Fingerring aus Gold mit dem Bildnis Napoleons, um 1800.
Fingerring aus Gold mit dem Bildnis Napoleons, um 1800. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch

Finger­rin­ge aus der Zeit der Napoleo­ni­schen Kriege

Schmuck kann nicht nur Zierde, sondern auch ein Zeugnis historischer Ereignisse sein. Die umfangreiche Ringsammlung von Alice und Louis Koch umfasst mehrere Exemplare, welche die Ereignisse der stürmischen Zeit Napoleons aufgreifen.

Beatriz Chadour-Sampson

Beatriz Chadour-Sampson

International anerkannte Schmuckhistorikerin aus England. Ihre Publikationen reichen von der Antike bis in die Gegenwart, wie beispielsweise 2000 Fingerringe der Alice und Louis Koch Sammlung, Schweiz (1994), für die sie als Beraterin des Schweizerischen Nationalmuseums tätig ist.

In Europa kamen Fingerringe als Amtsabzeichen, als Symbol der politischen Zugehörigkeit oder der Beteiligung an einem Feldzug zum ersten Mal in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf. Das Tragen patriotischen Schmucks als Zeichen des Protests oder des Widerstands verbreitete sich nach der Französischen Revolution 1789–1799 und in der Zeit Napoleons. Eines der frühesten Stücke der Sammlung Alice und Louis Koch ist ein farbenreicher, in Gold und Silber ausgearbeiteter und mit Rubinen besetzter Ring, der nach 1808 zur Feier des grössten militärischen Siegs von Napoleon Bonaparte – der Schlacht bei Austerlitz 1805 – gefertigt wurde. Nach dem Ende der Französischen Revolution im November 1799 war General Napoleon Bonaparte (1769–1821) schnell an die Macht gekommen. 1799 unternahm er einen Staatsstreich, stürzte die republikanische Führung des Direktoriums und ernannte sich selber zum Ersten Konsul. 1804 wurde er zu Napoleon I., Kaiser von Frankreich, ernannt. Diesen Titel hatte er bis zu seinem Exil 1814 inne. Unter seiner Herrschaft durchlief der Staat bedeutende politische und wirtschaftliche Reformen, die die Grundlage für das moderne Frankreich bildeten. Vor allem aber erinnert man sich wegen seines unersättlichen militärischen Ehrgeizes an ihn. Letzterer führte zu einem Krieg des Französischen Kaiserreichs und seiner Verbündeten gegen eine wechselnde Staatenkoalition, zu der unter anderem Österreich, Preussen, Russland, Schweden und England gehörten. Die Schlacht bei Austerlitz fand in Mähren im österreichischen Kaiserreich statt. Dort schlug Napoleon die österreichischen und russischen Armeen vernichtend. Auf dem Ring ist eine gemalte Miniatur des Treffens zwischen Napoleon und Kaiser Franz I. von Österreich vom 4. Dezember 1805 zu sehen, bei dem sie einen Waffenstillstand vereinbarten und den Rückzug Russlands beschlossen. Die Szene entstammt einem um 1806–1815 entstandenen grossformatigen Gemälde des romantischen Malers Antoine-Jean Gros (1771–1835), das im Museum des Schlosses Versailles zu sehen ist.
Treffen zwischen Napoleon und dem österreichischen Kaiser am 4. Dezember 1805. Gemälde von Antoine-Jean Gros, um 1810.
Treffen zwischen Napoleon und dem österreichischen Kaiser am 4. Dezember 1805. Gemälde von Antoine-Jean Gros, um 1810. © RMN-Grand Palais (Château de Versailles) / Jean Popovitch
Fingerring mit einem vom Rubinen umfassten Aquarell, 1805.
Fingerring mit einem vom Rubinen umfassten Aquarell, 1805. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
Ein Ring aus Gold und Eisen erzählt die Geschichte aus einer anderen Perspektive – aus der des Widerstands. Er entstand zum Gedenken an das Wirken von Königin Luise von Preussen (1776–1810), einer Widersacherin Napoleons. Für ihre Untertanen verkörperte sie Tapferkeit im Angesicht des Feindes, nachdem Napoleon am 14. Oktober 1806 die preussische Armee unter der Führung ihres Ehemannes König Friedrich Wilhelm III. in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt besiegt hatte. Als sich Luise und Friedrich Wilhelm nach der Niederlage im Exil befanden, empfing Napoleon sie im Juli 1807 im ostpreussischen Tilsit, um über den Frieden zwischen Frankreich und Preussen zu verhandeln. Verschiedene Gemälde im Museum von Versailles, wie etwa von Jean-Charles Tardieu aus dem Jahr 1808 oder auch von Nicolas Louis François Gosse aus dem Jahr 1837 sind Zeugnisse des Empfangs, dem viele Würdenträger wie etwa der russische Zar Alexander I. beiwohnten. Die Königin hatte den Kaiser persönlich um Milde ersucht. Obwohl der Versuch fruchtlos blieb, brachte ihr das die Liebe und Bewunderung ihrer Untertanen ein. Während des Kriegs hatte Napoleon versucht, Luises Ruf zu zerstören, doch nach diesem Treffen verlieh er seinem neuen Respekt ihr gegenüber in Briefen an Kaiserin Josephine Ausdruck. Nachdem sie 1810 im jungen Alter von 34 starb, sagte Napoleon Erzählungen zufolge, König Friedrich Wilhelm III. habe «seinen besten Minister verloren». Auf dem Ring ist eine eiserne Abbildung der Königin im Profil nach einem Modell des österreichischen Bildhauers Leonhard Posch (1750–1831) zu sehen. Er wurde als Zeichen des Gedenkens getragen.
Napoleon empfängt Königin Luise von Preussen am 6. Juli 1807 in Tilsit. Gemälde von Nicolas-Louis-François Gosse.
Napoleon empfängt Königin Luise von Preussen am 6. Juli 1807 in Tilsit. Gemälde von Nicolas-Louis-François Gosse. Wikimedia
Gedenkring aus Gold und Eisen mit Darstellung der Königin Luise von Preussen, nach 1810.
Gedenkring aus Gold und Eisen mit Darstellung der Königin Luise von Preussen, nach 1810. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
Während der deutschen Befreiungskriege von 1813 bis 1815 wurde Trauerschmuck aus Eisen zu Ehren von Königin Luise zum Symbol des Widerstands gegen Napoleon, vor allem, nachdem ihre Schwägerin, Prinzessin Marianne von Preussen, 1813 die preussischen Damen dazu aufrief, ihren Goldschmuck im Austausch gegen Eisen für den Kampf gegen Napoleon zu spenden. Frühe Stücke dieses sogenannten Berliner Eisengusses waren mit der Inschrift oder der Prägung des Wahlspruchs «Gold gab ich für Eisen» versehen und standen damit auch für Bescheidenheit als geschätzte Tugend der preussischen Gesellschaft. Obwohl Ringe aus dieser Kampagne selten sind, befinden sich zwei Exemplare in der Sammlung Alice und Louis Koch. Einer davon ist wie ein Hochzeitsring geformt und trägt die Relief-Inschrift «ZUM WOHL DES VATERLANDES». Der andere ist ein einfacher Eisenring mit den auf einer Silberplakette eingravierten Worten «für Gold erhielt ich Eisen» sowie der Jahreszahl «1813».
Fingerring aus Eisen mit reliefierter Inschrift «Zum Wohl des Vaterlandes», 1813.
Fingerring aus Eisen mit reliefierter Inschrift «Zum Wohl des Vaterlandes», 1813. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
Fingerring aus Eisen und Silberblech mit der Gravur «Für Gold erhielt ich Eisen», 1813.
Fingerring aus Eisen und Silberblech mit der Gravur «Für Gold erhielt ich Eisen», 1813. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
Weitere bemerkenswerte Stücke der Sammlung sind zwei fast identische Ringe, die im Zusammenhang mit der Völkerschlacht bei Leipzig stehen – der entscheidendsten Schlacht der Napoleonischen Kriege mit einem Gesamtverlust von 80’000 bis 110’000 Soldaten über drei Tage vom 16. bis 18. Oktober 1813. Beide bestehen aus Eisen und einem eingelassenen Siegel in der Form eines goldenen Ovals sowie Relief-Inschriften, die unterschiedliche Daten aufweisen: auf einem Siegel steht «18 OCT:/1813», auf dem anderen «19. OCT:/1813» mit dem Wort «VICTO/RIA» in Niello. Die Daten und die Siegeserklärung dokumentieren, wie die alliierten Streitkräfte Österreichs, Preussens, Russlands und Schwedens Napoleon und seinen Traum eines französischen Kaiserreichs endgültig niederschlugen. Am 18. Oktober war die Schlacht gewonnen und am 19. Oktober zog sich Napoleons «Grande Armée» schliesslich zurück.
Fingerringe aus Gold und Eisen zum Gedenken an die Schlacht bei Leipzig, 1813.
Fingerringe aus Gold und Eisen zum Gedenken an die Schlacht bei Leipzig, 1813. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
Nach der Niederlage Napoleons bei Leipzig zogen die Armeen der Alliierten 1814 nach Frankreich und stiessen innerhalb von zwei Tagen bis nach Paris vor. Ein schlichter Siegelring aus einer deutschen Eisengiesserei erinnert mit der einfachen Inschrift «PARIS/D 31 MARZ/1814» an die Schlacht bei Paris, die einen Tag zuvor, am 30. März, mit der Kapitulation der Stadt geendet hatte. Daraufhin dankte Napoleon ab und wurde auf die Insel Elba vor der Küste Italiens exiliert.
Siegelring aus Eisen zum Gedenken an die Schlacht bei Paris am 30.3.1814.
Siegelring aus Eisen zum Gedenken an die Schlacht bei Paris am 30.3.1814. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
Eine Rarität der Sammlung ist ein Stahlring mit der Inschrift «hergestellt aus Blücher-Reitersäbeln v. 1813». Die genannten Reitersäbel stammten von Gebhard Leberecht von Blücher, Fürst von Wahlstatt (1742–1819). Im Alter von einundsiebzig Jahren kehrte Blücher 1813 in den aktiven Dienst zurück und kämpfte in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, darunter auch in der Völkerschlacht bei Leipzig und in der Schlacht bei Paris. Nach Napoleons kurzer Rückkehr aus dem Exil im Jahr 1815 kämpfte Blücher am 18. Juni 1815 an der Seite des Herzogs von Wellington in der entscheidenden Schlacht bei Waterloo, die Napoleons imperialen Ehrgeiz und den 23 Jahre andauernden Krieg in Europa endgültig beendete.
Fingerring aus Stahl in der Form eines Kavalleriesäbels mit der Inschrift «hergestellt aus Blücher-Reitersäbeln v. 1813», 1813 - 1819.
Fingerring aus Stahl in der Form eines Kavalleriesäbels mit der Inschrift «hergestellt aus Blücher-Reitersäbeln v. 1813», 1813 - 1819. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch
In Frankreich blieb die Hochachtung für Napoleons Siege über Preussen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein lebendig. Der letzte Ring in dieser Gruppe ehrt seine Errungenschaften posthum mit der Inschrift «Austerlitz 1805-1806 Jena» und wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis 1871 gefertigt – ein Beispiel für Vaterlandsliebe durch das Bewahren des Andenkens.
Fingerring aus Silber zur Erinnerung an die Siege Napoleons. Auf einer Seite ist ein Adler, auf der anderen Napoleons Hut auf überkreuzten Schwertern abgebildet, hergestellt nach 1870.
Fingerring aus Silber zur Erinnerung an die Siege Napoleons. Auf einer Seite ist ein Adler, auf der anderen Napoleons Hut auf überkreuzten Schwertern abgebildet, hergestellt nach 1870. Schweizerisches Nationalmuseum / Sammlung Alice und Louis Koch

Die Sammlung

Die Ausstellung zeigt über 7000 Exponate aus der eigenen Sammlung und beleuchtet das handwerkliche und kunsthandwerkliche Schaffen der Schweiz über einen Zeitraum von rund 1000 Jahren. Die Ausstellungsräume sind ebenfalls wichtige Zeitzeugen und verbinden sich mit den Objekten zu einer historisch dichten Atmosphäre, die ein tiefes Eintauchen in die Vergangenheit erlaubt.

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Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.