Theodor Herzl eröffnet 1897 den ersten Zionistenkongress im Basler Stadtcasino.
Theodor Herzl eröffnet 1897 den ersten Zionistenkongress im Basler Stadtcasino. Wikimedia

Das Zentrum der Zionisten am Rhein

Das Stadtcasino Basel war der zentrale Schauplatz auf dem Weg zum Judenstaat. Zehn Mal tagte der Zionistische Weltkongress am Rheinknie. 2022 jährt sich der Gründungskongress zum 125. Mal.

Gabriel Heim

Gabriel Heim

Gabriel Heim ist Buch- und Filmautor sowie Ausstellungsmacher. Er befasst sich vor allem mit Recherchen zu Themen der Neueren Zeitgeschichte und lebt in Basel.

Die Errichtung des Judenstaats ist die Geschichte von 22 Zionistenkongressen, die zwischen 1897 und 1946 getagt hatten. Keine Stadt war so eng mit der Utopie des Theodor Herzl und des von ihm begründeten Zionismus verbunden wie Basel, wohin knapp 200 Teilnehmer, worunter auch 14 (nicht stimmberechtigte) Frauen, des ersten Kongresses Ende August 1897 gerufen wurden. Eigentlich hatte Theodor Herzl München als Versammlungsort im Sinn, was nicht zu Stande kam, da ihm der Allgemeine Deutsche Rabbinerverband die Unterstützung versagte. Auf der Suche nach einer gastfreundlichen, mit der Eisenbahn leicht erreichbaren Stadt, schlägt ihm der Zürcher Anwalt David Farbstein vor, den Kongress in Basel einzuberufen. Zürich habe wegen seiner starken russischen Kolonie viel russische Geheimpolizei. Da wäre Basel besser geeignet, auch wenn die Stadt nicht frei von Antisemitismus sei. Herzl, der 1896 mit seinem Manifest Der Judenstaat die Vision einer «modernen Lösung der Judenfrage» publiziert hatte, war angetan. Basel verfügte mit dem Casino über einen repräsentativen Versammlungsort und hatte mit dem Grand Hotel Trois Rois eine Adresse, die auch verwöhnten Kongressteilnehmern genügen konnte.
Theodor Herzl auf dem Balkon des Hotels Les Trois Rois, 1901.
Theodor Herzl auf dem Balkon des Hotels Les Trois Rois, 1901. Wikimedia
Auch für die Stadt Basel sollte sich diese Wahl als Glücksfall erweisen, denn ausser Messebesuchern stiegen nur wenige Fremde hier ab. Basel hatte weder einen Alpenblick noch Heilquellen zu bieten. So ist es denn leicht nachzuvollziehen, dass der Regierungsrat den Kongress gerne begrüsste und dessen Präsident, Paul Speiser, es sich nicht nehmen liess, den Teilnehmenden seine Aufwartung zu machen. Für die Baslerinnen und Basler hingegen, mag das Strassenbild rund um das Casino am Barfüsserplatz während der drei Kongresstage (29. – 31. August) von grösserem Interesse gewesen sein als das, was am Rednerpult debattiert wurde.
Postkarte des ersten Zionistenkongresses im Basler Stadtcasino.
Postkarte des ersten Zionistenkongresses im Basler Stadtcasino. Wikimedia
Ehrwürdige Männer am helllichten Tag in Frack und Zylinder, fromme Juden mit langen, weissen Bärten, orientalisch gekleidete Honoratioren und anlässlich späterer Kongresse auch wild dreinblickende Kaukasier mit Säbel und Pelzmütze. Dazu das Sprachengewirr und der rege Kutschenverkehr. Im stenografischen Protokoll ist nachzuempfinden was sich hinter den Mauern des Casinos zugetragen hatte. Blättert man darin, so begegnet man Juden aller Couleur und Herkunft: Stattlichen Banquiers,  charismatischen Anführern des ostjüdischen Proletariats, erregten Abgesandten der Orthodoxie,  Versöhnlichen und Unbeugsamen, Eitlen und Kleinmütigen, Wortgewaltigen und Misstrauischen. Doch zum Abschluss der Tagungen erhoben sich alle gemeinsam zum Gesang der HaTikwa (die Hoffnung) und schwenkten dabei ihre Hüte.
Theodor Herzl mit zwei Teilnehmern des ersten Kongresses in Basel, 1897.
Einige Teilnehmer brachten die Wildheit weit entfernter Steppen auf die Basler Strassen. Wikimedia
Seit dem Konzil von Basel (1431 – 1449) war die Stadt am Rheinknie nie mehr weltpolitisch in Erscheinung getreten. Nach dem ersten Zionistenkongress sollte sich das ändern, daran hatte Theodor Herzl keinen Zweifel. Schon gleich nach dessen Abschluss notierte sich Herzl am 3. September 1897 in sein Tagebuch: «Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet.» Sein Portrait auf dem Balkon des Hotels Trois Rois wurde zu einer Ikone der zionistischen Bewegung. Herzl hatte schnell begriffen, dass nun von Basel eine Symbolkraft für seinen Weg zum Judenstaat ausging. Schon im darauffolgenden Jahr tagte auch der zweite Kongress an selber Stelle. Diesmal mit 350 Delegierten, was die ansässige Hotellerie sehr wohlwollend aufnahm. Und auch der dritte Kongress tagte 1899 in Basel. Herzls Vision nahm Gestalt an und den Satz «in Basel habe ich den Judenstaat gegründet», konnte er nun selbstbewusst öffentlich aussprechen. Auch für die Stadt werden sich die Zionistenkongresse als Gewinn in mehrfacher Hinsicht erweisen. Basel hatte an Strahlkraft gewonnen.
Der erste Zionistenkongress fand 1897 im Stadtcasino Basel statt.
Theodor Herzl (Mitte) war das Herz der zionistischen Bewegung. Wikimedia
Auch wenn Herzl in Basel die Grundlagen geschaffen hatte, so wird es noch  ein halbes Jahrhundert voller dramatischer Weltereignisse dauern, bis aus seiner Vision eine Realität werden wird. In dieser Zeitspanne tagte der Kongress sechs weitere Male im ehrwürdigen Stadtcasino, wo sich in hitzigen und manchmal sogar tumultuösen Debatten der Judenstaat nach und zu formen begann. Der letzte Basler Kongress versammelt sich 1946 in den Hallen der Basler Mustermesse. Keine Stadt hat die Geschichte des Zionismus so sehr geprägt wie Basel. Von den 22. Kongressen bis zur Gründung des Staates Israel,  fanden 10 am Ort des Ursprungs statt.

Anne Frank und die Schweiz

09.06.2022 06.11.2022 / Landesmuseum Zürich
Das Tagebuch der Anne Frank ist weltberühmt. Weniger bekannt ist, dass die globale Verbreitung grösstenteils aus der Schweiz erfolgte. Während Anne, ihre Schwester und ihre Mutter im Konzentrationslager ermordet wurden, überlebte Annes Vater als Einziger der Familie den Holocaust. Otto Frank zog in den 1950er-Jahren zu seiner Schwester nach Basel. Von dort machte er es sich zur Aufgabe, die Aufzeichnungen seiner Tochter in die Welt zu tragen und ihre Botschaft für Menschlichkeit und Toleranz für die kommenden Generationen zu erhalten.

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