt ausgezeichneten Alleenlandschaft kam. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte Charles-Alfred Petitpierre-Steiger. Er war von 1880 bis 1898 Staatsrat des Kantons Neuenburg. 1873 hatte er einen Artikel veröffentlicht, in dem er vorschlug, in grossen Mengen Birnenmost zu produzieren, um der «Arbeiterklasse ein gesundes, in genügender Menge erhältliches und günstiges Getränk» zur Verfügung zu stellen. Damit könne man etwas gegen den Konsum starker Spirituosen tun. Dieser gehe ja auch immer dann zurück, wenn Wein billig verfügbar sei. Und für genügend Neuenburger Birnenmost sollten eben Birnbäume gepflanzt werden. Konsequenterweise erschien dann 1887, in der Amtszeit von Petitpierre-Steiger als Staatsrat, eine kantonale Verordnung über das Pflanzen von Bäumen entlang der Kantonsstrassen. Darin wird der zuständige Inspektor angehalten, vornehmlich Obstbäume zu wählen. Die ausgezeichneten Alleen im Val-de-Ruz sind also zumindest teilweise das Resultat eines Vorstosses zur Volksgesundheit. Dies verdeutlicht, dass es stets eine breite Palette von Motiven für das Anlegen von Alleen gab: Ästhetische und praktische, aber auch gesellschafts-, umwelt- und gesundheitspolitische.

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