Hornussenfest im bernischen Studen, 1985.
Hornussenfest im bernischen Studen, 1985. ETH Bibliothek Zürich

Die «Erfindung» des National­sports Hornussen

Hornussen wird nebst Schwingen und Steinstossen zu den sogenannten Nationalspielen der Schweiz gezählt. Es ist in der Vorstellung vieler Menschen ein uraltes und typisch schweizerisches Spiel. Uralt ist das Hornussen tatsächlich, aber als schweizerisches Nationalspiel gilt es erst seit dem 19. Jahrhundert.

Simon Engel

Simon Engel

Simon Engel ist Historiker und bei Swiss Sports History für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Jubiläumsschriften schmücken sich meist mit feierlichen Gruss- und Geleitworten wichtiger Politikerinnen und Politiker, so auch die Schrift zum 50-jährigen Bestehen des Eidgenössischen Hornusserverbands im Jahre 1952. Alt-Bundesrat Rudolf Minger, ein Vertreter des konservativ-bäuerlichen Milieus, gratulierte mit viel patriotischem Pathos: «Hornusser sind Männer eigener Prägung: urchig in ihrer Art, bodenständig in ihrem Wesen, ächt [sic!] vaterländisch in ihrer Gesinnung und entschlossen in ihrem Handeln. Sie sind vom gleichen Holze geschnitzt wie die Schwinger und Jodler [...] Sie alle sind die Träger jener Eigenschaften, denen schon die ersten Eidgenossen im Kampf um die Freiheit ihrer glänzenden Erfolge zu verdanken hatten.»
Fotografie von Bundesrat Rudolf Minger mit Zigarre, 1942.
Bundesrat Rudolf Minger sah im Hornussen einen urschweizerischen Sport. Schweizerisches Nationalmuseum
Bei Mingers Vorgängern in den staatlichen Führungspositionen 300 Jahre früher tönte es noch ganz anders: Hornussen galt überhaupt nicht als staatstragend, die Berner Herren aus der Obrigkeit publizierten zu dieser Zeit regelmässig «Verordnungen wider das Spielen, Schwingen und Hornussen» und monierten, «dass an Sonntagen sich [...] etlich hundert Personen [...] versammeln und mit Hurnaussenschlagen (so eine gewisse leibs-übung ist) die Sonntagen schandtlich zu profanieren pflegendt.» Das sonntägliche Hornussen wurde verboten und Verstösse gegen die Regel sollten geahndet werden. Die Obrigkeit befürchtete aufgrund des Hornussens einen Abfall ihrer Untertanen vom Glauben, ein für die noblen Herren wichtiger Teil der öffentlichen Ordnung.
Bernische Verordung gegen das Spielen, Schwingen und Hornussen aus dem 17. Jahrhundert.
Bernische Verordung gegen das Spielen, Schwingen und Hornussen aus dem 17. Jahrhundert. Burgerbibliothek Bern
Von einer angeblichen Gefahr der öffentlichen Ordnung zum Nationalspiel, das für echt schweizerische Werte stehen soll – dieser radikale Imagewandel geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als sich die Idee des Nationalstaates in Europa verbreitete. Alle Länder, genauer gesagt die jeweiligen politischen und kulturellen Eliten, definierten für ihre Nationen «typische» Traditionen und Eigenarten. Dabei bediente man sich oft lokaler oder regionaler Bräuche sowie Erinnerungskulturen und nationalisierte diese dann nachträglich. In der Schweiz waren dies meist Traditionen aus dem ländlichen Raum, wie zum Beispiel das Alphorn. Auch die Schweizer Nationalgeschichte über den Bund von 1291 ist eigentlich eine Erinnerungstradition aus der Innerschweiz. Schwingen, Steinstossen und Hornussen waren seit dem Mittelalter ebenfalls beliebte sonntägliche Vergnügungen von Bauern und Sennen im Schweizer Alpenraum. Hornussen wird auch heute noch praktisch nur in diesen Gebieten gepflegt, insbesondere im Bernbiet sowie in der Zentral- und Ostschweiz. Im Wallis und in Graubünden waren früher ähnliche Spielformen names «Tsara» und «Gerla» verbreitet.
Der legendäre Unspunnenstein fliegt – hier 1993 – durch die Luft.
Der legendäre Unspunnenstein fliegt – hier 1993 – durch die Luft. Schweizerisches Nationalmuseum
Schweizer Delegation an der Weltausstellung in New York, 1964. 
Markenzeichen Alphorn: Schweizer Delegation an der Weltausstellung in New York, 1964. Schweizerisches Nationalmuseum
Trotz der ländlich-alpinen Herkunft der Volksspiele waren es aber vorwiegend Menschen aus der Stadt, die Schwingen, Steinstossen und Hornussen im 19. Jahrhundert zu Nationalspielen formten und ideologisch aufluden: Sie organisierten eidgenössische Feste, bei denen die Nationalspiel-Trias, aber auch Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen auf dem Programm standen. Diese Events sollten Stadt und Land zusammenbringen und kreierten ein Schweizerisches Nationalgefühl, das bis in die Gegenwart wirkt.
Hornussen mit Schlagkönig Marco Roos, 2012 in Mättenwil.
Eidgenössisches Hornusserfest 1973 in Kappelen.
Der «Nationalsport» Hornussen ist die perfekte Projektionsfläche für die Verbindung von Sport und Tradition, Wettkampf und Zusammenhalt, Stadt und Land. Dukas / RDB
Die Bezeichnung «Nationalsport» impliziert dementsprechend, dass das Schweizervolk schon seit den alten Eidgenossen selbstverständlich und exklusiv «gehornusst» habe – dabei aber geflissentlich ausblendet, dass das Hornussen den schon im Mittelalter und in ganz Europa verbreiteten Schlagspielen ähnelt, insbesondere dem französischen Mailspiel. Zudem wird auch ausserhalb der Schweiz «gehornusst», wenn auch nur in sehr kleinem Rahmen in Deutschland und Südafrika. Die zwei deutschen Gesellschaften haben eine eigene Meisterschaft, während die südafrikanischen Vereine auf Schweizer Einwanderer zurückgehen (sie nennen das Hornussen «Swiss Golf») und deshalb regelmässig an Schweizer Hornussfestern teilnehmen.
Friedrich V. von der Pfalz, beim Mailspiel in Den Haag. Aquarell von Adriaen van de Venne 1626.
Friedrich V. von der Pfalz, beim Mailspiel in Den Haag. Aquarell von Adriaen van de Venne 1626. Wikimedia
In den obigen Worten Bundesrat Mingers wird das «internationale» Hornussen aber trotzdem mit dem Begriff «vaterländisch» staatstragend gedeutet – eine Vorstellung, die bis heute in politischen Reden vorkommt. Historische Einordnung stört die patriotische Sonntagspredigt, die das Gemeinsame betonen und nutzen möchte. Mit dem Sport hatte Minger ausserdem eine ideale Bühne für seine Botschaft zur Verfügung: Sport ist populär und wirkt vordergründig unpolitisch, zieht aber gleichzeitig Medieninteresse und Zuschauermassen stark an – ein unverdächtiger gesellschaftlicher Bereich also, den Politiker wie Minger für ihre Botschaften deshalb noch so gerne nutzten und nutzen.
Beitrag über die Sportart Hornussen, 1966. SRF

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Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

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